Nov 22 2009

Filmkritik: House of Boys

Published by at 12:44 under Articles

SOURCE: www.rtl.lu Gabrielle Seil

To be (gay) or not to be

Trotz Aufklärungskampagnen infizieren sich jährlich rund 2,5 Millionen Menschen mit HIV. Fast genauso viele sterben an Aids. Ihnen ist Jean-Claude Schlims Schwulenmärchen House of Boys gewidmet.

Ein kleiner blonder Junge hüpft glücklich durch ein Maisfeld. Grillen zirpen. Es ist Sommer, der Himmel strahlendblau, die Stimmung ungetrübt. Eine wunderschöne Anfangssequenz. Jahre später liegt der erwachsen gewordene Jake (überzeugend dargestellt von Benn Northover) in einem Krankenhausbett im Sterben, Gesicht und Körper von hässlichen Kaposi-Sarkomen übersät, blind und mit zerstörtem Immunsystem. Ein sehr bewegendes Bild des Abschieds. Zwischen diesen beiden Schlüsselszenen erzählt Jean-Claude Schlim die Geschichte einer großen Liebe, die wegen einer tödlichen Krankheit kein Happyend zulässt.

«House of Boys» spielt Mitte der 1980er Jahre in Amsterdam. Dorthin ist der 18-jährige Frank (Layke Anderson, unwiderstehlich) geflüchtet, weil die spießigen Eltern seine Homosexualität nicht akzeptieren, weil das konservative Luxemburg kein Ort zum Ausleben seiner Träume ist und weil er endlich etwas erleben will. Was heißt: tanzen, kiffen und rummachen bis zum Umfallen. Doch dann landet der blauäugige Schönling plötzlich auf der Straße, im Nachhinein in einem Stripperclub und schließlich in den Armen des bisexuellen Jake, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass er sich mit dem tödlichen HI-Virus angesteckt hat.

Eigentlich wollte Jean-Claude Schlim einen Film über die Gefahr von Aids drehen, damit der «Talk about it»-Aufruf von Bill Clinton oder Annie Lennox, die vergangene Woche für ihren Einsatz gegen Aids in Afrika mit dem «Peace Summit Award» ausgezeichnet wurde, nicht vergessen wird. «Ich bin nur eine Stimme, nur ein Mensch», sagte die schottische Popsängerin bei der Preisüberreichung. Dieselben Wörter könnte man dem Luxemburger Regisseur in den Mund legen. Sein militantes Engagement gegen Aids und vor allem dagegen, dass die – trotz medizinischen Fortschritts – nach wie vor lebensbedrohliche Immunschwächekrankheit sowohl von der Gesellschaft als auch vom Kino arg verdrängt wird, ist beispielhaft. Allerdings ist dem frei schaffenden Produktionsleiter mit seiner ersten Regiearbeit kein universaler Beitrag zum Thema gelungen.

Während die Schwulenszene in den ersten 60 Minuten äußerst explizit dargestellt wird, verheddert sich die Story in der zweiten Filmstunde in zahllosen Details, die weder wichtig noch interessant sind. Dass sich Frank mit Vater und Mutter versöhnt, dass er zusammen mit der Freundin des verstorbenen Lovers nach Marokko pilgert, um die Asche des Toten an dem Ort ins Meer zu streuen, der einst Jimi Hendrix verzauberte – das ist Kitsch in Perfektion und verstärkt das Gefühl, dass Jean-Claude Schlim nicht so recht gewusst hat, welchen Film er drehen will. Eine publikumswirksame Tragikomödie, ein rührendes Melodram oder eine aufklärende Gesellschaftsstudie.

Geworden ist «House of Boys» schlussendlich ein in bunten Farben gedrehtes und mit flotter Musik untermaltes Märchen, in dem es nur eine einzige böse Figur gibt: Aids. Alle anderen Rollen sind «positiv» und mehr oder weniger grandios besetzt. Wobei Udo Kier als «Madame» und Steven Webb als Drag Queen besonders hervorzuheben sind. Schade bloß, dass der Film – wegen ein paar gewagter Sexszenen – erst für Jugendliche ab 16 Jahren freigegeben sein wird und somit an einem wesentlichen Teil des Zielpublikums vorbeischliddert. Wäre strenger geschnitten geworden, hätte die fiktive Geschichte nicht nur zugänglicher gemacht, sondern zudem gestrafft werden können. Alles in allem, und trotz der Schwächen im Erzählstrang, ist Jean-Claude Schlim mit «House of Boys» ein lobenswerter Tabubruch gelungen. Wie überzeugend der Film auf die Jury des «Lëtzebuerger Filmpräis» gewirkt hat, wird sich am 4. Dezember herausstellen.

House of Boys; Regie: Jean-Claude Schlim; mit Layke Anderson, Benn Northover, Udo Kier, Stephen Fry; Luxemburg, Deutschland, 2009, 123 Minuten, Utopia.

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SOURCE: www.rtl.lu Gabrielle Seil

To be (gay) or not to be

Trotz Aufklärungskampagnen infizieren sich jährlich rund 2,5 Millionen Menschen mit HIV. Fast genauso viele sterben an Aids. Ihnen ist Jean-Claude Schlims Schwulenmärchen House of Boys gewidmet.

Ein kleiner blonder Junge hüpft glücklich durch ein Maisfeld. Grillen zirpen. Es ist Sommer, der Himmel strahlendblau, die Stimmung ungetrübt. Eine wunderschöne Anfangssequenz. Jahre später liegt der erwachsen gewordene Jake (überzeugend dargestellt von Benn Northover) in einem Krankenhausbett im Sterben, Gesicht und Körper von hässlichen Kaposi-Sarkomen übersät, blind und mit zerstörtem Immunsystem. Ein sehr bewegendes Bild des Abschieds. Zwischen diesen beiden Schlüsselszenen erzählt Jean-Claude Schlim die Geschichte einer großen Liebe, die wegen einer tödlichen Krankheit kein Happyend zulässt.

«House of Boys» spielt Mitte der 1980er Jahre in Amsterdam. Dorthin ist der 18-jährige Frank (Layke Anderson, unwiderstehlich) geflüchtet, weil die spießigen Eltern seine Homosexualität nicht akzeptieren, weil das konservative Luxemburg kein Ort zum Ausleben seiner Träume ist und weil er endlich etwas erleben will. Was heißt: tanzen, kiffen und rummachen bis zum Umfallen. Doch dann landet der blauäugige Schönling plötzlich auf der Straße, im Nachhinein in einem Stripperclub und schließlich in den Armen des bisexuellen Jake, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass er sich mit dem tödlichen HI-Virus angesteckt hat.

Eigentlich wollte Jean-Claude Schlim einen Film über die Gefahr von Aids drehen, damit der «Talk about it»-Aufruf von Bill Clinton oder Annie Lennox, die vergangene Woche für ihren Einsatz gegen Aids in Afrika mit dem «Peace Summit Award» ausgezeichnet wurde, nicht vergessen wird. «Ich bin nur eine Stimme, nur ein Mensch», sagte die schottische Popsängerin bei der Preisüberreichung. Dieselben Wörter könnte man dem Luxemburger Regisseur in den Mund legen. Sein militantes Engagement gegen Aids und vor allem dagegen, dass die – trotz medizinischen Fortschritts – nach wie vor lebensbedrohliche Immunschwächekrankheit sowohl von der Gesellschaft als auch vom Kino arg verdrängt wird, ist beispielhaft. Allerdings ist dem frei schaffenden Produktionsleiter mit seiner ersten Regiearbeit kein universaler Beitrag zum Thema gelungen.

Während die Schwulenszene in den ersten 60 Minuten äußerst explizit dargestellt wird, verheddert sich die Story in der zweiten Filmstunde in zahllosen Details, die weder wichtig noch interessant sind. Dass sich Frank mit Vater und Mutter versöhnt, dass er zusammen mit der Freundin des verstorbenen Lovers nach Marokko pilgert, um die Asche des Toten an dem Ort ins Meer zu streuen, der einst Jimi Hendrix verzauberte – das ist Kitsch in Perfektion und verstärkt das Gefühl, dass Jean-Claude Schlim nicht so recht gewusst hat, welchen Film er drehen will. Eine publikumswirksame Tragikomödie, ein rührendes Melodram oder eine aufklärende Gesellschaftsstudie.

Geworden ist «House of Boys» schlussendlich ein in bunten Farben gedrehtes und mit flotter Musik untermaltes Märchen, in dem es nur eine einzige böse Figur gibt: Aids. Alle anderen Rollen sind «positiv» und mehr oder weniger grandios besetzt. Wobei Udo Kier als «Madame» und Steven Webb als Drag Queen besonders hervorzuheben sind. Schade bloß, dass der Film – wegen ein paar gewagter Sexszenen – erst für Jugendliche ab 16 Jahren freigegeben sein wird und somit an einem wesentlichen Teil des Zielpublikums vorbeischliddert. Wäre strenger geschnitten geworden, hätte die fiktive Geschichte nicht nur zugänglicher gemacht, sondern zudem gestrafft werden können. Alles in allem, und trotz der Schwächen im Erzählstrang, ist Jean-Claude Schlim mit «House of Boys» ein lobenswerter Tabubruch gelungen. Wie überzeugend der Film auf die Jury des «Lëtzebuerger Filmpräis» gewirkt hat, wird sich am 4. Dezember herausstellen.

House of Boys; Regie: Jean-Claude Schlim; mit Layke Anderson, Benn Northover, Udo Kier, Stephen Fry; Luxemburg, Deutschland, 2009, 123 Minuten, Utopia.

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One Response to “Filmkritik: House of Boys”

  1. Flug Los Angeleson 04 Dec 2009 at 16:06

    Hallo

    ob dieser film jetztmaßgeblich was dazu beitragen kann das die leute endlich aufwachen und HIV endlich auch als unheilbare und tödlich verlaufende krankheit ansehen bze. begreifen ist fraglich. Das thema HIV ist eine zeitlang ziehmlich in vergessenheit gerade, nach meiner meinung wurde da einfach geschlampt. Ich kann mir vorstellen das der film mit sicherheit einen hohen anspruch hat und jeder sich ihn ansehen sollte aber wieviel es im enddefekt werden steht in den sternen, genauso wenig glaube ich auch nicht dran das sich viele jungen leuten den streifen ansehen. Aber man macht überhaupt irgendwas in der sache als gar nichts.

    gruss

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