Aug 19 2012

Regisseurin Julie Schroell und Biobauer Jean-Louis Colling im Doppelinterview

Published by at 01:08 under CNA

SOURCE: http://www.journal.lu

schroell

Der Dokumentarfilm „De Baureblues“ der Luxemburgerin Julie Schroell zeichnet einen historischen Abriss der Landwirtschaft in Luxemburg und lockte im vergangenen Jahr knapp 6.000 Zuschauer in die luxemburgischen Kinos .

Mit Julie Schroell und Bio-Bauer Jean-Louis Colling, der im Film zur Biolandwirtschaft Stellung nahm, unterhielten wir uns ein Jahr nach Drehende darüber, ob bzw. wie der Film das allgemeine Bild von der Landwirtschaft in Luxemburg verändert hat.

Die Ignoranz des Konsumenten

Lëtzebuerger Journal: Herr Colling, was hat Sie dazu bewogen, in Julie Schroells Film mitzuwirken?

Jean-Louis Colling: Zwanzig Jahre lang habe ich als Banker gearbeitet, ehe ich den elterlichen Hof übernommen habe. Damals ist mir bewusst geworden, wie weit sich die Menschen von der Landwirtschaft entfernt haben. Ich finde es eminent wichtig, dass die Leute wieder einen Bezug zu dieser bekommen. Die meisten Konsumenten gehen heute in den Supermarkt und machen sich wenig Gedanken darüber, wo die Produkte eigentlich herkommen.

Die Bauern ihrerseits sollen heutzutage ihre Ware produzieren, wie ein Autohersteller seine Autos oder ein Reifenhersteller seine Reifen. Dies funktioniert jedoch keineswegs.

Die Landwirte werden aufgefordert einen Markt zu bedienen, der von den Produzenten Unrealisierbares fordert. Das Unrealisierbare wird dennoch realisiert, mit all den Konsequenzen, die diese Produktionsmethoden mit sich bringen.

Der Konsument möchte bei einem Rind immer nur das Filetstück; das entspricht gerade einmal 1% des Tiers, doch wohin mit den restlichen 99%? Davon müssen wir wegkommen. Ich bin der Meinung, dass der Film genauso wichtig für den Bauern ist als für den Konsumenten.

L.J.: Wie waren die Reaktionen in ihrem Bekanntenkreis auf den Film?

J-L.C.: Die Reaktionen waren allesamt positiv. Ab und an wurde bemängelt, dass lediglich Szenen aus der Landwirtschaft gezeigt wurden, die Kamera jedoch nicht in die privaten Gemächer der Landwirte schwenkte. Ich persönlich empfinde dies als nicht notwendig; der Blick ins Private hätte einen voyeuristischen Beigeschmack.

Ich bin froh darüber, dass ein Film über die Landwirtschaft entstanden ist, da viele Menschen von dieser ein sehr verzerrtes Bild haben. Es hat mich überrascht, dass beispielsweise Leute um die 50 auf dem Gebiet der Landwirtschaft realitätsfremd sind.

Zweiter „Baureblues“ gewünscht

L.J.: Sie selbst sind Biobauer: Glauben Sie, dass der Film die Menschen für Bioprodukte sensibilisiert hat ?

J-L.C.: Die Nachfrage nach Bioprodukten ist bereits groß und steigt ständig. Ich bin schon der Meinung, dass der „Baureblues“ die Menschen für solche Produkte sensibilisiert hat.

L.J.: Sind Sie als aktiver Bauer mit dem Bild, das der Film von der Landwirtschaft zeigt, zufrieden?

J-L.C.: Es sollte ja ein Dokumentarfilm über die Landwirtschaft werden, was es im Endeffekt ja auch geworden ist. Darüber hinaus zeigt der Film klipp und klar, dass die Bio-Landwirtschaft heute nicht mehr wegzudenken ist.

Ich würde mir vielleicht einen zweiten „Baureblues“ wünschen, der mehr Details über das Funktionieren der Landwirtschaft liefert; dieser Aspekt wurde beim „Baureblues“ etwas außen vor gelassen

L.J.: Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil der luxemburgischen Geschichte und Kultur. Würde sich der Dokumentarstreifen nicht als didaktisches Material für die luxemburgischen Schulen anbieten?

J-L.C.: Ja natürlich, denn streng genommen liegt der Ursprung nahezu jeder luxemburgischen Familie in der Landwirtschaft.

Lëtzebuerger Journal: Frau Schroell, nach dem Fußballverein Jeunesse Esch und den Musikern der HipHop-Band „De Läb“ befassen Sie sich in Ihrem letzten Filmprojekt mit den luxemburgischen Landwirten. Wieso haben Sie eigentlich einen Film über die luxemburgische Landwirtschaft gedreht?

Julie Schroell: Beim „Baureblues“ handelt es sich um eine Auftragsarbeit des Centre National de l’Audiovisuel (CNA), aus dem sich jedoch irgendwie ein persönliches Projekt entwickelt hat. Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn keinen blassen Schimmer vom landwirtschaftlichen Milieu hatte.

Der Glaube an gängige Bauernklischees

L.J.: Wie haben sie die Reaktionen des Publikums erlebt?

J.S.: Der Film kam relativ gut beim Publikum an, er war ja in der Tat mit knapp 6.000 Zuschauern der erfolgreichste luxemburgische Film des Jahres 2011.

Die Reaktion der Protagonisten war durchweg positiv, nachdem sie sich das Werk angeschaut hatten. Auch in den Regionalkinos, in denen der Dokumentarfilm lief und die ich selbst besucht habe, wurde der Film mit offenen Armen empfangen. Jugendliche Kinogänger waren begeistert, da die Landwirtschaft für viele ein unbekanntes Territorium ist. Ich glaube schon, dass sich insgesamt viele Zuschauer, und nicht nur die jungen, mit der Landwirtschaft identifizieren.

L.J.: Welches Bild hatten Sie denn vor dem Dreh von der luxemburgischen Landwirtschaft?

Ich war einer dieser Menschen die, wie Jean-Louis es treffend formuliert hat, im Laden einkaufen, sich allerdings wenig mit der Herkunft des Produktes beschäftigten. Da ich in der Stadt Esch/Alzette aufgewachsen bin, glaubte ich an die gängigen Bauernklischees.

Die Arbeit am „Baureblues“ hat mich gelehrt, dass der Beruf des Landwirts ein sehr breit gefächerter Job ist. Ich glaube, dass ich den Bauern und dem gesamten Berufsstand heute viel mehr Respekt entgegen bringe

L.J.: Sehr oft sind Filmemacher nach Abschluss der Dreharbeiten und Postproduktion nicht zu 100% mit dem Endergebnis zufrieden. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Natürlich ist man nie zufrieden, das stimmt. Ich musste einige Kriterien respektieren, da es sich ja um eine Auftragsarbeit handelt. Wäre der „Baureblues“ mein eigenes Projekt gewesen, so hätte ich beispielsweise weniger auf Archivbilder zurückgegriffen.

Die Fragen stellte Patrick Versall

www.julieschroell.com

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Der Dokumentarfilm „De Baureblues“ der Luxemburgerin Julie Schroell zeichnet einen historischen Abriss der Landwirtschaft in Luxemburg und lockte im vergangenen Jahr knapp 6.000 Zuschauer in die luxemburgischen Kinos .

Mit Julie Schroell und Bio-Bauer Jean-Louis Colling, der im Film zur Biolandwirtschaft Stellung nahm, unterhielten wir uns ein Jahr nach Drehende darüber, ob bzw. wie der Film das allgemeine Bild von der Landwirtschaft in Luxemburg verändert hat.

Die Ignoranz des Konsumenten

Lëtzebuerger Journal: Herr Colling, was hat Sie dazu bewogen, in Julie Schroells Film mitzuwirken?

Jean-Louis Colling: Zwanzig Jahre lang habe ich als Banker gearbeitet, ehe ich den elterlichen Hof übernommen habe. Damals ist mir bewusst geworden, wie weit sich die Menschen von der Landwirtschaft entfernt haben. Ich finde es eminent wichtig, dass die Leute wieder einen Bezug zu dieser bekommen. Die meisten Konsumenten gehen heute in den Supermarkt und machen sich wenig Gedanken darüber, wo die Produkte eigentlich herkommen.

Die Bauern ihrerseits sollen heutzutage ihre Ware produzieren, wie ein Autohersteller seine Autos oder ein Reifenhersteller seine Reifen. Dies funktioniert jedoch keineswegs.

Die Landwirte werden aufgefordert einen Markt zu bedienen, der von den Produzenten Unrealisierbares fordert. Das Unrealisierbare wird dennoch realisiert, mit all den Konsequenzen, die diese Produktionsmethoden mit sich bringen.

Der Konsument möchte bei einem Rind immer nur das Filetstück; das entspricht gerade einmal 1% des Tiers, doch wohin mit den restlichen 99%? Davon müssen wir wegkommen. Ich bin der Meinung, dass der Film genauso wichtig für den Bauern ist als für den Konsumenten.

L.J.: Wie waren die Reaktionen in ihrem Bekanntenkreis auf den Film?

J-L.C.: Die Reaktionen waren allesamt positiv. Ab und an wurde bemängelt, dass lediglich Szenen aus der Landwirtschaft gezeigt wurden, die Kamera jedoch nicht in die privaten Gemächer der Landwirte schwenkte. Ich persönlich empfinde dies als nicht notwendig; der Blick ins Private hätte einen voyeuristischen Beigeschmack.

Ich bin froh darüber, dass ein Film über die Landwirtschaft entstanden ist, da viele Menschen von dieser ein sehr verzerrtes Bild haben. Es hat mich überrascht, dass beispielsweise Leute um die 50 auf dem Gebiet der Landwirtschaft realitätsfremd sind.

Zweiter „Baureblues“ gewünscht

L.J.: Sie selbst sind Biobauer: Glauben Sie, dass der Film die Menschen für Bioprodukte sensibilisiert hat ?

J-L.C.: Die Nachfrage nach Bioprodukten ist bereits groß und steigt ständig. Ich bin schon der Meinung, dass der „Baureblues“ die Menschen für solche Produkte sensibilisiert hat.

L.J.: Sind Sie als aktiver Bauer mit dem Bild, das der Film von der Landwirtschaft zeigt, zufrieden?

J-L.C.: Es sollte ja ein Dokumentarfilm über die Landwirtschaft werden, was es im Endeffekt ja auch geworden ist. Darüber hinaus zeigt der Film klipp und klar, dass die Bio-Landwirtschaft heute nicht mehr wegzudenken ist.

Ich würde mir vielleicht einen zweiten „Baureblues“ wünschen, der mehr Details über das Funktionieren der Landwirtschaft liefert; dieser Aspekt wurde beim „Baureblues“ etwas außen vor gelassen

L.J.: Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil der luxemburgischen Geschichte und Kultur. Würde sich der Dokumentarstreifen nicht als didaktisches Material für die luxemburgischen Schulen anbieten?

J-L.C.: Ja natürlich, denn streng genommen liegt der Ursprung nahezu jeder luxemburgischen Familie in der Landwirtschaft.

Lëtzebuerger Journal: Frau Schroell, nach dem Fußballverein Jeunesse Esch und den Musikern der HipHop-Band „De Läb“ befassen Sie sich in Ihrem letzten Filmprojekt mit den luxemburgischen Landwirten. Wieso haben Sie eigentlich einen Film über die luxemburgische Landwirtschaft gedreht?

Julie Schroell: Beim „Baureblues“ handelt es sich um eine Auftragsarbeit des Centre National de l’Audiovisuel (CNA), aus dem sich jedoch irgendwie ein persönliches Projekt entwickelt hat. Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn keinen blassen Schimmer vom landwirtschaftlichen Milieu hatte.

Der Glaube an gängige Bauernklischees

L.J.: Wie haben sie die Reaktionen des Publikums erlebt?

J.S.: Der Film kam relativ gut beim Publikum an, er war ja in der Tat mit knapp 6.000 Zuschauern der erfolgreichste luxemburgische Film des Jahres 2011.

Die Reaktion der Protagonisten war durchweg positiv, nachdem sie sich das Werk angeschaut hatten. Auch in den Regionalkinos, in denen der Dokumentarfilm lief und die ich selbst besucht habe, wurde der Film mit offenen Armen empfangen. Jugendliche Kinogänger waren begeistert, da die Landwirtschaft für viele ein unbekanntes Territorium ist. Ich glaube schon, dass sich insgesamt viele Zuschauer, und nicht nur die jungen, mit der Landwirtschaft identifizieren.

L.J.: Welches Bild hatten Sie denn vor dem Dreh von der luxemburgischen Landwirtschaft?

Ich war einer dieser Menschen die, wie Jean-Louis es treffend formuliert hat, im Laden einkaufen, sich allerdings wenig mit der Herkunft des Produktes beschäftigten. Da ich in der Stadt Esch/Alzette aufgewachsen bin, glaubte ich an die gängigen Bauernklischees.

Die Arbeit am „Baureblues“ hat mich gelehrt, dass der Beruf des Landwirts ein sehr breit gefächerter Job ist. Ich glaube, dass ich den Bauern und dem gesamten Berufsstand heute viel mehr Respekt entgegen bringe

L.J.: Sehr oft sind Filmemacher nach Abschluss der Dreharbeiten und Postproduktion nicht zu 100% mit dem Endergebnis zufrieden. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Natürlich ist man nie zufrieden, das stimmt. Ich musste einige Kriterien respektieren, da es sich ja um eine Auftragsarbeit handelt. Wäre der „Baureblues“ mein eigenes Projekt gewesen, so hätte ich beispielsweise weniger auf Archivbilder zurückgegriffen.

Die Fragen stellte Patrick Versall

www.julieschroell.com

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