Aug 15 2008

Feierblumm: Zwei-Fronten-Krieg

Published by at 10:13 under No-Low Budget

www.wort.lu

Ein ehrenamtliches Filmteam von “Feierblumm” hat sich einen schwierigen Stoff ausgesucht – und muss mit einem Mini-Budget zwei Monate Drehzeit bewältigen.

Es ist kein leichter Stoff, an den sich die ehrenamtlichen Schauspieler und Filmemacher des Vereins “Feierblumm” herangewagt haben: Die neue Produktion “Heemwéi” arbeitet das Schicksal zweier Luxemburger Zwangsrekrutierten auf, die am Ende des Zweiten Weltkriegs beschließen, der Wehrmacht den Rücken zu kehren und in ihre Heimat im Minette zu flüchten. Von ihrem Standort in Nordfrankreich führt sie der Fluchtweg durch vom Krieg zerstörte Landschaften. Aus Luxemburg, so glauben die jungen Soldaten Jos und Fränz, haben sich die Besatzer schon zurückgezogen . Die zwei jungen Soldaten stellen fest, dass sie sich in Lebensgefahr befinden, denn die Wehrmacht lässt Deserteure standrechtlich erschießen. Eigentlich müssten sie flüchten, doch eine Liebesbeziehung zwischen Jos und einem Mädchen aus seinem Heimatdorf macht die Entscheidung nicht einfach.

Wenn sich junge Leute – das gesamte Team ist Anfang bis Mitte Zwanzig – mit der immer noch delikaten Geschichte der Luxemburger Zwangsrekrutierten auseinander setzen , gilt es eine ganze Reihe von Fallstricken zu überwinden. Zum einen müssen sich Regisseur Sacha Bachim und Drehbuchautor Steve Hoegener gegen eventuelle Vorwürfe wappnen, nicht dabei gewesen zu sein und als 25-Jährige den historischen Kontext misszuverstehen. Alsdann könnte ein unkonventioneller Blick auf das Schicksal der Luxemburger Wehrmachts-Soldaten, zum Beispiel Freundschaften mit deutschen Kriegskameraden und Leidensgenossen, Unmut bei den ehemaligen Zwangsrekrutierten hervorrufen. Andererseits wollte das Filmteam gerade die gegenteilige Darstellung vermeiden, nämlich das Klischee vom widerwärtigen Deutschen, dem heroischen Amerikaner und dem patriotischen Luxemburger anzufüttern.

 

“Wir wollen mit dem Film das Feindbild des ‘béise Preis’ abbauen, das die Diskussion in Luxemburg lange Zeit bestimmte. In unserem Film verhalten sich viele Soldaten fragwürdig, egal welche Uniform sie tragen. Auch die Amerikaner kommen nicht gerade als Helden weg”, erklärt Regisseur Sacha Bachim.

 

Begeisterung für das Filmhandwerk

Der 25-jährige Psychologe, der ein Weiterbildungsstudium begonnen hat, nimmt sich fast ein Jahr Zeit, um den Traum eines Films über Luxemburger Zwangsrekrutierte zu realisieren. Wenn die gut zwei Monate Drehzeit vorüber sind, steht der Schnitt am Computer an – meist dauert er länger als das Drehen selbst. Bezahlt wird Sacha Bachim für diese Arbeit nicht. Wie die meisten seiner Mitstreiter ist er aus Begeisterung für das Filmhandwerk mit von der Partie. Zusammen mit Drehbuchautor Steve Hoegener hat er Drehorte ausgesucht, an Lyzeen Schauspieler gecastet und die Finanzierung festgeklopft. Gerade einmal 25 000 Euro beträgt das Budget. Bei europäischen Kinoproduktionen kostet ein einziger Drehtag ungefähr das Zehnfache.

Die künstlerischen Herausforderungen und die Umsetzung des heiklen Themas erscheinen geradezu leicht im Vergleich zu den organisatorischen Herausforderungen , die mit der finanziellen Minimal-Ausstattung verbunden ist. Allein Kamera und Beleuchtung – gefilmt wird digital in High-Definition-Qualität – haben einen Wert, der das Budget um das Dreifache übersteigt.

 

Hilfe von allen Seiten

“Die Produktion ist nur dadurch möglich, dass wir Hilfe von allen Seiten bekommen “, sagt Steve Hoegener. So frisiert ein Salon aus Esch kostenlos die Schauspieler , die historischen Kostüme bekam das Team kostenlos zur Verfügung gestellt und auch das Catering wird von Freiwilligen übernommen. Auf offene Ohren sind die Filmemacher von “Feierblumm” mit ihrem Anliegen bei den verschiedensten historischen Clubs und Vereinigungen gestoßen. Nach längerem Nachfragen war es letztendlich kein Problem, an Uniformen, Pistolen und größere Waffen wie Maschinengewehre zu kommen. Das Diekircher Militärmuseum unterstützte das Filmprojekt mit Material; ein Verein aus der Nähe von Thionville hat sogar Jeeps und Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg versprochen.

“Über mangelnde Unterstützung können wir uns nicht beklagen”, meint Sacha Bachem, dem die Begeisterung für das Projekt “Heemwéi” anzumerken ist. Auf professioneller Basis will er sein Hobby als Regisseur zunächst nicht weiterführen. Demnächst steht der Berufseinstieg als Psychologe an. Der ehrenamtliche Regisseur freut sich darüber, dass die gesamten Kosten des Films über Spenden, Vereinsmittel und Zuschüsse abgedeckt sind. Die Hälfte der Gelder stammt aus dem EU-Programm “Jeunes en action” und dem “Service national des jeunes”. Die zukünftigen Kinoerlöse sind dann der Reingewinn des Films .

 

Gefüllte Fördertöpfe

Mit seiner lebhaften Szene aus teil internationalen Produktionsfirmen und kreativen Jungregisseuren braucht sich das kleine Luxemburg vor anderen Zentren des europäischen Kinos nicht zu verstecken. Doch dass die Fördertöpfe hierzulande vergleichsweise üppig gefüllt sind, sieht Sacha Bachim mit gemischten Gefühlen. Die Förderpolitik ziele darauf ab, vielversprechende Abgänger von Filmhochschulen eine Chance zu geben. Low-Budget-Produktionen und Laienschauspieler hätten da die schlechteren Karten.

Immerhin: Auch ganz ohne Bezahlung scheint die Disziplin in der Filmcrew zu stimmen . Nach fast einem Monat Drehzeit hat noch niemand unentschuldigt gefehlt oder das Handtuch geworfen.

 
wort

Von Volker Bingenheimer

 

 

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Ein ehrenamtliches Filmteam von “Feierblumm” hat sich einen schwierigen Stoff ausgesucht – und muss mit einem Mini-Budget zwei Monate Drehzeit bewältigen.

Es ist kein leichter Stoff, an den sich die ehrenamtlichen Schauspieler und Filmemacher des Vereins “Feierblumm” herangewagt haben: Die neue Produktion “Heemwéi” arbeitet das Schicksal zweier Luxemburger Zwangsrekrutierten auf, die am Ende des Zweiten Weltkriegs beschließen, der Wehrmacht den Rücken zu kehren und in ihre Heimat im Minette zu flüchten. Von ihrem Standort in Nordfrankreich führt sie der Fluchtweg durch vom Krieg zerstörte Landschaften. Aus Luxemburg, so glauben die jungen Soldaten Jos und Fränz, haben sich die Besatzer schon zurückgezogen . Die zwei jungen Soldaten stellen fest, dass sie sich in Lebensgefahr befinden, denn die Wehrmacht lässt Deserteure standrechtlich erschießen. Eigentlich müssten sie flüchten, doch eine Liebesbeziehung zwischen Jos und einem Mädchen aus seinem Heimatdorf macht die Entscheidung nicht einfach.

Wenn sich junge Leute – das gesamte Team ist Anfang bis Mitte Zwanzig – mit der immer noch delikaten Geschichte der Luxemburger Zwangsrekrutierten auseinander setzen , gilt es eine ganze Reihe von Fallstricken zu überwinden. Zum einen müssen sich Regisseur Sacha Bachim und Drehbuchautor Steve Hoegener gegen eventuelle Vorwürfe wappnen, nicht dabei gewesen zu sein und als 25-Jährige den historischen Kontext misszuverstehen. Alsdann könnte ein unkonventioneller Blick auf das Schicksal der Luxemburger Wehrmachts-Soldaten, zum Beispiel Freundschaften mit deutschen Kriegskameraden und Leidensgenossen, Unmut bei den ehemaligen Zwangsrekrutierten hervorrufen. Andererseits wollte das Filmteam gerade die gegenteilige Darstellung vermeiden, nämlich das Klischee vom widerwärtigen Deutschen, dem heroischen Amerikaner und dem patriotischen Luxemburger anzufüttern.

 

“Wir wollen mit dem Film das Feindbild des ‘béise Preis’ abbauen, das die Diskussion in Luxemburg lange Zeit bestimmte. In unserem Film verhalten sich viele Soldaten fragwürdig, egal welche Uniform sie tragen. Auch die Amerikaner kommen nicht gerade als Helden weg”, erklärt Regisseur Sacha Bachim.

 

Begeisterung für das Filmhandwerk

Der 25-jährige Psychologe, der ein Weiterbildungsstudium begonnen hat, nimmt sich fast ein Jahr Zeit, um den Traum eines Films über Luxemburger Zwangsrekrutierte zu realisieren. Wenn die gut zwei Monate Drehzeit vorüber sind, steht der Schnitt am Computer an – meist dauert er länger als das Drehen selbst. Bezahlt wird Sacha Bachim für diese Arbeit nicht. Wie die meisten seiner Mitstreiter ist er aus Begeisterung für das Filmhandwerk mit von der Partie. Zusammen mit Drehbuchautor Steve Hoegener hat er Drehorte ausgesucht, an Lyzeen Schauspieler gecastet und die Finanzierung festgeklopft. Gerade einmal 25 000 Euro beträgt das Budget. Bei europäischen Kinoproduktionen kostet ein einziger Drehtag ungefähr das Zehnfache.

Die künstlerischen Herausforderungen und die Umsetzung des heiklen Themas erscheinen geradezu leicht im Vergleich zu den organisatorischen Herausforderungen , die mit der finanziellen Minimal-Ausstattung verbunden ist. Allein Kamera und Beleuchtung – gefilmt wird digital in High-Definition-Qualität – haben einen Wert, der das Budget um das Dreifache übersteigt.

 

Hilfe von allen Seiten

“Die Produktion ist nur dadurch möglich, dass wir Hilfe von allen Seiten bekommen “, sagt Steve Hoegener. So frisiert ein Salon aus Esch kostenlos die Schauspieler , die historischen Kostüme bekam das Team kostenlos zur Verfügung gestellt und auch das Catering wird von Freiwilligen übernommen. Auf offene Ohren sind die Filmemacher von “Feierblumm” mit ihrem Anliegen bei den verschiedensten historischen Clubs und Vereinigungen gestoßen. Nach längerem Nachfragen war es letztendlich kein Problem, an Uniformen, Pistolen und größere Waffen wie Maschinengewehre zu kommen. Das Diekircher Militärmuseum unterstützte das Filmprojekt mit Material; ein Verein aus der Nähe von Thionville hat sogar Jeeps und Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg versprochen.

“Über mangelnde Unterstützung können wir uns nicht beklagen”, meint Sacha Bachem, dem die Begeisterung für das Projekt “Heemwéi” anzumerken ist. Auf professioneller Basis will er sein Hobby als Regisseur zunächst nicht weiterführen. Demnächst steht der Berufseinstieg als Psychologe an. Der ehrenamtliche Regisseur freut sich darüber, dass die gesamten Kosten des Films über Spenden, Vereinsmittel und Zuschüsse abgedeckt sind. Die Hälfte der Gelder stammt aus dem EU-Programm “Jeunes en action” und dem “Service national des jeunes”. Die zukünftigen Kinoerlöse sind dann der Reingewinn des Films .

 

Gefüllte Fördertöpfe

Mit seiner lebhaften Szene aus teil internationalen Produktionsfirmen und kreativen Jungregisseuren braucht sich das kleine Luxemburg vor anderen Zentren des europäischen Kinos nicht zu verstecken. Doch dass die Fördertöpfe hierzulande vergleichsweise üppig gefüllt sind, sieht Sacha Bachim mit gemischten Gefühlen. Die Förderpolitik ziele darauf ab, vielversprechende Abgänger von Filmhochschulen eine Chance zu geben. Low-Budget-Produktionen und Laienschauspieler hätten da die schlechteren Karten.

Immerhin: Auch ganz ohne Bezahlung scheint die Disziplin in der Filmcrew zu stimmen . Nach fast einem Monat Drehzeit hat noch niemand unentschuldigt gefehlt oder das Handtuch geworfen.

 
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Von Volker Bingenheimer

 

 

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