May 10 2014

Extreme Rollen

Published by at 09:03 under Industry,Red Lion

SOURCE: http://www.zeit.de

Vor drei Jahren starb die Schauspielerin Maria Kwiatkowsky, mit 26. Jetzt kommt der letzte Film mit ihr ins Kino. Im Hintergrund tobt ein Rechtsstreit: Die Filmversicherung weigert sich, Hunderttausende Euro zu zahlen – wegen Kwiatkowskys Kokainsucht. VON STEPHAN LEBERT UND WOLF WIEDMANN-SCHMIDT

Als Maria Kwiatkowsky am 4. Juli 2011 starb, war die Bestürzung groß. Sie steckte mitten in den Dreharbeiten ihres neuen Films Die Erfindung der Liebe, zusammen mit Mario Adorf und Sunnyi Melles. Und dann fand man die Schauspielerin tot in ihrer Berliner Wohnung – im Alter von nur 26 Jahren.

In den Feuilletons waren sich die Nachrufer einig: Maria Kwiatkowsky war eines der größten Talente ihrer Generation, eine “Schauspielerin der Verausgabung”, die eine “unvergleichlich eigene Energie und Unbedingtheit” verströmte. Kleiner Körper, große Kraft. “Die Erinnerung an sie wird so lebendig bleiben, wie ihre Erscheinung es war”, erklärte die Berliner Volksbühne, an der sie seit 2010 festes Ensemblemitglied war. “Fröhlich, komisch, manchmal traurig, laut und niemals still.”

Der Dramaturg Carl Hegemann, der sie seit ihren Zeiten am Jugendtheater der Volksbühne kannte, formulierte es nach ihrem Tod so: “Die Gefahr, in die sie sich begab, war vermutlich die Basis ihres Erfolgs. Wer sie sah auf der Bühne oder in irgendeinem ihrer Filme, sah immer auch diesen Todesmut.” Dieses “unbefangen Selbstzerstörerische”.

Vielleicht waren es ja solche Sätze, die einen Sachbearbeiter der Gothaer Versicherung stutzig werden ließen. Jedenfalls betrachtete man dort den Tod von Maria Kwiatkowsky etwas nüchterner: als Schadensfall. Die Gothaer hatte die Filmversicherung für Die Erfindung der Liebe übernommen, worin Kwiatkowsky eine Hauptrolle spielte. Nach 23 von 35 geplanten Drehtagen starb sie, sollte der Film komplett eingestampft werden, kämen Kosten in Höhe von 1,87 Millionen Euro auf die Versicherung zu.

Hatte nicht auch die Boulevardpresse rasch über Drogenprobleme und eine Überdosis als mögliche Todesursache spekuliert? Gut zwei Wochen nach Maria Kwiatkowskys Tod setzte die Versicherung ein Schreiben an die Kölner Produktionsfirma Coin Film auf: Man prüfe den Versicherungsschutz und warte auf den Obduktionsbericht. Nachdem dieser vorlag, teilte die Gothaer am 23. August 2011 der Produktionsfirma mit, dass sie die Kostendeckung verweigere. Kwiatkowsky habe ihre Kokainsucht verschwiegen – das sei eine “arglistige Täuschung”.

Fast drei Jahre später kommt Die Erfindung der Liebe nun an diesem Donnerstag doch noch in die Kinos. Die junge Münchner Regisseurin Lola Randl (Die Libelle und das Nashorn) wollte ihn unbedingt fertigstellen, auch für Maria Kwiatkowsky, deren Tod ihr heute noch nahegeht. “Nach Marias Tod war es nicht einfach, überhaupt weiterzumachen”, sagt Randl. “Nach ihrer Beerdigung war für mich aber bald klar, dass ich den Film zu Ende bringen will, mit Maria drin.”

Randl hat den bereits abgedrehten Rumpf des alten Films beibehalten: eine Schauspielschülerin (Maria Kwiatkowsky) und ihr Freund haben es auf das Vermögen einer todkranken Millionärin (Sunnyi Melles) abgesehen, es entspinnt sich ein Drama über echte und falsche Liebe. Doch zusätzlich gibt es nun noch einen Film im Film, der auf ziemlich schräge und witzige Art die Katastrophe verarbeitet, die während der Dreharbeiten geschah: den Tod der Hauptdarstellerin. In einer fiktiven Rahmenerzählung wird sie einfach durch eine Praktikantin ersetzt. “Es ist ein zerstörter Film, der sich zu einem neuen zusammensetzt”, sagt Regisseurin Randl. Ein Experiment, das gelungen ist.

Doch gleichzeitig tobt im Hintergrund – und von der Öffentlichkeit unbeachtet – immer noch der Rechtsstreit zwischen der Produktionsfirma und der Filmversicherung. Die Auseinandersetzung hat schon drei Gerichte beschäftigt, inklusive des Bundesgerichtshofs, und wird nun vor dem Oberlandesgericht Köln noch mal neu verhandelt. Inzwischen geht es nicht mehr um die gesamten Kosten in Höhe von 1,87 Millionen Euro, sondern um 683.458 Euro, die nötig waren, um Die Erfindung der Liebe verändert fertigzudrehen. Aber auch die will die Gothaer Versicherung nicht bezahlen. Einen Kommentar verweigert sie, mit Verweis auf das laufende Verfahren.

Das beispiellose Gerichtsverfahren ermöglicht einen strengen Blick hinter die Kulissen des Filmgeschäfts. Und es wirft die Frage auf, wie sehr Kokain und andere Drogen zum Alltag auf dem Filmset gehören – und wie groß die Heuchelei ist bei der Beantwortung dieser Frage.

Jede größere Produktion sichert sich gegen Risiken ab, die während der Dreharbeiten entstehen können; dazu gehört auch der mögliche Ausfall der Hauptdarsteller, weil sie einen Unfall haben, krank werden – oder im seltenen und schlimmsten Fall sterben. Vor allem bei teureren Filmen verlangen die Versicherungen manchmal, dass ein Arzt attestiert, bei den Hauptdarstellern sei keine erhöhte Ausfallgefahr erkennbar – wobei die Schauspieler auch auf Anzeichen “unkontrollierten bzw. übermäßigen” Konsums von Alkohol, Medikamenten oder Drogen untersucht werden sollen, wie es in den Unterlagen eines Filmversicherers heißt. Oft reicht den Versicherungen aber auch eine Selbstauskunft der Schauspieler über ihre eigene Gesundheit, insbesondere bei den jüngeren.

So war es auch bei der Erfindung der Liebe. Am 26. Mai 2011 leitete die Produktionsfirma die von Maria Kwiatkowsky ausgefüllte Gesundheitserklärung per E-Mail an eine Maklerin der Gothaer Versicherung weiter. In Frage Nr. 7 heißt es: “Nehmen Sie/nahmen Sie regelmäßig Medikamente oder Drogen? Marihuana, Kokain, Barbiturate, LSD, Amphetamine, Haschisch, Benzole, Meskalin, Heroin, Halluzinogene.” Es ist eine Standardfrage, die auch andere Filmversicherer fast wortgleich stellen. Kwiatkowsky hat auf dem Bogen “Nein” angegeben, obwohl sie seit Jahren fast täglich Kokain konsumierte – unter anderem deshalb weigert sich die Gothaer bis heute, zu bezahlen.

Die Droge war es auch, die Kwiatkowsky umbrachte. Die Obduktion ihrer Leiche am Institut für Rechtsmedizin an der Berliner Charité ergab laut Gerichtsunterlagen, die der ZEIT vorliegen, eine “tödliche Kokain-Intoxikation”. Anstatt es zu schnupfen, spritzte Kwiatkowsky sich das Kokain, was einen schnellen, heftigen Rausch auslöst, aber gefährlich ist. An ihren Unterarmen stellten die Ärzte “etwa 300 frische, teilweise verkrustete Nadeleinstiche” fest.

Beim Dreh der Erfindung der Liebe habe von solchen Anzeichen niemand etwas mitbekommen, heißt es bei der Kölner Produktionsfirma Coin Film, obwohl Kwiatkowsky manche Szenen im Bikini oder im Sommerkleid drehte. “Ich wusste nichts von ihren Drogenproblemen, sie hat das am Set gut verborgen”, sagt auch Regisseurin Randl. Die Schauspielerin Sunnyi Melles lernte Maria Kwiatkowsky am Set kennen und mögen, die beiden spielten Szenen von großer Nähe, in einer versucht die eine die andere im Pool zu ertränken. Doch auch Melles merkte nichts. “Ich habe nur ihre Sonnenseite erkannt, nicht ihre Schattenseite”, formuliert sie es im Gespräch mit der ZEIT.

Zumindest Kwiatkowskys engeres Umfeld wusste allerdings von ihrer Sucht, wie aus den Gerichtsakten hervorgeht. Und, so ist zu hören, auch so mancher in der Branche.

Es ist nicht so, dass der Kokainkonsum von Schauspielern ein völliges Tabuthema wäre. Die Drogenbeichte ist inzwischen sogar zu einer Art Ritual des Kulturbetriebs geworden. Entweder im Gerichtssaal, wenn es hilft, sich als Süchtigen darzustellen; oder wenn jemand eine Autobiografie verfasst und in schillerndsten Farben die gefährlichen Abstürze des eigenen Lebens schildert. Aber immer ist von der Vergangenheit die Rede, wie schlimm es früher war und wie geläutert man heute ist, nie wird von der Gegenwart gesprochen. Wäre auch schwierig, denn wenn einer mal die Wahrheit sagen würde, bei der gestrigen Premiere sei er auch deshalb so gut gewesen, weil er voll bis oben hin mit Koks gewesen sei, dann stünde sehr bald die Polizei vor seiner Tür und nicht nur vor seiner. Deshalb wird vermutlich auch kaum ein Schauspieler freiwillig in einem Versicherungsbogen angeben, regelmäßig Drogen zu nehmen, sondern dies lieber verschweigen, wie es Maria Kwiatkowsky tat. (Das hätte vermutlich auch nie jemanden gekümmert, wäre sie nicht mitten in einem Filmdreh an einer Überdosis gestorben.)

Kwiatkowsky, 1985 in Ost-Berlin geboren, spielte radikal, und radikal waren auch die Figuren, die sie darstellte. Sie stürzte sich so sehr in ihr Spiel, dass die Grenzen zwischen Rolle und Realität, zwischen Leinwand und Leben mitunter verschwammen. Nach dem Abitur, 2003, hatte sie in Ayşe Polats Kinofilm En Garde ihre erste Hauptrolle, für die sie beim Internationalen Filmfest in Locarno gleich den Silbernen Leoparden für die beste weibliche Darstellerin erhielt. Sie spielte in dem Film ein verstörtes Mädchen, das überempfindlich auf alle Geräusche reagiert und von der Mutter in ein Erziehungsheim gesteckt wird, welches sie schließlich abfackelt. Kwiatkowsky habe die Rolle “mit einer so beängstigenden Intensität” verkörpert, bemerkte ein Kritiker, “dass man beim Zusehen Angst um dieses Mädchen bekam und vergaß, dass das alles gespielt und nicht gelebt war”.

Im November 2005 zündet Maria Kwiatkowsky im wirklichen Leben nachts eine Kita in Prenzlauer Berg an, die Feuerwehr muss sie vom Dach des brennenden Gebäudes retten. Sie wird von der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, muss als Auflage eine Psychotherapie machen und mehr als 300.000 Euro für den Brandschaden bezahlen. In den kommenden Jahren tilgte sie mit ihren Gagen fast nur ihre Schulden.

Ihre Rollen blieben weiter oft extrem. Für die ARD-Reihe Bloch hungerte sie sich herunter, um eine Magersüchtige zu spielen, in anderen Filmen mimte sie mal eine Manisch-Depressive, mal eine flüchtige Gewalttäterin. Was macht es mit einem Menschen, wenn er ständig solche Figuren darstellt? Und kann so jemand gar nicht anders, als über die Grenzen zu gehen? Wurde sie Schauspielerin, weil sie eine Gefährdete war? Oder wurde sie eine Gefährdete, weil sie Schauspielerin war? Andere Frage, unangenehme Frage: Sind Künstler so gut trotz der Drogen? Oder sind sie so gut wegen der Drogen? Ist es wie bei den Radfahrern der Tour de France? Hilft das weiße Pulver beim Erfolg?

Kokain ist der Deutschen liebste harte Droge. Gerade von Kreativen wird sie gerne konsumiert, weil sie das Gehirn stimuliert, Ideen sprudeln lässt, Selbstzweifel tötet, man ist wach, präsent, von sich überzeugt. “Mit Kokain kannst du alles erreichen”, schreibt der italienische Journalist Roberto Saviano in seinem neuen Buch Zero, Zero, Zero. “Bevor Kokain dein Herz stillstehen lässt und dir die Birne zermatscht, bevor du keinen mehr hochkriegst und dein Magen ein eiterndes Geschwür wird, wirst du mehr arbeiten, dich mehr amüsieren und mehr ficken können als jemals zuvor.”

Dem Dauerkonsum von Kokain schreiben Drogenmediziner auch noch andere eindeutige Auswirkungen zu: Selbstüberschätzung, dramatische Gefühlskälte, Wirklichkeitsferne, Kritikunfähigkeit, Zerstörung jedes privaten Umfelds – und lange Zeit extreme Belastbarkeit in der Arbeit. Diesen Beipackzettel könnte man durchaus als Treatment für so manches deutsche Künstlerleben betrachten. Der Schriftsteller Joachim Lottmann hat genau das in seinem aktuellen Roman Endlich Kokain zum Plot gemacht. Ein erfolgloser, dicker Fernsehredakteur entdeckt das Kokain für sich und wird dünn – und sehr erfolgreich.

Die Schauspielerin Sunnyi Melles, die mit Maria Kwiatkowsky in ihrem letzten Film vor der Kamera stand, hat zu dem Thema eine andere, eindeutige Meinung. “Es gibt geniale Menschen, die dann aus welchem Grund auch immer zu Drogen greifen”, sagt sie. “Man wird aber nicht durch Drogen oder Alkohol zur guten Schauspielerin. Ich glaube, bei Maria war die Genialität schon vorher da.”

Um all diese Fragen wird es nicht gehen, wenn am 1. Juli in Saal 129b am Kölner Oberlandesgericht der Streit zwischen der Produktionsfirma Coin Film und der Gothaer Versicherung in seine wohl letzte Runde geht. Dort geht es nur um die Frage, wer haftet, wenn eine Schauspielerin in einem Gesundheitsbogen die Unwahrheit sagt – also ums Geld. Die ersten beiden Instanzen haben der Versicherung recht gegeben, der Bundesgerichtshof entdeckte jedoch Fehler in der Begründung und hat das Verfahren zurückverwiesen. Es sind trockene Juristensätze, die einem in den Akten begegnen und in Feststellungen wie dieser gipfeln: “Die willentliche Injektion von Kokain ist ein plötzliches von außen auf den Körper wirkendes Ereignis.”

Die Macher der Erfindung der Liebe wollten den Ausgang dieses unschönen Rechtsstreits nicht abwarten, sie haben den Film zu Ende gedreht, als Denkmal für Maria Kwiatkowsky. Ein letztes Mal wird sie nun auf der Leinwand auferstehen und ihre Energie entladen. Sie wird singen und quietschen und lieben und leiden, bis zu ihrem letzten Filmsatz, am Rande eines Abgrunds stehend: “Tut es weh?”

Comments

comments

SOURCE: http://www.zeit.de

Vor drei Jahren starb die Schauspielerin Maria Kwiatkowsky, mit 26. Jetzt kommt der letzte Film mit ihr ins Kino. Im Hintergrund tobt ein Rechtsstreit: Die Filmversicherung weigert sich, Hunderttausende Euro zu zahlen – wegen Kwiatkowskys Kokainsucht. VON STEPHAN LEBERT UND WOLF WIEDMANN-SCHMIDT

Als Maria Kwiatkowsky am 4. Juli 2011 starb, war die Bestürzung groß. Sie steckte mitten in den Dreharbeiten ihres neuen Films Die Erfindung der Liebe, zusammen mit Mario Adorf und Sunnyi Melles. Und dann fand man die Schauspielerin tot in ihrer Berliner Wohnung – im Alter von nur 26 Jahren.

In den Feuilletons waren sich die Nachrufer einig: Maria Kwiatkowsky war eines der größten Talente ihrer Generation, eine “Schauspielerin der Verausgabung”, die eine “unvergleichlich eigene Energie und Unbedingtheit” verströmte. Kleiner Körper, große Kraft. “Die Erinnerung an sie wird so lebendig bleiben, wie ihre Erscheinung es war”, erklärte die Berliner Volksbühne, an der sie seit 2010 festes Ensemblemitglied war. “Fröhlich, komisch, manchmal traurig, laut und niemals still.”

Der Dramaturg Carl Hegemann, der sie seit ihren Zeiten am Jugendtheater der Volksbühne kannte, formulierte es nach ihrem Tod so: “Die Gefahr, in die sie sich begab, war vermutlich die Basis ihres Erfolgs. Wer sie sah auf der Bühne oder in irgendeinem ihrer Filme, sah immer auch diesen Todesmut.” Dieses “unbefangen Selbstzerstörerische”.

Vielleicht waren es ja solche Sätze, die einen Sachbearbeiter der Gothaer Versicherung stutzig werden ließen. Jedenfalls betrachtete man dort den Tod von Maria Kwiatkowsky etwas nüchterner: als Schadensfall. Die Gothaer hatte die Filmversicherung für Die Erfindung der Liebe übernommen, worin Kwiatkowsky eine Hauptrolle spielte. Nach 23 von 35 geplanten Drehtagen starb sie, sollte der Film komplett eingestampft werden, kämen Kosten in Höhe von 1,87 Millionen Euro auf die Versicherung zu.

Hatte nicht auch die Boulevardpresse rasch über Drogenprobleme und eine Überdosis als mögliche Todesursache spekuliert? Gut zwei Wochen nach Maria Kwiatkowskys Tod setzte die Versicherung ein Schreiben an die Kölner Produktionsfirma Coin Film auf: Man prüfe den Versicherungsschutz und warte auf den Obduktionsbericht. Nachdem dieser vorlag, teilte die Gothaer am 23. August 2011 der Produktionsfirma mit, dass sie die Kostendeckung verweigere. Kwiatkowsky habe ihre Kokainsucht verschwiegen – das sei eine “arglistige Täuschung”.

Fast drei Jahre später kommt Die Erfindung der Liebe nun an diesem Donnerstag doch noch in die Kinos. Die junge Münchner Regisseurin Lola Randl (Die Libelle und das Nashorn) wollte ihn unbedingt fertigstellen, auch für Maria Kwiatkowsky, deren Tod ihr heute noch nahegeht. “Nach Marias Tod war es nicht einfach, überhaupt weiterzumachen”, sagt Randl. “Nach ihrer Beerdigung war für mich aber bald klar, dass ich den Film zu Ende bringen will, mit Maria drin.”

Randl hat den bereits abgedrehten Rumpf des alten Films beibehalten: eine Schauspielschülerin (Maria Kwiatkowsky) und ihr Freund haben es auf das Vermögen einer todkranken Millionärin (Sunnyi Melles) abgesehen, es entspinnt sich ein Drama über echte und falsche Liebe. Doch zusätzlich gibt es nun noch einen Film im Film, der auf ziemlich schräge und witzige Art die Katastrophe verarbeitet, die während der Dreharbeiten geschah: den Tod der Hauptdarstellerin. In einer fiktiven Rahmenerzählung wird sie einfach durch eine Praktikantin ersetzt. “Es ist ein zerstörter Film, der sich zu einem neuen zusammensetzt”, sagt Regisseurin Randl. Ein Experiment, das gelungen ist.

Doch gleichzeitig tobt im Hintergrund – und von der Öffentlichkeit unbeachtet – immer noch der Rechtsstreit zwischen der Produktionsfirma und der Filmversicherung. Die Auseinandersetzung hat schon drei Gerichte beschäftigt, inklusive des Bundesgerichtshofs, und wird nun vor dem Oberlandesgericht Köln noch mal neu verhandelt. Inzwischen geht es nicht mehr um die gesamten Kosten in Höhe von 1,87 Millionen Euro, sondern um 683.458 Euro, die nötig waren, um Die Erfindung der Liebe verändert fertigzudrehen. Aber auch die will die Gothaer Versicherung nicht bezahlen. Einen Kommentar verweigert sie, mit Verweis auf das laufende Verfahren.

Das beispiellose Gerichtsverfahren ermöglicht einen strengen Blick hinter die Kulissen des Filmgeschäfts. Und es wirft die Frage auf, wie sehr Kokain und andere Drogen zum Alltag auf dem Filmset gehören – und wie groß die Heuchelei ist bei der Beantwortung dieser Frage.

Jede größere Produktion sichert sich gegen Risiken ab, die während der Dreharbeiten entstehen können; dazu gehört auch der mögliche Ausfall der Hauptdarsteller, weil sie einen Unfall haben, krank werden – oder im seltenen und schlimmsten Fall sterben. Vor allem bei teureren Filmen verlangen die Versicherungen manchmal, dass ein Arzt attestiert, bei den Hauptdarstellern sei keine erhöhte Ausfallgefahr erkennbar – wobei die Schauspieler auch auf Anzeichen “unkontrollierten bzw. übermäßigen” Konsums von Alkohol, Medikamenten oder Drogen untersucht werden sollen, wie es in den Unterlagen eines Filmversicherers heißt. Oft reicht den Versicherungen aber auch eine Selbstauskunft der Schauspieler über ihre eigene Gesundheit, insbesondere bei den jüngeren.

So war es auch bei der Erfindung der Liebe. Am 26. Mai 2011 leitete die Produktionsfirma die von Maria Kwiatkowsky ausgefüllte Gesundheitserklärung per E-Mail an eine Maklerin der Gothaer Versicherung weiter. In Frage Nr. 7 heißt es: “Nehmen Sie/nahmen Sie regelmäßig Medikamente oder Drogen? Marihuana, Kokain, Barbiturate, LSD, Amphetamine, Haschisch, Benzole, Meskalin, Heroin, Halluzinogene.” Es ist eine Standardfrage, die auch andere Filmversicherer fast wortgleich stellen. Kwiatkowsky hat auf dem Bogen “Nein” angegeben, obwohl sie seit Jahren fast täglich Kokain konsumierte – unter anderem deshalb weigert sich die Gothaer bis heute, zu bezahlen.

Die Droge war es auch, die Kwiatkowsky umbrachte. Die Obduktion ihrer Leiche am Institut für Rechtsmedizin an der Berliner Charité ergab laut Gerichtsunterlagen, die der ZEIT vorliegen, eine “tödliche Kokain-Intoxikation”. Anstatt es zu schnupfen, spritzte Kwiatkowsky sich das Kokain, was einen schnellen, heftigen Rausch auslöst, aber gefährlich ist. An ihren Unterarmen stellten die Ärzte “etwa 300 frische, teilweise verkrustete Nadeleinstiche” fest.

Beim Dreh der Erfindung der Liebe habe von solchen Anzeichen niemand etwas mitbekommen, heißt es bei der Kölner Produktionsfirma Coin Film, obwohl Kwiatkowsky manche Szenen im Bikini oder im Sommerkleid drehte. “Ich wusste nichts von ihren Drogenproblemen, sie hat das am Set gut verborgen”, sagt auch Regisseurin Randl. Die Schauspielerin Sunnyi Melles lernte Maria Kwiatkowsky am Set kennen und mögen, die beiden spielten Szenen von großer Nähe, in einer versucht die eine die andere im Pool zu ertränken. Doch auch Melles merkte nichts. “Ich habe nur ihre Sonnenseite erkannt, nicht ihre Schattenseite”, formuliert sie es im Gespräch mit der ZEIT.

Zumindest Kwiatkowskys engeres Umfeld wusste allerdings von ihrer Sucht, wie aus den Gerichtsakten hervorgeht. Und, so ist zu hören, auch so mancher in der Branche.

Es ist nicht so, dass der Kokainkonsum von Schauspielern ein völliges Tabuthema wäre. Die Drogenbeichte ist inzwischen sogar zu einer Art Ritual des Kulturbetriebs geworden. Entweder im Gerichtssaal, wenn es hilft, sich als Süchtigen darzustellen; oder wenn jemand eine Autobiografie verfasst und in schillerndsten Farben die gefährlichen Abstürze des eigenen Lebens schildert. Aber immer ist von der Vergangenheit die Rede, wie schlimm es früher war und wie geläutert man heute ist, nie wird von der Gegenwart gesprochen. Wäre auch schwierig, denn wenn einer mal die Wahrheit sagen würde, bei der gestrigen Premiere sei er auch deshalb so gut gewesen, weil er voll bis oben hin mit Koks gewesen sei, dann stünde sehr bald die Polizei vor seiner Tür und nicht nur vor seiner. Deshalb wird vermutlich auch kaum ein Schauspieler freiwillig in einem Versicherungsbogen angeben, regelmäßig Drogen zu nehmen, sondern dies lieber verschweigen, wie es Maria Kwiatkowsky tat. (Das hätte vermutlich auch nie jemanden gekümmert, wäre sie nicht mitten in einem Filmdreh an einer Überdosis gestorben.)

Kwiatkowsky, 1985 in Ost-Berlin geboren, spielte radikal, und radikal waren auch die Figuren, die sie darstellte. Sie stürzte sich so sehr in ihr Spiel, dass die Grenzen zwischen Rolle und Realität, zwischen Leinwand und Leben mitunter verschwammen. Nach dem Abitur, 2003, hatte sie in Ayşe Polats Kinofilm En Garde ihre erste Hauptrolle, für die sie beim Internationalen Filmfest in Locarno gleich den Silbernen Leoparden für die beste weibliche Darstellerin erhielt. Sie spielte in dem Film ein verstörtes Mädchen, das überempfindlich auf alle Geräusche reagiert und von der Mutter in ein Erziehungsheim gesteckt wird, welches sie schließlich abfackelt. Kwiatkowsky habe die Rolle “mit einer so beängstigenden Intensität” verkörpert, bemerkte ein Kritiker, “dass man beim Zusehen Angst um dieses Mädchen bekam und vergaß, dass das alles gespielt und nicht gelebt war”.

Im November 2005 zündet Maria Kwiatkowsky im wirklichen Leben nachts eine Kita in Prenzlauer Berg an, die Feuerwehr muss sie vom Dach des brennenden Gebäudes retten. Sie wird von der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, muss als Auflage eine Psychotherapie machen und mehr als 300.000 Euro für den Brandschaden bezahlen. In den kommenden Jahren tilgte sie mit ihren Gagen fast nur ihre Schulden.

Ihre Rollen blieben weiter oft extrem. Für die ARD-Reihe Bloch hungerte sie sich herunter, um eine Magersüchtige zu spielen, in anderen Filmen mimte sie mal eine Manisch-Depressive, mal eine flüchtige Gewalttäterin. Was macht es mit einem Menschen, wenn er ständig solche Figuren darstellt? Und kann so jemand gar nicht anders, als über die Grenzen zu gehen? Wurde sie Schauspielerin, weil sie eine Gefährdete war? Oder wurde sie eine Gefährdete, weil sie Schauspielerin war? Andere Frage, unangenehme Frage: Sind Künstler so gut trotz der Drogen? Oder sind sie so gut wegen der Drogen? Ist es wie bei den Radfahrern der Tour de France? Hilft das weiße Pulver beim Erfolg?

Kokain ist der Deutschen liebste harte Droge. Gerade von Kreativen wird sie gerne konsumiert, weil sie das Gehirn stimuliert, Ideen sprudeln lässt, Selbstzweifel tötet, man ist wach, präsent, von sich überzeugt. “Mit Kokain kannst du alles erreichen”, schreibt der italienische Journalist Roberto Saviano in seinem neuen Buch Zero, Zero, Zero. “Bevor Kokain dein Herz stillstehen lässt und dir die Birne zermatscht, bevor du keinen mehr hochkriegst und dein Magen ein eiterndes Geschwür wird, wirst du mehr arbeiten, dich mehr amüsieren und mehr ficken können als jemals zuvor.”

Dem Dauerkonsum von Kokain schreiben Drogenmediziner auch noch andere eindeutige Auswirkungen zu: Selbstüberschätzung, dramatische Gefühlskälte, Wirklichkeitsferne, Kritikunfähigkeit, Zerstörung jedes privaten Umfelds – und lange Zeit extreme Belastbarkeit in der Arbeit. Diesen Beipackzettel könnte man durchaus als Treatment für so manches deutsche Künstlerleben betrachten. Der Schriftsteller Joachim Lottmann hat genau das in seinem aktuellen Roman Endlich Kokain zum Plot gemacht. Ein erfolgloser, dicker Fernsehredakteur entdeckt das Kokain für sich und wird dünn – und sehr erfolgreich.

Die Schauspielerin Sunnyi Melles, die mit Maria Kwiatkowsky in ihrem letzten Film vor der Kamera stand, hat zu dem Thema eine andere, eindeutige Meinung. “Es gibt geniale Menschen, die dann aus welchem Grund auch immer zu Drogen greifen”, sagt sie. “Man wird aber nicht durch Drogen oder Alkohol zur guten Schauspielerin. Ich glaube, bei Maria war die Genialität schon vorher da.”

Um all diese Fragen wird es nicht gehen, wenn am 1. Juli in Saal 129b am Kölner Oberlandesgericht der Streit zwischen der Produktionsfirma Coin Film und der Gothaer Versicherung in seine wohl letzte Runde geht. Dort geht es nur um die Frage, wer haftet, wenn eine Schauspielerin in einem Gesundheitsbogen die Unwahrheit sagt – also ums Geld. Die ersten beiden Instanzen haben der Versicherung recht gegeben, der Bundesgerichtshof entdeckte jedoch Fehler in der Begründung und hat das Verfahren zurückverwiesen. Es sind trockene Juristensätze, die einem in den Akten begegnen und in Feststellungen wie dieser gipfeln: “Die willentliche Injektion von Kokain ist ein plötzliches von außen auf den Körper wirkendes Ereignis.”

Die Macher der Erfindung der Liebe wollten den Ausgang dieses unschönen Rechtsstreits nicht abwarten, sie haben den Film zu Ende gedreht, als Denkmal für Maria Kwiatkowsky. Ein letztes Mal wird sie nun auf der Leinwand auferstehen und ihre Energie entladen. Sie wird singen und quietschen und lieben und leiden, bis zu ihrem letzten Filmsatz, am Rande eines Abgrunds stehend: “Tut es weh?”

Comments

comments

No responses yet

Comments are closed at this time.

Trackback URI |