Feb 20 2012

Vicky Krieps geht baden

Published by at 01:26 under Articles,Deutsch

SOURCE: http://land.lu

Leb wohl, meine Königin. Geiselnahmen stehen hoch im Kurs. Ein Spanier stürzt in den Abgrund. Mit viel Pomp, Film und Prominenz ist die diesjährige Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Berlin gestartet. Im Wettbewerb: Die Vorleserin einer Königin, mal wieder Shakespeare und immer noch vorhersehbare Filme. Im Forum gute und schlechte Streifen. Und nach Einbruch der Dunkelheit Partys mit seltsamen und weit gereisten Gästen.

Bereits am ersten Tag aber ging Vicky Krieps baden. Genau genommen: Sie ging schwimmen. Mal eben so. Im Mondenschein. Volltrunken. Durchquerte sie die Meerenge zwischen Formentera und Ibiza. Und: Vicky tat gut daran. Der Berlinale-Beitrag Formentera von Regisseurin Ann-Kristin Reyels war dermaßen grottig, dass Vicky Krieps das einzig sinnvoll machte: Sie floh aus dem Streifen und entkam dem Drehbuch. In der Zusammenfassung waren es Ben und Nina, die ohne Tochter auf die spanische Mittelmeerinsel Formentera reisten, um in einer Kommune dauerbekiffter Hippie-Rentner zu sich selbst zu finden. Weil beide auf einer Insel sind, gelingt dies auch. Es bleibt den beiden auch nichts anderes übrig.

Vicky Krieps spielt eine junge Aussteigerin, die als Lackmustest für die Beziehung von Ben und Nina herhalten muss. Der Höhepunkt ist dabei die Durchquerung der Meerenge im Mondenschein, die Vicky so gründlich gelingt, dass sie für mehr als eine halbe Stunde aus dem Film verschwindet. Dabei ist sie die einzige Schauspielerin im Ensemble, die dem Werk Tiefe, Inhalt, Spielfreude und Glaubwürdigkeit gibt. Alle anderen sind Staffage: Der Däne Thure Lindhardt in der männlichen Hauptrolle gibt sich so hölzern, dass man sich die Augen zuhalten möchte. Der Darsteller, der seinen Vater gibt, liest die Texte unmotiviert vom Teleprompter ab. Damit sich der Zuschauer gar nicht erst die Frage stellt, ob der Film den Weg ins Kino lohnt, gibt es Formentera als „Kleines Fernsehspiel“ im ZDF. Irgendwann. Montagsabends. Nach dem Heute Journal. Vicky Krieps ist zwar ein Hingucker. Aber selbst auf den Privaten wird an diesem Abend ein besseres Programm laufen. Das Zweite Deutsche Fernsehen ist nun einmal wichtiger Sponsor der Berlinale, und so erklärt es sich, dass Beiträge wie Formentera, die vielleicht als Fernsehspiel taugen, für die große Kinoleinwand jedoch in keinster Weise geschaffen sind, sich dem buhenden Berliner Publikum stellen müssen.

Krieps’ französische Kollegin Lea Seydoux konnte sich nicht ins Mittelmeer retten und musste sich der Aktualität des Eröffnungsfilms Les adieux à la reine verpflichten, die ihr Counterpart Diane Kruger gerne erläutert: Ja, klar ließen sich Parallelen ziehen zwischen den letzten Tagen von Marie-Antoinette im Amt der französischen Königin zu der Lage im arabischen Frühling, sagte sie in der Pressekonferenz, während der Kollege von der Presse soufflierte, dass es in Syrien dieser Tage mächtig rumort. Wenn denn dies der direkte Vergleich

ist, dann geht es in Damaskus momentan treppauf, treppab, lange Flure hoch und runter. Und mittendrin – im Film – steht eine historische Figur, der unterstellt wird, sie sei lesbisch gewesen – was schließlich und letztendlich den Ausschlag für die französische Revolution gab. So der Film.

Okay: Pimp my story board! Da die Geschichte Marie-Antoinettes so oft verfilmt wurde, muss unbedingt ein neuer Aspekt in der Geschichte her. Historische Wahrheit hin oder her, der Film muss sich an der Kasse verkaufen. Der Franzose Benoît Jacquot kommt auf zwei Kniffe: Er zählt die Tage vom 14. bis zum 17. Juli 1789 in Versailles aus der Sicht der Vorleserin der französischen Königin (gespielt von Lea Seydoux) in erlebter Zeit, während seine Romanvorlage den Rückblick auf die Geschehnisse bemüht. Die Vorleserin weiß nicht so recht, ob sie den Gerüchten vom Sturm aus Paris Glauben schenken und sich auf ein Leben ohne Adel einrichten soll, oder nicht doch am Rockzipfel der Königin (Diane Kruger) festhalten muss, um über die Runden und durchs Leben zu kommen. So verbringt sie viel Zeit in Treppenhäusern, Fluren und unter Torbögen, um sich eine Realität zusammenzureimen, die ihr das eigene kommende Schicksal erleichtern mögen.

Um dieser Entscheidungspein zu entfliehen, kapriziert sich Jacquot (Kniff zwei) auf das Ondit jener Zeit, dass die Königin lesbisch gewesen sei. Ansonsten vermittelt der Streifen nur wenig, von den wirklichen Nöten einer Vertrauten der Königin, noch der Königin selbst. Keine Figur wird klar gezeichnet, es bleibt bei Perücken, Korsett und Schönheitsfleck und fertig ist das Situa-tionsvehikel für die herrschende Klasse in Syrien. Der Film ist weder Mantel, noch Degen. Er ist nicht Historie und bleibt zäh, auch wenn sich eine Wendung ergibt, nur dann kommt schon der Abspann. Für den Aktualitätsbezug sorgt dann eine der Hauptdarstellerinnen.

Dann gibt es noch einen spanischen Beitrag im Wettbewerb. Dictato. Ein Psychothriller. Der bereits nach zehn Minuten vorausblicken lässt, wie der Film ausgehen wird. Und er geht dann auch so aus. Am nächsten Tag lenkt Isabelle Huppert als Entführungsopfer das Augenmerk auf die ungeklärte Situation im Süden der Philippinen. Ihre Geiselhaft bleibt als endlose Wanderung durch Urwaldgestrüpp in Erinnerung, die mit Schießereien ein wenig an Knalleffekt erhält. Ein weiterer französischer Beitrag verfilmt den österreichischen Fall Kampusch. Geisel-Geiselnehmer-Beziehungen stehen in diesem Jahr hoch im Kurs. In einem anderen Berliner Kinosaal quietscht der deutsche Schwulen-Aktivist und Regisseur Rosa von Praunheim, dass er nun schon zum 22. Mal von den Filmfestspielen eingeladen worden sei. Unvermittelt legt er damit die Crux der Berlinale offen. Wenig Neues. So krault man lieber mit Vicky Krieps von Formentera nach Ibiza, um dort, am fernen Gestade, Party machen zu können. Und gute Filme zu sehen.

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Leb wohl, meine Königin. Geiselnahmen stehen hoch im Kurs. Ein Spanier stürzt in den Abgrund. Mit viel Pomp, Film und Prominenz ist die diesjährige Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Berlin gestartet. Im Wettbewerb: Die Vorleserin einer Königin, mal wieder Shakespeare und immer noch vorhersehbare Filme. Im Forum gute und schlechte Streifen. Und nach Einbruch der Dunkelheit Partys mit seltsamen und weit gereisten Gästen.

Bereits am ersten Tag aber ging Vicky Krieps baden. Genau genommen: Sie ging schwimmen. Mal eben so. Im Mondenschein. Volltrunken. Durchquerte sie die Meerenge zwischen Formentera und Ibiza. Und: Vicky tat gut daran. Der Berlinale-Beitrag Formentera von Regisseurin Ann-Kristin Reyels war dermaßen grottig, dass Vicky Krieps das einzig sinnvoll machte: Sie floh aus dem Streifen und entkam dem Drehbuch. In der Zusammenfassung waren es Ben und Nina, die ohne Tochter auf die spanische Mittelmeerinsel Formentera reisten, um in einer Kommune dauerbekiffter Hippie-Rentner zu sich selbst zu finden. Weil beide auf einer Insel sind, gelingt dies auch. Es bleibt den beiden auch nichts anderes übrig.

Vicky Krieps spielt eine junge Aussteigerin, die als Lackmustest für die Beziehung von Ben und Nina herhalten muss. Der Höhepunkt ist dabei die Durchquerung der Meerenge im Mondenschein, die Vicky so gründlich gelingt, dass sie für mehr als eine halbe Stunde aus dem Film verschwindet. Dabei ist sie die einzige Schauspielerin im Ensemble, die dem Werk Tiefe, Inhalt, Spielfreude und Glaubwürdigkeit gibt. Alle anderen sind Staffage: Der Däne Thure Lindhardt in der männlichen Hauptrolle gibt sich so hölzern, dass man sich die Augen zuhalten möchte. Der Darsteller, der seinen Vater gibt, liest die Texte unmotiviert vom Teleprompter ab. Damit sich der Zuschauer gar nicht erst die Frage stellt, ob der Film den Weg ins Kino lohnt, gibt es Formentera als „Kleines Fernsehspiel“ im ZDF. Irgendwann. Montagsabends. Nach dem Heute Journal. Vicky Krieps ist zwar ein Hingucker. Aber selbst auf den Privaten wird an diesem Abend ein besseres Programm laufen. Das Zweite Deutsche Fernsehen ist nun einmal wichtiger Sponsor der Berlinale, und so erklärt es sich, dass Beiträge wie Formentera, die vielleicht als Fernsehspiel taugen, für die große Kinoleinwand jedoch in keinster Weise geschaffen sind, sich dem buhenden Berliner Publikum stellen müssen.

Krieps’ französische Kollegin Lea Seydoux konnte sich nicht ins Mittelmeer retten und musste sich der Aktualität des Eröffnungsfilms Les adieux à la reine verpflichten, die ihr Counterpart Diane Kruger gerne erläutert: Ja, klar ließen sich Parallelen ziehen zwischen den letzten Tagen von Marie-Antoinette im Amt der französischen Königin zu der Lage im arabischen Frühling, sagte sie in der Pressekonferenz, während der Kollege von der Presse soufflierte, dass es in Syrien dieser Tage mächtig rumort. Wenn denn dies der direkte Vergleich

ist, dann geht es in Damaskus momentan treppauf, treppab, lange Flure hoch und runter. Und mittendrin – im Film – steht eine historische Figur, der unterstellt wird, sie sei lesbisch gewesen – was schließlich und letztendlich den Ausschlag für die französische Revolution gab. So der Film.

Okay: Pimp my story board! Da die Geschichte Marie-Antoinettes so oft verfilmt wurde, muss unbedingt ein neuer Aspekt in der Geschichte her. Historische Wahrheit hin oder her, der Film muss sich an der Kasse verkaufen. Der Franzose Benoît Jacquot kommt auf zwei Kniffe: Er zählt die Tage vom 14. bis zum 17. Juli 1789 in Versailles aus der Sicht der Vorleserin der französischen Königin (gespielt von Lea Seydoux) in erlebter Zeit, während seine Romanvorlage den Rückblick auf die Geschehnisse bemüht. Die Vorleserin weiß nicht so recht, ob sie den Gerüchten vom Sturm aus Paris Glauben schenken und sich auf ein Leben ohne Adel einrichten soll, oder nicht doch am Rockzipfel der Königin (Diane Kruger) festhalten muss, um über die Runden und durchs Leben zu kommen. So verbringt sie viel Zeit in Treppenhäusern, Fluren und unter Torbögen, um sich eine Realität zusammenzureimen, die ihr das eigene kommende Schicksal erleichtern mögen.

Um dieser Entscheidungspein zu entfliehen, kapriziert sich Jacquot (Kniff zwei) auf das Ondit jener Zeit, dass die Königin lesbisch gewesen sei. Ansonsten vermittelt der Streifen nur wenig, von den wirklichen Nöten einer Vertrauten der Königin, noch der Königin selbst. Keine Figur wird klar gezeichnet, es bleibt bei Perücken, Korsett und Schönheitsfleck und fertig ist das Situa-tionsvehikel für die herrschende Klasse in Syrien. Der Film ist weder Mantel, noch Degen. Er ist nicht Historie und bleibt zäh, auch wenn sich eine Wendung ergibt, nur dann kommt schon der Abspann. Für den Aktualitätsbezug sorgt dann eine der Hauptdarstellerinnen.

Dann gibt es noch einen spanischen Beitrag im Wettbewerb. Dictato. Ein Psychothriller. Der bereits nach zehn Minuten vorausblicken lässt, wie der Film ausgehen wird. Und er geht dann auch so aus. Am nächsten Tag lenkt Isabelle Huppert als Entführungsopfer das Augenmerk auf die ungeklärte Situation im Süden der Philippinen. Ihre Geiselhaft bleibt als endlose Wanderung durch Urwaldgestrüpp in Erinnerung, die mit Schießereien ein wenig an Knalleffekt erhält. Ein weiterer französischer Beitrag verfilmt den österreichischen Fall Kampusch. Geisel-Geiselnehmer-Beziehungen stehen in diesem Jahr hoch im Kurs. In einem anderen Berliner Kinosaal quietscht der deutsche Schwulen-Aktivist und Regisseur Rosa von Praunheim, dass er nun schon zum 22. Mal von den Filmfestspielen eingeladen worden sei. Unvermittelt legt er damit die Crux der Berlinale offen. Wenig Neues. So krault man lieber mit Vicky Krieps von Formentera nach Ibiza, um dort, am fernen Gestade, Party machen zu können. Und gute Filme zu sehen.

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