May 19 2011

INTERVIEW – JEAN-CLAUDE SCHLIM

Published by at 01:33 under Deutsch

http://www.blu.fm

jc schlim

Eigentlich arbeitet der in Luxemburg lebende Filmschaffende in der Produktion, doch bei dem Achtungserfolg „House of Boys“ wirkte Jean-Claude Schlim als Drehbuchautor und Regisseur. Hier erfährst du mehr. •rä

WARUM HAST DU ALS PRODUCER BESCHLOSSEN, AUCH EINMAL ALS REGISSEUR ZU ARBEITEN?
„House of Boys“ ist eine Art Lebenswerk, wo es mir weniger ums Filmemachen als um die Thematik ging. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen, am Buch zu arbeiten, und natürlich stehe ich auch zu meiner gewollten klassischen Erzählstruktur, habe auch die großen Hollywood-Klassiker wie Douglas Sirk bewusst zitiert. Diese zum Teil kitschige, überbordende Umsetzweise hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe den Film mit meiner homosexuellen Subkultur vollstopfen können und mit Referenzen in Musik, Fotografie und Literatur nicht gespart, um diesen ungewöhnlichen, campen Mix von schwülstiger Dramatik, Musical-Einlagen, bis hin zu den zwitschernden Ralf-König-Vögeln dann doch schlussendlich zu der gewollten Emotion zu bringen. Doch wohl ein gewagter Erstling, auch jetzt im Nachhinein aus meiner Sicht. Dass der Film beim Publikum sehr gut ankommt, freut mich natürlich sehr. Ich habe viele liebe Worte gehört und gelesen. Heutzutage zwitschern Rezensionen ja auch über Facebook, Blogs usw.

UND WARUM IST DEIN ERSTLING HOUSE OF BOYS GLEICH SO EIN THEMATISCH ERNSTER FILM GEWORDEN?
Weil es mir um die Thematik ging. Das war der einzige Anlass, und den habe ich nie aus den Augen verloren. Das Hauptbild des Films ist das von mir verdrängte Bild meines damaligen Freundes, der mit 29 Jahren im Karposi-Endstadium wie ein mumifizierter alter Mann wegröchelte. Das waren harte Bilder, die die Menschen damals geprägt haben. Mein Film ist eine Hommage an diese Zeit und die vielen Menschen, die damals heldenartig den Kranken zur Seite standen. Stephen Fry hat mir ein schönes Geschenk gemacht und die Symbolfigur des Arztes richtig verstanden und großartig rübergebracht. Wir hatten alle sehr viel Spaß beim Dreh, Udo (Kier) ist ein langjähriger Freund, die Rolle von Madame habe ich für ihn geschrieben und er hat sie hingebungsvoll mit viel Mut und seiner typischen überladenen positiven Energie rübergebracht, die jungen Schauspieler haben sich alle übertroffen – so kann auch eine ernste Thematik nicht unbedingt der Dramaturgie schaden. Ich sehe „House of Boys“ als „Feel-good Comedy“, die einzige böse Figur ist die Krankheit. Ein Märchen also.

WILLST DU NOCH MEHR FILME MACHEN?
„House of Boys“ war eine Schwergeburt und ich denke, der Film braucht auch jetzt noch viel Liebe, Zeit und Energie beim Verleih. Schwule Themen haben es nicht nur bei der Finanzierung schwer, und das Thema Aids hat sicherlich an Aufmerksamkeit verloren, besonders auch in der jungen schwulen Szene. Der Film wurde bei seiner Auswertung in Luxemburg eher von der allgemeinen Zuschauerbevölkerung gefeiert, der hiesige Filmpreis sagt da wohl sehr viel aus. Die schwule Kultur hat mein Leben geprägt: Sie hat im Kampf gegen Aids historische Siege verzeichnet und darf nie abschwächen. Diese Kraft muss aufrechterhalten werden. Ich bin sehr aktiv im Kampf gegen die Krankheit, und neu aufkommende gefährliche Themen wie Ausgrenzung, Vereinsamung oder zum Beispiel Schuldzuweisung sind mir wichtig. Als Überlebender, sagt meine Hauptfigur, hat man eine gewisse Verantwortung. So bekommt die Geschichte ihren Sinn und trägt das Thema über den Abspann hinaus. Danach sollte sich jeder auf seine Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzen. So kann ich mir gute Kinounterhaltung eventuell weiter vorstellen.

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Eigentlich arbeitet der in Luxemburg lebende Filmschaffende in der Produktion, doch bei dem Achtungserfolg „House of Boys“ wirkte Jean-Claude Schlim als Drehbuchautor und Regisseur. Hier erfährst du mehr. •rä

WARUM HAST DU ALS PRODUCER BESCHLOSSEN, AUCH EINMAL ALS REGISSEUR ZU ARBEITEN?
„House of Boys“ ist eine Art Lebenswerk, wo es mir weniger ums Filmemachen als um die Thematik ging. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen, am Buch zu arbeiten, und natürlich stehe ich auch zu meiner gewollten klassischen Erzählstruktur, habe auch die großen Hollywood-Klassiker wie Douglas Sirk bewusst zitiert. Diese zum Teil kitschige, überbordende Umsetzweise hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe den Film mit meiner homosexuellen Subkultur vollstopfen können und mit Referenzen in Musik, Fotografie und Literatur nicht gespart, um diesen ungewöhnlichen, campen Mix von schwülstiger Dramatik, Musical-Einlagen, bis hin zu den zwitschernden Ralf-König-Vögeln dann doch schlussendlich zu der gewollten Emotion zu bringen. Doch wohl ein gewagter Erstling, auch jetzt im Nachhinein aus meiner Sicht. Dass der Film beim Publikum sehr gut ankommt, freut mich natürlich sehr. Ich habe viele liebe Worte gehört und gelesen. Heutzutage zwitschern Rezensionen ja auch über Facebook, Blogs usw.

UND WARUM IST DEIN ERSTLING HOUSE OF BOYS GLEICH SO EIN THEMATISCH ERNSTER FILM GEWORDEN?
Weil es mir um die Thematik ging. Das war der einzige Anlass, und den habe ich nie aus den Augen verloren. Das Hauptbild des Films ist das von mir verdrängte Bild meines damaligen Freundes, der mit 29 Jahren im Karposi-Endstadium wie ein mumifizierter alter Mann wegröchelte. Das waren harte Bilder, die die Menschen damals geprägt haben. Mein Film ist eine Hommage an diese Zeit und die vielen Menschen, die damals heldenartig den Kranken zur Seite standen. Stephen Fry hat mir ein schönes Geschenk gemacht und die Symbolfigur des Arztes richtig verstanden und großartig rübergebracht. Wir hatten alle sehr viel Spaß beim Dreh, Udo (Kier) ist ein langjähriger Freund, die Rolle von Madame habe ich für ihn geschrieben und er hat sie hingebungsvoll mit viel Mut und seiner typischen überladenen positiven Energie rübergebracht, die jungen Schauspieler haben sich alle übertroffen – so kann auch eine ernste Thematik nicht unbedingt der Dramaturgie schaden. Ich sehe „House of Boys“ als „Feel-good Comedy“, die einzige böse Figur ist die Krankheit. Ein Märchen also.

WILLST DU NOCH MEHR FILME MACHEN?
„House of Boys“ war eine Schwergeburt und ich denke, der Film braucht auch jetzt noch viel Liebe, Zeit und Energie beim Verleih. Schwule Themen haben es nicht nur bei der Finanzierung schwer, und das Thema Aids hat sicherlich an Aufmerksamkeit verloren, besonders auch in der jungen schwulen Szene. Der Film wurde bei seiner Auswertung in Luxemburg eher von der allgemeinen Zuschauerbevölkerung gefeiert, der hiesige Filmpreis sagt da wohl sehr viel aus. Die schwule Kultur hat mein Leben geprägt: Sie hat im Kampf gegen Aids historische Siege verzeichnet und darf nie abschwächen. Diese Kraft muss aufrechterhalten werden. Ich bin sehr aktiv im Kampf gegen die Krankheit, und neu aufkommende gefährliche Themen wie Ausgrenzung, Vereinsamung oder zum Beispiel Schuldzuweisung sind mir wichtig. Als Überlebender, sagt meine Hauptfigur, hat man eine gewisse Verantwortung. So bekommt die Geschichte ihren Sinn und trägt das Thema über den Abspann hinaus. Danach sollte sich jeder auf seine Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzen. So kann ich mir gute Kinounterhaltung eventuell weiter vorstellen.

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