Nov 30 2010

»House of Boys«: Sex, Aids und Tränen im Bordell

Published by at 01:16 under Articles,Deutsch

SOURCE: Margot Ruhlender, dpa

Fünf Jahre lang kämpfte Regisseur Jean-Claude Schlim um sein Spielfilmdebüt über die schillernde Schwulenszene im Amsterdam der 80er Jahre und die »Seuche Aids«: bunt, beschwingt, hemmungslos – sorglos.

Frank, hübsch blond und gut gebaut, verlässt 1984 sein biederes Elternhaus im Luxemburger Land und zieht in die Metropole, ins »Swinging Amsterdam«, um sich endlich unzensiert sexuell austoben zu können. Es verschlägt ihn in ein »House of Boys«, ein Schwulen-Bordell mit Bar und einer kleinen Bühne für Striptease.

Einmal gesehen, weckt die Show den Künstler in Frank, doch noch treten andere auf: Angelo, der auf seine Geschlechtsumwandlung spart, Dean, ein rustikaler Punk mit modischer Hahnenkammfrisur und schließlich Jake, Publikumsmagnet und bisexuelle Hure mit hübscher Freundin. Geleitet wird das Etablissement von »Madame«, gespielt von Udo Kier, dem Star unzähliger Independent-Filme. Frank verliebt sich in Jake.

Dass Jake von Benn Northover glaubwürdig und leidenschaftlich gespielt wird, ist eine Stärke des Films. Doch es gibt Schwächen. Der Gesamteindruck ist nicht homogen. Realistisches steht neben Gefälligem. Die Charaktere schwanken zwischen lustvoller Exzentrik und Klischee. Es gibt schwungvolle Tanzeinlagen, Glamour, drastischen Sex und mitreißende Musik im Sound der Zeit. Dann kippt die Stimmung.

Jake bricht zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Aids. Bedenkt man die Hysterie, mit der die sexuell übertragbare Immunschwäche in den 1980er Jahren Eingang ins Gefahrenbewusstsein sowohl der homosexuellen wie auch heterosexuellen Bevölkerung fand, ist die Reaktion der »Boys« darauf geradezu ein Witz. Röchelnd, komatös und blind, von Ausschlag übersät, wird Jake geküsst, gehätschelt, gestreichelt. Keine Berührungsängste, keine noch so irrationale Angst vor Ansteckung. An dieser Stelle ist das »House of Boys« als herzige Schwulen-WG unglaubwürdig geschönt.

»House of Boys« ist beides, ein ambitionierter Film über das Erwachsenwerden und über Aids. 1984 betrug die Anzahl der Aids-Toten (ohne Dunkelziffer) weltweit 5000. Heute sind es 25 Millionen und die Infektionszahlen in Westeuropa steigen. Sind wir zu sorglos?

Der Luxemburger Regisseur Jean-Claude Schlim studierte an der Pariser Filmschule. 1988 produzierte er den Kurzfilm »Somewhere in Europe« von Pol Cruchten. Er jobbte in Paris als Journalist. Zurück in Luxemburg arbeitete er für kurze Zeit beim Centre National de l’Audiovisuel. Schließlich begann er als freelance Techniker bei verschiedenen lokalen Filmproduktionen mitzuwirken, ehe er als Line Producer, Produktionsmanager oder ausführender Produzent seine Brötchen beim Film verdiente.

Rund fünf Jahre liefen die Vorbereitungen zu seinem ersten abendfüllenden Spielfilm »House Of Boys«. Hauptursache für das lange Warten auf die erste Klappe, waren finanzielle Probleme. Es war nicht einfach, einen Produzenten zu überzeugen, Geld in eine Geschichte über Homosexuelle und Aids zu investieren. Dennoch fanden sich mit der luxemburgischen Delux Productions (Produzent: Jimmy de Brabant) und der deutschen Elsani Film zwei Produktionsfirmen, die sich an das heikle Thema herantrauten. Gedreht wurde in Luxemburg und in Köln.

Der Film kommt am 2. Dezember in die deutschen Kinos.

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SOURCE: Margot Ruhlender, dpa

Fünf Jahre lang kämpfte Regisseur Jean-Claude Schlim um sein Spielfilmdebüt über die schillernde Schwulenszene im Amsterdam der 80er Jahre und die »Seuche Aids«: bunt, beschwingt, hemmungslos – sorglos.

Frank, hübsch blond und gut gebaut, verlässt 1984 sein biederes Elternhaus im Luxemburger Land und zieht in die Metropole, ins »Swinging Amsterdam«, um sich endlich unzensiert sexuell austoben zu können. Es verschlägt ihn in ein »House of Boys«, ein Schwulen-Bordell mit Bar und einer kleinen Bühne für Striptease.

Einmal gesehen, weckt die Show den Künstler in Frank, doch noch treten andere auf: Angelo, der auf seine Geschlechtsumwandlung spart, Dean, ein rustikaler Punk mit modischer Hahnenkammfrisur und schließlich Jake, Publikumsmagnet und bisexuelle Hure mit hübscher Freundin. Geleitet wird das Etablissement von »Madame«, gespielt von Udo Kier, dem Star unzähliger Independent-Filme. Frank verliebt sich in Jake.

Dass Jake von Benn Northover glaubwürdig und leidenschaftlich gespielt wird, ist eine Stärke des Films. Doch es gibt Schwächen. Der Gesamteindruck ist nicht homogen. Realistisches steht neben Gefälligem. Die Charaktere schwanken zwischen lustvoller Exzentrik und Klischee. Es gibt schwungvolle Tanzeinlagen, Glamour, drastischen Sex und mitreißende Musik im Sound der Zeit. Dann kippt die Stimmung.

Jake bricht zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Aids. Bedenkt man die Hysterie, mit der die sexuell übertragbare Immunschwäche in den 1980er Jahren Eingang ins Gefahrenbewusstsein sowohl der homosexuellen wie auch heterosexuellen Bevölkerung fand, ist die Reaktion der »Boys« darauf geradezu ein Witz. Röchelnd, komatös und blind, von Ausschlag übersät, wird Jake geküsst, gehätschelt, gestreichelt. Keine Berührungsängste, keine noch so irrationale Angst vor Ansteckung. An dieser Stelle ist das »House of Boys« als herzige Schwulen-WG unglaubwürdig geschönt.

»House of Boys« ist beides, ein ambitionierter Film über das Erwachsenwerden und über Aids. 1984 betrug die Anzahl der Aids-Toten (ohne Dunkelziffer) weltweit 5000. Heute sind es 25 Millionen und die Infektionszahlen in Westeuropa steigen. Sind wir zu sorglos?

Der Luxemburger Regisseur Jean-Claude Schlim studierte an der Pariser Filmschule. 1988 produzierte er den Kurzfilm »Somewhere in Europe« von Pol Cruchten. Er jobbte in Paris als Journalist. Zurück in Luxemburg arbeitete er für kurze Zeit beim Centre National de l’Audiovisuel. Schließlich begann er als freelance Techniker bei verschiedenen lokalen Filmproduktionen mitzuwirken, ehe er als Line Producer, Produktionsmanager oder ausführender Produzent seine Brötchen beim Film verdiente.

Rund fünf Jahre liefen die Vorbereitungen zu seinem ersten abendfüllenden Spielfilm »House Of Boys«. Hauptursache für das lange Warten auf die erste Klappe, waren finanzielle Probleme. Es war nicht einfach, einen Produzenten zu überzeugen, Geld in eine Geschichte über Homosexuelle und Aids zu investieren. Dennoch fanden sich mit der luxemburgischen Delux Productions (Produzent: Jimmy de Brabant) und der deutschen Elsani Film zwei Produktionsfirmen, die sich an das heikle Thema herantrauten. Gedreht wurde in Luxemburg und in Köln.

Der Film kommt am 2. Dezember in die deutschen Kinos.

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