Dec 02 2009

„Waat ass een lëtzebuerger Film?“

Published by at 14:39 under Articles

SOURCE: http://www.journal.lu/ – CH.S.

Table ronde in der Cinémathèque: „Waat ass een lëtzebuerger Film?“

Im Vorfeld der Vergabe des vierten „Lëtzebuerger Filmpräis“ wurden nicht nur etliche Filme in Luxemburg uraufgeführt, um überhaupt in die Auswahl zu kommen, sondern es fanden auch zwei Konferenzen in der Cinémathèque statt. Paul Lesch erklärte am 23. November in seinem Vortrag „Paris au Rousegäertchen et Sillicon Valley au Kirchberg“ wie Luxemburgs landschaftliche Eigenarten als verfremdete Kulissen in verschiedenen Produktionen eingesetzt wurden. An diesem Montag war die Cinémathèque wieder gut gefüllt, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was eigentlich ein luxemburgischer Film ist. Unter den Gästen waren u. a. Minister François Biltgen, der Direktor des Film Fund Guy Daleiden sowie seine Mitarbeiterinnen Françoise Lentz und Nicole Jans, die Direktorin des Media Desk Karin Schockweiler, Joy Hoffmann und Viviane Thill vom CNA, die AFO-Veteranen Maisy Hausemer, Georges Fautsch und Paul Scheuer, die Produzenten Claude Waringo, Jani und Paul Thiltges, die Regisseure Pol Cruchten, Beryl Koltz, Christophe Wagner, Donato Rotunno, Jacques Molitor, Patrick Ernzer und Tom Alesch, Schauspieler Patrick Hastert, Professor Alex Reuter, Cutter François Faber, Tonmann Carlo Thoss und Romain Roll (Red Lion). Einem kurzen Vortrag von Gérard Kraus zum Thema „Nationalen Kino! Waat ass een lëtzebuerger Film?“ folgte ein Rundtischgespräch, moderiert von Filmkritiker Jean-Pierre Thilges.

Eine Definition für nationales Kino

Gérard Kraus studiert Film in England. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich mit dem luxemburgischen Kino. In einer kurzen Einführung versuchte er eine Definition für den Begriff „nationales Kino“ zu geben. Zuerst gilt es die Konzepte eines Films zu entschlüsseln, die auf eine Nationalitätsangehörigkeit schließen lassen. Die Ideologie eines Films zeugt von seiner Nationalität. Dann stellt sich die Frage: „Was qualifiziert ein Volk, eine Nation?“ Zwei Personen gehören einer Nation an, wenn sie dieselbe Kultur teilen, sich mit denselben Texten, Bildern, Filmen und Figuren identifizieren. Auch die Zuschauerzahlen sprechen für eine nationale Identität oder die im Kino behandelten Themen. Die staatliche Unterstützung spielt ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle. Ob es nun einen Luxemburger Filmstil gibt, das wusste Herr Kraus nach seiner kurzen Etüde des luxemburgischen Films (noch) nicht zu sagen.

Viele Meinungen

Für die folgende Gesprächsrunde waren speziell der Regisseur Andy Bausch, die Journalistin Josée Hansen und der Produzent Jani Thiltges eingeladen worden. Jhemp Thilges präsentierte zunächst den wahrscheinlich ersten luxemburgischen Filmpionier in Hollywood, John Birkel, der in Saeul auf die Welt kam, und u. a. als Techniker bei Filmen von Rex Ingram in den 1920er Jahren arbeitete. Seine Gäste definierten anschließend, was sie unter einem luxemburgischen Film verstehen.
Für Andy Bausch muss in einem Luxemburger Film ganz klar unsere Sprache gesprochen werden, was Josée Hansen auch unterstrich. Sie erinnerte sich, wie erstaunt sie war, als sie „Déi zwéi vum Bierg“ Mitte der 1980er Jahre auf RTL sah und fast alle Luxemburgisch redeten.
Jani Thiltges betonte, dass die Meinung eines Drehbuchautors für ihn zählt, der im Großherzogtum lebt. Darum sei auch ein hierzulande in einer fremden Sprache gedrehter Film ein luxemburgischer.
Für Minister Biltgen ist ein Film ein luxemburgisches Produkt, wenn er vom Staat via den Film Fund mitfinanziert wird. Wenn dieser Streifen noch sein Publikum hier findet, ist es umso mehr ein luxemburgischer Film.
Produzent Paul Thiltges meinte, dass die Sprache ausschlaggebend für den Erfolg in den heimischen Kinos sei. Als Beispiel nannte er „Réfractaire“ von Nicolas Steil. Die Geschichte ist eine rein luxemburgische, nur floppte der Film, weil er in Französisch gedreht wurde, und das Publikum diese Sprache nicht im Zusammenhang mit diesem puren luxemburgischen Kapitel des Zweiten Weltkriegs akzeptierte. Dieselben Probleme würden die auf Englisch gedrehten „Dust“ und „House Of Boys“ an der Kinokasse erleben.
Beryl Koltz glaubte sogar, dass die Filme jenem Land ähneln, in dem der Regisseur studiert habe. Claude Waringo fügte dieser Bemerkung an, dass die Filmstudenten stets nach Luxemburg zurückkehren, um hier ihre Film zu drehen, was ein Verdienst der hiesigen Filmindustrie sei.

Im Vergleich zum Ausland

Joy Hoffmann griff den Vergleich zum Ausland auf. Länder wie Island, Dänemark oder Rumänien haben sich international mit ihren Filmen in ihren jeweiligen Heimatsprachen etabliert. Nur Luxemburg tue sich schwer. Andy Bausch hakte zu diesem Thema ein, dass hierzulande bis heute kein Luxemburgisch gesprochener Film gedreht wurde, der durch seine Geschichte alle Kinogänger auf der Welt angesprochen hätte.

Fazit

Gibt es einen typisch deutschen, französischen oder britischen Film? Ja, aber nur dann wenn die spezifischen lokalen Mentalitäten im Vordergrund stehen. In Italien z. B. dreht man Filme in allen möglichen Landesdialekten. Ein sizilianischer Film wird auf der Insel Zuschauer anziehen. Dagegen wird sich in Rom kein Zuschauer für den im sizilianischen Slang gedrehten Film begeistern, es sei denn, die Geschichte stimmt, und der Streifen ist „synchronisiert“ oder untertitelt worden.
Somit könnte man wieder nach europäischen Filmen verlangen, mit international ausgelagerten Drehbüchern und multikulturellen Schauspielern. Aber was zum Teufel ist denn nun ein europäischer Film, wenn man nicht einmal eine Definition findet, einen Film aus irgendeinem europäischen Land zu charakterisieren. Eh kommen die besten europäischen Filme aus Amerika!
Ein wirklich fast hundertprozentiger luxemburgischer Film war die AFO-Produktion „Mumm Sweet Mumm“ (1989). Als Basis diente die Dicks-Operette „Mumm Séis“, und fast alle Schauspieler waren Luxemburger. Dieser Film war hier ein Riesenerfolg! Nur, niemand jenseits der luxemburgischen Grenze konnte und kann etwas mit diesem Thema anfangen. Das gilt eigentlich für alle hier gedrehten luxemburgischen Filme – und für viele Co-Produktionen. Technisch gesehen, kann ein Luxemburger Film ohne Weiteres mit der ausländischen Konkurrenz mithalten. Es fehlt immer noch die international interessierende Geschichte, welche auf Luxemburgisch gedreht wirklich die Zuschauer weltweit anspricht. Hier sind die Produzenten oder die Leser der Drehbücher beim Film Fund gefordert. Universales Denken und Flair ist gefragt. Solange bleibt der Traum mit einer Goldenen Palme, einem Goldenen Bären, einem César oder einem Oscar nach Hause zu kommen ein Traum. › CH.S.

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SOURCE: http://www.journal.lu/ – CH.S.

Table ronde in der Cinémathèque: „Waat ass een lëtzebuerger Film?“

Im Vorfeld der Vergabe des vierten „Lëtzebuerger Filmpräis“ wurden nicht nur etliche Filme in Luxemburg uraufgeführt, um überhaupt in die Auswahl zu kommen, sondern es fanden auch zwei Konferenzen in der Cinémathèque statt. Paul Lesch erklärte am 23. November in seinem Vortrag „Paris au Rousegäertchen et Sillicon Valley au Kirchberg“ wie Luxemburgs landschaftliche Eigenarten als verfremdete Kulissen in verschiedenen Produktionen eingesetzt wurden. An diesem Montag war die Cinémathèque wieder gut gefüllt, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was eigentlich ein luxemburgischer Film ist. Unter den Gästen waren u. a. Minister François Biltgen, der Direktor des Film Fund Guy Daleiden sowie seine Mitarbeiterinnen Françoise Lentz und Nicole Jans, die Direktorin des Media Desk Karin Schockweiler, Joy Hoffmann und Viviane Thill vom CNA, die AFO-Veteranen Maisy Hausemer, Georges Fautsch und Paul Scheuer, die Produzenten Claude Waringo, Jani und Paul Thiltges, die Regisseure Pol Cruchten, Beryl Koltz, Christophe Wagner, Donato Rotunno, Jacques Molitor, Patrick Ernzer und Tom Alesch, Schauspieler Patrick Hastert, Professor Alex Reuter, Cutter François Faber, Tonmann Carlo Thoss und Romain Roll (Red Lion). Einem kurzen Vortrag von Gérard Kraus zum Thema „Nationalen Kino! Waat ass een lëtzebuerger Film?“ folgte ein Rundtischgespräch, moderiert von Filmkritiker Jean-Pierre Thilges.

Eine Definition für nationales Kino

Gérard Kraus studiert Film in England. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich mit dem luxemburgischen Kino. In einer kurzen Einführung versuchte er eine Definition für den Begriff „nationales Kino“ zu geben. Zuerst gilt es die Konzepte eines Films zu entschlüsseln, die auf eine Nationalitätsangehörigkeit schließen lassen. Die Ideologie eines Films zeugt von seiner Nationalität. Dann stellt sich die Frage: „Was qualifiziert ein Volk, eine Nation?“ Zwei Personen gehören einer Nation an, wenn sie dieselbe Kultur teilen, sich mit denselben Texten, Bildern, Filmen und Figuren identifizieren. Auch die Zuschauerzahlen sprechen für eine nationale Identität oder die im Kino behandelten Themen. Die staatliche Unterstützung spielt ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle. Ob es nun einen Luxemburger Filmstil gibt, das wusste Herr Kraus nach seiner kurzen Etüde des luxemburgischen Films (noch) nicht zu sagen.

Viele Meinungen

Für die folgende Gesprächsrunde waren speziell der Regisseur Andy Bausch, die Journalistin Josée Hansen und der Produzent Jani Thiltges eingeladen worden. Jhemp Thilges präsentierte zunächst den wahrscheinlich ersten luxemburgischen Filmpionier in Hollywood, John Birkel, der in Saeul auf die Welt kam, und u. a. als Techniker bei Filmen von Rex Ingram in den 1920er Jahren arbeitete. Seine Gäste definierten anschließend, was sie unter einem luxemburgischen Film verstehen.
Für Andy Bausch muss in einem Luxemburger Film ganz klar unsere Sprache gesprochen werden, was Josée Hansen auch unterstrich. Sie erinnerte sich, wie erstaunt sie war, als sie „Déi zwéi vum Bierg“ Mitte der 1980er Jahre auf RTL sah und fast alle Luxemburgisch redeten.
Jani Thiltges betonte, dass die Meinung eines Drehbuchautors für ihn zählt, der im Großherzogtum lebt. Darum sei auch ein hierzulande in einer fremden Sprache gedrehter Film ein luxemburgischer.
Für Minister Biltgen ist ein Film ein luxemburgisches Produkt, wenn er vom Staat via den Film Fund mitfinanziert wird. Wenn dieser Streifen noch sein Publikum hier findet, ist es umso mehr ein luxemburgischer Film.
Produzent Paul Thiltges meinte, dass die Sprache ausschlaggebend für den Erfolg in den heimischen Kinos sei. Als Beispiel nannte er „Réfractaire“ von Nicolas Steil. Die Geschichte ist eine rein luxemburgische, nur floppte der Film, weil er in Französisch gedreht wurde, und das Publikum diese Sprache nicht im Zusammenhang mit diesem puren luxemburgischen Kapitel des Zweiten Weltkriegs akzeptierte. Dieselben Probleme würden die auf Englisch gedrehten „Dust“ und „House Of Boys“ an der Kinokasse erleben.
Beryl Koltz glaubte sogar, dass die Filme jenem Land ähneln, in dem der Regisseur studiert habe. Claude Waringo fügte dieser Bemerkung an, dass die Filmstudenten stets nach Luxemburg zurückkehren, um hier ihre Film zu drehen, was ein Verdienst der hiesigen Filmindustrie sei.

Im Vergleich zum Ausland

Joy Hoffmann griff den Vergleich zum Ausland auf. Länder wie Island, Dänemark oder Rumänien haben sich international mit ihren Filmen in ihren jeweiligen Heimatsprachen etabliert. Nur Luxemburg tue sich schwer. Andy Bausch hakte zu diesem Thema ein, dass hierzulande bis heute kein Luxemburgisch gesprochener Film gedreht wurde, der durch seine Geschichte alle Kinogänger auf der Welt angesprochen hätte.

Fazit

Gibt es einen typisch deutschen, französischen oder britischen Film? Ja, aber nur dann wenn die spezifischen lokalen Mentalitäten im Vordergrund stehen. In Italien z. B. dreht man Filme in allen möglichen Landesdialekten. Ein sizilianischer Film wird auf der Insel Zuschauer anziehen. Dagegen wird sich in Rom kein Zuschauer für den im sizilianischen Slang gedrehten Film begeistern, es sei denn, die Geschichte stimmt, und der Streifen ist „synchronisiert“ oder untertitelt worden.
Somit könnte man wieder nach europäischen Filmen verlangen, mit international ausgelagerten Drehbüchern und multikulturellen Schauspielern. Aber was zum Teufel ist denn nun ein europäischer Film, wenn man nicht einmal eine Definition findet, einen Film aus irgendeinem europäischen Land zu charakterisieren. Eh kommen die besten europäischen Filme aus Amerika!
Ein wirklich fast hundertprozentiger luxemburgischer Film war die AFO-Produktion „Mumm Sweet Mumm“ (1989). Als Basis diente die Dicks-Operette „Mumm Séis“, und fast alle Schauspieler waren Luxemburger. Dieser Film war hier ein Riesenerfolg! Nur, niemand jenseits der luxemburgischen Grenze konnte und kann etwas mit diesem Thema anfangen. Das gilt eigentlich für alle hier gedrehten luxemburgischen Filme – und für viele Co-Produktionen. Technisch gesehen, kann ein Luxemburger Film ohne Weiteres mit der ausländischen Konkurrenz mithalten. Es fehlt immer noch die international interessierende Geschichte, welche auf Luxemburgisch gedreht wirklich die Zuschauer weltweit anspricht. Hier sind die Produzenten oder die Leser der Drehbücher beim Film Fund gefordert. Universales Denken und Flair ist gefragt. Solange bleibt der Traum mit einer Goldenen Palme, einem Goldenen Bären, einem César oder einem Oscar nach Hause zu kommen ein Traum. › CH.S.

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One response so far

One Response to “„Waat ass een lëtzebuerger Film?“”

  1. claudeon 03 Dec 2009 at 17:18

    Meng lieblings Passage:

    “Für Minister Biltgen ist ein Film ein luxemburgisches Produkt, wenn er vom Staat via den Film Fund mitfinanziert wird.”

    Waat also net vum Film Fund akzepteiert gett an trotzdem gedréiht gett ass also keen letzebuerger Produkt? Wat wier dat dann? En heemeschtsloose Film?

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