Dec 12 2010

UND EWIG LOCKT DAS STEUERPARADIES

Published by at 18:59 under Articles,Deutsch

SOURCE: http://www.2010lab.tv/

Von Matthias Wannhoff. Das Vorabendprogramm im deutschen Privatfernsehen kann grausam sein. Das ist nichts Neues, aber im Frühjahr 2008 war es besonders schlimm. Allen Ernstes entgegnete da eine Quizkandidatin, als sie nach dem Werdegang eines vor allem in den 1960er Jahren aktiven Erotikfilmers gefragt wurde: „Sechziger, gab es da schon Film?“ Ein für jeden Deutschen beschämender Moment, der gleichwohl ein geographisches Gedankenspiel wert ist. Würde man nämlich die Luxemburger Grenze passieren und dort jene scheinbar geschichtsvergessene Frage stellen, man würde gar nicht völlig daneben liegen. Denn tatsächlich gab es bis Ende der 1960er Jahre im dreisprachigen Großherzogtum zwar Kinos, aber keine Filmindustrie.

Für den ersten Luxemburger Spielfilm brauchte es den Geschäftssinn Philippe Schneiders, der sich zuvor bereits an Werbe- und Tourismusfilmen versucht hatte. Allerdings gilt sein 1970 entstandener Sexfilm L’AMOUR, OUI! MAIS… zwar als Pionier-, nicht aber als Sternstunde der nationalen Filmproduktion. Von einem halbwegs professionellen Output an Filmen kann erst seit den 1980er Jahren die Rede sein, wobei es freilich noch in dieser Dekade Jahre gab, in denen überhaupt kein Luxemburger Film produziert wurde. Gleichwohl begannen damals die Karrieren mehrerer Filmschaffender, die fortan zu den tragenden Figuren der inländischen Filmszene gehören sollten: Die hauptberuflichen Lehrer Paul Scheuer, Maisy Hausemer und Georges Fautsch schlossen sich unter dem Namen „Atlantic Film Organisation“ zusammen und drehten mit WAT HUET E GESOT (1981) den ersten Spielfilm in luxemburgischer Sprache. Zudem nahm der heute als Nationalikone geltende Andy Bausch seine Arbeit auf und schenkte seiner Heimat mit der Krimikomödie TROUBLEMAKER (1988) ihren bis dahin erfolgreichsten Spielfilm. Besagten Rekord brach Bausch vierzehn Jahre später selber mit seiner ironischen Apologie der Arbeitslosigkeit LE CLUB DES CHOMEURS und hält ihn bis heute.

Im Jahr 1988 begann die Luxemburger Regierung, den Aufmarsch des Bewegtbildes durch ein Gesetz zu fördern, das nicht nur einheimischen Filmemachern erlaubte, die Kosten für im Land produzierte Filme von der Steuer abzusetzen. Ein gutes Jahr später begann mit dem Aufbau des nationalen Filmfonds dann die gezielte Förderung von Projekten, die für 2009 ein Budget von rund 5,4 Millionen Euro umfasste. Als schließlich um das Jahr 2007 herum, nicht zuletzt durch den Konkurs zweier Firmen, die inländische Filmindustrie einen erheblichen materiellen Rückschlag erfuhr, wurde das Gesetz von 1988 auf Produktionen mit Drehorten „größtenteils in der EU und insbesondere in Luxemburg“ ausgedehnt. Mit anderen Worten: Seinem Ruf als „Steuerparadies“ wollte das Land nun endgültig auch auf dem Filmsektor gerecht werden.

Und tatsächlich kann die Luxemburger Filmgeschichte auch als eine der transnationalen Geschäftsbeziehungen betrachtet werden. SHADOW OF THE VAMPIRE (2000) etwa lud als einer der – im Verhältnis zu den eigenständigen Produktionen – überaus zahlreichen aus Luxemburger Kassen kofinanzierten Filmen die Hollywood-Größen John Malkovich und Willem Dafoe zur Stippvisite. Eine von der Produktionsfirma Delux errichtete Venedig-Kulisse wiederum nutzte unter anderem Peter Webber für seinen Film GIRL WITH A PEARL EARRING (2003).

Der inländischen Filmszene steckt der Schock von 2007 derweil noch in den Knochen: Von den ehemals drei Festivals überlebte nur eines, nämlich das in der Hauptstadt ansässige „Diractors“, die Krise. Es sind zwei Institutionen, die aktuell den Weg in die Zukunft weisen: Am einen Ende steht der Verein „Filmreaktor“, der die Interessen junger, unabhängiger Filmemacher vertritt. Am anderen Ende spiegelt der zweijährlich verliehene „Lëtzebuerger Filmpräis“ den allgemeinen Status Quo. Der 2009 als bester Spielfilm ausgezeichnete HOUSE OF BOYS, ein Drama um schwule Liebe in den 1980er Jahren, bewies hierbei vor allem eines: Engagierte Filmkunst ist in Luxemburg auch möglich, ohne dafür mit den großen Namen aus Übersee flirten zu müssen.

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Von Matthias Wannhoff. Das Vorabendprogramm im deutschen Privatfernsehen kann grausam sein. Das ist nichts Neues, aber im Frühjahr 2008 war es besonders schlimm. Allen Ernstes entgegnete da eine Quizkandidatin, als sie nach dem Werdegang eines vor allem in den 1960er Jahren aktiven Erotikfilmers gefragt wurde: „Sechziger, gab es da schon Film?“ Ein für jeden Deutschen beschämender Moment, der gleichwohl ein geographisches Gedankenspiel wert ist. Würde man nämlich die Luxemburger Grenze passieren und dort jene scheinbar geschichtsvergessene Frage stellen, man würde gar nicht völlig daneben liegen. Denn tatsächlich gab es bis Ende der 1960er Jahre im dreisprachigen Großherzogtum zwar Kinos, aber keine Filmindustrie.

Für den ersten Luxemburger Spielfilm brauchte es den Geschäftssinn Philippe Schneiders, der sich zuvor bereits an Werbe- und Tourismusfilmen versucht hatte. Allerdings gilt sein 1970 entstandener Sexfilm L’AMOUR, OUI! MAIS… zwar als Pionier-, nicht aber als Sternstunde der nationalen Filmproduktion. Von einem halbwegs professionellen Output an Filmen kann erst seit den 1980er Jahren die Rede sein, wobei es freilich noch in dieser Dekade Jahre gab, in denen überhaupt kein Luxemburger Film produziert wurde. Gleichwohl begannen damals die Karrieren mehrerer Filmschaffender, die fortan zu den tragenden Figuren der inländischen Filmszene gehören sollten: Die hauptberuflichen Lehrer Paul Scheuer, Maisy Hausemer und Georges Fautsch schlossen sich unter dem Namen „Atlantic Film Organisation“ zusammen und drehten mit WAT HUET E GESOT (1981) den ersten Spielfilm in luxemburgischer Sprache. Zudem nahm der heute als Nationalikone geltende Andy Bausch seine Arbeit auf und schenkte seiner Heimat mit der Krimikomödie TROUBLEMAKER (1988) ihren bis dahin erfolgreichsten Spielfilm. Besagten Rekord brach Bausch vierzehn Jahre später selber mit seiner ironischen Apologie der Arbeitslosigkeit LE CLUB DES CHOMEURS und hält ihn bis heute.

Im Jahr 1988 begann die Luxemburger Regierung, den Aufmarsch des Bewegtbildes durch ein Gesetz zu fördern, das nicht nur einheimischen Filmemachern erlaubte, die Kosten für im Land produzierte Filme von der Steuer abzusetzen. Ein gutes Jahr später begann mit dem Aufbau des nationalen Filmfonds dann die gezielte Förderung von Projekten, die für 2009 ein Budget von rund 5,4 Millionen Euro umfasste. Als schließlich um das Jahr 2007 herum, nicht zuletzt durch den Konkurs zweier Firmen, die inländische Filmindustrie einen erheblichen materiellen Rückschlag erfuhr, wurde das Gesetz von 1988 auf Produktionen mit Drehorten „größtenteils in der EU und insbesondere in Luxemburg“ ausgedehnt. Mit anderen Worten: Seinem Ruf als „Steuerparadies“ wollte das Land nun endgültig auch auf dem Filmsektor gerecht werden.

Und tatsächlich kann die Luxemburger Filmgeschichte auch als eine der transnationalen Geschäftsbeziehungen betrachtet werden. SHADOW OF THE VAMPIRE (2000) etwa lud als einer der – im Verhältnis zu den eigenständigen Produktionen – überaus zahlreichen aus Luxemburger Kassen kofinanzierten Filmen die Hollywood-Größen John Malkovich und Willem Dafoe zur Stippvisite. Eine von der Produktionsfirma Delux errichtete Venedig-Kulisse wiederum nutzte unter anderem Peter Webber für seinen Film GIRL WITH A PEARL EARRING (2003).

Der inländischen Filmszene steckt der Schock von 2007 derweil noch in den Knochen: Von den ehemals drei Festivals überlebte nur eines, nämlich das in der Hauptstadt ansässige „Diractors“, die Krise. Es sind zwei Institutionen, die aktuell den Weg in die Zukunft weisen: Am einen Ende steht der Verein „Filmreaktor“, der die Interessen junger, unabhängiger Filmemacher vertritt. Am anderen Ende spiegelt der zweijährlich verliehene „Lëtzebuerger Filmpräis“ den allgemeinen Status Quo. Der 2009 als bester Spielfilm ausgezeichnete HOUSE OF BOYS, ein Drama um schwule Liebe in den 1980er Jahren, bewies hierbei vor allem eines: Engagierte Filmkunst ist in Luxemburg auch möglich, ohne dafür mit den großen Namen aus Übersee flirten zu müssen.

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