Sep 22 2011

(M)Ein kleines, grünes Fleckchen Glück

Published by at 01:41 under Articles,Deutsch

SOURCE: http://www.wort.lu

Bereiste er noch vor kurzem die Welt für „Mir wëllen net bleiwen“, sein Gemeinschaftsprojekt mit dem RTL-Journalisten Pascal Becker, so wagte sich der junge Luxemburger Filmemacher Yann Tonnar in der heute in den Kinos anlaufenden Dokumentation in einen nicht minder faszinierenden Mikrokosmos vor: die Schrebergartenvereine im Süden des Landes, wo zahlreiche Luxemburger und Zuwanderer ihr kleines Fleckchen Glück suchen, und scheinbar auch durchaus finden. Auf zu einer spannenden, wenngleich etwas zu idyllischen Expedition ins Grün der roten Erde …

Leider allzu selten gibt es in den Luxemburger Kinos Dokumentarfilme zu entdecken. Dabei steht dieses Genre dem des Spielfilms mit Sicherheit in nichts nach. Im Gegenteil, es lässt erahnen, was solch unterschiedlichen Werke wie Christian Freis „War Photographer“, Hubert Saupers „Darwin’s Nightmare“ oder „Pianomania“ von Robert Cibis und Lilian Franck, eindrucksvoll beweisen: Die spannendsten Geschichten schreibt nach wie vor das Leben selbst.

Geschärfter Blick

Dabei muss dieses offene Fenster auf die Welt den Zuschauer nicht einmal in ferne Länder entführen oder scheinbar extreme Situationen tauchen. Auch vor der eigenen Haustür findet sich Spannendes, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Dazu bedarf es aber erst einmal eines Regisseurs mit geschärftem Blick für dieses gewisse „Etwas“ und dem notwendigen, filmsprachlichen Talent, das Erzählte schlüssig in Szene zu setzen. Letztere Eigenschaften hat der junge Luxemburger Filmemacher Yann Tonnar, Jahrgang 1975, mit seinen beiden ersten Dokumentationen „Weilerbach“ (2008) und „Mir wëllen net bleiwen“ (2010) bereits anklingen lassen.

Frei nach dem „Aller guten Dinge sind drei“-Motto präsentiert sich dann auch sein drittes Werk, „Schrebergaart“ – wobei man das erste „a“ eigentlich geografisch bedingt freilich ebenso durch ein „o“ ersetzen könnte – als überraschend abwechslungsreicher, wenngleich etwas zu lauschiger Film.

Vielschichtigkeit

Hinter dem vermeintlich unbekümmerten Freizeitthema des Gartens verbirgt sich eine überaus komplexe Fragestellung, deren Vielschichtigkeit Tonnar gewandt herauszuarbeiten vermag. Denn über eine simple, humorvolle Expedition in ein skurriles Universum hinaus, erzählt der Regisseur gleich mehrere Geschichten: die der Industrialisierung von Luxemburgs Süden und den durch den nachfolgenden Immigrationsaspekt herbeigeführten, demografischen Wandel; die europäischer Völker mitsamt ihren Sitten und Eigenarten, und letztlich neben der neuzeitlichen Geschichte Europas, ebenso die ganz unterschiedlicher Menschen und ihrer individuellen Lebenswege, die sich plötzlich in der genau parzellierten und reglementierten Welt der Schrebergartenvereine kreuzen.

Im Rhythmus der Jahreszeiten begleitet die Kamera von Olivier Koos die engagierten Hobbygärtner, und verleitet sie gar zu ganz privaten Geständnissen über sich selbst, die Gartenkunst, ebenso wie Gott und die Welt. Tonnar gelingt es nuanciert, was uns trennt mit dem, was uns verbindet, gleichberechtigt darzustellen.

Dennoch dürfte man an dieser Stelle zuweilen eine differenziertere Sicht des schöngemalten Mikrokosmos vermissen: Zu sehr dominiert die märchenhafte Allegorie des verlorenen und am Rande der großen Stadt wieder erschaffenen Paradieses, und versperrt so „Schrebergaart“ den Weg zur gewichtigen, gesellschaftskritischen Dokumentation. Trotzdem, mehr noch als Vorurteile abzubauen, dürfte der Film fast schon Lust machen, mehr über den Nachbarn zu erfahren, und über den eigenen Gartenzaun, sprich Tellerrand, zu blicken.

Luxemburgisch, Französisch, Portugiesisch und Serbo-Kroatisch

Der Sprachenmix – Luxemburgisch, Französisch, Portugiesisch und Serbo-Kroatisch – kommt hierbei stimmigerweise wie ein Spiegelbild des neuen, multikulturellen Großherzogtums daher. Auch was seine Tonspur anbelangt, so lotst Tonnar sein Publikum – ohne Kommentar, nur dank beherrschter Bildsprache – ganz diskret und dementsprechend geschickt in die von ihm gewünschte Richtung. Denn die Geräuschkulisse beschränkt sich nicht auf den zu erwartenden, Lärm erfüllten Industriehintergrund der Minette, sondern kommt regelrecht idyllisch als (fast) ständiges Vogelgezwitscher daher.

Die verspielt anmutende Musik von Serge Tonnar, seines Zeichens „Legotrip“-Frontmann und älterer Bruder des Regisseurs der bereits die Musik zu seinen beiden ersten Dokumentationen beisteuerte, verstärkt diese Leichtigkeit.

Einziger inhaltlicher, kleiner Wermutstropfen ist das Miteinflechten der Lebensgeschichte des Philosophie bewandten Obdachlosen. Man versteht zwar durchaus, dass Tonnar der faszinierenden Persönlichkeit ihren gebührenden Platz im Film einräumen wollte, doch gleichzeitig bleibt man etwas „sur sa faim“, da er eigentlich ebenso eine eigene Dokumentation verdient hätte. Dennoch ist „Schrebergaart“ ein sehenswerter Film, der Anspruch und Unterhaltung unter einen Hut zu bringen vermag.

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Bereiste er noch vor kurzem die Welt für „Mir wëllen net bleiwen“, sein Gemeinschaftsprojekt mit dem RTL-Journalisten Pascal Becker, so wagte sich der junge Luxemburger Filmemacher Yann Tonnar in der heute in den Kinos anlaufenden Dokumentation in einen nicht minder faszinierenden Mikrokosmos vor: die Schrebergartenvereine im Süden des Landes, wo zahlreiche Luxemburger und Zuwanderer ihr kleines Fleckchen Glück suchen, und scheinbar auch durchaus finden. Auf zu einer spannenden, wenngleich etwas zu idyllischen Expedition ins Grün der roten Erde …

Leider allzu selten gibt es in den Luxemburger Kinos Dokumentarfilme zu entdecken. Dabei steht dieses Genre dem des Spielfilms mit Sicherheit in nichts nach. Im Gegenteil, es lässt erahnen, was solch unterschiedlichen Werke wie Christian Freis „War Photographer“, Hubert Saupers „Darwin’s Nightmare“ oder „Pianomania“ von Robert Cibis und Lilian Franck, eindrucksvoll beweisen: Die spannendsten Geschichten schreibt nach wie vor das Leben selbst.

Geschärfter Blick

Dabei muss dieses offene Fenster auf die Welt den Zuschauer nicht einmal in ferne Länder entführen oder scheinbar extreme Situationen tauchen. Auch vor der eigenen Haustür findet sich Spannendes, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Dazu bedarf es aber erst einmal eines Regisseurs mit geschärftem Blick für dieses gewisse „Etwas“ und dem notwendigen, filmsprachlichen Talent, das Erzählte schlüssig in Szene zu setzen. Letztere Eigenschaften hat der junge Luxemburger Filmemacher Yann Tonnar, Jahrgang 1975, mit seinen beiden ersten Dokumentationen „Weilerbach“ (2008) und „Mir wëllen net bleiwen“ (2010) bereits anklingen lassen.

Frei nach dem „Aller guten Dinge sind drei“-Motto präsentiert sich dann auch sein drittes Werk, „Schrebergaart“ – wobei man das erste „a“ eigentlich geografisch bedingt freilich ebenso durch ein „o“ ersetzen könnte – als überraschend abwechslungsreicher, wenngleich etwas zu lauschiger Film.

Vielschichtigkeit

Hinter dem vermeintlich unbekümmerten Freizeitthema des Gartens verbirgt sich eine überaus komplexe Fragestellung, deren Vielschichtigkeit Tonnar gewandt herauszuarbeiten vermag. Denn über eine simple, humorvolle Expedition in ein skurriles Universum hinaus, erzählt der Regisseur gleich mehrere Geschichten: die der Industrialisierung von Luxemburgs Süden und den durch den nachfolgenden Immigrationsaspekt herbeigeführten, demografischen Wandel; die europäischer Völker mitsamt ihren Sitten und Eigenarten, und letztlich neben der neuzeitlichen Geschichte Europas, ebenso die ganz unterschiedlicher Menschen und ihrer individuellen Lebenswege, die sich plötzlich in der genau parzellierten und reglementierten Welt der Schrebergartenvereine kreuzen.

Im Rhythmus der Jahreszeiten begleitet die Kamera von Olivier Koos die engagierten Hobbygärtner, und verleitet sie gar zu ganz privaten Geständnissen über sich selbst, die Gartenkunst, ebenso wie Gott und die Welt. Tonnar gelingt es nuanciert, was uns trennt mit dem, was uns verbindet, gleichberechtigt darzustellen.

Dennoch dürfte man an dieser Stelle zuweilen eine differenziertere Sicht des schöngemalten Mikrokosmos vermissen: Zu sehr dominiert die märchenhafte Allegorie des verlorenen und am Rande der großen Stadt wieder erschaffenen Paradieses, und versperrt so „Schrebergaart“ den Weg zur gewichtigen, gesellschaftskritischen Dokumentation. Trotzdem, mehr noch als Vorurteile abzubauen, dürfte der Film fast schon Lust machen, mehr über den Nachbarn zu erfahren, und über den eigenen Gartenzaun, sprich Tellerrand, zu blicken.

Luxemburgisch, Französisch, Portugiesisch und Serbo-Kroatisch

Der Sprachenmix – Luxemburgisch, Französisch, Portugiesisch und Serbo-Kroatisch – kommt hierbei stimmigerweise wie ein Spiegelbild des neuen, multikulturellen Großherzogtums daher. Auch was seine Tonspur anbelangt, so lotst Tonnar sein Publikum – ohne Kommentar, nur dank beherrschter Bildsprache – ganz diskret und dementsprechend geschickt in die von ihm gewünschte Richtung. Denn die Geräuschkulisse beschränkt sich nicht auf den zu erwartenden, Lärm erfüllten Industriehintergrund der Minette, sondern kommt regelrecht idyllisch als (fast) ständiges Vogelgezwitscher daher.

Die verspielt anmutende Musik von Serge Tonnar, seines Zeichens „Legotrip“-Frontmann und älterer Bruder des Regisseurs der bereits die Musik zu seinen beiden ersten Dokumentationen beisteuerte, verstärkt diese Leichtigkeit.

Einziger inhaltlicher, kleiner Wermutstropfen ist das Miteinflechten der Lebensgeschichte des Philosophie bewandten Obdachlosen. Man versteht zwar durchaus, dass Tonnar der faszinierenden Persönlichkeit ihren gebührenden Platz im Film einräumen wollte, doch gleichzeitig bleibt man etwas „sur sa faim“, da er eigentlich ebenso eine eigene Dokumentation verdient hätte. Dennoch ist „Schrebergaart“ ein sehenswerter Film, der Anspruch und Unterhaltung unter einen Hut zu bringen vermag.

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