Feb 04 2009

Vicky und der Schmetterling

Published by at 14:43 under Acting,Misc. Luxembourg

source: www.telecran.lu von Jean-Louis Scheffen

Als «Rote Zora» begeistert sie das Publikum des Schauspielhauses Zürich. In Jeff Desoms Kurzfilm „X on a Map“ zeigt Vicky Krieps, dass sie auch die leiseren Töne beherrscht. Dabei wollte die Studentin der Zürcher Hochschule der Künste eigentlich gar nicht Schauspielerin werden.

Am Anfang war ein kleiner Schmetterling. Den Falter besang Vicky Krieps in einem Lied, das sie immer wieder gerne im Rahmen von „Open Stage“-Veranstaltungen in der Schweiz zum Besten gibt. Auf Luxemburgisch, das natürlich die wenigsten Eidgenossen beherrschen. Der Song vom „klenge Pimpampel“ komme witzigerweise dennoch immer gut an, erzählt sie mit einem schalkhaften Lächeln. Ein Teil sei niedergeschrieben, der Rest Improvisation in immer neuen Variationen. Dabei begleitet sie sich selbst auf dem Akkordeon.

Unter den Zuhörerinnen war eines Tages auch eine Mitarbeiterin des Schauspielhauses Zürich. Und die erinnerte sich drei Jahre später an die junge Luxemburgerin, als die Titelrolle in einer neuen Bühnenproduktion von Kurt Helds Kinderbuchklassiker „Die rote Zora und ihre Bande“ besetzt werden sollte. Vicky Krieps wurde zum Vorsprechen eingeladen – und erhielt die Rolle.

Die selbstbewusste Anführerin einer Kinderbande, die gegen die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft kämpft, nimmt man ihr gerne ab. Ein bisschen rebellischer Wildfang ist sie nämlich selber auch. Gesellschaftliche Vorschriften – „jedenfalls solche, die keinen Sinn machen“ – sind ihr ein Gräuel. Auch das „Kunstgehabe“ mancher Berufskollegen liegt ihr fern. Sie macht, was sie für richtig hält. Mit einem Selbstbewusstsein, das in einem eigenartigen Gegensatz zu ihrem fast schüchtern wirkenden Auftreten steht. Und das sich auch schon mal in Antikonformismus ausdrückt: „Zum Beispiel hätte ich auch Gitarre lernen können, aber Akkordeon gefiel mir besser, eben weil es von meiner Generation als ,uncooles´ Instrument angesehen wird.“ Das Gegen-den-Stachel-löcken liege wohl in der Familie, stellt sie fest. Vickys Großvater war der sozialistische Politiker und Kulturminister Robert Krieps.

Studentin mit Full-time-Job

In 26 Vorstellungen war sie bis heute als „rote Zora“ zu sehen. Eine Rolle, die auch erklärt, dass ihr eigentlich kupferfarbenes Haar derzeit in leuchtendem Rot schimmert. „Von Mitte September bis Mitte November war die Arbeit am Theater praktisch ein Full-time-Job“, erzählt die 25-Jährige, die Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste studiert. Gleich anschließend erhielt sie eine weitere Chance am Schauspielhaus, einem der renommiertesten Bühnenhäuser des deutschen Sprachraums. In der Wiederaufnahme des Jugendstücks „Pfad des Todes: Traum weißer Pferde“ war eine Rolle frei. „Ich hatte eine Woche Zeit, um den Text zu lernen“, erinnert sich die Schauspielerin. „An manchen Tagen stand ich morgens als rote Zora, abends in dem Stück von Nick Wood auf der Bühne – das war schon etwas verrückt.“

Und etwas viel für jemanden, der von sich selbst behauptet, dass „ich eigentlich gar nicht gerne im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehe“? „Im Spiel ist mir das dann nicht mehr bewusst, ich schlüpfe gerne in Rollen, und alles andere ist mir plötzlich egal“, sinniert sie über ihre eigenen Widersprüche. Schauspielerin habe sie eigentlich erst spät werden wollen, obwohl sie erste Erfahrungen bereits im Rahmen von Schultheaterprojekten an der Ecole Sainte-Sophie und dem Lycée de Garcons de Luxembourg gesammelt und eine erste Schauspielausbildung am hauptstädtischen Konservatorium erhalten hatte.

Doch nach dem Abitur fühlte die junge Frau sich noch nicht bereit dafür. So ging sie im September 2004 erst einmal für einige Monate nach Südafrika, wo sie mit den Kindern einer Township-Grundschule in der Nähe von Knysna arbeitete. Eine schöne Erfahrung, wie sie betont, die sie in ihrer eigenen Sicht des Theaters bestätigt habe: „Theater hat mit Kunst zu tun, es ist aber auch mehr.“ Und: „Jeder Mensch kann Theater machen.“

Seit September 2005 studiert Vicky Krieps in Zürich, einer Hochschule, die ihr Schauspielkollege Germain Wagner empfohlen hatte, „weil dort mehr als eine klassische Schauspielausbildung geboten wird“. Nach dem Bachelor-Abschluss ist sie jetzt im Master-Studiengang eingeschrieben. Zurzeit arbeitet sie an einer eigenen Theaterproduktion, die als praktischer Teil der Abschlussarbeit gewertet wird. Die Geschichte mit dem Titel „Kopf ab“ hat sie selbst geschrieben, sie führt Regie und ist für die Produktion verantwortlich. Eine gute Sache, „denn so lernt man auch als Schauspielschülerin, wie in der Theaterarbeit jeder auf jeden angewiesen ist.“

Zwischen Theater und Film

Dass ein Diplom in der Tasche noch keine Arbeitsplatzgarantie bedeutet, weiß Vicky Krieps sehr wohl. Immer wieder vorsprechen und auch mit Absagen umgehen zu können, sei gerade für Nachwuchsdarsteller unumgänglich. „Manchmal ist das etwas demütigend, aber es gehört eben zu den Erfahrungen in diesem Beruf, Enttäuschungen wegstecken zu müssen.“ Dass sie das Schauspielern trotz aller Unwägbarkeiten zu ihrem Beruf machen wolle, sei ihr in den letzten Monaten endgültig klar geworden.

Dabei macht sie keinen Unterschied zwischen Theaterbühne und Filmarbeit. Schon als Jugendliche mischte sie in der luxemburgischen Nachwuchsfilmszene rund um den „Filmreakter“ mit und übernahm dort die unterschiedlichsten Produktionsjobs. „Einmal war ich sogar ein Poster-Girl, das in den Träumen des Hauptdarstellers Jeff Desom lebendig wird – im Bikini, und das bei Dreharbeiten draußen mitten im Winter“, erinnert sie sich.

Jeff Desom ist auch der Regisseur des Kurzfilms „X on a Map“, der Ende Januar Premiere feierte. In der eigenwilligen, in traumhaften Bildern erzählten Geschichte spielt Vicky Krieps eine junge Arbeiterin in einer Kartenfabrik, die gemeinsam mit einem Kartenzeichner „Amerika entdeckt“.  Eine introvertierte Frauenfigur, die auf den ersten Blick mit der selbstbewussten roten Zora rein gar nichts zu tun hat. Doch gerade das macht eine gute Schauspielerin aus. Oder einen schauspielerischen Schmetterling, der gerade dabei ist, aus seinem Kokon zu schlüpfen

Comments

comments

source: www.telecran.lu von Jean-Louis Scheffen

Als «Rote Zora» begeistert sie das Publikum des Schauspielhauses Zürich. In Jeff Desoms Kurzfilm „X on a Map“ zeigt Vicky Krieps, dass sie auch die leiseren Töne beherrscht. Dabei wollte die Studentin der Zürcher Hochschule der Künste eigentlich gar nicht Schauspielerin werden.

Am Anfang war ein kleiner Schmetterling. Den Falter besang Vicky Krieps in einem Lied, das sie immer wieder gerne im Rahmen von „Open Stage“-Veranstaltungen in der Schweiz zum Besten gibt. Auf Luxemburgisch, das natürlich die wenigsten Eidgenossen beherrschen. Der Song vom „klenge Pimpampel“ komme witzigerweise dennoch immer gut an, erzählt sie mit einem schalkhaften Lächeln. Ein Teil sei niedergeschrieben, der Rest Improvisation in immer neuen Variationen. Dabei begleitet sie sich selbst auf dem Akkordeon.

Unter den Zuhörerinnen war eines Tages auch eine Mitarbeiterin des Schauspielhauses Zürich. Und die erinnerte sich drei Jahre später an die junge Luxemburgerin, als die Titelrolle in einer neuen Bühnenproduktion von Kurt Helds Kinderbuchklassiker „Die rote Zora und ihre Bande“ besetzt werden sollte. Vicky Krieps wurde zum Vorsprechen eingeladen – und erhielt die Rolle.

Die selbstbewusste Anführerin einer Kinderbande, die gegen die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft kämpft, nimmt man ihr gerne ab. Ein bisschen rebellischer Wildfang ist sie nämlich selber auch. Gesellschaftliche Vorschriften – „jedenfalls solche, die keinen Sinn machen“ – sind ihr ein Gräuel. Auch das „Kunstgehabe“ mancher Berufskollegen liegt ihr fern. Sie macht, was sie für richtig hält. Mit einem Selbstbewusstsein, das in einem eigenartigen Gegensatz zu ihrem fast schüchtern wirkenden Auftreten steht. Und das sich auch schon mal in Antikonformismus ausdrückt: „Zum Beispiel hätte ich auch Gitarre lernen können, aber Akkordeon gefiel mir besser, eben weil es von meiner Generation als ,uncooles´ Instrument angesehen wird.“ Das Gegen-den-Stachel-löcken liege wohl in der Familie, stellt sie fest. Vickys Großvater war der sozialistische Politiker und Kulturminister Robert Krieps.

Studentin mit Full-time-Job

In 26 Vorstellungen war sie bis heute als „rote Zora“ zu sehen. Eine Rolle, die auch erklärt, dass ihr eigentlich kupferfarbenes Haar derzeit in leuchtendem Rot schimmert. „Von Mitte September bis Mitte November war die Arbeit am Theater praktisch ein Full-time-Job“, erzählt die 25-Jährige, die Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste studiert. Gleich anschließend erhielt sie eine weitere Chance am Schauspielhaus, einem der renommiertesten Bühnenhäuser des deutschen Sprachraums. In der Wiederaufnahme des Jugendstücks „Pfad des Todes: Traum weißer Pferde“ war eine Rolle frei. „Ich hatte eine Woche Zeit, um den Text zu lernen“, erinnert sich die Schauspielerin. „An manchen Tagen stand ich morgens als rote Zora, abends in dem Stück von Nick Wood auf der Bühne – das war schon etwas verrückt.“

Und etwas viel für jemanden, der von sich selbst behauptet, dass „ich eigentlich gar nicht gerne im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehe“? „Im Spiel ist mir das dann nicht mehr bewusst, ich schlüpfe gerne in Rollen, und alles andere ist mir plötzlich egal“, sinniert sie über ihre eigenen Widersprüche. Schauspielerin habe sie eigentlich erst spät werden wollen, obwohl sie erste Erfahrungen bereits im Rahmen von Schultheaterprojekten an der Ecole Sainte-Sophie und dem Lycée de Garcons de Luxembourg gesammelt und eine erste Schauspielausbildung am hauptstädtischen Konservatorium erhalten hatte.

Doch nach dem Abitur fühlte die junge Frau sich noch nicht bereit dafür. So ging sie im September 2004 erst einmal für einige Monate nach Südafrika, wo sie mit den Kindern einer Township-Grundschule in der Nähe von Knysna arbeitete. Eine schöne Erfahrung, wie sie betont, die sie in ihrer eigenen Sicht des Theaters bestätigt habe: „Theater hat mit Kunst zu tun, es ist aber auch mehr.“ Und: „Jeder Mensch kann Theater machen.“

Seit September 2005 studiert Vicky Krieps in Zürich, einer Hochschule, die ihr Schauspielkollege Germain Wagner empfohlen hatte, „weil dort mehr als eine klassische Schauspielausbildung geboten wird“. Nach dem Bachelor-Abschluss ist sie jetzt im Master-Studiengang eingeschrieben. Zurzeit arbeitet sie an einer eigenen Theaterproduktion, die als praktischer Teil der Abschlussarbeit gewertet wird. Die Geschichte mit dem Titel „Kopf ab“ hat sie selbst geschrieben, sie führt Regie und ist für die Produktion verantwortlich. Eine gute Sache, „denn so lernt man auch als Schauspielschülerin, wie in der Theaterarbeit jeder auf jeden angewiesen ist.“

Zwischen Theater und Film

Dass ein Diplom in der Tasche noch keine Arbeitsplatzgarantie bedeutet, weiß Vicky Krieps sehr wohl. Immer wieder vorsprechen und auch mit Absagen umgehen zu können, sei gerade für Nachwuchsdarsteller unumgänglich. „Manchmal ist das etwas demütigend, aber es gehört eben zu den Erfahrungen in diesem Beruf, Enttäuschungen wegstecken zu müssen.“ Dass sie das Schauspielern trotz aller Unwägbarkeiten zu ihrem Beruf machen wolle, sei ihr in den letzten Monaten endgültig klar geworden.

Dabei macht sie keinen Unterschied zwischen Theaterbühne und Filmarbeit. Schon als Jugendliche mischte sie in der luxemburgischen Nachwuchsfilmszene rund um den „Filmreakter“ mit und übernahm dort die unterschiedlichsten Produktionsjobs. „Einmal war ich sogar ein Poster-Girl, das in den Träumen des Hauptdarstellers Jeff Desom lebendig wird – im Bikini, und das bei Dreharbeiten draußen mitten im Winter“, erinnert sie sich.

Jeff Desom ist auch der Regisseur des Kurzfilms „X on a Map“, der Ende Januar Premiere feierte. In der eigenwilligen, in traumhaften Bildern erzählten Geschichte spielt Vicky Krieps eine junge Arbeiterin in einer Kartenfabrik, die gemeinsam mit einem Kartenzeichner „Amerika entdeckt“.  Eine introvertierte Frauenfigur, die auf den ersten Blick mit der selbstbewussten roten Zora rein gar nichts zu tun hat. Doch gerade das macht eine gute Schauspielerin aus. Oder einen schauspielerischen Schmetterling, der gerade dabei ist, aus seinem Kokon zu schlüpfen

Comments

comments

No responses yet

Trackback URI | Comments RSS

Leave a Reply