May 25 2015

Andere Perspektiven

Published by at 01:54 under Festival

SOURCE: http://www.journal.lu

CANNES – CLAUS REHNIG

Shortfilm Corner mit luxemburgischen Kurzfilmen

Auch beim Kurzfilm mischt Cannes kräftig mit, aber im Wettbewerb war Luxemburg da nicht vertreten. Es gibt dann aber noch den bekannten Shortfilm Corner, wo Produktionen aus aller Welt entweder am Bildschirm oder in kleinen Sälen zu sehen sind. Da war Luxemburg mit einigen Produktionen beteiligt, wie zum Beispiel „Roxy“ von Fabien Colas, wo ein junger Mann seine leibliche Mutter sucht, die als Prostituierte in einem ‚Love Mobil‘ arbeitet, oder „Serena“ von Eric Lamhène, wo junge Leute total ausrasten und noch einen jüngeren mit hereinziehen.

In „Butsch“ lässt Emile ‚Milli‘ Schlesser seine Familie an einem alptraumhaften Halloween-Horrorfilm teilnehmen – ziemlich creepy und beunruhigend – und in dem sehr sophisticated experimentellen „The End of Everything as you knew it. A guide“ von Christian Neumann geht es fast philosophisch um Liebe, Hass, Gewalt und Tod.

Etwas aus dem Rahmen fiel da der Dokumentarfilm „Saltimbanques“ von François Baldassare über Sonia Lettmann, die eigentlich jeder in Luxemburg schon mal gesehen hat. Sie spielt Akkordeon, singt und tanzt in den Straßen vieler Städte, Luxemburg, Metz, Cannes und Nizza, Avignon; sie liebt Reisen. Sicher kein einfaches Leben, wenn sie manchmal mit dem Nachtzug um 4.30 morgens irgendwo ankommt und die Cafés erst um 6.00 aufmachen.

Viel Lebensmut

Ein kleines wunderbares Persönchen, Persönchen, weil sie mit ihren 1,40 Meter wirklich nicht sehr groß ist, doch seit Piaf weiß man, dass fehlende Zentimeter nicht ein Indiz für fehlende Größe sind. Aber dass sie so klein ist, fällt eigentlich kaum auf, weil sie eine derartige Energie ausstrahlt, dass alles andere unwichtig erscheint. Trotzdem tat François Baldassare gut daran, manchmal von unten zu filmen.

Die Straße und sie vor allem bekommt dadurch eine andere Perspektive. Eine Straßensängerin ist Sonia Lettmann, sicher, aber sie ist keine Clochardin; sie hat das Spiel im Blut, wie der Titel „Saltimbanques“ treffend ausdrückt. Ihr leuchtend rotes und mit viel Geschmack ausgewähltes Kleid und ihr evidenter Stil zeigt, dass sie schon einmal bessere Tage gekannt hat.
Und da vermisst sie das Mitgefühl der anderen. „Je me fous du passé“, singt sie und das könnte ein anderer Titel sein für dieses sehr schöne luminöse Portrait einer Frau, die mit 65 Jahren die Straße kennen lernte und heute – mit 82 ! – so viel Lebensmut vermittelt, dass wir alle uns eine Scheibe davon abschneiden könnten. Merci, François Baldassare!

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CANNES – CLAUS REHNIG

Shortfilm Corner mit luxemburgischen Kurzfilmen

Auch beim Kurzfilm mischt Cannes kräftig mit, aber im Wettbewerb war Luxemburg da nicht vertreten. Es gibt dann aber noch den bekannten Shortfilm Corner, wo Produktionen aus aller Welt entweder am Bildschirm oder in kleinen Sälen zu sehen sind. Da war Luxemburg mit einigen Produktionen beteiligt, wie zum Beispiel „Roxy“ von Fabien Colas, wo ein junger Mann seine leibliche Mutter sucht, die als Prostituierte in einem ‚Love Mobil‘ arbeitet, oder „Serena“ von Eric Lamhène, wo junge Leute total ausrasten und noch einen jüngeren mit hereinziehen.

In „Butsch“ lässt Emile ‚Milli‘ Schlesser seine Familie an einem alptraumhaften Halloween-Horrorfilm teilnehmen – ziemlich creepy und beunruhigend – und in dem sehr sophisticated experimentellen „The End of Everything as you knew it. A guide“ von Christian Neumann geht es fast philosophisch um Liebe, Hass, Gewalt und Tod.

Etwas aus dem Rahmen fiel da der Dokumentarfilm „Saltimbanques“ von François Baldassare über Sonia Lettmann, die eigentlich jeder in Luxemburg schon mal gesehen hat. Sie spielt Akkordeon, singt und tanzt in den Straßen vieler Städte, Luxemburg, Metz, Cannes und Nizza, Avignon; sie liebt Reisen. Sicher kein einfaches Leben, wenn sie manchmal mit dem Nachtzug um 4.30 morgens irgendwo ankommt und die Cafés erst um 6.00 aufmachen.

Viel Lebensmut

Ein kleines wunderbares Persönchen, Persönchen, weil sie mit ihren 1,40 Meter wirklich nicht sehr groß ist, doch seit Piaf weiß man, dass fehlende Zentimeter nicht ein Indiz für fehlende Größe sind. Aber dass sie so klein ist, fällt eigentlich kaum auf, weil sie eine derartige Energie ausstrahlt, dass alles andere unwichtig erscheint. Trotzdem tat François Baldassare gut daran, manchmal von unten zu filmen.

Die Straße und sie vor allem bekommt dadurch eine andere Perspektive. Eine Straßensängerin ist Sonia Lettmann, sicher, aber sie ist keine Clochardin; sie hat das Spiel im Blut, wie der Titel „Saltimbanques“ treffend ausdrückt. Ihr leuchtend rotes und mit viel Geschmack ausgewähltes Kleid und ihr evidenter Stil zeigt, dass sie schon einmal bessere Tage gekannt hat.
Und da vermisst sie das Mitgefühl der anderen. „Je me fous du passé“, singt sie und das könnte ein anderer Titel sein für dieses sehr schöne luminöse Portrait einer Frau, die mit 65 Jahren die Straße kennen lernte und heute – mit 82 ! – so viel Lebensmut vermittelt, dass wir alle uns eine Scheibe davon abschneiden könnten. Merci, François Baldassare!

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