Apr 17 2015

Die Macht der Bilder

Published by at 01:48 under Misc. Luxembourg

SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Bilder können unsere Wahrnehmung der Realität manipulieren. Eine Ausstellung im Casino Luxembourg zeigt diese Macht der Bilder.

„Siehst du meine Füße im Spiegel? – Ja. – Findest du sie hübsch? – Mhm. Sehr.“ Ein banaler Dialog, der als geschriebener Text es jedem Leser überlassen würde, ihn zu interpretieren, und zu eigenen Bildern im Kopf anregen würde. Wenn Sie sehen, dass die Frage von einer Frau an ihren Liebhaber gestellt wird, während sie auf einem Bett liegen, bekommt das Ganze eine andere, erotischere Farbe. Ersetzen Sie nun die nackte Frau durch ein kleines Mädchen. Was denken Sie nun dabei?

„7 Tage“ sind sieben Videoinstallationen des Künstlerduos M+M (Marc Weis und Martin de Mattia). Jede Installation trägt den Namen eines Wochentags. Es werden jeweils zwei kurze Filme gleichzeitig gezeigt. Die nachgespielten Szenen beziehen sich auf Schlüsselszenen bekannter Kinowerke. Das Besondere daran ist, dass die jeweilige Szene zweimal nachgespielt wurde.

Mehrdeutigkeit des Textes

Der eingangs beschriebene Dialog bezieht sich auf den Film „Le mépris“ von Jean-Luc Goddard aus dem Jahre 1963. Im Original stellt Brigitte Bardot die Fragen an Michel Piccoli. In der Videosequenz „Sonntag“ ist es der Schauspieler Christoph Luser, der in den zwei gleichzeitig gezeigten Videos eine Frau und ein Kind befragt. Die Mehrdeutigkeit des Textes wird so offen gezeigt. Und trotzdem überlassen die Künstler die Verantwortung der Interpretation dem Betrachter: Ist die Szene zwischen Mann und Kind pädophil angehaucht? Obwohl, ohne den erotisch geladenen Film mit dem Mann und seiner Geliebten käme bei der Kind-Version der Gedanke an Pädophilie vielleicht gar nicht auf.

In den Filmen „Samstag“ nimmt das Duo Bezug auf „Saturday Night Fever“. In einem Video tanzt ein Mann mit einer Frau, im anderen tanzt er mit einem Mann.

Ausnahme bildet “Mittwoch”

Das Prinzip wird in fast allen Videos wiederholt. Eine Ausnahme bildet „Mittwoch“: Ein Autofahrer fährt durch die Nacht. In den zwei Filmen gehen ihm die gleichen Gedanken durch den Kopf. Das eine Mal denkt er jedoch mit Sehnsucht an die Frau, die er besuchen wird, das andere Mal mit Eifersucht.

Das Spiel mit mehreren Möglichkeiten ist der rote Faden der Ausstellung. Wie der Besucher die Bilder aufnimmt und bewertet, hängt wohl nicht zuletzt auch mit seinem persönlichen Erlebten zusammen. Ein um seine Tochter besorgter Vater wird das eingangs beschriebene Video anders betrachten als ein Pädophiler. Die diptychone Anordnung der Videos drängt den Texten eine neue Realität, oder besser: eine weitere Möglichkeit der Realität auf.

Die Ausstellung im Casino Luxembourg ist übrigens das erste Mal, dass die gesamte Komposition in einer Einzelausstellung gezeigt wird.

(Claude Molinaro)

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Bilder können unsere Wahrnehmung der Realität manipulieren. Eine Ausstellung im Casino Luxembourg zeigt diese Macht der Bilder.

„Siehst du meine Füße im Spiegel? – Ja. – Findest du sie hübsch? – Mhm. Sehr.“ Ein banaler Dialog, der als geschriebener Text es jedem Leser überlassen würde, ihn zu interpretieren, und zu eigenen Bildern im Kopf anregen würde. Wenn Sie sehen, dass die Frage von einer Frau an ihren Liebhaber gestellt wird, während sie auf einem Bett liegen, bekommt das Ganze eine andere, erotischere Farbe. Ersetzen Sie nun die nackte Frau durch ein kleines Mädchen. Was denken Sie nun dabei?

„7 Tage“ sind sieben Videoinstallationen des Künstlerduos M+M (Marc Weis und Martin de Mattia). Jede Installation trägt den Namen eines Wochentags. Es werden jeweils zwei kurze Filme gleichzeitig gezeigt. Die nachgespielten Szenen beziehen sich auf Schlüsselszenen bekannter Kinowerke. Das Besondere daran ist, dass die jeweilige Szene zweimal nachgespielt wurde.

Mehrdeutigkeit des Textes

Der eingangs beschriebene Dialog bezieht sich auf den Film „Le mépris“ von Jean-Luc Goddard aus dem Jahre 1963. Im Original stellt Brigitte Bardot die Fragen an Michel Piccoli. In der Videosequenz „Sonntag“ ist es der Schauspieler Christoph Luser, der in den zwei gleichzeitig gezeigten Videos eine Frau und ein Kind befragt. Die Mehrdeutigkeit des Textes wird so offen gezeigt. Und trotzdem überlassen die Künstler die Verantwortung der Interpretation dem Betrachter: Ist die Szene zwischen Mann und Kind pädophil angehaucht? Obwohl, ohne den erotisch geladenen Film mit dem Mann und seiner Geliebten käme bei der Kind-Version der Gedanke an Pädophilie vielleicht gar nicht auf.

In den Filmen „Samstag“ nimmt das Duo Bezug auf „Saturday Night Fever“. In einem Video tanzt ein Mann mit einer Frau, im anderen tanzt er mit einem Mann.

Ausnahme bildet “Mittwoch”

Das Prinzip wird in fast allen Videos wiederholt. Eine Ausnahme bildet „Mittwoch“: Ein Autofahrer fährt durch die Nacht. In den zwei Filmen gehen ihm die gleichen Gedanken durch den Kopf. Das eine Mal denkt er jedoch mit Sehnsucht an die Frau, die er besuchen wird, das andere Mal mit Eifersucht.

Das Spiel mit mehreren Möglichkeiten ist der rote Faden der Ausstellung. Wie der Besucher die Bilder aufnimmt und bewertet, hängt wohl nicht zuletzt auch mit seinem persönlichen Erlebten zusammen. Ein um seine Tochter besorgter Vater wird das eingangs beschriebene Video anders betrachten als ein Pädophiler. Die diptychone Anordnung der Videos drängt den Texten eine neue Realität, oder besser: eine weitere Möglichkeit der Realität auf.

Die Ausstellung im Casino Luxembourg ist übrigens das erste Mal, dass die gesamte Komposition in einer Einzelausstellung gezeigt wird.

(Claude Molinaro)

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