Oct 10 2013

Zwischen Autonomie und Stallzugehoerigkeit

Published by at 01:54 under Acting

SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Am Dienstagabend wird Marie Jung der diesjährige Preis der Stiftung zur Förderung junger Künstler verliehen. Als festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele wird sie nur für eine kurze Stippvisite zur Preisverleihung in ihr Geburtsland reisen. Ein Interview.

Tageblatt: Seit Anfang letzten Jahres sind Sie festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Und prompt werden die Kammerspiele zum Theater des Jahres gekrönt. Herzlichen Glückwunsch!

Marie Jung: „Natürlich freut man sich und natürlich ist das toll, aber es ist ja erst meine zweite Spielzeit bei den Kammerspielen. Deshalb sehe ich die Auszeichnung eher als eine Bestätigung für Johan Simons (Intendant und Regisseur der Kammerspiele, A.d.R.). Die Auszeichnung ist deshalb so schön, weil sie den Zusammenhalt stärkt und die getane Arbeit am Theater würdigt. Gerade jetzt, wo klar ist, dass Johan Simons seinen Vertrag nach 2015 nicht mehr verlängern wird.“

Wie ist für Sie die Arbeit mit Johan Simons?

„Ich mag sehr gerne, was er macht und wie er arbeitet. Ich bin keine Schauspielerin, die gerne 15 Stunden am Stück probt, mit möglichst vielen Requisiten und Versuchen, um dann am ende achtzig Prozent er Arbeit wegzuschmeißen, um an die Essenz heranzukommen. Ich arbeite lieber mit Regisseuren, die sofort auf die Essenz zielen und dann sechs Wochen daran arbeiten, sie genau zu treffen. Und so ein Regisseur ist Johan Simons.“

Wie ist es für Sie, festes Mitglied eines Ensembles zu sein? Wo liegen die Vor-, wo die Nachteile?

„Die Nachteile kann ich nicht gut beschreiben, da ich noch nicht anders gearbeitet habe als in einem Ensemble. Ich bin ein Familienmensch und gerne in einer Gruppe aufgehoben. Doch natürlich bin ich, wie jeder Schauspieler und letztendlich auch jeder Mensch, auch ein Egoist bzw. ein Egozentriker, zumindest manchmal. Als solcher ist es hin und wieder schwierig, sich der Gruppe zu fügen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als um die alte Frage der Demokratie. Familie, Schule, Ausbildung, Beruf – es zieht sich durchs Leben, dass man für das Wohl des Ganzen von seiner Autonomie etwas abgibt. Nirgendwo geht es immer nach der eigenen Nase. Doch dafür bekomme ich das Gefühl, einen Stall zu haben, zu einem Stall dazuzugehören. Und ich mag es, diesen Stall mitzugestalten. Wenn das Ergebnis dann auch noch auf gutes Echo stößt, ist dies umso beglückender.“

2011 waren Sie für längere Zeit zum Dreh in Luxemburg, da Sie die Hauptrolle in dem Film „Die Symmetrie des Schmetterlings“ von Paul Scheuer spielten. Könnten Sie solch ein Angebot als Ensemblemitglied noch annehmen?

„Das ist natürlich einer der großen Nachteile. Sehr selten, wenn sich alles wunderbar fügt, kann man vielleicht einmal ein Drehangebot annehmen, doch eigentlich nicht, nein. Als festes Ensemblemitglied, das zudem noch am Anfang seiner Karriere steht, besitzt du diese Flexibilität nicht.
Doch die Arbeit an der Rolle der Sophie in der ‘Symmetrie des Schmetterlings’ war ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich, meine erste Hauptrolle in einem Film. Ich war zum ersten Mal bei einem Dreh wirklich mitbestimmend und nicht nur zu Besuch für ein paar Tage. Der Dreh war eine wunderbare Erfahrung, die ich nicht missen möchte und von der ich hoffe, dass sie nicht meine letzte Filmerfahrung gewesen ist. Ich bin ja noch jung. Und man kann nun mal leider nicht immer alles gleichzeitig machen.“

Und im Theater? Gibt es Rollen, die Sie unbedingt einmal spielen möchten?

M.J.: „Hedda Gabler war eine, die ich immer mal spielen wollte. Außerdem liebe ich Büchner sehr, Leonce und Lena würde ich gerne einmal spielen. Und Horváth, die Karoline aus Kasimir und Karoline.“

Am Dienstagabend werden Sie nun von der Stiftung zur Förderung junger Künstler in Luxemburg ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen solch eine Anerkennung?

„Viel. Sehr viel. Zunächst einmal ist es ja sowieso leider so, dass man immer an sich selbst zweifelt. Und da ist es wunderschön, dass man genau in den Momenten, in denen man besonders an sich zweifelt, gerufen wird. Es freut mich sehr, dass die Anerkennung von Luxemburg, sozusagen aus der Heimat kommt. Ich habe in Luxemburg noch nicht sehr viel gearbeitet. Ich bin in Düdelingen geboren, aber in er Schweiz aufgewachsen. Doch meine Muttersprache ist Luxemburgisch und nirgendwo fühle ich mich so wohl wie in der Luxemburger Luft. Doch ich kenne Luxemburg nicht wirklich, weiß nicht, wie man von A nach B kommt. Umso schöner, dass ich nun den Preis bekomme.“

Wann werden Sie das nächste Mal auf einer Luxemburger Bühne zu sehen sein?

„Zu Weihnachten, da läuft wieder der ‘Messias’ von Patrick Barlow im Kapuzinertheater. Mein Vater spielt den Bernhard, Michael Wittenborn den Theo und ich die Frau Timm. Und am 28. und 29. März sind wir dann mit Johan Simons Inszenierung des „König Lear“ im Grand Théâtre zu Gast. Mein Vater spielt den Lear und ich die Cordelia.“

(Janina Strötgen/Tageblatt.lu)

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SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Am Dienstagabend wird Marie Jung der diesjährige Preis der Stiftung zur Förderung junger Künstler verliehen. Als festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele wird sie nur für eine kurze Stippvisite zur Preisverleihung in ihr Geburtsland reisen. Ein Interview.

Tageblatt: Seit Anfang letzten Jahres sind Sie festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Und prompt werden die Kammerspiele zum Theater des Jahres gekrönt. Herzlichen Glückwunsch!

Marie Jung: „Natürlich freut man sich und natürlich ist das toll, aber es ist ja erst meine zweite Spielzeit bei den Kammerspielen. Deshalb sehe ich die Auszeichnung eher als eine Bestätigung für Johan Simons (Intendant und Regisseur der Kammerspiele, A.d.R.). Die Auszeichnung ist deshalb so schön, weil sie den Zusammenhalt stärkt und die getane Arbeit am Theater würdigt. Gerade jetzt, wo klar ist, dass Johan Simons seinen Vertrag nach 2015 nicht mehr verlängern wird.“

Wie ist für Sie die Arbeit mit Johan Simons?

„Ich mag sehr gerne, was er macht und wie er arbeitet. Ich bin keine Schauspielerin, die gerne 15 Stunden am Stück probt, mit möglichst vielen Requisiten und Versuchen, um dann am ende achtzig Prozent er Arbeit wegzuschmeißen, um an die Essenz heranzukommen. Ich arbeite lieber mit Regisseuren, die sofort auf die Essenz zielen und dann sechs Wochen daran arbeiten, sie genau zu treffen. Und so ein Regisseur ist Johan Simons.“

Wie ist es für Sie, festes Mitglied eines Ensembles zu sein? Wo liegen die Vor-, wo die Nachteile?

„Die Nachteile kann ich nicht gut beschreiben, da ich noch nicht anders gearbeitet habe als in einem Ensemble. Ich bin ein Familienmensch und gerne in einer Gruppe aufgehoben. Doch natürlich bin ich, wie jeder Schauspieler und letztendlich auch jeder Mensch, auch ein Egoist bzw. ein Egozentriker, zumindest manchmal. Als solcher ist es hin und wieder schwierig, sich der Gruppe zu fügen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als um die alte Frage der Demokratie. Familie, Schule, Ausbildung, Beruf – es zieht sich durchs Leben, dass man für das Wohl des Ganzen von seiner Autonomie etwas abgibt. Nirgendwo geht es immer nach der eigenen Nase. Doch dafür bekomme ich das Gefühl, einen Stall zu haben, zu einem Stall dazuzugehören. Und ich mag es, diesen Stall mitzugestalten. Wenn das Ergebnis dann auch noch auf gutes Echo stößt, ist dies umso beglückender.“

2011 waren Sie für längere Zeit zum Dreh in Luxemburg, da Sie die Hauptrolle in dem Film „Die Symmetrie des Schmetterlings“ von Paul Scheuer spielten. Könnten Sie solch ein Angebot als Ensemblemitglied noch annehmen?

„Das ist natürlich einer der großen Nachteile. Sehr selten, wenn sich alles wunderbar fügt, kann man vielleicht einmal ein Drehangebot annehmen, doch eigentlich nicht, nein. Als festes Ensemblemitglied, das zudem noch am Anfang seiner Karriere steht, besitzt du diese Flexibilität nicht.
Doch die Arbeit an der Rolle der Sophie in der ‘Symmetrie des Schmetterlings’ war ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich, meine erste Hauptrolle in einem Film. Ich war zum ersten Mal bei einem Dreh wirklich mitbestimmend und nicht nur zu Besuch für ein paar Tage. Der Dreh war eine wunderbare Erfahrung, die ich nicht missen möchte und von der ich hoffe, dass sie nicht meine letzte Filmerfahrung gewesen ist. Ich bin ja noch jung. Und man kann nun mal leider nicht immer alles gleichzeitig machen.“

Und im Theater? Gibt es Rollen, die Sie unbedingt einmal spielen möchten?

M.J.: „Hedda Gabler war eine, die ich immer mal spielen wollte. Außerdem liebe ich Büchner sehr, Leonce und Lena würde ich gerne einmal spielen. Und Horváth, die Karoline aus Kasimir und Karoline.“

Am Dienstagabend werden Sie nun von der Stiftung zur Förderung junger Künstler in Luxemburg ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen solch eine Anerkennung?

„Viel. Sehr viel. Zunächst einmal ist es ja sowieso leider so, dass man immer an sich selbst zweifelt. Und da ist es wunderschön, dass man genau in den Momenten, in denen man besonders an sich zweifelt, gerufen wird. Es freut mich sehr, dass die Anerkennung von Luxemburg, sozusagen aus der Heimat kommt. Ich habe in Luxemburg noch nicht sehr viel gearbeitet. Ich bin in Düdelingen geboren, aber in er Schweiz aufgewachsen. Doch meine Muttersprache ist Luxemburgisch und nirgendwo fühle ich mich so wohl wie in der Luxemburger Luft. Doch ich kenne Luxemburg nicht wirklich, weiß nicht, wie man von A nach B kommt. Umso schöner, dass ich nun den Preis bekomme.“

Wann werden Sie das nächste Mal auf einer Luxemburger Bühne zu sehen sein?

„Zu Weihnachten, da läuft wieder der ‘Messias’ von Patrick Barlow im Kapuzinertheater. Mein Vater spielt den Bernhard, Michael Wittenborn den Theo und ich die Frau Timm. Und am 28. und 29. März sind wir dann mit Johan Simons Inszenierung des „König Lear“ im Grand Théâtre zu Gast. Mein Vater spielt den Lear und ich die Cordelia.“

(Janina Strötgen/Tageblatt.lu)

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