Apr 14 2008

Nicolas Steil Réfractaire

Published by at 11:16 under Misc. Luxembourg

REVUE: Für seine erste Regiearbeit hat sich Nicolas Steil kein leichtes Thema ausgesucht. «Réfractaire» erzählt von jungen Luxemburger Wehrdienstverweigerern im Zweiten Weltkrieg. Gedreht wird derzeit im Nationalen Grubenmuseum in Rümelingen.

An die Dunkelheit muss man sich erst gewöhnen. An die hohe Feuchtigkeit und die Kälte, die von den Füßen aus langsam in den ganzen Körper schleicht, ebenfalls. Doch Nicolas Steil lächelt. Er trägt eine warme Windjacke, und weil er sowieso fast nie still steht, kann ihm während der Dreharbeiten in den Rümelinger Erzgruben gar nicht wirklich kalt werden. «Ech fille mech hei scho bal wéi doheem», so der Luxemburger Regisseur, der ebenfalls für die Produktion seines ersten Spielfilms verantwortlich ist. «Op dës Manéier hunn ech d’Kontroll iwwer alles.»

Pünktlich um acht Uhr wartet ein Zug mit drei Wagons vor dem Tunnel-eingang, um einen Teil des Technikerteams ins Innere der Grube zu bringen. Eine Stunde später folgt der Rest der Crew mit den bereits fertig geschminkten Schauspielern. Zehn junge Männer, die für die Dauer von 18 Drehtagen in die Haut jener Luxemburger schlüpfen, die sich im Zweiten Weltkrieg der Wehrpflicht verweigerten und deshalb untertauchen mussten. Fünf Jahre lang hat Nicolas Steil, zusammen mit Jean-Louis Schlesser, über dieses dunkle Kapitel der Geschichte recherchiert, hat mit vielen Zeitzeugen und deren Familien gesprochen, sich Rat beim Historiker Paul Dostert geholt, um die psychologische Situation der Kriegsdienstverweigerer so getreu wie möglich in «Réfractaire» wiederzugeben. «Et muss fuerchtbar gewiecht sinn», kommentiert der Regisseur die Tatsache, dass Gauleiter Gustav Simon im August 1942 die Zwangsrekrutierung einführte und die Jahrgänge 1920 bis 1927 plötzlich vor der tragischen Entscheidung standen, entweder als deutscher Soldat an die Ostfront und in den sicheren Tod zu gehen oder ins Ausland fliehen, um sich den französischen und belgischen Widerstandsbewegungen anzuschließen. Wer beides nicht wollte, musste ein sicheres Versteck finden. Insgesamt haben 3.500 Männer Zuflucht in den Wäldern und Bergwerken, auf Bauernhöfen und in Kirchen gefunden. «Meeschtens waren et d’Mammen, déi zu hire Jonge gesot hunn: Verstoppt iech», erzählt Nicolas Steil. Dieselben Mütter mussten damals mit den schlimmsten Konsequenzen für sich und die Familie rechnen. Viele wurden umgesiedelt, in Konzentrationslager überwiesen oder zum Tode verurteilt. Auch die Helfer, die den Refraktären Nahrung, Kleidung und Medikamente besorgten, lebten ständig in der Angst, entdeckt oder verraten zu werden. Am meisten erschüttert hat ihn die Geschichte der Frau, die ein Jahr lang mit gepackten Koffern darauf wartete, dass die Gestapo sie abholen würde, weil ihr Sohn verschwunden war. Was auch geschah, eines Tages, pünktlich um sechs Uhr früh. Aus dem Arbeitslager kehrte sie nicht zurück. «Mir kënnen eis dat haut guer net méi virstellen.»
Den ganzen Beitrag lesen Sie in der Revue Nr. 15/08

Text: Gabrielle Seil
Fotos: Thierry Martin, Iris Productions

www.revue.lu

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REVUE: Für seine erste Regiearbeit hat sich Nicolas Steil kein leichtes Thema ausgesucht. «Réfractaire» erzählt von jungen Luxemburger Wehrdienstverweigerern im Zweiten Weltkrieg. Gedreht wird derzeit im Nationalen Grubenmuseum in Rümelingen.

An die Dunkelheit muss man sich erst gewöhnen. An die hohe Feuchtigkeit und die Kälte, die von den Füßen aus langsam in den ganzen Körper schleicht, ebenfalls. Doch Nicolas Steil lächelt. Er trägt eine warme Windjacke, und weil er sowieso fast nie still steht, kann ihm während der Dreharbeiten in den Rümelinger Erzgruben gar nicht wirklich kalt werden. «Ech fille mech hei scho bal wéi doheem», so der Luxemburger Regisseur, der ebenfalls für die Produktion seines ersten Spielfilms verantwortlich ist. «Op dës Manéier hunn ech d’Kontroll iwwer alles.»

Pünktlich um acht Uhr wartet ein Zug mit drei Wagons vor dem Tunnel-eingang, um einen Teil des Technikerteams ins Innere der Grube zu bringen. Eine Stunde später folgt der Rest der Crew mit den bereits fertig geschminkten Schauspielern. Zehn junge Männer, die für die Dauer von 18 Drehtagen in die Haut jener Luxemburger schlüpfen, die sich im Zweiten Weltkrieg der Wehrpflicht verweigerten und deshalb untertauchen mussten. Fünf Jahre lang hat Nicolas Steil, zusammen mit Jean-Louis Schlesser, über dieses dunkle Kapitel der Geschichte recherchiert, hat mit vielen Zeitzeugen und deren Familien gesprochen, sich Rat beim Historiker Paul Dostert geholt, um die psychologische Situation der Kriegsdienstverweigerer so getreu wie möglich in «Réfractaire» wiederzugeben. «Et muss fuerchtbar gewiecht sinn», kommentiert der Regisseur die Tatsache, dass Gauleiter Gustav Simon im August 1942 die Zwangsrekrutierung einführte und die Jahrgänge 1920 bis 1927 plötzlich vor der tragischen Entscheidung standen, entweder als deutscher Soldat an die Ostfront und in den sicheren Tod zu gehen oder ins Ausland fliehen, um sich den französischen und belgischen Widerstandsbewegungen anzuschließen. Wer beides nicht wollte, musste ein sicheres Versteck finden. Insgesamt haben 3.500 Männer Zuflucht in den Wäldern und Bergwerken, auf Bauernhöfen und in Kirchen gefunden. «Meeschtens waren et d’Mammen, déi zu hire Jonge gesot hunn: Verstoppt iech», erzählt Nicolas Steil. Dieselben Mütter mussten damals mit den schlimmsten Konsequenzen für sich und die Familie rechnen. Viele wurden umgesiedelt, in Konzentrationslager überwiesen oder zum Tode verurteilt. Auch die Helfer, die den Refraktären Nahrung, Kleidung und Medikamente besorgten, lebten ständig in der Angst, entdeckt oder verraten zu werden. Am meisten erschüttert hat ihn die Geschichte der Frau, die ein Jahr lang mit gepackten Koffern darauf wartete, dass die Gestapo sie abholen würde, weil ihr Sohn verschwunden war. Was auch geschah, eines Tages, pünktlich um sechs Uhr früh. Aus dem Arbeitslager kehrte sie nicht zurück. «Mir kënnen eis dat haut guer net méi virstellen.»
Den ganzen Beitrag lesen Sie in der Revue Nr. 15/08

Text: Gabrielle Seil
Fotos: Thierry Martin, Iris Productions

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