Feb 23 2012

Von Luxemburg über Berlin nach Hollywood

Published by at 01:59 under Articles,Deutsch

SOURCE: http://www.16vor.de

Allenfalls Insidern ist Luxemburg als Filmland bekannt. Dass nicht nur immer wieder große Hollywood-Produktionen im kleinen Großherzogtum gedreht werden, sondern auch Einheimische vor und hinter der Kamera auf dem deutschen und internationalen Filmmarkt mitmischen, kann man derzeit auf der 62. Berlinale sehen. Auch wenn dieses Jahr anders als in den Jahren zuvor kein Luxemburger Film im Wettbewerb gezeigt wird, sind viele Filmschaffende aus dem Ländchen während der Festspiele, die am morgigen Sonntag zu Ende gehen, vor Ort.

BERLIN/LUXEMBURG. Einer der Treffpunkte für die Filmszene aus dem Nachbarland ist der inzwischen traditionelle Montagsempfang in der luxemburgischen Botschaft, der von der Luxemburger Filmförderung, dem Film Fund, mitveranstaltet wird. Für internationale Auftritte verfügt die Behörde über einen speziellen Budgetposten. Medienminister François Biltgen wünschte den anwesenden Filmschaffenden “einen beruflich nützlichen Abend” und betonte, dass die Mittel für die Filmförderung nicht beschnitten würden. Derzeit steht eine Reform an, wie der Staat in Zukunft Medienproduktionen finanziell unterstützt. Die Änderungen sollen sicherstellen, dass die Filmindustrie und der Nachwuchs des eigenen Landes mehr gefördert werden können und die subventionierten Filme auch weiterhin international ausgerichtet bleiben.

Größere Kinofilme werden in Luxemburg meistens von mehreren internationalen Partnern finanziert. Nach dem alten Modell mussten Filmproduzenten Geld im Großherzogtum ausgeben, um subventioniert zu werden. Das lockte die ausländische Filmindustrie ins Land. Ein Teil des jetzigen Luxemburger Nachwuchses sammelte bereits Erfahrungen bei diesen Produktionen.

Regisseurin, Kameramann und Produzent sind längst auch in Luxemburg verbreitete Berufe. Dementsprechend vielfältig hat sich die Filmszene im Land entwickelt. Neben den etablierten Filmschaffenden (wie der Experimentalfilmerin Bady Minck, den Produzenten Jani Thiltges und Claude Waringo von Samsa Film, Paul Thiltges von PDT, Nicolas Steil von Iris Film, Pol Cruchten von Red Lion, dem Regisseur Andy Bausch und der Schauspielerin Desirée Nosbusch) ist nun eine zweite Generation von Profis nachgerückt.

Dazu gehören die Gründer der Internetplattform “filmreakter“, eine Webseite, die über alles informiert, was sich in puncto Film in Luxemburg tut. Die Regisseure Govinda van Maele, Jeff Desom und der Produzent Bernard Michaux haben inzwischen den Sprung ins Profilager geschafft, ebenso die Regisseurin Laura Schröder. Die Schauspielerin Vicky Krieps ist gerade auf dem Weg in die internationale Liga. Doch wer aus dem Großherzogtum vom Film- oder Theatergeschäft leben will, der hält sich meistens außerhalb des Landes auf, gerne in Berlin oder Paris.

Bernard Michaux ist mit Lucil Film der jüngste Luxemburger Filmproduzent und Mitbetreiber von “filmreakter”. Ab September ist von ihm auf RTL Télé Lëtzebuerg die Sitcom “Comeback” zu sehen. “Ein Filmfestival ist die günstigste Möglichkeit, alle zu sehen, die man sehen will”, sagt Michaux. Abgesehen von den vier bis fünf geplanten Terminen pro Tag kämen im Bus, Taxi oder an der Bar die besten Kontakte zustande. Für den 29-Jährigen ist es bereits die fünfte Teilnahme in Berlin. Beim ersten Mal hat er am Talentcampus teilgenommen. Dort halten Experten und Filmgrößen wie Ridley Scott und Isabella Rossellini, die sonst über den Roten Teppich der Berlinale laufen, Kurse für den internationalen Filmnachwuchs ab. Praktisch alle Nachwuchstalente aus Luxemburg haben in den vergangenen Jahren den Talentcampus durchlaufen.

Nikos Welter ist dieses Jahr als Kameramann mit dabei. Der baldige Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) teilt die Einschätzung von Michaux, dass das Interessante bei solchen Großveranstaltungen wie der Berlinale immer “dazwischen” passiere, in den Gesprächen auf dem Weg von A nach B und durch die zufälligen Kontakte, die sich auf diesem “Ferienlager mit Programm” ergäben. Auch im Zeitalter von Facebook sei die direkte Begegnung unersetzlich. “Auf einem Filmset verbringt man auf engem Raum viel Zeit miteinander, da muss die Chemie stimmen. Und das lässt sich nur durch direktes Beschnuppern feststellen”, so Welter.

Ebenfalls zu Gast bei den Filmfestspielen ist die Schauspielerin Vicky Krieps, die inzwischen in Berlin lebt. Sie ist in “Formentera” in der Sektion Forum zu sehen. Als Neohippiemutter Mara bewegt sie sich in Ann-Kristin Reyels Film traumwandlerisch durch die deutsche Aussteigerwelt.

“Sie wird einmal ganz groß”, prophezeit Regisseur Detlev Buck, der sich ihretwegen den Film angesehen hat. “Wenn nicht jetzt, dann in fünf Jahren.” Buck hat mit ihr gerade “Die Vermessung der Welt” abgedreht, der im Herbst in die Kinos kommt. Erstaunlich locker sei sie geblieben bei ihrem jetzt schon rasanten Aufstieg.

In Trier war Krieps im Herbst 2009 noch in der Off-Theaterproduktion “Woyzeck” im damaligen Karussell auf der Bühne zu sehen. In den folgenden beiden Jahren spielte sie mit in Andreas Veiels “Wer, wenn nicht wir”, in Roland Emmerichs “Anonymus”, an der Seite von Cate Blanchett in “Wer ist Hanna?” und neben Joachim Król in der “tatort”-Folge “Eine bessere Welt”. “Wer, wenn nicht wir” lief im Wettbewerb der letztjährigen Berlinale. Im Sommer dieses Jahres wird die 28-Jährige im Kinderfilm “Schatzritter” unter der (Regie: Laura Schröder, Produzent: Bernard Michaux) wieder in Luxemburg im Kino zu sehen sein.

Buck ist auf Einladung von Krieps in die luxemburgischen Botschaft gekommen. Dort kam er auch mit Bernard Michaux ins Gespräch. Ob daraus irgendwann ein gemeinsames Filmprojekt entsteht, ist völlig offen. Das Treffen ist für beide zunächst einmal nur eines von vielen auf dieser Berlinale.

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Allenfalls Insidern ist Luxemburg als Filmland bekannt. Dass nicht nur immer wieder große Hollywood-Produktionen im kleinen Großherzogtum gedreht werden, sondern auch Einheimische vor und hinter der Kamera auf dem deutschen und internationalen Filmmarkt mitmischen, kann man derzeit auf der 62. Berlinale sehen. Auch wenn dieses Jahr anders als in den Jahren zuvor kein Luxemburger Film im Wettbewerb gezeigt wird, sind viele Filmschaffende aus dem Ländchen während der Festspiele, die am morgigen Sonntag zu Ende gehen, vor Ort.

BERLIN/LUXEMBURG. Einer der Treffpunkte für die Filmszene aus dem Nachbarland ist der inzwischen traditionelle Montagsempfang in der luxemburgischen Botschaft, der von der Luxemburger Filmförderung, dem Film Fund, mitveranstaltet wird. Für internationale Auftritte verfügt die Behörde über einen speziellen Budgetposten. Medienminister François Biltgen wünschte den anwesenden Filmschaffenden “einen beruflich nützlichen Abend” und betonte, dass die Mittel für die Filmförderung nicht beschnitten würden. Derzeit steht eine Reform an, wie der Staat in Zukunft Medienproduktionen finanziell unterstützt. Die Änderungen sollen sicherstellen, dass die Filmindustrie und der Nachwuchs des eigenen Landes mehr gefördert werden können und die subventionierten Filme auch weiterhin international ausgerichtet bleiben.

Größere Kinofilme werden in Luxemburg meistens von mehreren internationalen Partnern finanziert. Nach dem alten Modell mussten Filmproduzenten Geld im Großherzogtum ausgeben, um subventioniert zu werden. Das lockte die ausländische Filmindustrie ins Land. Ein Teil des jetzigen Luxemburger Nachwuchses sammelte bereits Erfahrungen bei diesen Produktionen.

Regisseurin, Kameramann und Produzent sind längst auch in Luxemburg verbreitete Berufe. Dementsprechend vielfältig hat sich die Filmszene im Land entwickelt. Neben den etablierten Filmschaffenden (wie der Experimentalfilmerin Bady Minck, den Produzenten Jani Thiltges und Claude Waringo von Samsa Film, Paul Thiltges von PDT, Nicolas Steil von Iris Film, Pol Cruchten von Red Lion, dem Regisseur Andy Bausch und der Schauspielerin Desirée Nosbusch) ist nun eine zweite Generation von Profis nachgerückt.

Dazu gehören die Gründer der Internetplattform “filmreakter“, eine Webseite, die über alles informiert, was sich in puncto Film in Luxemburg tut. Die Regisseure Govinda van Maele, Jeff Desom und der Produzent Bernard Michaux haben inzwischen den Sprung ins Profilager geschafft, ebenso die Regisseurin Laura Schröder. Die Schauspielerin Vicky Krieps ist gerade auf dem Weg in die internationale Liga. Doch wer aus dem Großherzogtum vom Film- oder Theatergeschäft leben will, der hält sich meistens außerhalb des Landes auf, gerne in Berlin oder Paris.

Bernard Michaux ist mit Lucil Film der jüngste Luxemburger Filmproduzent und Mitbetreiber von “filmreakter”. Ab September ist von ihm auf RTL Télé Lëtzebuerg die Sitcom “Comeback” zu sehen. “Ein Filmfestival ist die günstigste Möglichkeit, alle zu sehen, die man sehen will”, sagt Michaux. Abgesehen von den vier bis fünf geplanten Terminen pro Tag kämen im Bus, Taxi oder an der Bar die besten Kontakte zustande. Für den 29-Jährigen ist es bereits die fünfte Teilnahme in Berlin. Beim ersten Mal hat er am Talentcampus teilgenommen. Dort halten Experten und Filmgrößen wie Ridley Scott und Isabella Rossellini, die sonst über den Roten Teppich der Berlinale laufen, Kurse für den internationalen Filmnachwuchs ab. Praktisch alle Nachwuchstalente aus Luxemburg haben in den vergangenen Jahren den Talentcampus durchlaufen.

Nikos Welter ist dieses Jahr als Kameramann mit dabei. Der baldige Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) teilt die Einschätzung von Michaux, dass das Interessante bei solchen Großveranstaltungen wie der Berlinale immer “dazwischen” passiere, in den Gesprächen auf dem Weg von A nach B und durch die zufälligen Kontakte, die sich auf diesem “Ferienlager mit Programm” ergäben. Auch im Zeitalter von Facebook sei die direkte Begegnung unersetzlich. “Auf einem Filmset verbringt man auf engem Raum viel Zeit miteinander, da muss die Chemie stimmen. Und das lässt sich nur durch direktes Beschnuppern feststellen”, so Welter.

Ebenfalls zu Gast bei den Filmfestspielen ist die Schauspielerin Vicky Krieps, die inzwischen in Berlin lebt. Sie ist in “Formentera” in der Sektion Forum zu sehen. Als Neohippiemutter Mara bewegt sie sich in Ann-Kristin Reyels Film traumwandlerisch durch die deutsche Aussteigerwelt.

“Sie wird einmal ganz groß”, prophezeit Regisseur Detlev Buck, der sich ihretwegen den Film angesehen hat. “Wenn nicht jetzt, dann in fünf Jahren.” Buck hat mit ihr gerade “Die Vermessung der Welt” abgedreht, der im Herbst in die Kinos kommt. Erstaunlich locker sei sie geblieben bei ihrem jetzt schon rasanten Aufstieg.

In Trier war Krieps im Herbst 2009 noch in der Off-Theaterproduktion “Woyzeck” im damaligen Karussell auf der Bühne zu sehen. In den folgenden beiden Jahren spielte sie mit in Andreas Veiels “Wer, wenn nicht wir”, in Roland Emmerichs “Anonymus”, an der Seite von Cate Blanchett in “Wer ist Hanna?” und neben Joachim Król in der “tatort”-Folge “Eine bessere Welt”. “Wer, wenn nicht wir” lief im Wettbewerb der letztjährigen Berlinale. Im Sommer dieses Jahres wird die 28-Jährige im Kinderfilm “Schatzritter” unter der (Regie: Laura Schröder, Produzent: Bernard Michaux) wieder in Luxemburg im Kino zu sehen sein.

Buck ist auf Einladung von Krieps in die luxemburgischen Botschaft gekommen. Dort kam er auch mit Bernard Michaux ins Gespräch. Ob daraus irgendwann ein gemeinsames Filmprojekt entsteht, ist völlig offen. Das Treffen ist für beide zunächst einmal nur eines von vielen auf dieser Berlinale.

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