Mar 02 2015

Kunstvolle Trugbilder, doppelte Deutungen

Published by at 01:02 under M+M

SOURCE: http://woxx.lu

Das Casino zeigt mit “7 Tage” erstmals eine Einzelausstellung des Künstlerpaars M+M. Darin sind nachgestellte Filmszenen zu sehen, die in ihrer Doppeldeutigkeit beklemmen.
– Anina Valle Thiele

Ein scheinbar harmloser Dialog in einem Hotelzimmer zwischen Vater und Tochter – und daneben gestellt die nahezu identische Szene zwischen demselben Mann und seiner Frau. Ein Mann in einer Diskothek, der zugleich (auf zwei Bildschirmen) von einem Mann und einer Frau angebaggert wird, ein weiterer Mann in einem Friseursalon, der ein oberflächliches Gespräch mit der Friseurin und, auf dem Bildschirm daneben, mit dem Friseur führt … Der Videozyklus “7 Tage”, in dem das Künstlerpaar M+M (Marc Weis und Martin De Mattia) sieben nach Wochentagen benannte Szenen festgehalten hat und die in einem Zeitraum von etwa sieben Jahren entstanden sind, wirken gerade durch ihre scheinheilige Idylle.

Wahnsinn, Trug oder Gewalt wohnen ihren Kurzfilmen jedoch auf subtile Weise inne, lauern quasi hinter der Fassade und sorgen für einen Gänsehauteffekt. Zugleich nehmen alle sieben Videoarbeiten Bezug auf Schlüsselszenen der Filmgeschichte. So ist die eingangs beschriebene Szene in dem Video “Montag” eine Referenz an Stanley Kubricks Film “The Shining” (1980). Der Dialog in den beiden Videos “Samstag” basiert auf einem Dialogfragment aus dem Film “Saturday Night Fever” (1977), die Installation “Freitag”, in der zwei Frauen – eine jüngere und eine ältere – zugleich aus dem Bad kommen und in ihrer Wohnung von einem Mörder überrascht werden, übernimmt Motive aus dem Horrorfilm “Tenebre” (1982). Die letzten beiden Videos mit dem Titel “Sonntag” beziehen sich auf die Anfangszene von Jean-Luc Godards berühmtem Film “Le mépris” (1963), in dem sich Brigitte Bardot lasziv vor Michel Piccoli auf dem Bett räkelt. In der doppelt nachgestellten Szene liegt eine blonde Frau vor ihrem Geliebten, auf der zweiten Leinwand wird die Szene in einer Vater-Tochter-Konstellation variiert. Diesem Video mit einem Mädchen, das sich, nur mit einem Höschen bekleidet, vor dem Vater räkelt, haftet etwas bedrohlich Pädophiles an.

Der unterschwellige Zustand der Krise, ein ambivalenter Schwebezustand, in dem die Hauptfigur vor einem (unter-)bewussten Wendepunkt zu stehen scheint, ist allen diesen sieben Videoarbeiten gemeinsam. In allen trifft der Besucher zudem auf denselben Protagonisten: Es ist der österreichische Schauspieler Christoph Luser. So wirkt es, als ob er sich innerhalb einer Woche jeden Tag einer anderen – scheinbar alltäglichen – Situation ausgesetzt sieht. Sein Leben erscheint dem Besucher beim Gang durch die Ausstellung als buntes Kaleidoskop.

Besonders eindrucksvoll ist der “Donnerstag”, enthält er doch eine offensichtliche Referenz an die Legende des heiligen Franziskus. Die symbolische Szene zeigt die demonstrative Abkehr des Protagonisten von seinem Leben als Bankierssohn – eine radikale Abkehr von allem Materiellen. M+M beleuchten in ihrer Video-Arbeit den Moment, in dem der Sohn radikal mit seiner Familie und seiner Vergangenheit bricht. Er zieht seine Kleider aus und legt sie seinem Vater beziehungsweise seiner Mutter vor die Füße. Die Szene spielt in der Zentrale eines Finanzkonzerns, im lichtdurchfluteten Sitzungssaal eines Hochhauses hoch oben über der Großstadt. Während ein Video den Bruch mit dem Vater (André Jung) zeigt, ist im anderen das letzte Zusammentreffen mit der Mutter (Sybille Canonica) im Beisein von Rechtsanwälten zu sehen.

Der “Torrance-Raum” (Soundinstallation) ist eine Hommage an den von Jack Nicholson verkörperten Jack Torrance in “The Shining”. Durch einen mit blauen Teppichen ausgelegten Raum hallt die Stimme des Synchronsprechers Jörg Plevas mit dem die Katastrophe einleitenden “Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen” und weckt so die Erinnerung an die bedrückende Handlung des Films.

Die beeindruckende Schau ist damit nicht nur Film-Aficionados und Liebhabern des Film Noir zu empfehlen – spielt sie doch mit dem Wiedererkennungseffekt bekannter Szenen -, sondern jedem, der sich für Videokunst interessiert. Sie macht beklemmend klar: eine einzige Lesart einer Geschichte gibt es fast nie.

Bis zum 3. Mai im Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain.

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Das Casino zeigt mit “7 Tage” erstmals eine Einzelausstellung des Künstlerpaars M+M. Darin sind nachgestellte Filmszenen zu sehen, die in ihrer Doppeldeutigkeit beklemmen.
– Anina Valle Thiele

Ein scheinbar harmloser Dialog in einem Hotelzimmer zwischen Vater und Tochter – und daneben gestellt die nahezu identische Szene zwischen demselben Mann und seiner Frau. Ein Mann in einer Diskothek, der zugleich (auf zwei Bildschirmen) von einem Mann und einer Frau angebaggert wird, ein weiterer Mann in einem Friseursalon, der ein oberflächliches Gespräch mit der Friseurin und, auf dem Bildschirm daneben, mit dem Friseur führt … Der Videozyklus “7 Tage”, in dem das Künstlerpaar M+M (Marc Weis und Martin De Mattia) sieben nach Wochentagen benannte Szenen festgehalten hat und die in einem Zeitraum von etwa sieben Jahren entstanden sind, wirken gerade durch ihre scheinheilige Idylle.

Wahnsinn, Trug oder Gewalt wohnen ihren Kurzfilmen jedoch auf subtile Weise inne, lauern quasi hinter der Fassade und sorgen für einen Gänsehauteffekt. Zugleich nehmen alle sieben Videoarbeiten Bezug auf Schlüsselszenen der Filmgeschichte. So ist die eingangs beschriebene Szene in dem Video “Montag” eine Referenz an Stanley Kubricks Film “The Shining” (1980). Der Dialog in den beiden Videos “Samstag” basiert auf einem Dialogfragment aus dem Film “Saturday Night Fever” (1977), die Installation “Freitag”, in der zwei Frauen – eine jüngere und eine ältere – zugleich aus dem Bad kommen und in ihrer Wohnung von einem Mörder überrascht werden, übernimmt Motive aus dem Horrorfilm “Tenebre” (1982). Die letzten beiden Videos mit dem Titel “Sonntag” beziehen sich auf die Anfangszene von Jean-Luc Godards berühmtem Film “Le mépris” (1963), in dem sich Brigitte Bardot lasziv vor Michel Piccoli auf dem Bett räkelt. In der doppelt nachgestellten Szene liegt eine blonde Frau vor ihrem Geliebten, auf der zweiten Leinwand wird die Szene in einer Vater-Tochter-Konstellation variiert. Diesem Video mit einem Mädchen, das sich, nur mit einem Höschen bekleidet, vor dem Vater räkelt, haftet etwas bedrohlich Pädophiles an.

Der unterschwellige Zustand der Krise, ein ambivalenter Schwebezustand, in dem die Hauptfigur vor einem (unter-)bewussten Wendepunkt zu stehen scheint, ist allen diesen sieben Videoarbeiten gemeinsam. In allen trifft der Besucher zudem auf denselben Protagonisten: Es ist der österreichische Schauspieler Christoph Luser. So wirkt es, als ob er sich innerhalb einer Woche jeden Tag einer anderen – scheinbar alltäglichen – Situation ausgesetzt sieht. Sein Leben erscheint dem Besucher beim Gang durch die Ausstellung als buntes Kaleidoskop.

Besonders eindrucksvoll ist der “Donnerstag”, enthält er doch eine offensichtliche Referenz an die Legende des heiligen Franziskus. Die symbolische Szene zeigt die demonstrative Abkehr des Protagonisten von seinem Leben als Bankierssohn – eine radikale Abkehr von allem Materiellen. M+M beleuchten in ihrer Video-Arbeit den Moment, in dem der Sohn radikal mit seiner Familie und seiner Vergangenheit bricht. Er zieht seine Kleider aus und legt sie seinem Vater beziehungsweise seiner Mutter vor die Füße. Die Szene spielt in der Zentrale eines Finanzkonzerns, im lichtdurchfluteten Sitzungssaal eines Hochhauses hoch oben über der Großstadt. Während ein Video den Bruch mit dem Vater (André Jung) zeigt, ist im anderen das letzte Zusammentreffen mit der Mutter (Sybille Canonica) im Beisein von Rechtsanwälten zu sehen.

Der “Torrance-Raum” (Soundinstallation) ist eine Hommage an den von Jack Nicholson verkörperten Jack Torrance in “The Shining”. Durch einen mit blauen Teppichen ausgelegten Raum hallt die Stimme des Synchronsprechers Jörg Plevas mit dem die Katastrophe einleitenden “Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen” und weckt so die Erinnerung an die bedrückende Handlung des Films.

Die beeindruckende Schau ist damit nicht nur Film-Aficionados und Liebhabern des Film Noir zu empfehlen – spielt sie doch mit dem Wiedererkennungseffekt bekannter Szenen -, sondern jedem, der sich für Videokunst interessiert. Sie macht beklemmend klar: eine einzige Lesart einer Geschichte gibt es fast nie.

Bis zum 3. Mai im Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain.

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