Oct 25 2013

Bilder der Geschichte

Published by at 03:59 under PTD

SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Eigentlich erzählt das Kino Geschichten in Bildern. Mit Andy Bauschs „D’Fifties zu Lëtzebuerg“ erzählen die Bilder Geschichten, an die sich mittlerweile nurmehr die alten Leute erinnern.

Nachdem er bereits die „Belle Epoque“ und die unmittelbaren Nachkriegsjahre dokumentiert hat, muss sich zeigen, ob das Publikum ihm bei diesem dokumentarischen Rückblick treu bleibt.

„Ich habe auf den Tag genau vor dreißig Jahren meinen ersten ‘richtigen’ Kinofilm gezeigt“, erklärte ein sichtlich aufgeregter Andy Bausch bei der Premiere seines neuesten Dokumentarfilms. Weil alles schön der Reihe nach zu gehen scheint, sind es die Fünfzigerjahre, die er jetzt aufarbeitet.

Witzig und bissig

Wie gewohnt sind seine Texte witzig und auch recht bissig. Das unterstreicht die Wahl der Off-Stimme, die keinem anderen gehört als dem ironischen Radio-Journalisten Nico Graf. Kombiniert mit den Aussagen von Gaston Vogel, der in den Fünfzigerjahren als Student seine ersten Erfahrungen sammelte und einer der Zeitzeugen ist, kommt sich der Zuschauer mitunter vor wie bei der allabendlichen „Bommeleeër“-Berichterstattung.

Die 50er-Jahre waren ein konservatives Jahrzehnt, heißt es in der Vorstellung des Films. Gleichzeitig beschreibt der Streifen in seiner Vermischung von Zeitzeugen-Aussagen mit Bildarchiv aus den Zeitungen, den raren Dokumentarfilmen und den Bildern der damals neu geschaffen „Compagnie luxembourgeoise de télévision“ eine neue Welt, die sich allmählich in Luxemburg installiert. Die 50er sind die Zeit des „Hula-Hoop“, der ersten Kühlschränke, des „Quickly“ und der wachsenden Mobilität.

In den Wirtshäusern werden die ersten Fernseher und Jukeboxes aufgestellt, zu den Klängen der „Negermusek“ tanzen die Luxemburger Rock’n’Roll. In den Zeitungen tauchen von dem immer weißer waschenden Tide bis zur Herbstmode aus dem Monopol immer mehr „Reklammen“ auf. Dennoch bleibt die allmonatliche Ziehung der Nationallotterie mit dem dazu gehörigen Variété weiterhin Programm.

Nostalgie

Die Luxemburger gehen noch immer sonntags zur Messe und pilgern einmal im Jahr in die „Octave“. Sie gehen aber auch regelmäßig ins Kino, schauen immer häufiger fern – und werden mobiler.

Wer, wie die Autorin dieser Zeilen, die Fünfzigerjahre kennt und viele dieser Episoden miterlebt hat, muss häufig grinsen. Es kommt Nostalgie auf, umso mehr als einige der Zeitzeugen zum direkten väterlichen Freundeskreis gehören. Dass unser „Schwammmeeschter“, Roger Quaino, eine internationale Karriere als Variété-Künstler (er war Equilibrist) gemacht hatte, war mir bekannt. Dass er ein verlockendes Angebot aus Amerika abschlagen musste, weil er kein Visa bekam – „mär hate Kommunisten an der Famill“ –, war eine der vielen Entdeckungen oder Erinnerungen, die der Film wachgerufen hat und – mit seinem ironischen Ton – in eine neue Perspektive stellt.

Damit wären wir wieder bei der anfänglichen Frage angelangt: Ist auch Andy mittlerweile ins Alter gekommen oder wird er es fertigbringen, einem jungen Publikum auf diese Weise die Jugend ihrer Eltern oder Großeltern zu veranschaulichen? Sein Blick auf die Fifties ist zweifellos interessant. Es fragt sich nur, ob der Sache anstelle der 87 Minuten mit einem 52-Minuten-Fernsehformat nicht mehr gedient gewesen wäre? Weil das Kino ja eigentlich Geschichten erzählt …

(Claude Wolf/Tageblatt.lu)

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SOURCE: http://www.tageblatt.lu

Eigentlich erzählt das Kino Geschichten in Bildern. Mit Andy Bauschs „D’Fifties zu Lëtzebuerg“ erzählen die Bilder Geschichten, an die sich mittlerweile nurmehr die alten Leute erinnern.

Nachdem er bereits die „Belle Epoque“ und die unmittelbaren Nachkriegsjahre dokumentiert hat, muss sich zeigen, ob das Publikum ihm bei diesem dokumentarischen Rückblick treu bleibt.

„Ich habe auf den Tag genau vor dreißig Jahren meinen ersten ‘richtigen’ Kinofilm gezeigt“, erklärte ein sichtlich aufgeregter Andy Bausch bei der Premiere seines neuesten Dokumentarfilms. Weil alles schön der Reihe nach zu gehen scheint, sind es die Fünfzigerjahre, die er jetzt aufarbeitet.

Witzig und bissig

Wie gewohnt sind seine Texte witzig und auch recht bissig. Das unterstreicht die Wahl der Off-Stimme, die keinem anderen gehört als dem ironischen Radio-Journalisten Nico Graf. Kombiniert mit den Aussagen von Gaston Vogel, der in den Fünfzigerjahren als Student seine ersten Erfahrungen sammelte und einer der Zeitzeugen ist, kommt sich der Zuschauer mitunter vor wie bei der allabendlichen „Bommeleeër“-Berichterstattung.

Die 50er-Jahre waren ein konservatives Jahrzehnt, heißt es in der Vorstellung des Films. Gleichzeitig beschreibt der Streifen in seiner Vermischung von Zeitzeugen-Aussagen mit Bildarchiv aus den Zeitungen, den raren Dokumentarfilmen und den Bildern der damals neu geschaffen „Compagnie luxembourgeoise de télévision“ eine neue Welt, die sich allmählich in Luxemburg installiert. Die 50er sind die Zeit des „Hula-Hoop“, der ersten Kühlschränke, des „Quickly“ und der wachsenden Mobilität.

In den Wirtshäusern werden die ersten Fernseher und Jukeboxes aufgestellt, zu den Klängen der „Negermusek“ tanzen die Luxemburger Rock’n’Roll. In den Zeitungen tauchen von dem immer weißer waschenden Tide bis zur Herbstmode aus dem Monopol immer mehr „Reklammen“ auf. Dennoch bleibt die allmonatliche Ziehung der Nationallotterie mit dem dazu gehörigen Variété weiterhin Programm.

Nostalgie

Die Luxemburger gehen noch immer sonntags zur Messe und pilgern einmal im Jahr in die „Octave“. Sie gehen aber auch regelmäßig ins Kino, schauen immer häufiger fern – und werden mobiler.

Wer, wie die Autorin dieser Zeilen, die Fünfzigerjahre kennt und viele dieser Episoden miterlebt hat, muss häufig grinsen. Es kommt Nostalgie auf, umso mehr als einige der Zeitzeugen zum direkten väterlichen Freundeskreis gehören. Dass unser „Schwammmeeschter“, Roger Quaino, eine internationale Karriere als Variété-Künstler (er war Equilibrist) gemacht hatte, war mir bekannt. Dass er ein verlockendes Angebot aus Amerika abschlagen musste, weil er kein Visa bekam – „mär hate Kommunisten an der Famill“ –, war eine der vielen Entdeckungen oder Erinnerungen, die der Film wachgerufen hat und – mit seinem ironischen Ton – in eine neue Perspektive stellt.

Damit wären wir wieder bei der anfänglichen Frage angelangt: Ist auch Andy mittlerweile ins Alter gekommen oder wird er es fertigbringen, einem jungen Publikum auf diese Weise die Jugend ihrer Eltern oder Großeltern zu veranschaulichen? Sein Blick auf die Fifties ist zweifellos interessant. Es fragt sich nur, ob der Sache anstelle der 87 Minuten mit einem 52-Minuten-Fernsehformat nicht mehr gedient gewesen wäre? Weil das Kino ja eigentlich Geschichten erzählt …

(Claude Wolf/Tageblatt.lu)

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