Apr 15 2015

„Es ist sinnlos, was wir tun“

Published by at 12:42 under Acting

SOURCE: http://www.faz.net

Die Schauspielerin Claude De Demo liebt das Landleben. Existentielle Fragen erörtert sie aber lieber in der Stadt.
von CLAUDIA SCHÜLKE

Kaum hatten sie mit den Leseproben begonnen, da fielen die tödlichen Schüsse in Paris. „Wir haben uns die Köpfe heißgeredet“, erinnert sich Claude De Demo an die Proben mit Regisseur Alexander Eisenach in den ersten Januartagen. Die Schauspielerin hatte Sartres Drehbuch „Das Spiel ist aus“ auf Französisch gelesen, sich den Film angesehen, und dann das: ein Attentat auf eine französische Satirezeitschrift. Fragen über Fragen: „Was ist Freiheit? Müssen wir uns jetzt unterwerfen?“

„Drei Wochen lang haben wir gekämpft mit uns, mit der Welt und dem, was passiert ist“, versucht De Demo in Worte zu fassen, was damals in ihr und im Ensemble des Frankfurter Schauspiels vorging. Sie kam zu dem Schluss: „Es ist sinnlos, was wir tun. Freiheit ist nur innerhalb eines größeren vorgegebenen Koordinatensystems möglich.“

Es war eine wichtige, existentielle Arbeit für sie. In der Bühnenadaption des Drehbuchs verkörpert Claude De Demo die Sinnlosigkeit in einer determinierten Welt. Ihre Ève, eine verwöhnte Pariser Großbürgerliche, wird vom eigenen Gatten umgebracht und verlässt die irdische Welt. In einem Zwischenreich durchschaut sie die Sinnlosigkeit ihres bisherigen Daseins und wird damit zur Protagonistin des Sartreschen Determinismus.

Verzweiflungsszene als Dreh- und Angelpunkt

In diesem Moment der Erkenntnis merkt man der Schauspielerin an, wie intensiv, ja, bis in die letzte Seelenfaser sie um den Zugang zu ihrer Rolle gekämpft hat. Ihre Verzweiflungsszene ist der philosophische Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, die sich keineswegs in einer leeren Sartre-Parodie erschöpft.

Claude De Demo hat einen leichten Zugang zur französischen Sprache, denn sie ist in Luxemburg geboren. Dort musste sie schon in der ersten Grundschulklasse Französisch und Deutsch lernen. „Meine Muttersprache ist aber Luxemburgisch, ein moselfränkischer Dialekt“, sagt sie. Und ihr Künstlername? Von wegen. Ihr Vater ist Italiener und hatte sich einen Sohn gewünscht. Deshalb heißt sie Claude.

Gemeinsam mit ihrer Schwester ist sie auf dem Land aufgewachsen und hat die Lichter der Großstadt zunächst nur von ferne gesehen. Erst das Gymnasium brachte sie in die Hauptstadt. Dort lernte sie auch noch Latein und Englisch. Vor allem aber: „Von der achten Klasse an wurden alle Fächer, auch Mathe, auf Französisch unterrichtet.“

Schultheater gab es nicht, aber ein Konservatorium gleich nebenan. Da sie seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier spielte, besuchte sie dort allerlei Kurse und verliebte sich prompt in einen Schauspiellehrer: „Deshalb wollte ich Schauspielerin werden.“ An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart wurde sie gleich nach dem ersten Vorsprechen aufgenommen. Doch nach drei Jahren plagten sie Zweifel: Sie bewarb sich an der Hotelfachschule Lausanne, gastierte aber noch in einer Koproduktion des Wilhelma-Theaters mit dem Nationaltheater Mannheim. Danach waren alle Zweifel verflogen. Intendant Marc Günther holte sie nach Köln, wo sie mit ihm, Michael Thalheimer und Armin Petras zusammenarbeitete. Unter der Regie von Günter Krämer spielte sie die Nina in Tschechows „Möwe“.

Ehemann beim Proben kennengelernt

Der Bochumer Intendant Elmar Goerden engagierte sie 2005. Unter seiner Regie spielte sie die Rosalind in Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“. Claude De Demo blieb vier Jahre am Bochumer Schauspiel. Jan Bosse inszenierte mit ihr Ionescos „Kahle Sängerin“, Jorinde Dröse besetzte sie in dem Stück „I Hired a Contract Killer“ nach dem Drehbuch von Aki Kaurismäki. „Es war eine gute Stimmung, aber die Presse mochte uns nicht“, erinnert sich die Schauspielerin.

Bei den Probenarbeiten zu Feydeaus „Floh im Ohr“ lernte sie ihren heutigen Ehemann Marc Oliver Schulze kennen. Der damals gerade designierte Frankfurter Schauspiel-Intendant Oliver Reese heuerte 2009 gleich beide für sein neues Ensemble an. Inzwischen wohnt das Paar mit seiner vier Jahre alten Tochter Wilma im Nordend.

Ihr Frankfurter Debüt gab Claude De Demo als Mascha in Tschechows „Drei Schwestern“. „Eine meiner Lieblingsrollen und eine meiner Lieblingsregisseurinnen“, schwärmt sie von der Zusammenarbeit mit Karin Henkel. „Sie kämpft unerbittlich und sehr fokussiert, um an den Kern eines Stücks zu kommen. Wir haben uns in einer sehr ähnlichen Welt und einer ähnlichen Sprache getroffen. Das erlebt man nicht mit jedem Regisseur.“

Auch in Ibsens „Wildente“ und in „Dogville“ nach dem Filmdrama von Lars von Trier hat Claude De Demo mit Karin Henkel zusammengearbeitet. Für „einen Supertyp“ hält sie auch den Intendanten Kay Voges aus Dortmund. Unter seiner Regie hat sie die Stella in Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ gespielt: „Alles auf Leinwand, wie im Live-Film. Da konnte man viel feiner und kleiner im Gestus bleiben.“

Aber dann rückt sie mit einer Hiobsbotschaft heraus: „Ich habe zum Ende der Spielzeit gekündigt.“ Sie will die zwei Jahre bis zur Einschulung ihrer Tochter nutzen, um wieder wie früher Filme zu drehen, Essays und Hörspiele im Funk einzusprechen. „In einem Festengagement ist man sehr durchgetaktet.“ Auch ihr Mann steht wieder vor der Kamera. Ob sie in Frankfurt bleiben wollen? Claude De Demo könnte sich das vorstellen, zumal sie dem hiesigen Schauspiel auch als Gast weiter verbunden bleibt. „Ich liebe das Land“, sagt sie und denkt dabei an die Stille. Aber aufs Land will sie nicht zurück, denn: „Ich bin nicht gern allein.“ Sie schätzt das urbane Leben im Nordend und in Bornheim mit seinen Cafés und Kinderspielplätzen. Nur auf den Lärm der Großstadt könnte sie gern verzichten.

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Die Schauspielerin Claude De Demo liebt das Landleben. Existentielle Fragen erörtert sie aber lieber in der Stadt.
von CLAUDIA SCHÜLKE

Kaum hatten sie mit den Leseproben begonnen, da fielen die tödlichen Schüsse in Paris. „Wir haben uns die Köpfe heißgeredet“, erinnert sich Claude De Demo an die Proben mit Regisseur Alexander Eisenach in den ersten Januartagen. Die Schauspielerin hatte Sartres Drehbuch „Das Spiel ist aus“ auf Französisch gelesen, sich den Film angesehen, und dann das: ein Attentat auf eine französische Satirezeitschrift. Fragen über Fragen: „Was ist Freiheit? Müssen wir uns jetzt unterwerfen?“

„Drei Wochen lang haben wir gekämpft mit uns, mit der Welt und dem, was passiert ist“, versucht De Demo in Worte zu fassen, was damals in ihr und im Ensemble des Frankfurter Schauspiels vorging. Sie kam zu dem Schluss: „Es ist sinnlos, was wir tun. Freiheit ist nur innerhalb eines größeren vorgegebenen Koordinatensystems möglich.“

Es war eine wichtige, existentielle Arbeit für sie. In der Bühnenadaption des Drehbuchs verkörpert Claude De Demo die Sinnlosigkeit in einer determinierten Welt. Ihre Ève, eine verwöhnte Pariser Großbürgerliche, wird vom eigenen Gatten umgebracht und verlässt die irdische Welt. In einem Zwischenreich durchschaut sie die Sinnlosigkeit ihres bisherigen Daseins und wird damit zur Protagonistin des Sartreschen Determinismus.

Verzweiflungsszene als Dreh- und Angelpunkt

In diesem Moment der Erkenntnis merkt man der Schauspielerin an, wie intensiv, ja, bis in die letzte Seelenfaser sie um den Zugang zu ihrer Rolle gekämpft hat. Ihre Verzweiflungsszene ist der philosophische Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, die sich keineswegs in einer leeren Sartre-Parodie erschöpft.

Claude De Demo hat einen leichten Zugang zur französischen Sprache, denn sie ist in Luxemburg geboren. Dort musste sie schon in der ersten Grundschulklasse Französisch und Deutsch lernen. „Meine Muttersprache ist aber Luxemburgisch, ein moselfränkischer Dialekt“, sagt sie. Und ihr Künstlername? Von wegen. Ihr Vater ist Italiener und hatte sich einen Sohn gewünscht. Deshalb heißt sie Claude.

Gemeinsam mit ihrer Schwester ist sie auf dem Land aufgewachsen und hat die Lichter der Großstadt zunächst nur von ferne gesehen. Erst das Gymnasium brachte sie in die Hauptstadt. Dort lernte sie auch noch Latein und Englisch. Vor allem aber: „Von der achten Klasse an wurden alle Fächer, auch Mathe, auf Französisch unterrichtet.“

Schultheater gab es nicht, aber ein Konservatorium gleich nebenan. Da sie seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier spielte, besuchte sie dort allerlei Kurse und verliebte sich prompt in einen Schauspiellehrer: „Deshalb wollte ich Schauspielerin werden.“ An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart wurde sie gleich nach dem ersten Vorsprechen aufgenommen. Doch nach drei Jahren plagten sie Zweifel: Sie bewarb sich an der Hotelfachschule Lausanne, gastierte aber noch in einer Koproduktion des Wilhelma-Theaters mit dem Nationaltheater Mannheim. Danach waren alle Zweifel verflogen. Intendant Marc Günther holte sie nach Köln, wo sie mit ihm, Michael Thalheimer und Armin Petras zusammenarbeitete. Unter der Regie von Günter Krämer spielte sie die Nina in Tschechows „Möwe“.

Ehemann beim Proben kennengelernt

Der Bochumer Intendant Elmar Goerden engagierte sie 2005. Unter seiner Regie spielte sie die Rosalind in Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“. Claude De Demo blieb vier Jahre am Bochumer Schauspiel. Jan Bosse inszenierte mit ihr Ionescos „Kahle Sängerin“, Jorinde Dröse besetzte sie in dem Stück „I Hired a Contract Killer“ nach dem Drehbuch von Aki Kaurismäki. „Es war eine gute Stimmung, aber die Presse mochte uns nicht“, erinnert sich die Schauspielerin.

Bei den Probenarbeiten zu Feydeaus „Floh im Ohr“ lernte sie ihren heutigen Ehemann Marc Oliver Schulze kennen. Der damals gerade designierte Frankfurter Schauspiel-Intendant Oliver Reese heuerte 2009 gleich beide für sein neues Ensemble an. Inzwischen wohnt das Paar mit seiner vier Jahre alten Tochter Wilma im Nordend.

Ihr Frankfurter Debüt gab Claude De Demo als Mascha in Tschechows „Drei Schwestern“. „Eine meiner Lieblingsrollen und eine meiner Lieblingsregisseurinnen“, schwärmt sie von der Zusammenarbeit mit Karin Henkel. „Sie kämpft unerbittlich und sehr fokussiert, um an den Kern eines Stücks zu kommen. Wir haben uns in einer sehr ähnlichen Welt und einer ähnlichen Sprache getroffen. Das erlebt man nicht mit jedem Regisseur.“

Auch in Ibsens „Wildente“ und in „Dogville“ nach dem Filmdrama von Lars von Trier hat Claude De Demo mit Karin Henkel zusammengearbeitet. Für „einen Supertyp“ hält sie auch den Intendanten Kay Voges aus Dortmund. Unter seiner Regie hat sie die Stella in Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ gespielt: „Alles auf Leinwand, wie im Live-Film. Da konnte man viel feiner und kleiner im Gestus bleiben.“

Aber dann rückt sie mit einer Hiobsbotschaft heraus: „Ich habe zum Ende der Spielzeit gekündigt.“ Sie will die zwei Jahre bis zur Einschulung ihrer Tochter nutzen, um wieder wie früher Filme zu drehen, Essays und Hörspiele im Funk einzusprechen. „In einem Festengagement ist man sehr durchgetaktet.“ Auch ihr Mann steht wieder vor der Kamera. Ob sie in Frankfurt bleiben wollen? Claude De Demo könnte sich das vorstellen, zumal sie dem hiesigen Schauspiel auch als Gast weiter verbunden bleibt. „Ich liebe das Land“, sagt sie und denkt dabei an die Stille. Aber aufs Land will sie nicht zurück, denn: „Ich bin nicht gern allein.“ Sie schätzt das urbane Leben im Nordend und in Bornheim mit seinen Cafés und Kinderspielplätzen. Nur auf den Lärm der Großstadt könnte sie gern verzichten.

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