Dec 31 2011

Schulalltag in Luxemburg

Published by at 00:46 under Deutsch,No-Low Budget

SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Süßsaures Bild eines Systems
LUXEMBURG – Viele luxemburgische Filme und/oder Fernsehproduktionen können den zumeist selbst auferlegten bzw. großspurig verkündeten qualitativen Ansprüchen nicht gerecht werden.

Vor allem dann nicht, wenn die jeweilige Produktion auf Teufel komm raus versucht, lustig zu sein. Nicht so der Film „Ons Educatioun – De séchere Wee“ des Film- und Theaterkollektivs
„Richtung22“, der am Dienstag im Echternacher Ciné Sura Premiere feierte.

Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Es fällt schwer, etwas Negatives über „Ons Educatioun – De séchere Wee“ zu sagen. Der gesamte, rund eine Stunde dauernde Film ist nicht nur äußerst unterhaltend, sondern auch niveauvoll und (anders als dies für einen luxemburgischen und/oder Schüler- und Studentenfilm vielleicht zu erwarten war) sehr professionell gemacht.

Frisch und frech

Sicherlich ist die Idee, die Geschichte von einer Person (dem Primaner Charel) rückblickend und in der Ich-Form in kurzen Sequenzen (in Flashbacks) erzählen zu lassen, nicht neu. Gleiches gilt für die zwei, drei Sing- und Tanzeinlagen. Beides aber – die Erzählweise und die „Show-Einlagen“ – ist, wir wiederholen uns, derart gut, weil frisch und frech gemacht und aufeinander abgestimmt, dass das ganze „Package“ des Films als (fast) optimal bezeichnet werden kann. Zumal jeder, der in Luxemburg früher oder später ein „Classique“ besucht hat (der Film beleuchtet vordergründig den klassischen Sekundarunterricht) und den Film gesehen hat, sich mit der Satire, sprich mit Charel (ob leider oder glücklicherweise, liegt im Auge des Betrachters) identifizieren kann.

Beschrieben wird bei „Ons Educatioun – De séchere Wee“ also die Geschichte von Charel, einem durchschnittlichen, luxemburgischen (ein nicht unwichtiges „Merkmal“) Jungen, der im Grundschulalter riskiert, weder das „Niveau“ für das „Technique“ noch für das „Classique“ zu erreichen. Nicht weil Charel etwa schlecht im Rechnen oder im Lesen wäre. Nein, der kleine Charel hat Fantasie entwickelt und scheint eigenmächtig denken zu können. Nicht nur eine Gefahr für die Gesellschaft, wie die zur Hilfe gerufene Psychiaterin diagnostiziert, sondern auch und vor allem eine Katastrophe für die Eltern.

„De séchere Wee“

Doch die Medizinerin weiß Rat: Mit der richtigen Medizin, den Pillen „De séchere Wee“ könnten mit ein bisschen Glück Charels freie Meinung und Fantasie unterdrückt und damit der Weg frei für das „Classique“ und damit die „1ère“, das allem untergeordnete Ziel, gemacht werden. Dass der Name und die orange Teilfärbung der Packung des Medikaments an eine hierzulande doch recht verbreitete politische Partei erinnern, ist wohl reiner Zufall.

Die Arznei schlägt tatsächlich an und Charel schafft es ins „Classique“. Eine Schule, die mit Ausnahme eines „Quoten-Portugiesen“ den Luxemburgern vorbehalten ist.

Vollidioten, Portugiesen und „Éisleker“ gehören, wie es im Film heißt, bestenfalls ins „Technique“. Serben dürfen trotz bester Noten das „Classique“ nicht besuchen und müssen (mittels polizeilicher „Hilfe“) in eine Schule … nach Belgrad „wechseln“.

Kritiklos zum Abitur

In Bezug auf das „Classique“ (das allgemein, aber auch stellvertretend für andere Schulen angesehen werden kann) zeichnet der Film ein süßsaures Bild. Das Bild einer Schule, deren Ziel es ist, Kinder möglichst kritiklos zum Abitur und anschließend zu einer Anstellung beim Staat und damit verbunden einem ordentlichen Lohn zu bringen. Schließlich sind Kinder dazu da, wie ein Lehrer bemerkt, „um die Renten zu zahlen“.

Die Lehrer (im Film) sind (zum Teil überforderte, zum Teil resignierte) Lehrer, die den Sinn und Zweck sowohl der gelehrten Materie als auch ihres Berufes insgesamt nicht zu erkennen vermögen. Gezeichnet wird ein Bild von Lehrern, deren Hauptsorge der Verantwortliche für den Schwamm (Kevin) zu sein scheint. Außerdem scheinen sie ausnahmslos der Auffassung zu sein, dass Lernen keinen Spaß machen muss und man auch im späteren Leben ja keine „Experimente“ machen (also „Eco“ studieren) soll.

„Alles ist gut, wie es ist“

Und die „Erziehung“ scheint (zumindest im Film) zu funktionieren. Die Schüler bremsen eine „Chargée“, die versucht, aus dem Alltag des Unterrichts etwas auszubrechen, sofort aus. Aktuelle Themen, die nicht auf dem Programm für das Abschlussexamen stünden, seien reine Zeitverschwendung, wird sie belehrt. Überhaupt sind alle der Meinung (auch die Beamten im Bildungsministerium), dass es keiner Reform – und schon gar keiner Ministerin, die nach Lust und Laune (Mady Delvaux im Film) mal die eine, mal die andere Änderung vornehmen will – bedarf. Alles ist gut, wie es ist.

Ob Sie nun auch Charels Meinung sind, die darin besteht, dass Schule bedeutet, das zu machen, „was von einem verlangt wird“ und sich anzupassen oder nicht, der Film „Ons Educatioun – De séchere Wee“ vom Kollektiv „Richtung22“ (siehe Kasten) ist sehenswert. Ab Januar kommt er in die Kinos (in welche, steht noch nicht fest) und ab Februar ist die Satire im Internet kostenlos zu sehen.

Tom Wenandy/Tageblatt.lu

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Süßsaures Bild eines Systems
LUXEMBURG – Viele luxemburgische Filme und/oder Fernsehproduktionen können den zumeist selbst auferlegten bzw. großspurig verkündeten qualitativen Ansprüchen nicht gerecht werden.

Vor allem dann nicht, wenn die jeweilige Produktion auf Teufel komm raus versucht, lustig zu sein. Nicht so der Film „Ons Educatioun – De séchere Wee“ des Film- und Theaterkollektivs
„Richtung22“, der am Dienstag im Echternacher Ciné Sura Premiere feierte.

Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Es fällt schwer, etwas Negatives über „Ons Educatioun – De séchere Wee“ zu sagen. Der gesamte, rund eine Stunde dauernde Film ist nicht nur äußerst unterhaltend, sondern auch niveauvoll und (anders als dies für einen luxemburgischen und/oder Schüler- und Studentenfilm vielleicht zu erwarten war) sehr professionell gemacht.

Frisch und frech

Sicherlich ist die Idee, die Geschichte von einer Person (dem Primaner Charel) rückblickend und in der Ich-Form in kurzen Sequenzen (in Flashbacks) erzählen zu lassen, nicht neu. Gleiches gilt für die zwei, drei Sing- und Tanzeinlagen. Beides aber – die Erzählweise und die „Show-Einlagen“ – ist, wir wiederholen uns, derart gut, weil frisch und frech gemacht und aufeinander abgestimmt, dass das ganze „Package“ des Films als (fast) optimal bezeichnet werden kann. Zumal jeder, der in Luxemburg früher oder später ein „Classique“ besucht hat (der Film beleuchtet vordergründig den klassischen Sekundarunterricht) und den Film gesehen hat, sich mit der Satire, sprich mit Charel (ob leider oder glücklicherweise, liegt im Auge des Betrachters) identifizieren kann.

Beschrieben wird bei „Ons Educatioun – De séchere Wee“ also die Geschichte von Charel, einem durchschnittlichen, luxemburgischen (ein nicht unwichtiges „Merkmal“) Jungen, der im Grundschulalter riskiert, weder das „Niveau“ für das „Technique“ noch für das „Classique“ zu erreichen. Nicht weil Charel etwa schlecht im Rechnen oder im Lesen wäre. Nein, der kleine Charel hat Fantasie entwickelt und scheint eigenmächtig denken zu können. Nicht nur eine Gefahr für die Gesellschaft, wie die zur Hilfe gerufene Psychiaterin diagnostiziert, sondern auch und vor allem eine Katastrophe für die Eltern.

„De séchere Wee“

Doch die Medizinerin weiß Rat: Mit der richtigen Medizin, den Pillen „De séchere Wee“ könnten mit ein bisschen Glück Charels freie Meinung und Fantasie unterdrückt und damit der Weg frei für das „Classique“ und damit die „1ère“, das allem untergeordnete Ziel, gemacht werden. Dass der Name und die orange Teilfärbung der Packung des Medikaments an eine hierzulande doch recht verbreitete politische Partei erinnern, ist wohl reiner Zufall.

Die Arznei schlägt tatsächlich an und Charel schafft es ins „Classique“. Eine Schule, die mit Ausnahme eines „Quoten-Portugiesen“ den Luxemburgern vorbehalten ist.

Vollidioten, Portugiesen und „Éisleker“ gehören, wie es im Film heißt, bestenfalls ins „Technique“. Serben dürfen trotz bester Noten das „Classique“ nicht besuchen und müssen (mittels polizeilicher „Hilfe“) in eine Schule … nach Belgrad „wechseln“.

Kritiklos zum Abitur

In Bezug auf das „Classique“ (das allgemein, aber auch stellvertretend für andere Schulen angesehen werden kann) zeichnet der Film ein süßsaures Bild. Das Bild einer Schule, deren Ziel es ist, Kinder möglichst kritiklos zum Abitur und anschließend zu einer Anstellung beim Staat und damit verbunden einem ordentlichen Lohn zu bringen. Schließlich sind Kinder dazu da, wie ein Lehrer bemerkt, „um die Renten zu zahlen“.

Die Lehrer (im Film) sind (zum Teil überforderte, zum Teil resignierte) Lehrer, die den Sinn und Zweck sowohl der gelehrten Materie als auch ihres Berufes insgesamt nicht zu erkennen vermögen. Gezeichnet wird ein Bild von Lehrern, deren Hauptsorge der Verantwortliche für den Schwamm (Kevin) zu sein scheint. Außerdem scheinen sie ausnahmslos der Auffassung zu sein, dass Lernen keinen Spaß machen muss und man auch im späteren Leben ja keine „Experimente“ machen (also „Eco“ studieren) soll.

„Alles ist gut, wie es ist“

Und die „Erziehung“ scheint (zumindest im Film) zu funktionieren. Die Schüler bremsen eine „Chargée“, die versucht, aus dem Alltag des Unterrichts etwas auszubrechen, sofort aus. Aktuelle Themen, die nicht auf dem Programm für das Abschlussexamen stünden, seien reine Zeitverschwendung, wird sie belehrt. Überhaupt sind alle der Meinung (auch die Beamten im Bildungsministerium), dass es keiner Reform – und schon gar keiner Ministerin, die nach Lust und Laune (Mady Delvaux im Film) mal die eine, mal die andere Änderung vornehmen will – bedarf. Alles ist gut, wie es ist.

Ob Sie nun auch Charels Meinung sind, die darin besteht, dass Schule bedeutet, das zu machen, „was von einem verlangt wird“ und sich anzupassen oder nicht, der Film „Ons Educatioun – De séchere Wee“ vom Kollektiv „Richtung22“ (siehe Kasten) ist sehenswert. Ab Januar kommt er in die Kinos (in welche, steht noch nicht fest) und ab Februar ist die Satire im Internet kostenlos zu sehen.

Tom Wenandy/Tageblatt.lu

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