Dec 05 2010

Reviews: House of Boys

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Some more House of Boys reviews:

http://www.playerweb.de/kino/house_of_boys
http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=11022
http://www.cineclub.de/filmarchiv/kritik.php?id=1366
http://www.nordsee-zeitung.de/Home/Nachrichten/Startseite/diid,4_tsArID,240375_regid,1_puid,1_pageid,52.html
http://www.programmkino.de/cms/links.php?link=1429
http://www.little-devil.com/blog/2010/11/22/filmkritik-house-of-boys/

House of Boys
Das Leben war bunt und beschwingt in den 1980er-Jahren, voller glitzernder Möglichkeiten – zumindest, wenn man jung und dem spießigen Elternhaus entronnen war. So zeichnet Jean-Claude Schlim am Anfang das Bild einer Epoche, fast schon bonbonfarben und musikalisch mitreißend im Sound der Zeit, von Jimmy Sommerville bis zu Soft Cell. Sein Held, der 17-jährige homosexuelle Frank, verlässt die biedere Luxemburger Heimat und landet in Amsterdam, in einem „House of Boys“ – einem Bordell, in dem männliche Prostituierte arbeiten. Frank reizt an dem Etablissement vor allem die kleine Bühne, auf der die Mitarbeiter kitschig-erotische Varieté-Nummern in Fantasiekostümen darbieten. Seine Karriere beginnt freilich zunächst hinter der Bar. Chefin im „House of Boys“ ist die exzentrische Drag-Queen „Madame“, neben ihr gibt es als sanftes Pendant zur gestrengen Hand noch Emma, die gute Seele und einzige Frau im Haus. Frank verliebt sich in „das beste Pferd im Stall“, den bisexuellen Jake, der allerdings eine Geliebte hat.
In annähernd den ersten zwei Dritteln des Films regiert das schillernde Bild eines Jahrzehnts und einer Subkultur, die unbeschwert feiert und sich sexuell austobt: Die Bedrohung der noch unbekannten Krankheit, der so verschrienen „Schwulenseuche“, ist weit weg, in Amerika. Die fünf jungen Männer, die im Bordell arbeiten, scheinen paradigmatisch für einen Querschnitt durch die Szene zu stehen. Es gibt neben Frank und Jake noch Angelo, einen Transvestiten, der auf seine Geschlechtsumwandlung spart, und Dean, einen Punk, der nachts Graffitis sprüht, außerdem den sensiblen Herman, der unter seinem gewalttätigen Vater leidet und bald von Frank ersetzt wird. Die jungen Darsteller, insbesondere Benn Northover als Jake, spielen gut und mit Leidenschaft. Der Film beginnt mit einer Tanzszene, kurz darauf wird Frank als „König der Tanzfläche“ eingeführt. Die Revuenummern im Club sind eigenständige lange Sequenzen, die an Choreografien wie in „Priscilla – Königin der Wüste“ (fd 31 053) denken lassen; so wird der erste Teil des Films zum gut gelaunten Coming-of-Age-Musical mit einigen, eher komödiantisch gefärbten Liebeswirren. Während die Tanz- und Singszenen und das kommunenähnliche Zusammenleben schwungvoll inszeniert sind, überträgt sich der Rhythmus nicht auf die Spielhandlung. Die Liebesgeschichte zwischen Frank und Jake transportiert sich nicht so recht und wird etwas zerfasert im Bemühen, die anderen Stränge, Charaktere, Rückblenden zu erzählen. Es gibt einige leicht irreführende, fast pornografische Szenen; die Dialoge sind mitunter simpel. Insgesamt führt das zu Längen. Abrupt wechselt danach die Stimmung: Bei Jake wird AIDS diagnostiziert. Ein amerikanischer Kunde hat ihn angesteckt.
Mitte der 1990er-Jahre gab es viele Filme, die sich mit der Immunschwäche beschäftigten, etwa den ersten Hollywood-Film zum Thema, „Philadelphia“ (fd 30 662), den Schweizer Film „Ausgerechnet Zoé“ oder Larry Clarks „Kids“ (fd 31 598). Gleichzeitig wurden in Westeuropa die wirksamen antiretroviralen Kombinationstherapien eingeführt. Das Thema verschwand weitgehend von der Bildfläche, was wohl zu einer neuen Sorglosigkeit beitrug. Die Infektionszahlen sind in den vergangenen Jahren auch in Westeuropa wieder angestiegen. Ab 2000 gab es nur noch wenige Filme, die sich mit der Pandemie auseinander setzten; eine der wenigen Ausnahmen war Almut Gettos „Fickende Fische“ (fd 35 542). Fünf Jahre lang kämpfte Jean-Claude Schlim für die Finanzierung seines Films; nun ist „House of Boys“ sein Langfilmdebüt als Regisseur und Autor. Den Verlauf der Krankheit zeigt er ungeschönt. Der Stimmungswechsel wird auch farbdramaturgisch sehr deutlich. Wo vorher satte, leuchtende Farben dominierten, herrscht nun das fahle Grün der Krankenhausflure vor. Es ist Winter und dunkel.
Julia Teichmann – http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=11022
*******

Trotz aller gesellschaftlichen Entwicklungen, trotz zunehmender Liberalisierung haben es Filme über Homosexualität im Kino immer noch schwer. Abseits von einschlägigen Festivals spielen schwule Figuren im Mainstreamkino meist höchstens Nebenrollen und selbst im Arthouse-Bereich hat man bisweilen den Eindruck, dass das Thema wenn überhaupt nur mit allzu viel selbstauferlegter Zurückhaltung behandelt wird. Trotz mancher Schwächen ist das Regiedebüt des Luxemburgers Jean-Claude Schlim eine willkommene Abwechslung. Zwar taucht auch seine Anfang/ Mitte der 80er Jahre spielende Geschichte tief in die schwule Subkultur ab, in der es von grellen Figuren, campigen, überkandidelten Transvestiten und Musicaleinlagen nur so wimmelt, doch „House of Boys“ verkommt nie zur Klischee überfrachteten Parodie. Im Zentrum steht die ergreifende Liebesgeschichte zwischen dem jungen Frank und dessen erster großen Liebe Jack.

In seiner luxemburgischen Heimat fühlt sich der 17jährige Frank auf Grund seiner sich gerade eingestandenen Homosexualität zunehmend den Attacken seiner Mitschüler und auch seiner Eltern ausgesetzt. Kurz entschlossen nimmt er Reißaus und landet im weltoffenen, liberalen Amsterdam, wo er schnell im titelgebenden House of Boys landet, das von „Madame“ geleitet wird, gespielt von Udo Kier in einer kleinen Gastrolle. In diesem Establishment vergnügt sich die schwule Szene Amsterdams, hübsche, junge Männer tanzen zu Disco-Klängen und verbreiten mit melancholischen Karaoke-Nummern die passende Atmosphäre. Denn zu diesem Zeitpunkt beginnt eine Krankheit die Szene zu beherrschen, die anfangs noch als „Schwuler Krebs“ bezeichnet wird und als Anlass für weitere Diskriminierung benutzt wird: AIDS. Auch Jack, ein bisexueller Mann, in den sich Frank bald verliebt, infiziert sich mit dem Virus und siecht langsam dahin.

Oft wurde der qualvolle Tod als Folge der AIDS-Infizierung noch nicht auf der Leinwand gezeigt und fast nie so drastisch und gleichzeitig ergreifend wie hier. Von einer verkitschten Hollywood-Darstellung a la „Philadelphia“ ist das sehr weit entfernt, was man auch von den sehr graphischen Sexszenen sagen kann. Doch bei aller Offenheit, bei aller ungeschminkten Darstellung des schwulen Lebens in all seinen Facetten schafft es „House of Boys“ mehr zu sein als „nur“ ein Film über die Schwulenszene. Denn in erster Linie ist es ein Film über das Coming-of-age eines jungen Mannes, eine Geschichte über Freundschaft, Emotionen und die erste große, in diesem Fall besonders tragisch verlaufende erste große Liebe. Ein sehenswerter, melancholisch-schöner Film, dem man mehr als ein Nischenpublikum wünschen würde.

Michael Meyns

Frank hat starke homoerotische Neigungen, was seinem Vater gar nicht passt. Also reißt er von zuhause aus und landet in einer Art Varieté, wo Männer sich ein Stelldichein geben, dem „House of Boys“. Geleitet wird das Haus von einem Mann, der sich „Mama“ nennen lässt.

Frank trifft dort auf die verschiedensten Typen, einer schräger und homosexueller als der andere. Einer von ihnen, Jake, ist zwar heterosexuell, steht aber der „Mama“ zu Diensten, um Geld zusammenzusparen, denn er will mit seiner Freundin abhauen.

Die Truppe führt dem rein männlichen Publikum allabendlich erotische Tänze vor – die übrigens einen großen Teil des Films ausmachen.

Die Freundin Jakes verlässt diesen nach einer Abtreibung. Und dann geschieht es, dass Frank und Jake Freunde werden, sich verlieben.

Da wird Jake krank. Es sind die 80er Jahre. Aids ist ausgebrochen. Jake ist betroffen.

Der Film, in seinen beiden ersten Kapiteln dahinplätschernd und schlüpfrig, wird todernst. Medikamente gegen den Virus sind noch nicht entwickelt, bei Jake wird die Krankheit mit allen üblen Symptomen voll sichtbar. Er geht daran elend zugrunde.

Immerhin kann der Film bei einigem Negativen, das er auch aufweist, in seinem letzten Teil vielleicht dazu beitragen, dass der Leichtsinn, der bei manchen gegenüber der tödlichen Krankheit noch herrscht, aufgegeben wird.

Das ist umso notwendiger und dringender, als der Nachspann sachlich berichtet, wie viele Millionen Menschen mit Aids infiziert sind und wie viele Tausende, ja Hunderttausende jährlich daran sterben.

Vielleicht ist dieses Anliegen im besten Falle sogar der Grund dafür, warum „House of Boys“ überhaupt gedreht wurde.

Thomas Engel
*******
House Of Boys
Leidenschaftlicher Brückenschlag von leichthändiger Milieuskizze zum großen Liebesdrama
Es gibt Filme, denen steht der Titel zunächst so ein bißchen im Wege. Bei diesem hier zum Beispiel vermutet man doch eher etwas schlüpfrige, auf die kalkulierbaren Sehgewohnheiten des durchschnittlichen Schwulenpornokonsumenten zugeschnittene Konfektionsware – und wird überrascht. HOUSE OF BOYS ist ein richtiger Film, der weit ausholt, ein gewaltiges Rad vom Einblick in eine Subkultur zum ganz großen Drama schlägt und am Ende dem Zuschauer das Herz aufwühlt, der zu knalligem 80s-Soundtrack schwül-schrill-burlesque Elemente mit einer Wagenladung Gefühl vermischt. Und ja, das funktioniert! Und ja, das muß man sich erst einmal trauen!

Jean-Claude Schlim lockt zunächst auf die falsche Fährte, als er den semmelblonden Jungen Frank im Jahre 1984 gegen alle Konventionen sein schwules Coming Out ausleben und der Provinz den Rücken kehren läßt. Zuhause war es eh kaum auszuhalten mit den konservativen Eltern und diesem heimlichen Masturbieren unter Wham!-Postern. Er mußte raus, und so landet er – vermutet man zunächst – auf der schiefen Bahn, als er in Amsterdam in einem Club anheuert, der „House Of Boys“ heißt, wozu man nicht viel erklären muß. Aber: Frank arbeitet sich vom Barmann zum Vortänzer hoch – und verliebt sich. In Jake. Zum Mißfallen von Madame. Ihr geht es allein ums Geschäft, und das hat eben mehr mit Illusionen als wahrer Liebe zu tun.

Doch Frank und Jake werden ein Paar, eine leidenschaftliche Beziehung nimmt ihren Lauf, aber auch eine schwierige. Jake verkauft seinen Körper an solvente Herren, versteht sich selbst aber bisher als Hetero. Nun gut, daran kann man arbeiten … Jedoch schlägt das Leben den beiden Jungs dann so richtig fies ins Gesicht: Jake hat Aids. Und hier gelingt Schlim das Kunststück, eine leichthändig hingetupfte Milieuskizze zum ganz großen Liebesdrama und austarierten Zeitporträt zu vollenden. Schlim verläßt die Clubs, die Drogen, die Welt von bunten Pillen und billigen Ficks auf dreckigen Klos, er unterzieht Frank der vielleicht größten Prüfung eines Lebens – dem sterbenden Geliebten zur Seite zu stehen. Und da verwandelt sich der Junge: Aus dem süßen Schweighöfer-Look-A-Like wird ein ernsthafter, vom Leben geprüfter Mann, der seinen Platz, seine große Liebe gefunden hat – und dazu gehört es einfach, daß man in der schwersten Stunde am Bett des Freundes weilt. Diese Figurenzeichnung gelingt Schlim glaubwürdig, überhaupt hat er ein Händchen, Jake und Frank interessante, skurrile und teils abenteuerlich aufgemotzte Nebencharakteren zur Seite zu stellen. Allen voran natürlich Madame, von Udo Kier gegeben, der so richtig aufs Gas drücken darf – mal in einer Klaus-Nomi-Performance, dann als die Knef mit roten Rosen und generell mit allem, was Glamour so braucht. Der Milchbubi Angelo wäre noch zu erwähnen, der das im „House Of Boys“ verdiente Geld in eine Geschlechtsumwandlung steckt – jeder sucht sein Kätzchen in diesem Blick auf das Ende eines Easy Going.

Faszinierend an HOUSE OF BOYS ist genau dieser campe Mix aus schrillem Tamtam, Popperparties und den auch zahlreichen Heulmomenten. Gerade zu solchen kommt es definitiv, wenn die Jungs zur letzten gemeinsamen Weihnacht anstoßen: „Auf unsere Träume!“ Oder wenn Frank in den letzten Minuten seinen sterbenden Freund unter Tränen anfleht, doch endlich loszulassen …

[ Michael Eckhardt http://www.playerweb.de/kino/house_of_boys
********

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Some more House of Boys reviews:

http://www.playerweb.de/kino/house_of_boys
http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=11022
http://www.cineclub.de/filmarchiv/kritik.php?id=1366
http://www.nordsee-zeitung.de/Home/Nachrichten/Startseite/diid,4_tsArID,240375_regid,1_puid,1_pageid,52.html
http://www.programmkino.de/cms/links.php?link=1429
http://www.little-devil.com/blog/2010/11/22/filmkritik-house-of-boys/

House of Boys
Das Leben war bunt und beschwingt in den 1980er-Jahren, voller glitzernder Möglichkeiten – zumindest, wenn man jung und dem spießigen Elternhaus entronnen war. So zeichnet Jean-Claude Schlim am Anfang das Bild einer Epoche, fast schon bonbonfarben und musikalisch mitreißend im Sound der Zeit, von Jimmy Sommerville bis zu Soft Cell. Sein Held, der 17-jährige homosexuelle Frank, verlässt die biedere Luxemburger Heimat und landet in Amsterdam, in einem „House of Boys“ – einem Bordell, in dem männliche Prostituierte arbeiten. Frank reizt an dem Etablissement vor allem die kleine Bühne, auf der die Mitarbeiter kitschig-erotische Varieté-Nummern in Fantasiekostümen darbieten. Seine Karriere beginnt freilich zunächst hinter der Bar. Chefin im „House of Boys“ ist die exzentrische Drag-Queen „Madame“, neben ihr gibt es als sanftes Pendant zur gestrengen Hand noch Emma, die gute Seele und einzige Frau im Haus. Frank verliebt sich in „das beste Pferd im Stall“, den bisexuellen Jake, der allerdings eine Geliebte hat.
In annähernd den ersten zwei Dritteln des Films regiert das schillernde Bild eines Jahrzehnts und einer Subkultur, die unbeschwert feiert und sich sexuell austobt: Die Bedrohung der noch unbekannten Krankheit, der so verschrienen „Schwulenseuche“, ist weit weg, in Amerika. Die fünf jungen Männer, die im Bordell arbeiten, scheinen paradigmatisch für einen Querschnitt durch die Szene zu stehen. Es gibt neben Frank und Jake noch Angelo, einen Transvestiten, der auf seine Geschlechtsumwandlung spart, und Dean, einen Punk, der nachts Graffitis sprüht, außerdem den sensiblen Herman, der unter seinem gewalttätigen Vater leidet und bald von Frank ersetzt wird. Die jungen Darsteller, insbesondere Benn Northover als Jake, spielen gut und mit Leidenschaft. Der Film beginnt mit einer Tanzszene, kurz darauf wird Frank als „König der Tanzfläche“ eingeführt. Die Revuenummern im Club sind eigenständige lange Sequenzen, die an Choreografien wie in „Priscilla – Königin der Wüste“ (fd 31 053) denken lassen; so wird der erste Teil des Films zum gut gelaunten Coming-of-Age-Musical mit einigen, eher komödiantisch gefärbten Liebeswirren. Während die Tanz- und Singszenen und das kommunenähnliche Zusammenleben schwungvoll inszeniert sind, überträgt sich der Rhythmus nicht auf die Spielhandlung. Die Liebesgeschichte zwischen Frank und Jake transportiert sich nicht so recht und wird etwas zerfasert im Bemühen, die anderen Stränge, Charaktere, Rückblenden zu erzählen. Es gibt einige leicht irreführende, fast pornografische Szenen; die Dialoge sind mitunter simpel. Insgesamt führt das zu Längen. Abrupt wechselt danach die Stimmung: Bei Jake wird AIDS diagnostiziert. Ein amerikanischer Kunde hat ihn angesteckt.
Mitte der 1990er-Jahre gab es viele Filme, die sich mit der Immunschwäche beschäftigten, etwa den ersten Hollywood-Film zum Thema, „Philadelphia“ (fd 30 662), den Schweizer Film „Ausgerechnet Zoé“ oder Larry Clarks „Kids“ (fd 31 598). Gleichzeitig wurden in Westeuropa die wirksamen antiretroviralen Kombinationstherapien eingeführt. Das Thema verschwand weitgehend von der Bildfläche, was wohl zu einer neuen Sorglosigkeit beitrug. Die Infektionszahlen sind in den vergangenen Jahren auch in Westeuropa wieder angestiegen. Ab 2000 gab es nur noch wenige Filme, die sich mit der Pandemie auseinander setzten; eine der wenigen Ausnahmen war Almut Gettos „Fickende Fische“ (fd 35 542). Fünf Jahre lang kämpfte Jean-Claude Schlim für die Finanzierung seines Films; nun ist „House of Boys“ sein Langfilmdebüt als Regisseur und Autor. Den Verlauf der Krankheit zeigt er ungeschönt. Der Stimmungswechsel wird auch farbdramaturgisch sehr deutlich. Wo vorher satte, leuchtende Farben dominierten, herrscht nun das fahle Grün der Krankenhausflure vor. Es ist Winter und dunkel.
Julia Teichmann – http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=11022
*******

Trotz aller gesellschaftlichen Entwicklungen, trotz zunehmender Liberalisierung haben es Filme über Homosexualität im Kino immer noch schwer. Abseits von einschlägigen Festivals spielen schwule Figuren im Mainstreamkino meist höchstens Nebenrollen und selbst im Arthouse-Bereich hat man bisweilen den Eindruck, dass das Thema wenn überhaupt nur mit allzu viel selbstauferlegter Zurückhaltung behandelt wird. Trotz mancher Schwächen ist das Regiedebüt des Luxemburgers Jean-Claude Schlim eine willkommene Abwechslung. Zwar taucht auch seine Anfang/ Mitte der 80er Jahre spielende Geschichte tief in die schwule Subkultur ab, in der es von grellen Figuren, campigen, überkandidelten Transvestiten und Musicaleinlagen nur so wimmelt, doch „House of Boys“ verkommt nie zur Klischee überfrachteten Parodie. Im Zentrum steht die ergreifende Liebesgeschichte zwischen dem jungen Frank und dessen erster großen Liebe Jack.

In seiner luxemburgischen Heimat fühlt sich der 17jährige Frank auf Grund seiner sich gerade eingestandenen Homosexualität zunehmend den Attacken seiner Mitschüler und auch seiner Eltern ausgesetzt. Kurz entschlossen nimmt er Reißaus und landet im weltoffenen, liberalen Amsterdam, wo er schnell im titelgebenden House of Boys landet, das von „Madame“ geleitet wird, gespielt von Udo Kier in einer kleinen Gastrolle. In diesem Establishment vergnügt sich die schwule Szene Amsterdams, hübsche, junge Männer tanzen zu Disco-Klängen und verbreiten mit melancholischen Karaoke-Nummern die passende Atmosphäre. Denn zu diesem Zeitpunkt beginnt eine Krankheit die Szene zu beherrschen, die anfangs noch als „Schwuler Krebs“ bezeichnet wird und als Anlass für weitere Diskriminierung benutzt wird: AIDS. Auch Jack, ein bisexueller Mann, in den sich Frank bald verliebt, infiziert sich mit dem Virus und siecht langsam dahin.

Oft wurde der qualvolle Tod als Folge der AIDS-Infizierung noch nicht auf der Leinwand gezeigt und fast nie so drastisch und gleichzeitig ergreifend wie hier. Von einer verkitschten Hollywood-Darstellung a la „Philadelphia“ ist das sehr weit entfernt, was man auch von den sehr graphischen Sexszenen sagen kann. Doch bei aller Offenheit, bei aller ungeschminkten Darstellung des schwulen Lebens in all seinen Facetten schafft es „House of Boys“ mehr zu sein als „nur“ ein Film über die Schwulenszene. Denn in erster Linie ist es ein Film über das Coming-of-age eines jungen Mannes, eine Geschichte über Freundschaft, Emotionen und die erste große, in diesem Fall besonders tragisch verlaufende erste große Liebe. Ein sehenswerter, melancholisch-schöner Film, dem man mehr als ein Nischenpublikum wünschen würde.

Michael Meyns

Frank hat starke homoerotische Neigungen, was seinem Vater gar nicht passt. Also reißt er von zuhause aus und landet in einer Art Varieté, wo Männer sich ein Stelldichein geben, dem „House of Boys“. Geleitet wird das Haus von einem Mann, der sich „Mama“ nennen lässt.

Frank trifft dort auf die verschiedensten Typen, einer schräger und homosexueller als der andere. Einer von ihnen, Jake, ist zwar heterosexuell, steht aber der „Mama“ zu Diensten, um Geld zusammenzusparen, denn er will mit seiner Freundin abhauen.

Die Truppe führt dem rein männlichen Publikum allabendlich erotische Tänze vor – die übrigens einen großen Teil des Films ausmachen.

Die Freundin Jakes verlässt diesen nach einer Abtreibung. Und dann geschieht es, dass Frank und Jake Freunde werden, sich verlieben.

Da wird Jake krank. Es sind die 80er Jahre. Aids ist ausgebrochen. Jake ist betroffen.

Der Film, in seinen beiden ersten Kapiteln dahinplätschernd und schlüpfrig, wird todernst. Medikamente gegen den Virus sind noch nicht entwickelt, bei Jake wird die Krankheit mit allen üblen Symptomen voll sichtbar. Er geht daran elend zugrunde.

Immerhin kann der Film bei einigem Negativen, das er auch aufweist, in seinem letzten Teil vielleicht dazu beitragen, dass der Leichtsinn, der bei manchen gegenüber der tödlichen Krankheit noch herrscht, aufgegeben wird.

Das ist umso notwendiger und dringender, als der Nachspann sachlich berichtet, wie viele Millionen Menschen mit Aids infiziert sind und wie viele Tausende, ja Hunderttausende jährlich daran sterben.

Vielleicht ist dieses Anliegen im besten Falle sogar der Grund dafür, warum „House of Boys“ überhaupt gedreht wurde.

Thomas Engel
*******
House Of Boys
Leidenschaftlicher Brückenschlag von leichthändiger Milieuskizze zum großen Liebesdrama
Es gibt Filme, denen steht der Titel zunächst so ein bißchen im Wege. Bei diesem hier zum Beispiel vermutet man doch eher etwas schlüpfrige, auf die kalkulierbaren Sehgewohnheiten des durchschnittlichen Schwulenpornokonsumenten zugeschnittene Konfektionsware – und wird überrascht. HOUSE OF BOYS ist ein richtiger Film, der weit ausholt, ein gewaltiges Rad vom Einblick in eine Subkultur zum ganz großen Drama schlägt und am Ende dem Zuschauer das Herz aufwühlt, der zu knalligem 80s-Soundtrack schwül-schrill-burlesque Elemente mit einer Wagenladung Gefühl vermischt. Und ja, das funktioniert! Und ja, das muß man sich erst einmal trauen!

Jean-Claude Schlim lockt zunächst auf die falsche Fährte, als er den semmelblonden Jungen Frank im Jahre 1984 gegen alle Konventionen sein schwules Coming Out ausleben und der Provinz den Rücken kehren läßt. Zuhause war es eh kaum auszuhalten mit den konservativen Eltern und diesem heimlichen Masturbieren unter Wham!-Postern. Er mußte raus, und so landet er – vermutet man zunächst – auf der schiefen Bahn, als er in Amsterdam in einem Club anheuert, der „House Of Boys“ heißt, wozu man nicht viel erklären muß. Aber: Frank arbeitet sich vom Barmann zum Vortänzer hoch – und verliebt sich. In Jake. Zum Mißfallen von Madame. Ihr geht es allein ums Geschäft, und das hat eben mehr mit Illusionen als wahrer Liebe zu tun.

Doch Frank und Jake werden ein Paar, eine leidenschaftliche Beziehung nimmt ihren Lauf, aber auch eine schwierige. Jake verkauft seinen Körper an solvente Herren, versteht sich selbst aber bisher als Hetero. Nun gut, daran kann man arbeiten … Jedoch schlägt das Leben den beiden Jungs dann so richtig fies ins Gesicht: Jake hat Aids. Und hier gelingt Schlim das Kunststück, eine leichthändig hingetupfte Milieuskizze zum ganz großen Liebesdrama und austarierten Zeitporträt zu vollenden. Schlim verläßt die Clubs, die Drogen, die Welt von bunten Pillen und billigen Ficks auf dreckigen Klos, er unterzieht Frank der vielleicht größten Prüfung eines Lebens – dem sterbenden Geliebten zur Seite zu stehen. Und da verwandelt sich der Junge: Aus dem süßen Schweighöfer-Look-A-Like wird ein ernsthafter, vom Leben geprüfter Mann, der seinen Platz, seine große Liebe gefunden hat – und dazu gehört es einfach, daß man in der schwersten Stunde am Bett des Freundes weilt. Diese Figurenzeichnung gelingt Schlim glaubwürdig, überhaupt hat er ein Händchen, Jake und Frank interessante, skurrile und teils abenteuerlich aufgemotzte Nebencharakteren zur Seite zu stellen. Allen voran natürlich Madame, von Udo Kier gegeben, der so richtig aufs Gas drücken darf – mal in einer Klaus-Nomi-Performance, dann als die Knef mit roten Rosen und generell mit allem, was Glamour so braucht. Der Milchbubi Angelo wäre noch zu erwähnen, der das im „House Of Boys“ verdiente Geld in eine Geschlechtsumwandlung steckt – jeder sucht sein Kätzchen in diesem Blick auf das Ende eines Easy Going.

Faszinierend an HOUSE OF BOYS ist genau dieser campe Mix aus schrillem Tamtam, Popperparties und den auch zahlreichen Heulmomenten. Gerade zu solchen kommt es definitiv, wenn die Jungs zur letzten gemeinsamen Weihnacht anstoßen: „Auf unsere Träume!“ Oder wenn Frank in den letzten Minuten seinen sterbenden Freund unter Tränen anfleht, doch endlich loszulassen …

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