Jan 04 2012

Geteilte Heimat im Indischen Ozean

Published by at 01:01 under Articles,Deutsch

SOURCE: http://www.journal.lu/2011/12/29/geteilte-heimat-im-indischen-ozean/

Zwei junge Filmemacherinnen aus Luxemburg haben einen Dokumentarfilm abgedreht, in dem u.a. das Thema „Illegale Einwanderung“ eine zentrale Rolle einnimmt. Allerdings befassen sich die beiden Regisseurinnen Charlotte Bruneau und Catherine Wurth in ihrem gemeinsamen Werk nicht mit der Einwanderungsthematik in Luxemburg, sondern verlassen Europa in Richtung Indischer Ozean. Auf der Insel Anjouan, die zum Komoren-Archipel gehört, drehten sie im August und September 2009 ihren vorgestern Dienstag in Esch-Belval vorgestellten Dokumentarfilm „Le Retour-Mythes et Migrations des îles de la Lune“.

In weiter Ferne so nah

Der Archipel zwischen Madagaskar und Mosambik umfasst die vier Inseln Grande Comore, Anjouan, Mohéli und Mayotte. Die drei Erstgenannten bilden einen föderalen Inselstaat, der sich seit seiner 1975 erlangten Unabhängigkeit nicht der allergrößten politischen Stabilität erfreut. Letztere ist ein französisches Außendepartement und somit Teil der EU. Bruneau und Wurth gewähren Einblicke in den Alltag der Inselbewohner auf Anjouan, denen in der Regel der Zugang zu diesem wirtschaftlichen und militärischen Außenposten Europas verwehrt bleibt. Um auf der Nachbarinsel beispielsweise Verwandte zu besuchen, muss zuerst ein Visum bei den französischen Behörden beantragt werden. Beide Regisseurinnen interessieren sich allerdings auch für die Rückkehrer, die vom europäischen Festland für den Sommerurlaub oder die traditionelle „Grand-Mariage“- Hochzeitszeremonie in ihr Heimatland zurückkommen.

Europäischer Aussenposten

Durch einen gebürtigen Komorer, den die beiden jungen Frauen während ihrer Studienzeit in Paris kennengelernt hatten, entdeckten sie den Inselstaat, den sie dann ein erstes Mal im Jahre 2007 besuchten. Damals organisierten beide Musik- und Theaterworkshops für junge Komorer. Da in dieser Zeit weitere Freundschaften zu einheimischen Komorern entstanden, fasste man den Entschluss, ein Filmprojekt über den geteilten Archipel zu realisieren. Ein Haupterzählstrang dreht sich um die Fluchtversuche der Komorer nach Mayotte. Tagtäglich wagen Dutzende von Inselbewohnern in Geheimbooten, den so genannten „kwassa kwassa“, die Überfahrt auf die 70 Kilometer entfernte Nachbarinsel.

Denjenigen, denen die kostspielige Überfahrt gelingt, werden oftmals von der Gendarmerie des französischen Übersee-Departements zurückgeschickt. Des einen Leid ist des anderen Freud: Im Interview mit den beiden Filmemacherinnen erzählt ein Bootsbauer von seinem florierenden Geschäft mit den „kwassa kwassa“. Der Bootsbau schafft Arbeitsplätze für die wirtschaftlich benachteiligte Insel; die Nachfrage danach ist steigend. Menschenschmuggler, die von der Gendarmerie auf Mayotte aufgegriffen werden, bekommen ihre Boot konfisziert. Jeder Menschenschmuggler, der nach Anjouan ausgewiesen wird, muss wieder ein neues Boot in Auftrag geben, damit er wieder in seinen alten Beruf einsteigen kann.

Das Geschäft mit der menschlichen Schmuggelware ist den Behörden im französischen Insel-Departement bekannt. Menschenschmuggler aus Anjouan behaupten sogar, dass Beamte auf Mayotte sich schmieren lassen, damit der eine oder andere „kwassa-kwassa“-Kapitän samt seiner Fracht nicht am Ufer der gelobten Insel gefasst wird. Die riskante Reise über den Indischen Ozean ist für viele allerdings oftmals die einzige Möglichkeit, um zu überleben. Sind die Ärzte auf Anjouan mit ihrem medizinischen Latein am Ende, so werden Patienten auf dem Seeweg heimlich auf die Nachbarinsel zu den dort ansässigen Medizinern gebracht.

Investition in die Heimat der Vorfahren

Komorer, die es nicht nur bis ins Wirtschaftszentrum Mayotte schaffen, haben sich in Europa – vor allem in Frankreich – niedergelassen. Heute geht man davon aus, dass mehr oder weniger ein Viertel der komorischen Bevölkerung außerhalb des Archipels lebt. Die französische Hafenstadt Marseille ist sozusagen die komorische Hauptstadt auf dem europäischen Festland.

Nach alter komorischer Tradition müssen die Komorer den Bund fürs Leben in einer feierlichen Zeremonie besiegeln. Die Zelebrierung des „Grand-Mariage“ ist eine groß angelegte Veranstaltung, für die die Exil-Komorer, die „Je viens“, in ihre Heimat zurückkehren. Für die auf der Insel Zurückgebliebenen stellen solche Feierlichkeiten, die mehrere Tausend Euros kosten, eine Haupteinnahmequelle dar. Darüber hinaus tragen die regelmäßigen Überweisungen der ausgewanderten Komorer an die Verwandten in der alten Heimat zum Bruttoinlandsprodukt des Inselstaates bei.

Viele der „Je viens“, so beide Regisseurinnen anlässlich der Publikumsdiskussion, die nach der Projektion der Dokumentation stattfand, würden Geld in kulturelle Projekte stecken. Erst langsam würden junge Paare sich finanziell an großen gemeinnützigen Projekten u.a. auf Grande Comore beteiligen. Die europäisierten Komorer tragen mittels ihrer finanziellen Geldspritzen zum Fortbestehen der Kultur ihrer Vorfahren bei; sie kommen jedoch auch zur Erkenntnis, dass bei ihrer Rückkehr nichts mehr so ist, wie es bei ihrem Abschied einmal war.

Die sehenswerte Dokumentation der beiden Regisseurinnen Charlotte Bruneau und Catherine Wurth wird momentan nicht im regulären Kinoprogramm gezeigt. Beide Regisseurinnen möchten den knapp 55 Minuten dauernden, von der Féierblumm a.s.b.l. produzierten Streifen demnächst auf Festivals in Frankreich und Deutschland zeigen. › pav

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Zwei junge Filmemacherinnen aus Luxemburg haben einen Dokumentarfilm abgedreht, in dem u.a. das Thema „Illegale Einwanderung“ eine zentrale Rolle einnimmt. Allerdings befassen sich die beiden Regisseurinnen Charlotte Bruneau und Catherine Wurth in ihrem gemeinsamen Werk nicht mit der Einwanderungsthematik in Luxemburg, sondern verlassen Europa in Richtung Indischer Ozean. Auf der Insel Anjouan, die zum Komoren-Archipel gehört, drehten sie im August und September 2009 ihren vorgestern Dienstag in Esch-Belval vorgestellten Dokumentarfilm „Le Retour-Mythes et Migrations des îles de la Lune“.

In weiter Ferne so nah

Der Archipel zwischen Madagaskar und Mosambik umfasst die vier Inseln Grande Comore, Anjouan, Mohéli und Mayotte. Die drei Erstgenannten bilden einen föderalen Inselstaat, der sich seit seiner 1975 erlangten Unabhängigkeit nicht der allergrößten politischen Stabilität erfreut. Letztere ist ein französisches Außendepartement und somit Teil der EU. Bruneau und Wurth gewähren Einblicke in den Alltag der Inselbewohner auf Anjouan, denen in der Regel der Zugang zu diesem wirtschaftlichen und militärischen Außenposten Europas verwehrt bleibt. Um auf der Nachbarinsel beispielsweise Verwandte zu besuchen, muss zuerst ein Visum bei den französischen Behörden beantragt werden. Beide Regisseurinnen interessieren sich allerdings auch für die Rückkehrer, die vom europäischen Festland für den Sommerurlaub oder die traditionelle „Grand-Mariage“- Hochzeitszeremonie in ihr Heimatland zurückkommen.

Europäischer Aussenposten

Durch einen gebürtigen Komorer, den die beiden jungen Frauen während ihrer Studienzeit in Paris kennengelernt hatten, entdeckten sie den Inselstaat, den sie dann ein erstes Mal im Jahre 2007 besuchten. Damals organisierten beide Musik- und Theaterworkshops für junge Komorer. Da in dieser Zeit weitere Freundschaften zu einheimischen Komorern entstanden, fasste man den Entschluss, ein Filmprojekt über den geteilten Archipel zu realisieren. Ein Haupterzählstrang dreht sich um die Fluchtversuche der Komorer nach Mayotte. Tagtäglich wagen Dutzende von Inselbewohnern in Geheimbooten, den so genannten „kwassa kwassa“, die Überfahrt auf die 70 Kilometer entfernte Nachbarinsel.

Denjenigen, denen die kostspielige Überfahrt gelingt, werden oftmals von der Gendarmerie des französischen Übersee-Departements zurückgeschickt. Des einen Leid ist des anderen Freud: Im Interview mit den beiden Filmemacherinnen erzählt ein Bootsbauer von seinem florierenden Geschäft mit den „kwassa kwassa“. Der Bootsbau schafft Arbeitsplätze für die wirtschaftlich benachteiligte Insel; die Nachfrage danach ist steigend. Menschenschmuggler, die von der Gendarmerie auf Mayotte aufgegriffen werden, bekommen ihre Boot konfisziert. Jeder Menschenschmuggler, der nach Anjouan ausgewiesen wird, muss wieder ein neues Boot in Auftrag geben, damit er wieder in seinen alten Beruf einsteigen kann.

Das Geschäft mit der menschlichen Schmuggelware ist den Behörden im französischen Insel-Departement bekannt. Menschenschmuggler aus Anjouan behaupten sogar, dass Beamte auf Mayotte sich schmieren lassen, damit der eine oder andere „kwassa-kwassa“-Kapitän samt seiner Fracht nicht am Ufer der gelobten Insel gefasst wird. Die riskante Reise über den Indischen Ozean ist für viele allerdings oftmals die einzige Möglichkeit, um zu überleben. Sind die Ärzte auf Anjouan mit ihrem medizinischen Latein am Ende, so werden Patienten auf dem Seeweg heimlich auf die Nachbarinsel zu den dort ansässigen Medizinern gebracht.

Investition in die Heimat der Vorfahren

Komorer, die es nicht nur bis ins Wirtschaftszentrum Mayotte schaffen, haben sich in Europa – vor allem in Frankreich – niedergelassen. Heute geht man davon aus, dass mehr oder weniger ein Viertel der komorischen Bevölkerung außerhalb des Archipels lebt. Die französische Hafenstadt Marseille ist sozusagen die komorische Hauptstadt auf dem europäischen Festland.

Nach alter komorischer Tradition müssen die Komorer den Bund fürs Leben in einer feierlichen Zeremonie besiegeln. Die Zelebrierung des „Grand-Mariage“ ist eine groß angelegte Veranstaltung, für die die Exil-Komorer, die „Je viens“, in ihre Heimat zurückkehren. Für die auf der Insel Zurückgebliebenen stellen solche Feierlichkeiten, die mehrere Tausend Euros kosten, eine Haupteinnahmequelle dar. Darüber hinaus tragen die regelmäßigen Überweisungen der ausgewanderten Komorer an die Verwandten in der alten Heimat zum Bruttoinlandsprodukt des Inselstaates bei.

Viele der „Je viens“, so beide Regisseurinnen anlässlich der Publikumsdiskussion, die nach der Projektion der Dokumentation stattfand, würden Geld in kulturelle Projekte stecken. Erst langsam würden junge Paare sich finanziell an großen gemeinnützigen Projekten u.a. auf Grande Comore beteiligen. Die europäisierten Komorer tragen mittels ihrer finanziellen Geldspritzen zum Fortbestehen der Kultur ihrer Vorfahren bei; sie kommen jedoch auch zur Erkenntnis, dass bei ihrer Rückkehr nichts mehr so ist, wie es bei ihrem Abschied einmal war.

Die sehenswerte Dokumentation der beiden Regisseurinnen Charlotte Bruneau und Catherine Wurth wird momentan nicht im regulären Kinoprogramm gezeigt. Beide Regisseurinnen möchten den knapp 55 Minuten dauernden, von der Féierblumm a.s.b.l. produzierten Streifen demnächst auf Festivals in Frankreich und Deutschland zeigen. › pav

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