Nov 28 2009

„Dust“ Der verbliebene Staub einer Apokalypse

Published by at 01:08 under Articles

SOURCE: www.journal.lu – Ch.S.

Max Jacoby studierte an der Londoner International Film School und graduierte 2001 mit dem Kurzfilm „Babysitting“. In Luxemburg arbeitete er an verschiedenen Filmproduktionen mit, u. a. „Shadow Of The Vampire“, „Autobahnraser“, „The Merchant Of Venise“ oder „Perl oder Pica“. Es folgten die Kurzfilme „The Lodge“ (2004) und „Butterflies“ (2005), für den er mit dem UIP-Preis des besten europäischen Kurzfilms in Venedig ausgezeichnet wurde. Im Herbst 2008 und Anfang des Jahres 2009 entstand sein erster abendfüllender Spielfilm, „Dust“, der fast exklusiv im Großherzogtum gedreht wurde. Die Welturaufführung fand im Oktober auf dem Filmfestival von Pusan (Südkorea) statt. Am Mittwochabend war der Saal 1 im „Utopolis“ für die luxemburgische Premiere bis auf den letzten Platz gefüllt.

MJacoby  024

Nach der Apokalypse
Der Film beginnt mit einem Zitat: „Auf der Erde wird es still sein, wenn die Menschen weg sind“. Still ist es auf dem blauen Planeten geworden (visuell ist es Luxemburg, u. a. der Stausee, die Saarautobahn, Luxemburg-Stadt), auf dem sich die Menschen vor Jahren bekriegten, und es nur noch ein paar Überlebende gibt, wie die Zwillinge Elodie (Catherine Steadman) und Eli(as) (Olly Alexander), die in ihrem eigenen Garten Eden leben (am Stausee). Eines Tages finden sie Gabriel (Andrew Hawley), der angeschossen auf der Straße liegt. Die Geschwister versorgen den Verwundeten, und Gabriel verliebt sich in Elodie, die aber ein intimes Verhältnis zu ihrem Bruder hat. Gabriel macht einen Militärjeep wieder flott, weil er seine Mutter finden will. Schließlich begleiten ihn die Zwillinge auf seiner Reise durch ein menschenleeres Land.
Ein karges Drehbuch
Regisseur Jacoby hat mit seinen kurzen Filmen bereits bewiesen, dass er ein Auge für die Bildsprache hat, und der Umgang mit Schauspielern macht ihm auch keine Probleme. „Dust“ ist ein ruhiger Film, mit langen und langsamen Kamerafahrten (Kamera: Fredrik Bäckar) und schönen Landschaftsaufnahmen. Eine knappe Musik (Stefan Deisenberger und Oliver Welter) bestimmt die gehaltene Stimmung. Die drei Akteure spielen ihre Rollen mit Überzeugung. Doch, der Haken bei dem Film liegt einerseits in der Geschichte, die eigentlich auf einen Bierdeckel drauf passt, und andererseits im Detail der hier nachgestellten Folgen einer kriegerischen Apokalypse.
Zu keinem Moment wird geklärt, was genau auf der Erde passiert ist. Die Zwillinge, die zum Zeitpunkt des fatalen Kriegs noch jung waren, haben sich ihr eigenes Paradies aufgebaut – wie sie das in dem jungen Alter ohne den Beistand der Eltern nur geschafft haben? – und leben in den Tag hinein, ernähren sich von Wald- und Baumfrüchten, von Kuhmilch und von Haferflocken, welche die Apokalypse überstanden haben! Gabriel taucht aus dem Nichts auf. Irgendwo hat er auf einem Hof gearbeitet und wurde aus Wut von dem Betreiber angeschossen – aus dem Krieg hat dieser Bauer nichts gelernt. Elodie pflegt ihn – ohne Ausbildung in erster Hilfe – und verliebt sich in ihn, eine Affäre, welche Eli zur Eifersucht treibt. Aus Liebe begleitet Elodie Gabriel auf der Suche nach seiner Mutter und Eli aus Angst, die Schwester definitiv zu verlieren. Sie verlassen gezwungen ihren Garten Eden und entdecken eine verödete Stadt, in der noch ein paar alte Panzer und Wegsperren vom Krieg zeugen (auf dem Pont Adolphe in Luxemburg-Stadt). Kein einziges Haus ist zerstört worden, alles ist intakt, nirgends liegen Überreste von Leichen. Gabriels Mutter ist in der Zwischenzeit gestorben. Zu guter Letzt entbehrt der Schlussakt von Gabriel jeglicher Logik, wo doch ein kommendes freudiges Ereignis ihn bei Laune hätte halten müssen, und der Gedanke, beim Neuaufbau der Menschheit wesentlich beteiligt zu sein.
Das Drehbuch zu „Dust“ hat genug Potenzial zu einem Kurzfilm, wurde aber auf Spielfilmlänge (knapp 90 Minuten) gepuscht. Zudem sind die Dialoge von einer selten erlebten Monotonie und Naivität. Zwischen zwei gesprochenen Sätzen vergehen lange Momente, die dem Film jeglichen Rhythmus und jegliche Spannung rauben. Es stellen sich massiv Fragen, auf die es keine Antworten gibt, nicht einmal Andeutungen. Im Mittelpunkt steht lediglich diese Dreiecksgeschichte, mit inzestuösem Beigeschmack, die in keinem Moment den Zuschauer reizen kann, und die auch irgendwann, irgendwo anders hätte genauso passieren können.
Gute technische Leistungen
Die Szenenbildnerin Christina Schaffer hat in der aufregendsten Szene, der menschenleere Pont Adolphe („nei Breck“), eine anständige Arbeit geleistet. Es ist schon beeindruckend, wie unsere Hauptstadt Jahre nach einem Krieg aussieht. Cutter Amine Jaber versucht ebenfalls den vorgegebenen Rhythmus einzuhalten. Nur ist die Geschichte zu knapp ausgefallen und steht in keinem Verhältnis zu den technischen Leistungen. Am Drehbuch hätte mehr gefeilt und recherchiert werden müssen, als nur von einer Idee ausgehend direkt einen Film auf Zelluloid zu bannen. Den verbliebenen Staub der Apokalypse kann man ebenfalls nicht als ökologische Warnung an die Menschheit empfinden, es bei einem Neuanfang anders zu machen. Schade, angesichts der Qualitäten seiner Kurzfilme hätte man von Max Jacoby mehr erwartet. „Dust“ läuft im „Utopia“ (Freitag bis Sonntag um 19.30 und Montag bis Donnerstag um 18.30 Uhr).

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SOURCE: www.journal.lu – Ch.S.

Max Jacoby studierte an der Londoner International Film School und graduierte 2001 mit dem Kurzfilm „Babysitting“. In Luxemburg arbeitete er an verschiedenen Filmproduktionen mit, u. a. „Shadow Of The Vampire“, „Autobahnraser“, „The Merchant Of Venise“ oder „Perl oder Pica“. Es folgten die Kurzfilme „The Lodge“ (2004) und „Butterflies“ (2005), für den er mit dem UIP-Preis des besten europäischen Kurzfilms in Venedig ausgezeichnet wurde. Im Herbst 2008 und Anfang des Jahres 2009 entstand sein erster abendfüllender Spielfilm, „Dust“, der fast exklusiv im Großherzogtum gedreht wurde. Die Welturaufführung fand im Oktober auf dem Filmfestival von Pusan (Südkorea) statt. Am Mittwochabend war der Saal 1 im „Utopolis“ für die luxemburgische Premiere bis auf den letzten Platz gefüllt.

MJacoby  024

Nach der Apokalypse
Der Film beginnt mit einem Zitat: „Auf der Erde wird es still sein, wenn die Menschen weg sind“. Still ist es auf dem blauen Planeten geworden (visuell ist es Luxemburg, u. a. der Stausee, die Saarautobahn, Luxemburg-Stadt), auf dem sich die Menschen vor Jahren bekriegten, und es nur noch ein paar Überlebende gibt, wie die Zwillinge Elodie (Catherine Steadman) und Eli(as) (Olly Alexander), die in ihrem eigenen Garten Eden leben (am Stausee). Eines Tages finden sie Gabriel (Andrew Hawley), der angeschossen auf der Straße liegt. Die Geschwister versorgen den Verwundeten, und Gabriel verliebt sich in Elodie, die aber ein intimes Verhältnis zu ihrem Bruder hat. Gabriel macht einen Militärjeep wieder flott, weil er seine Mutter finden will. Schließlich begleiten ihn die Zwillinge auf seiner Reise durch ein menschenleeres Land.
Ein karges Drehbuch
Regisseur Jacoby hat mit seinen kurzen Filmen bereits bewiesen, dass er ein Auge für die Bildsprache hat, und der Umgang mit Schauspielern macht ihm auch keine Probleme. „Dust“ ist ein ruhiger Film, mit langen und langsamen Kamerafahrten (Kamera: Fredrik Bäckar) und schönen Landschaftsaufnahmen. Eine knappe Musik (Stefan Deisenberger und Oliver Welter) bestimmt die gehaltene Stimmung. Die drei Akteure spielen ihre Rollen mit Überzeugung. Doch, der Haken bei dem Film liegt einerseits in der Geschichte, die eigentlich auf einen Bierdeckel drauf passt, und andererseits im Detail der hier nachgestellten Folgen einer kriegerischen Apokalypse.
Zu keinem Moment wird geklärt, was genau auf der Erde passiert ist. Die Zwillinge, die zum Zeitpunkt des fatalen Kriegs noch jung waren, haben sich ihr eigenes Paradies aufgebaut – wie sie das in dem jungen Alter ohne den Beistand der Eltern nur geschafft haben? – und leben in den Tag hinein, ernähren sich von Wald- und Baumfrüchten, von Kuhmilch und von Haferflocken, welche die Apokalypse überstanden haben! Gabriel taucht aus dem Nichts auf. Irgendwo hat er auf einem Hof gearbeitet und wurde aus Wut von dem Betreiber angeschossen – aus dem Krieg hat dieser Bauer nichts gelernt. Elodie pflegt ihn – ohne Ausbildung in erster Hilfe – und verliebt sich in ihn, eine Affäre, welche Eli zur Eifersucht treibt. Aus Liebe begleitet Elodie Gabriel auf der Suche nach seiner Mutter und Eli aus Angst, die Schwester definitiv zu verlieren. Sie verlassen gezwungen ihren Garten Eden und entdecken eine verödete Stadt, in der noch ein paar alte Panzer und Wegsperren vom Krieg zeugen (auf dem Pont Adolphe in Luxemburg-Stadt). Kein einziges Haus ist zerstört worden, alles ist intakt, nirgends liegen Überreste von Leichen. Gabriels Mutter ist in der Zwischenzeit gestorben. Zu guter Letzt entbehrt der Schlussakt von Gabriel jeglicher Logik, wo doch ein kommendes freudiges Ereignis ihn bei Laune hätte halten müssen, und der Gedanke, beim Neuaufbau der Menschheit wesentlich beteiligt zu sein.
Das Drehbuch zu „Dust“ hat genug Potenzial zu einem Kurzfilm, wurde aber auf Spielfilmlänge (knapp 90 Minuten) gepuscht. Zudem sind die Dialoge von einer selten erlebten Monotonie und Naivität. Zwischen zwei gesprochenen Sätzen vergehen lange Momente, die dem Film jeglichen Rhythmus und jegliche Spannung rauben. Es stellen sich massiv Fragen, auf die es keine Antworten gibt, nicht einmal Andeutungen. Im Mittelpunkt steht lediglich diese Dreiecksgeschichte, mit inzestuösem Beigeschmack, die in keinem Moment den Zuschauer reizen kann, und die auch irgendwann, irgendwo anders hätte genauso passieren können.
Gute technische Leistungen
Die Szenenbildnerin Christina Schaffer hat in der aufregendsten Szene, der menschenleere Pont Adolphe („nei Breck“), eine anständige Arbeit geleistet. Es ist schon beeindruckend, wie unsere Hauptstadt Jahre nach einem Krieg aussieht. Cutter Amine Jaber versucht ebenfalls den vorgegebenen Rhythmus einzuhalten. Nur ist die Geschichte zu knapp ausgefallen und steht in keinem Verhältnis zu den technischen Leistungen. Am Drehbuch hätte mehr gefeilt und recherchiert werden müssen, als nur von einer Idee ausgehend direkt einen Film auf Zelluloid zu bannen. Den verbliebenen Staub der Apokalypse kann man ebenfalls nicht als ökologische Warnung an die Menschheit empfinden, es bei einem Neuanfang anders zu machen. Schade, angesichts der Qualitäten seiner Kurzfilme hätte man von Max Jacoby mehr erwartet. „Dust“ läuft im „Utopia“ (Freitag bis Sonntag um 19.30 und Montag bis Donnerstag um 18.30 Uhr).

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