Sep 09 2007
Léif Lëtzebuerger
aus dem TAGEBLATT:
Ende 2007 kommt der Dokumentarfilm „Léif Lëtzebuerger“ über die Exiljahre von Großherzogin Charlotte und ihre legendären BBC-Radioansprachen während des Zweiten Weltkriegs in die Kinos. Ein Vorabgespräch mit dem britischen Regisseur Ray Tostevin und dem luxemburgischen Koproduzenten Joy Hoffmann.
Das ganze Gespräch im “Comment”
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aus dem TAGEBLATT:
Ende 2007 kommt der Dokumentarfilm „Léif Lëtzebuerger“ über die Exiljahre von Großherzogin Charlotte und ihre legendären BBC-Radioansprachen während des Zweiten Weltkriegs in die Kinos. Ein Vorabgespräch mit dem britischen Regisseur Ray Tostevin und dem luxemburgischen Koproduzenten Joy Hoffmann.
Das ganze Gespräch im “Comment”


Tageblatt: Herr Tostevin, wie entstand die Idee zu diesem Film?
Ray Tostevin: „Wir verdanken das Projekt einer Zufallsbegegnung auf einem englischen Bahnsteig vor drei Jahren. Eine Kollegin von mir kam dort mit der Fernsehjournalistin und gebürtigen Luxemburgerin Candice Allen ins Gespräch. Sie erzählte von ihrem Interesse an Dokumentarfilmen und von der Faszination, die die Geschichten ihrer Großmutter über den Zweiten Weltkrieg und die Ansprachen der Großherzogin in jenen Tagen auf sie ausübten.
Schnell fassten wir den Plan, gemeinsam eine Dokumentation zu diesem Thema zu realisieren. Nach einem Treffen mit Joy Hoffmann vom CNA (Centre national de l’audiovisuel) konnten wir mit der konkreten Umsetzung unseres Vorhabens beginnen.“
„T“: Herr Hoffmann, was interessierte Sie an der Person und ihrer dokumentarischen Umsetzung?
Joy Hoffmann: „Großherzogin Charlotte ist eine der markantesten Figuren in der Geschichte Luxemburgs. Sie hatte in einer dramatischen Zeit zukunftweisende Entscheidungen zu treffen. In rechten wie in linken Kreisen war und blieb sie stets äußerst beliebt.
Es schien mir vor allem mit Blick auf jüngere Generationen wichtig, darzustellen, wie sie das geschafft hat, und zudem zu zeigen, welch wichtige Rolle sie für die luxemburgische Resistenz und als Propagandistin für Luxemburg bei den Großmächten während des Zweiten Weltkriegs spielte.“
„T“: Wie traten Sie in Kontakt mit den Luxemburgern, die im Film zu Wort kommen?
R.T.: „Über Aufrufe in den Luxemburger Medien baten wir Zeitzeugen, sich mit ihren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und Charlottes BBC-Ansprachen bei uns zu melden. Die Resonanz, nicht nur in Luxemburg, war überwältigend.“
„T“: Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit Luxemburg im Allgemeinen?
R.T.: „Wir erhielten von vielen Leuten wertvolle Hilfe, vor allem von Joy Hoffmann vom CNA und dem Historiker und Vertreter der ’Fondation nationale de la Résistance’, Paul Dostert. Die Nationalarchive ermöglichten uns umfassenden Zugriff. Zahlreiche Luxemburger unterstützten uns, indem sie historische Fotos und Zeitungsausschnitte zur Verfügung stellten.
Auch im Ausland lebende Luxemburger, ob aus London, Washington, Chicago oder New York, meldeten sich. Und sogar einige ehemalige Kameraden vom damaligen Prinz Jean aus der britischen Armee stellten sich für Gespräche zur Verfügung.“
„T“: Was bewog das CNA zu einer Unterstützung des Projekts?
J.H.: „Aufgabe des CNA ist es unter anderem, luxemburgische Geschichte und Kultur anhand des reichen Archivbestandes des Instituts audiovisuell aufzuarbeiten. In diesem Fall verfügten wir über noch nie veröffentliches Bildmaterial, wie etwa gefilmte Reden der Großherzogin, so dass sich eine Zusammenarbeit förmlich aufdrängte.“
„T“: Können Sie die Bewunderung der Luxemburger für die Großherzogin nachvollziehen?
R.T.: „Bei unseren Recherchen zeigte sich, mit welch überragender Wirkung Charlotte ihren Charme und ihr Charisma einzusetzen verstand. Als Herrscherin einer der kleinsten Demokratien Europas war sie in der einmaligen Position, die Meinung unter den Alliierten entscheidend zu beeinflussen. Ihre Freundschaft mit Roosevelt und Churchill gab ihr Gelegenheit, amerikanische und britische Unterstützung zur Befreiung Luxemburgs zu mobilisieren.
Viele Luxemburger meinen erstaunlicherweise, die Großherzogin hätte während des Krieges erheblich mehr als nur etwa ein Dutzend BBC-Ansprachen gehalten, wie es tatsächlich der Fall war.
Aber die positive Wirkung dieser Reden, die mit den Worten ’Léif Lëtzebuerger’ zu beginnen pflegten, auf die Moral der luxemburgischen Bevölkerung war enorm. Menschen in Todesangst brauchen einen Hoffnungsträger, und für die Luxemburger übernahm Charlotte in einem entscheidenden Moment der Geschichte des Landes diese Rolle.“
„T“: Manche Luxemburger meinen, die Großherzogin und ihre Regierung hätten das Volk im Moment größter Not im Stich gelassen. Wird Ihr Film auch diesen kritischen Aspekt behandeln?
R.T.: „Der Film setzt sich auch mit diesem Eindruck einiger Luxemburger auseinander. Die Entscheidung, Luxemburg beim Einmarsch der Deutschen zu verlassen, hat Charlotte sich nicht leicht gemacht. Doch sie war nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch Mutter von sechs Kindern mit dem dringenden Wunsch, die Familie zusammenzuhalten.
Auch die schmerzlichen Erinnerungen an ihre ältere Schwester Marie-Adelheid, die nach dem deutschen Einmarsch 1914 geblieben und der allzu deutschfreundliches Verhalten vorgeworfen worden war, beschleunigten ihren Entschluss.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Marie-Adelheid zur Abdankung gezwungen worden. Charlotte und ihre Berater wollten auf keinen Fall denselben Fehler begehen. Und dennoch stellte Charlotte ihr Handeln in Frage.“
„T“: Während der Dreharbeiten begegneten Sie Großherzog Jean persönlich …
R.T.: „Er empfing uns sehr herzlich auf Schloss Fischbach, als wir dort mit Roosevelts ältestem Enkel Curtis drehten. Der Großherzog sprach von Luxemburgs Dankbarkeit den Amerikanern gegenüber, vor allem für Roosevelts Engagement, das gegenüber Charlotte abgegebene Versprechen einzulösen und ihr Land zu befreien.
Er stellte uns auch einzigartiges Material aus seinem privaten Familienarchiv zur Verfügung, darunter persönliche Briefe der großherzoglichen Familie aus Kriegszeiten.“
„T“: Entdecken Sie als Brite historische Parallelen?
R.T.: „Meine Familie erlebte den Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung auf Guernsey. Mit der Verknappung der Lebensmittelvorräte kam der Hunger. Inselbewohner, die Widerstand leisteten, wurden ins Gefängnis geworfen, in Arbeitslager deportiert oder exekutiert.
Genau wie die Luxemburger feiern auch die Bewohner der Kanalinseln noch heute den Tag der Befreiung. Da ist es nur verständlich, dass ich eine starke Verbundenheit mit den Luxemburgern empfinde, die Ähnliches wie meine eigene Familie erlebten.“
„T“: Ihr nächstes Projekt?
J.H.: „Vorrangig ist ein Film über die Luxemburger Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit der ’Uni Lëtzebuerg’ geplant. Wir spielen aber auch mit dem Gedanken an einen Film über die luxemburgische Schauspielerin Germaine Damar, die im deutschen Revue-Film der 50er Jahre Karriere gemacht hat und zu der bereits interessantes Material existiert.“
„T“: Befürchten Sie nicht, dass einheimische Filmemacher verärgert sein könnten, wenn ein Brite mit luxemburgischer Unterstützung einen Film über eine luxemburgische Persönlichkeit macht?
J.H.: „Solche Kritiken gab es schon bei ’Heim ins Reich’, beim ’Luxemburg-USA’-Film – und natürlich auch jetzt bei ’Léif Lëtzebuerger’. Aber es war eben eine Engländerin (luxemburgischer Abstammung), die uns das Projekt vorschlug. Sollten wir deshalb ablehnen? Im Gegenteil!
Uns schien es besonders interessant, einen Blick von außen auf unsere Geschichte zu bekommen und nicht immer im engen Luxemburger Filmkreis zu drehen. Zudem hielt Charlotte sich lange Zeit in England, von wo aus das Schicksal Europas bestimmt wurde, auf und blieb über ihre berühmten BBC-Reden in Kontakt mit der Luxemburger Bevölkerung. Eine Koproduktion mit einer erfahrenen englischen Firma bot sich da an.“