Jan 14 2013

D’Engelcher vu Schëndels

Published by at 01:45 under No-Low Budget

SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Zu unserem Gespräch bringt der Regisseur und Journalist Marc Thoma stapelweise Unterlagen mit: Fotos, Prozessunterlagen und Briefe aus den 30er Jahren. “D’Engelcher vu Schëndels” sei zwar ein Spielfilm, doch erfunden habe er nichts. Das sei überhaupt nicht nötig gewesen.

Tageblatt: Am 16. Januar kommt Ihr neuer Film “D’Engelcher vu Schëndels“ in unsere Kinos. Wie bereits „Emil“, die Geschichte eines Bunkerjungen im Zweiten Weltkrieg, beruht auch Ihr neuer Film wieder auf einer wahren Begebenheit. Können Sie diese kurz erzählen?

Marc Thoma: “In erster Linie ist ‘D’Engelcher vu Schëndels’ ein Film über die Atmosphäre der 30er Jahre. Es war Krise, der Bösewicht in meinem Film hat bei der Arbed gearbeitet, wurde entlassen, um dann immer aggressiver zu werden. Er, seine Frau, eine Deutsche, und ihre Stiefschwester haben dann zusammen ausgesponnen, wie sie an Geld kommen könnten. Und ihre Nachbarin, die alte Witwe, die lange Zeit Gouvernante in Paris war, war ihr Opfer. Trotz ihrer Lebenserfahrung war die alte Dame sehr fromm und naiv. Als sie dann auf einmal Briefe aus dem Himmel erhielt, erst vom Erzengel Gabriel, dann von der Jungfrau Maria, schließlich vom Herrgott persönlich, hat sie das geglaubt.”

Was stand denn in dem ersten Brief?

“Da wir die Originale ja alle in den Archiven gefunden hatten, haben wir nichts erfunden, sondern die Briefe so übernommen, wie sie damals geschrieben wurden. Die ‘Heiligen aus dem Himmel’ teilten der alten Dame also mit, dass die Rosa, die Stiefschwester von nebenan, ein Engel in Menschengestalt sei und dass die alte Frau all ihre Wünsche erfüllen müsse. In dem ersten Brief forderten sie recht harmlos ein Glas Himbeermarmelade. Doch es dauerte nicht lange, dann kam der zweite Brief, diesmal wollten sie Essen und Wein, später dann ein Fahrrad – was damals unwahrscheinlich teuer war. Etwa ein Monatsgehalt hat damals ein Fahrrad gekostet. Und so wurden die Forderungen immer radikaler.”

Und irgendwann flog der Schwindel dann auf …

“Ja, die beiden Frauen wurden verhaftet und es kam zum Prozess. Das Tolle ist, dass wir den gesamten Prozess mit Juristen gedreht haben. Jean Bour, Staatsanwalt a.D. aus Diekirch, hat super gespielt, Pol Urbany, der Staranwalt, hat die Verteidigungsrede sogar noch ‘auf seine Art’ umgeschrieben. Doch es sollte nicht bei einem Prozess bleiben, denn später kam es schließlich zum Drama, aber wir wollen hier jetzt nicht alles verraten.”

Wie sind Sie auf diese Geschichte aufmerksam geworden?

“Ich bin durch das Tageblatt auf diese Geschichte gestoßen, als ich einmal zufällig die Microfilme aus den 30er Jahren durchstöberte. Ich fand die Geschichte sofort faszinierend, dennoch habe ich sie erst einmal ein paar Jahre ruhen lassen. Vor drei Jahren habe ich dann zusammen mit meinen Leuten aus dem Team angefangen, mich dahinterzuknien. Wir sind also in die Staatsarchive gegangen und haben recherchiert. Da haben wir dann alles gefunden: Prozessunterlagen, Polizeiakten, Briefe.”

Konnten Sie auch noch Zeitzeugen von damals interviewen?

“Ja, wir hatte die Möglichkeit, auch Zeitzeugen zu befragen. Sie sind jetzt um die 90 Jahre alt. Viele sind schon gestorben. Wir haben ihre Aussagen aufgenommen und sie gefilmt. Doch kommen sie nicht im Film vor, schließlich ist ‘D’Engelcher vu Schëndels’ ein Spielfilm. Doch auf die spätere DVD werden sie gebündelt aufgenommen.”

Der Filmfonds hat Ihnen die finanzielle Unterstützung verweigert. Der Film habe nicht die nötige „qualité artistique“. Was sagen Sie dazu?

“Reine Willkür. Es ist unwahrscheinlich, wie die mit dem Geld umspringen. Der Antragsteller muss ein detailliertes Dossier einreichen, alles begründen, alles auflisten. Unser Produzent hat das gemacht. Wir haben alle Kriterien, die ein Film offiziell erfüllen muss, um gefördert zu werden, erfüllt. Doch der joviale Daleiden hat uns dann ein paar Zeilen geschrieben und abgelehnt. Ohne Argumentation. Schon die Förderung für ‘Emil’ hatten sie abgelehnt, ‘Emil’ hatte dann Rekordzahlen, sowohl an der Kinokasse, als auch in den Kultursälen quer durchs Land, sowie im DVD-Verkauf. Doch daraus haben sie nichts gelernt. Mich macht das wütend.”

Wie haben Sie den Film finanziert?

“Alle Beteiligten arbeiten entweder ganz ehrenamtlich oder aber zu einem minimalen Lohn. Eigentlich kann man mit dem Geld, das wir von unseren Privatsponsoren zusammenbekommen haben, keinen Film drehen. Aber wir haben es trotzdem geschafft.”

Und Sie werden weitermachen … Welche Luxemburger Geschichte werden Sie denn als Nächstes verfilmen?

“Na, d’Bommeleeër.”

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SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Zu unserem Gespräch bringt der Regisseur und Journalist Marc Thoma stapelweise Unterlagen mit: Fotos, Prozessunterlagen und Briefe aus den 30er Jahren. “D’Engelcher vu Schëndels” sei zwar ein Spielfilm, doch erfunden habe er nichts. Das sei überhaupt nicht nötig gewesen.

Tageblatt: Am 16. Januar kommt Ihr neuer Film “D’Engelcher vu Schëndels“ in unsere Kinos. Wie bereits „Emil“, die Geschichte eines Bunkerjungen im Zweiten Weltkrieg, beruht auch Ihr neuer Film wieder auf einer wahren Begebenheit. Können Sie diese kurz erzählen?

Marc Thoma: “In erster Linie ist ‘D’Engelcher vu Schëndels’ ein Film über die Atmosphäre der 30er Jahre. Es war Krise, der Bösewicht in meinem Film hat bei der Arbed gearbeitet, wurde entlassen, um dann immer aggressiver zu werden. Er, seine Frau, eine Deutsche, und ihre Stiefschwester haben dann zusammen ausgesponnen, wie sie an Geld kommen könnten. Und ihre Nachbarin, die alte Witwe, die lange Zeit Gouvernante in Paris war, war ihr Opfer. Trotz ihrer Lebenserfahrung war die alte Dame sehr fromm und naiv. Als sie dann auf einmal Briefe aus dem Himmel erhielt, erst vom Erzengel Gabriel, dann von der Jungfrau Maria, schließlich vom Herrgott persönlich, hat sie das geglaubt.”

Was stand denn in dem ersten Brief?

“Da wir die Originale ja alle in den Archiven gefunden hatten, haben wir nichts erfunden, sondern die Briefe so übernommen, wie sie damals geschrieben wurden. Die ‘Heiligen aus dem Himmel’ teilten der alten Dame also mit, dass die Rosa, die Stiefschwester von nebenan, ein Engel in Menschengestalt sei und dass die alte Frau all ihre Wünsche erfüllen müsse. In dem ersten Brief forderten sie recht harmlos ein Glas Himbeermarmelade. Doch es dauerte nicht lange, dann kam der zweite Brief, diesmal wollten sie Essen und Wein, später dann ein Fahrrad – was damals unwahrscheinlich teuer war. Etwa ein Monatsgehalt hat damals ein Fahrrad gekostet. Und so wurden die Forderungen immer radikaler.”

Und irgendwann flog der Schwindel dann auf …

“Ja, die beiden Frauen wurden verhaftet und es kam zum Prozess. Das Tolle ist, dass wir den gesamten Prozess mit Juristen gedreht haben. Jean Bour, Staatsanwalt a.D. aus Diekirch, hat super gespielt, Pol Urbany, der Staranwalt, hat die Verteidigungsrede sogar noch ‘auf seine Art’ umgeschrieben. Doch es sollte nicht bei einem Prozess bleiben, denn später kam es schließlich zum Drama, aber wir wollen hier jetzt nicht alles verraten.”

Wie sind Sie auf diese Geschichte aufmerksam geworden?

“Ich bin durch das Tageblatt auf diese Geschichte gestoßen, als ich einmal zufällig die Microfilme aus den 30er Jahren durchstöberte. Ich fand die Geschichte sofort faszinierend, dennoch habe ich sie erst einmal ein paar Jahre ruhen lassen. Vor drei Jahren habe ich dann zusammen mit meinen Leuten aus dem Team angefangen, mich dahinterzuknien. Wir sind also in die Staatsarchive gegangen und haben recherchiert. Da haben wir dann alles gefunden: Prozessunterlagen, Polizeiakten, Briefe.”

Konnten Sie auch noch Zeitzeugen von damals interviewen?

“Ja, wir hatte die Möglichkeit, auch Zeitzeugen zu befragen. Sie sind jetzt um die 90 Jahre alt. Viele sind schon gestorben. Wir haben ihre Aussagen aufgenommen und sie gefilmt. Doch kommen sie nicht im Film vor, schließlich ist ‘D’Engelcher vu Schëndels’ ein Spielfilm. Doch auf die spätere DVD werden sie gebündelt aufgenommen.”

Der Filmfonds hat Ihnen die finanzielle Unterstützung verweigert. Der Film habe nicht die nötige „qualité artistique“. Was sagen Sie dazu?

“Reine Willkür. Es ist unwahrscheinlich, wie die mit dem Geld umspringen. Der Antragsteller muss ein detailliertes Dossier einreichen, alles begründen, alles auflisten. Unser Produzent hat das gemacht. Wir haben alle Kriterien, die ein Film offiziell erfüllen muss, um gefördert zu werden, erfüllt. Doch der joviale Daleiden hat uns dann ein paar Zeilen geschrieben und abgelehnt. Ohne Argumentation. Schon die Förderung für ‘Emil’ hatten sie abgelehnt, ‘Emil’ hatte dann Rekordzahlen, sowohl an der Kinokasse, als auch in den Kultursälen quer durchs Land, sowie im DVD-Verkauf. Doch daraus haben sie nichts gelernt. Mich macht das wütend.”

Wie haben Sie den Film finanziert?

“Alle Beteiligten arbeiten entweder ganz ehrenamtlich oder aber zu einem minimalen Lohn. Eigentlich kann man mit dem Geld, das wir von unseren Privatsponsoren zusammenbekommen haben, keinen Film drehen. Aber wir haben es trotzdem geschafft.”

Und Sie werden weitermachen … Welche Luxemburger Geschichte werden Sie denn als Nächstes verfilmen?

“Na, d’Bommeleeër.”

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