Mar 02 2011

Kleines Zimmer, großes Kino

Published by at 12:13 under Articles,Deutsch

SOURCE: http://www.journal.lu/2011/02/25/kleines-zimmer-groses-kino/

An diesem Film muss man eines loben: er ist ein Kunstwerk. Diesem Film kann man aber auch etwas vorwerfen: er ist ein Kunstwerk. Dass diese Tatsache Vor- und Nachteil zugleich ist, hängt mit dem alltagsnahen Inhalt zusammen, dem die kunstreiche äußere Form einerseits zu einer symbolhaft überhöhten Bedeutung verhilft, zu dem sie aber schlussendlich eine Distanz aufbaut, die die Geschichte als „konstruiert“ erscheinen lässt.

Der Inhalt ist rasch erzählt: ein einsamer, alter Mann lehnt die täglichen Visiten einer Krankenschwester im häuslichen Pflegedienst so lange bärbeißig ab, bis ihn ein Unfall in die vorübergehende Abhängigkeit von medizinischer Versorgung zwingt. In dieser höchst unwillkommenen Situation persönlicher Schwäche behandelt ihn ausgerechnet die zurückgestoßene Helferin als vollwertigen Menschen und hilft ihm, seine Autonomie zu bewahren – auch wenn diese nun das Eingeständnis der eigenen, schwindenden Selbstständigkeit beinhaltet.

Die gemeinsam organiserte Flucht aus dem Pflegeheim ändert alles, doch in dem Maße, wie Edmonds (Michel Bouquet) Weg sich dem Tod entgegenneigt, vermag dieser es, seiner gar nicht so unbeschwerten jungen Helferin Rose (Florence Loiret Caille) den nötigen Aufschwung zurückzugeben, der diese dem Leben in seiner vollen Bedeutung wieder näherbringt.

Philosophische Essenzin kunstreichem Gewand

Das klingt philosophisch und ist es auch – ohne abgehoben zu wirken. Dafür sorgt die wundervoll nuancierte Arbeit der beiden Hauptdarsteller ebenso wie die Kameraführung, die es mit bald ruhigen Totalen, bald mit beweglichen Steaycams schafft, einen unaufgeregt pseudodokumentarischen Zug in die Geschichte zu bringen. Erst ganz am Ende der Reise, die der Zuschauer mit den Protagonisten unternimmt, wirkt der Umgang mit der Fülle filmischer Erzählmittel etwas forciert. Das ist schade, denn gerade die literarisch überaus gelungene Schlusszene, die die Geschichte auch emotional „rund“ macht, lässt den Zuschauer insofern irritiert zurück, als er viel Phantasie aufwenden muss, um sich die abschließende Wendung als halbwegs plausibel zu erklären. Die Problematik des Alterns samt Kampf um Selbstbestimmung trotz körperlich-geistigen Verfalls erhält so einen etwas bemüht wirkenden versöhnlichen Abschluss.

Ein schweres Thema, weiß auch Koproduzent Nicolas Steil (IRIS Group). Angesichts des im Ausland gemischten Publikumszuspruchs (48.000 Besucher in der Schweiz während der Startwoche, großer Zuspruch während der Berlinale, aber deutliche Zurückhaltung an den deutschen Kinokassen, in Frankreich trotz 45 landesweit verteilter Kopien noch ausbaufähige Boxoffice-Zahlen) hofft er, dass das Luxemburger Publikum dennoch den Weg ins Utopolis auf Kirchberg finden wird.

„Wir hatten bei allen Besuchern des Films nie das Problem negativen Feedbacks“, sagt Steil. „Im Gegenteil: alle, die den Film gesehen haben, waren hinterher voll des Lobes. Das Problem ist eher, die Leute erst mal reinzukriegen.“ Dabei war das Team sich von Anfang an bewusst, dass die Fans des Autorenkinos fast durchweg selbst „Silver Agers“ sind, doch ob gerade diese Generation sich dann – „noch dazu bei eher trübem Wetter“, zweifelt Steil – mit der Thematik des Alterns auseinandersetzen will, bleibt abzuwarten.

Zumindest ein wahrhaft großer, alter Mann hat sich auf Anhieb in die kunstvoll gesponnene Geschichte um die schlichten Wahrheiten des Lebens verliebt: Michel Bouquet. Der Mime war von Anfang an begeistert von dem Drehbuch der beiden Schweizer Theaterregisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, die mit „La Petite Chambre“ ihr erstes abendfüllendes Filmprojekt vorlegten und selbst inszenierten. Kein Wunder, denn das Originaldrehbuch des Autorinnen-Duos könnte auch in Prosaform – als Kurzgeschichte oder Roman – jeden Literaturwettbewerb gewinnen, so kunstreich verwebt es Lebenslinien und struktriert deren Gewebe durch wiederkehrende, sich entwickelnde Motive von hoher Symbolkraft.

Im Zentrum dieses versierten Spiels steht das titelgebende kleine Zimmer selbst – ein allzu lange unbenutzter Raum, der als Kinderzimmer für Roses Baby vorgesehen war. Doch dieses kam tot zur Welt – ein Einschnitt im Leben der Mutter, von dem an diese nur noch als Hülle weiterlebte bzw. funktionierte. Es bleibt Edmond überlassen, die Leere dieses Raums mit Leben zu füllen, bis auch Rose und ihr Mann (Eric Caravaca) die Leerstelle in ihrem Leben füllen können. An diesem Punkt hat Edmond seine eigene Lebensmission erfüllt… Ein liebevoll-melancholischer Kunstfilm, dem viele Zuschauer jeden Alters zu wünschen sind. › may

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SOURCE: http://www.journal.lu/2011/02/25/kleines-zimmer-groses-kino/

An diesem Film muss man eines loben: er ist ein Kunstwerk. Diesem Film kann man aber auch etwas vorwerfen: er ist ein Kunstwerk. Dass diese Tatsache Vor- und Nachteil zugleich ist, hängt mit dem alltagsnahen Inhalt zusammen, dem die kunstreiche äußere Form einerseits zu einer symbolhaft überhöhten Bedeutung verhilft, zu dem sie aber schlussendlich eine Distanz aufbaut, die die Geschichte als „konstruiert“ erscheinen lässt.

Der Inhalt ist rasch erzählt: ein einsamer, alter Mann lehnt die täglichen Visiten einer Krankenschwester im häuslichen Pflegedienst so lange bärbeißig ab, bis ihn ein Unfall in die vorübergehende Abhängigkeit von medizinischer Versorgung zwingt. In dieser höchst unwillkommenen Situation persönlicher Schwäche behandelt ihn ausgerechnet die zurückgestoßene Helferin als vollwertigen Menschen und hilft ihm, seine Autonomie zu bewahren – auch wenn diese nun das Eingeständnis der eigenen, schwindenden Selbstständigkeit beinhaltet.

Die gemeinsam organiserte Flucht aus dem Pflegeheim ändert alles, doch in dem Maße, wie Edmonds (Michel Bouquet) Weg sich dem Tod entgegenneigt, vermag dieser es, seiner gar nicht so unbeschwerten jungen Helferin Rose (Florence Loiret Caille) den nötigen Aufschwung zurückzugeben, der diese dem Leben in seiner vollen Bedeutung wieder näherbringt.

Philosophische Essenzin kunstreichem Gewand

Das klingt philosophisch und ist es auch – ohne abgehoben zu wirken. Dafür sorgt die wundervoll nuancierte Arbeit der beiden Hauptdarsteller ebenso wie die Kameraführung, die es mit bald ruhigen Totalen, bald mit beweglichen Steaycams schafft, einen unaufgeregt pseudodokumentarischen Zug in die Geschichte zu bringen. Erst ganz am Ende der Reise, die der Zuschauer mit den Protagonisten unternimmt, wirkt der Umgang mit der Fülle filmischer Erzählmittel etwas forciert. Das ist schade, denn gerade die literarisch überaus gelungene Schlusszene, die die Geschichte auch emotional „rund“ macht, lässt den Zuschauer insofern irritiert zurück, als er viel Phantasie aufwenden muss, um sich die abschließende Wendung als halbwegs plausibel zu erklären. Die Problematik des Alterns samt Kampf um Selbstbestimmung trotz körperlich-geistigen Verfalls erhält so einen etwas bemüht wirkenden versöhnlichen Abschluss.

Ein schweres Thema, weiß auch Koproduzent Nicolas Steil (IRIS Group). Angesichts des im Ausland gemischten Publikumszuspruchs (48.000 Besucher in der Schweiz während der Startwoche, großer Zuspruch während der Berlinale, aber deutliche Zurückhaltung an den deutschen Kinokassen, in Frankreich trotz 45 landesweit verteilter Kopien noch ausbaufähige Boxoffice-Zahlen) hofft er, dass das Luxemburger Publikum dennoch den Weg ins Utopolis auf Kirchberg finden wird.

„Wir hatten bei allen Besuchern des Films nie das Problem negativen Feedbacks“, sagt Steil. „Im Gegenteil: alle, die den Film gesehen haben, waren hinterher voll des Lobes. Das Problem ist eher, die Leute erst mal reinzukriegen.“ Dabei war das Team sich von Anfang an bewusst, dass die Fans des Autorenkinos fast durchweg selbst „Silver Agers“ sind, doch ob gerade diese Generation sich dann – „noch dazu bei eher trübem Wetter“, zweifelt Steil – mit der Thematik des Alterns auseinandersetzen will, bleibt abzuwarten.

Zumindest ein wahrhaft großer, alter Mann hat sich auf Anhieb in die kunstvoll gesponnene Geschichte um die schlichten Wahrheiten des Lebens verliebt: Michel Bouquet. Der Mime war von Anfang an begeistert von dem Drehbuch der beiden Schweizer Theaterregisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, die mit „La Petite Chambre“ ihr erstes abendfüllendes Filmprojekt vorlegten und selbst inszenierten. Kein Wunder, denn das Originaldrehbuch des Autorinnen-Duos könnte auch in Prosaform – als Kurzgeschichte oder Roman – jeden Literaturwettbewerb gewinnen, so kunstreich verwebt es Lebenslinien und struktriert deren Gewebe durch wiederkehrende, sich entwickelnde Motive von hoher Symbolkraft.

Im Zentrum dieses versierten Spiels steht das titelgebende kleine Zimmer selbst – ein allzu lange unbenutzter Raum, der als Kinderzimmer für Roses Baby vorgesehen war. Doch dieses kam tot zur Welt – ein Einschnitt im Leben der Mutter, von dem an diese nur noch als Hülle weiterlebte bzw. funktionierte. Es bleibt Edmond überlassen, die Leere dieses Raums mit Leben zu füllen, bis auch Rose und ihr Mann (Eric Caravaca) die Leerstelle in ihrem Leben füllen können. An diesem Punkt hat Edmond seine eigene Lebensmission erfüllt… Ein liebevoll-melancholischer Kunstfilm, dem viele Zuschauer jeden Alters zu wünschen sind. › may

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