Mar 18 2015

Baby(a)lone: Jugend ohne Liebe

Published by at 01:15 under Iris Production

SOURCE: http://www.wort.lu

Von Vesna Andonovic

Mit Buchadaptierungen im Kino ist es so eine Sache: Bleibt man zu nah an der Vorlage, fällt das Resultat blass aus, löst man sich zu sehr, werden Hoffnungen geschürt und – meist – enttäuscht. In beiden Fällen zieht die Leinwand im direkten Vergleich zum literarischen Kopfkino, den Kürzeren. Ein gutes Gegenbeispiel und die sprichwörtliche Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist Donato Rotunnos „Baby(a)lone“, nach dem Roman „Amok“ von Tullio Forgiarini.

Der Film schafft nämlich das Spagat zwischen Wurzeln und Eigenständigkeit und steht weder im Schatten des Buches, noch macht es diesem Konkurrenz. Dabei ist weder das eine, noch das andere wahrlich ein Wohlfühlerlebnis, denn die Geschichte der Jugendlichen – zwei Kinder auf der Schwelle zum Erwachsenwerden –, ist keine herkömmliche „Coming of age“-Geschichte mit positiver Moral, sondern eine bis ins Unerträgliche ehrlich-nüchterne Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die ihre Kinder sich selbst überlassen hat und weder fähig ist, zu verstehen, was ihnen schmerzlich mangelt, geschweige denn ihnen zu helfen.

Berührend wahrhaftig

Der als Produzent bekannte Donato Rotunno weiß auch als Regisseur ganz genau, wie man eine Geschichte allein mit filmischer Sprache erzählt – dies zeigte er schon mit seinem ersten Spielfilm „In a Dark Place“, bekräftigt es, nach mehreren Dokumentarprojekten, und unterstreicht es nun auch mit „Baby(a)lone“.

So verdoppelt der Filmemacher die Wirkungskraft der inneren emotionalen Zerrissenheit seiner Figuren visuell durch eine klar-geometrische, in kühlen Farben gehaltene Strukturierung der Aufnahmen: Der „Lebensraum“ der Jugendlichen, das Gymnasium, scheint ein steriler, jeglicher Menschlichkeit entbehrender Rahmen für die hormonellen Stürme, die da auf der Leinwand die beiden Figuren kräftig durchschütteln, doch letztlich – und je nach Ermessen des Zuschauers – nicht zum Kentern bringen.

Rückblenden

Dabei kontextualisiert bzw. versucht Rotunno ebenfalls die Situation der zwei durch Rückblenden ein stückweit zu erklären – was an sich, angesichts der Kraft des Erzählbogens, eigentlich nicht einmal notwendig gewesen wäre. Natürlich gibt es für die Art Gewalt sich und anderen gegenüber stets irgendwelche familiären oder gesellschaftlichen Gründe – das gefühlte Resultat übersteigt dennoch die Summe der sachlichen Einzelteile.

Emotionale Verwahrlosung, Sehnsucht nach Liebe, Schwierigkeit der Selbstdefinition, – mit alledem wird das Publikum schonungslos konfrontiert und versteht nicht nur durch den anschaulich gezeigten Spieltrieb der zwei Protagonisten, dass der äußere Schein trügt und sie einfach in erwachsener werdenden Körpern gefangene Kinder sind.

Erlösender Himmel

Der erlösende Himmel schwebt derweil wie die Verheißung einer besseren Zukunft, unerreichbar für die Protagonisten. Dennoch ist „Baby(a)lone“ definitiv weder ein pessimistischer noch ein realistischer Film: Es ist ein materiell fassbares Märchen des 21. Jahrhunderts über das, was die Welt im Innersten zusammenhält: die Liebe. Vor allem in seiner Besetzung und der – minimal invasiven und doch bestimmten – Art, wie der Regisseur das überraschend reife und zerbrechliche Spiel der jungen Darsteller kanalisiert, ohne die Kraft ihrer Authentizität zu brechen, vermag der Film sich über seine eigentliche Daseinsberechtigung, als gesellschaftskritisches Opus, hinaus abzusetzen.

Da betrachtet die Kamera – und der Zuschauer – den schmerzhaften Prozess, bei dem ein wunderschöner und fragiler Schmetterling den Kokon durchbricht und muss die damit verbundene Schwierigkeit machtlos durchleben.

Hauptfigur ohne Namen

Dass die Hauptfigur keinen Namen hat, fällt erst im Abspann auf, als hinter Joshua Defays ein „X“ auftaucht. Letzterer, Charlotte Elsen als Shirley und
Etienne Halsdorf als Johnny sind glaubhaft. Mögen manche Szenen überspitzt dargestellt sein – man darf nicht vergessen, dass hier angehende Darsteller, nicht routinierte Handwerker zugange sind – überwiegt dennoch eine berührende Glaubhaftigkeit. Ein ungewöhnlicher und umso spannender Film, der – vor allem den positiven Reaktionen seines jungen Zielpublikums bei der Vorpremiere im Rahmen des „Luxembourg City Film Festival“ nach zu urteilen – seinen Weg machen wird, und dabei älteren Zuschauern kräftig auf den Magen und das Gemüt schlagen und an ihrem komfortablen Weltbild rütteln kann – was letztlich beweist, dass er in beiden Fällen seinen Sinn und Zweck erfüllt hat.

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SOURCE: http://www.wort.lu

Von Vesna Andonovic

Mit Buchadaptierungen im Kino ist es so eine Sache: Bleibt man zu nah an der Vorlage, fällt das Resultat blass aus, löst man sich zu sehr, werden Hoffnungen geschürt und – meist – enttäuscht. In beiden Fällen zieht die Leinwand im direkten Vergleich zum literarischen Kopfkino, den Kürzeren. Ein gutes Gegenbeispiel und die sprichwörtliche Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist Donato Rotunnos „Baby(a)lone“, nach dem Roman „Amok“ von Tullio Forgiarini.

Der Film schafft nämlich das Spagat zwischen Wurzeln und Eigenständigkeit und steht weder im Schatten des Buches, noch macht es diesem Konkurrenz. Dabei ist weder das eine, noch das andere wahrlich ein Wohlfühlerlebnis, denn die Geschichte der Jugendlichen – zwei Kinder auf der Schwelle zum Erwachsenwerden –, ist keine herkömmliche „Coming of age“-Geschichte mit positiver Moral, sondern eine bis ins Unerträgliche ehrlich-nüchterne Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die ihre Kinder sich selbst überlassen hat und weder fähig ist, zu verstehen, was ihnen schmerzlich mangelt, geschweige denn ihnen zu helfen.

Berührend wahrhaftig

Der als Produzent bekannte Donato Rotunno weiß auch als Regisseur ganz genau, wie man eine Geschichte allein mit filmischer Sprache erzählt – dies zeigte er schon mit seinem ersten Spielfilm „In a Dark Place“, bekräftigt es, nach mehreren Dokumentarprojekten, und unterstreicht es nun auch mit „Baby(a)lone“.

So verdoppelt der Filmemacher die Wirkungskraft der inneren emotionalen Zerrissenheit seiner Figuren visuell durch eine klar-geometrische, in kühlen Farben gehaltene Strukturierung der Aufnahmen: Der „Lebensraum“ der Jugendlichen, das Gymnasium, scheint ein steriler, jeglicher Menschlichkeit entbehrender Rahmen für die hormonellen Stürme, die da auf der Leinwand die beiden Figuren kräftig durchschütteln, doch letztlich – und je nach Ermessen des Zuschauers – nicht zum Kentern bringen.

Rückblenden

Dabei kontextualisiert bzw. versucht Rotunno ebenfalls die Situation der zwei durch Rückblenden ein stückweit zu erklären – was an sich, angesichts der Kraft des Erzählbogens, eigentlich nicht einmal notwendig gewesen wäre. Natürlich gibt es für die Art Gewalt sich und anderen gegenüber stets irgendwelche familiären oder gesellschaftlichen Gründe – das gefühlte Resultat übersteigt dennoch die Summe der sachlichen Einzelteile.

Emotionale Verwahrlosung, Sehnsucht nach Liebe, Schwierigkeit der Selbstdefinition, – mit alledem wird das Publikum schonungslos konfrontiert und versteht nicht nur durch den anschaulich gezeigten Spieltrieb der zwei Protagonisten, dass der äußere Schein trügt und sie einfach in erwachsener werdenden Körpern gefangene Kinder sind.

Erlösender Himmel

Der erlösende Himmel schwebt derweil wie die Verheißung einer besseren Zukunft, unerreichbar für die Protagonisten. Dennoch ist „Baby(a)lone“ definitiv weder ein pessimistischer noch ein realistischer Film: Es ist ein materiell fassbares Märchen des 21. Jahrhunderts über das, was die Welt im Innersten zusammenhält: die Liebe. Vor allem in seiner Besetzung und der – minimal invasiven und doch bestimmten – Art, wie der Regisseur das überraschend reife und zerbrechliche Spiel der jungen Darsteller kanalisiert, ohne die Kraft ihrer Authentizität zu brechen, vermag der Film sich über seine eigentliche Daseinsberechtigung, als gesellschaftskritisches Opus, hinaus abzusetzen.

Da betrachtet die Kamera – und der Zuschauer – den schmerzhaften Prozess, bei dem ein wunderschöner und fragiler Schmetterling den Kokon durchbricht und muss die damit verbundene Schwierigkeit machtlos durchleben.

Hauptfigur ohne Namen

Dass die Hauptfigur keinen Namen hat, fällt erst im Abspann auf, als hinter Joshua Defays ein „X“ auftaucht. Letzterer, Charlotte Elsen als Shirley und
Etienne Halsdorf als Johnny sind glaubhaft. Mögen manche Szenen überspitzt dargestellt sein – man darf nicht vergessen, dass hier angehende Darsteller, nicht routinierte Handwerker zugange sind – überwiegt dennoch eine berührende Glaubhaftigkeit. Ein ungewöhnlicher und umso spannender Film, der – vor allem den positiven Reaktionen seines jungen Zielpublikums bei der Vorpremiere im Rahmen des „Luxembourg City Film Festival“ nach zu urteilen – seinen Weg machen wird, und dabei älteren Zuschauern kräftig auf den Magen und das Gemüt schlagen und an ihrem komfortablen Weltbild rütteln kann – was letztlich beweist, dass er in beiden Fällen seinen Sinn und Zweck erfüllt hat.

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