Sep 17 2013

Robin, willst du ewig leben?

Published by at 00:15 under PTD

SOURCE: http://www.welt.de

Der Regisseur Ari Folman bewundert die Schauspielerin Robin Wright für ihren Mut, sich in “The Congress” einscannen zu lassen – Von Gerhard Midding

Der Israeli Ari Folman erregte vor fünf Jahren in Cannes mit “Waltz for Bashir” Aufsehen, einem neuen Genre, das er “Dokumentarfilm im Zeichentrickgewand” nannte. Sein aktuelles Werk “The Congress” ist eine Mischung aus Realszenen und Animation. Ein Gespräch mit dem Fünfzigjährigen darüber, ob Filme noch eine Nationalität haben – und wie er Harvey Keitel dazu zwang, vielleicht einen Oscar zu gewinnen.

Die Welt:

Im Abspann habe ich versucht, alle Länder zu zählen, die am Film beteiligt sind. Ich kam auf neun. Wie viele sind es tatsächlich?

Ari Folman:

Es ist eine Co-Produktion zwischen sechs Ländern: Israel, Belgien, Deutschland, Luxemburg, Frankreich und Polen. Gedreht wurde er im siebenten Land, den USA. Dort entstanden alle Realszenen; abgesehen von ein, zwei, die in Berlin gedreht wurden. Die Animationsszenen entstanden in einem Studio in Hamburg, dann in Berlin, Lüttich und Brüssel. Einige Elemente kamen aus Luxemburg und Polen. Dann wurden weitere Teile auf den Philippinen hergestellt, danach in Indien, der Ukraine und der Türkei. Da wären wir also bei elf oder zwölf. So entstehen in Europa Animationsfilme: Das Risiko wird verteilt. Es war ein Albtraum, das alles am Ende zu kombinieren. Aber als Filmemacher muss ich das Geld eben dort ausgeben, wo ich es bekomme.

Besitzt der Film dennoch eine Art nationaler Identität?

Nein, ich finde, das muss ein Film auch nicht. Die Sprache des Kinos ist universal. Sie braucht keine Grenzen. Denken Sie nur mal an “Le Passé”, den neuen Film von Asghar Farhadi: Er stammt aus dem Iran, dreht in Frankreich, obwohl er kein Wort Französisch spricht. Das ist ihm völlig egal, er lässt das Drehbuch übersetzen, hat am Drehort einen Dolmetscher. Sobald er fertig ist, fliegt er wieder zurück in den Iran. Dabei hat er, wie ich finde, einen sehr französischen Film gemacht, der aber natürlich in seiner eigenen Kultur verwurzelt ist. Ich glaube, “The Congress” ist im Kern ein amerikanischer Film, obwohl es von dort überhaupt kein Geld gab. Weshalb? Weil er von Amerika erzählt, von der dortigen Unterhaltungsbranche, von der Frage, was es heißt, als Schauspielerin in Hollywood über vierzig zu sein.

Robin Wright scheint eine sehr furchtlose Schauspielerin zu sein, wenn sie einwilligt, eine Rolle zu spielen, die deutliche und unbequeme Parallelen zur eigenen Karriere aufweist. Man denke nur an die Unzahl ihrer falscher Rollenentscheidungen. Gab es Tabuzonen?

Sie ist wirklich erstaunlich. Harvey Keitel, der ihren Agenten spielt, sagte, sie würde mit einer solchen Rolle Karriereselbstmord begehen. Er wäre für keine Gage der Welt dazu bereit. Aber ihren Mut bewunderte er. Zwei Monate nachdem ich ihr das Projekt vorgeschlagen hatte, besuchte ich sie in Los Angeles, wo sie mir ein Wochenende lang ihre Lebensgeschichte erzählte. Das war eine schwierige Zeit für sie, sie wurde gerade von Sean Penn geschieden. Das Drehbuch hat mich dann viel Zeit gekostet. Sie hatte allerdings überhaupt keine Änderungswünsche. Die Realszenen schaute sie sich in Tel Aviv an und war zu Tränen gerührt. In Cannes war ich dann völlig überrascht, wie sie den Film in Interviews präsentierte. Sie stellte klar, dass sie mir die Erlaubnis gegeben hatte, ihren Namen für die Figur zu übernehmen und zwei ihrer Filme zu erwähnen: “Die Brautprinzessin” und “Forrest Gump”. Darüber hinaus habe der Film nicht das Geringste mit ihr zu tun. Sie sei an die Figur als eine Fremde herangegangen. Ich traute erst meinen Ohren nicht, aber beim vierten Interview wurde mir klar, dass sie es absolut ernst meinte. Ich wette, sie würde jeden Lügendetektortest bestehen. Das unterscheidet Schauspieler von gewöhnlichen Menschen: Sie können die Entscheidung treffen, sich zu verwandeln.

Mit der Idee der Verwandlung hat auch die schönste Szene des Films zu tun: die, in der Harvey Keitel als ihr Agent sie coachen muss, als sie sich einscannen lässt. Dafür hätte er einen Oscar verdient.

Er hat es mir allerdings ziemlich schwer gemacht. Schauspieler können einem schon den letzten Nerv rauben. Die Szene stand gar nicht im Drehbuch, die habe ich auf dem Set geschrieben. Ursprünglich dauerte sie nur eine halbe Minute. Als mir bei der Schauplatzsuche in Los Angeles dieses Studio an der UCLA gezeigt wurde, in dem Bewegungen eingescannt werden können, war ich absolut fasziniert. Ich warf meine Pläne über den Haufen und schrieb eine neue Szene, acht Seiten lang. Harvey schaute mich entgeistert an: “Weißt du, wie alt ich bin? 72! Einen solchen Monolog lerne ich nicht über Nacht. Das kannst du dir abschminken.” Ich schlug ihm vor, den Text übers Wochenende zu lernen. Am letzten Drehtag sagte er, er gäbe mir einen Take, nicht mehr. Den hat er ziemlich vergeigt. Als er verschwinden wollte, schrie ich ihn an, das sei doch total unprofessionell. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Der zweite Take war etwas besser, aber nicht viel. Wenn er dafür den Oscar erhält, müsste er an erster Stelle mir und dem Cutter danken.

Comments

comments

SOURCE: http://www.welt.de

Der Regisseur Ari Folman bewundert die Schauspielerin Robin Wright für ihren Mut, sich in “The Congress” einscannen zu lassen – Von Gerhard Midding

Der Israeli Ari Folman erregte vor fünf Jahren in Cannes mit “Waltz for Bashir” Aufsehen, einem neuen Genre, das er “Dokumentarfilm im Zeichentrickgewand” nannte. Sein aktuelles Werk “The Congress” ist eine Mischung aus Realszenen und Animation. Ein Gespräch mit dem Fünfzigjährigen darüber, ob Filme noch eine Nationalität haben – und wie er Harvey Keitel dazu zwang, vielleicht einen Oscar zu gewinnen.

Die Welt:

Im Abspann habe ich versucht, alle Länder zu zählen, die am Film beteiligt sind. Ich kam auf neun. Wie viele sind es tatsächlich?

Ari Folman:

Es ist eine Co-Produktion zwischen sechs Ländern: Israel, Belgien, Deutschland, Luxemburg, Frankreich und Polen. Gedreht wurde er im siebenten Land, den USA. Dort entstanden alle Realszenen; abgesehen von ein, zwei, die in Berlin gedreht wurden. Die Animationsszenen entstanden in einem Studio in Hamburg, dann in Berlin, Lüttich und Brüssel. Einige Elemente kamen aus Luxemburg und Polen. Dann wurden weitere Teile auf den Philippinen hergestellt, danach in Indien, der Ukraine und der Türkei. Da wären wir also bei elf oder zwölf. So entstehen in Europa Animationsfilme: Das Risiko wird verteilt. Es war ein Albtraum, das alles am Ende zu kombinieren. Aber als Filmemacher muss ich das Geld eben dort ausgeben, wo ich es bekomme.

Besitzt der Film dennoch eine Art nationaler Identität?

Nein, ich finde, das muss ein Film auch nicht. Die Sprache des Kinos ist universal. Sie braucht keine Grenzen. Denken Sie nur mal an “Le Passé”, den neuen Film von Asghar Farhadi: Er stammt aus dem Iran, dreht in Frankreich, obwohl er kein Wort Französisch spricht. Das ist ihm völlig egal, er lässt das Drehbuch übersetzen, hat am Drehort einen Dolmetscher. Sobald er fertig ist, fliegt er wieder zurück in den Iran. Dabei hat er, wie ich finde, einen sehr französischen Film gemacht, der aber natürlich in seiner eigenen Kultur verwurzelt ist. Ich glaube, “The Congress” ist im Kern ein amerikanischer Film, obwohl es von dort überhaupt kein Geld gab. Weshalb? Weil er von Amerika erzählt, von der dortigen Unterhaltungsbranche, von der Frage, was es heißt, als Schauspielerin in Hollywood über vierzig zu sein.

Robin Wright scheint eine sehr furchtlose Schauspielerin zu sein, wenn sie einwilligt, eine Rolle zu spielen, die deutliche und unbequeme Parallelen zur eigenen Karriere aufweist. Man denke nur an die Unzahl ihrer falscher Rollenentscheidungen. Gab es Tabuzonen?

Sie ist wirklich erstaunlich. Harvey Keitel, der ihren Agenten spielt, sagte, sie würde mit einer solchen Rolle Karriereselbstmord begehen. Er wäre für keine Gage der Welt dazu bereit. Aber ihren Mut bewunderte er. Zwei Monate nachdem ich ihr das Projekt vorgeschlagen hatte, besuchte ich sie in Los Angeles, wo sie mir ein Wochenende lang ihre Lebensgeschichte erzählte. Das war eine schwierige Zeit für sie, sie wurde gerade von Sean Penn geschieden. Das Drehbuch hat mich dann viel Zeit gekostet. Sie hatte allerdings überhaupt keine Änderungswünsche. Die Realszenen schaute sie sich in Tel Aviv an und war zu Tränen gerührt. In Cannes war ich dann völlig überrascht, wie sie den Film in Interviews präsentierte. Sie stellte klar, dass sie mir die Erlaubnis gegeben hatte, ihren Namen für die Figur zu übernehmen und zwei ihrer Filme zu erwähnen: “Die Brautprinzessin” und “Forrest Gump”. Darüber hinaus habe der Film nicht das Geringste mit ihr zu tun. Sie sei an die Figur als eine Fremde herangegangen. Ich traute erst meinen Ohren nicht, aber beim vierten Interview wurde mir klar, dass sie es absolut ernst meinte. Ich wette, sie würde jeden Lügendetektortest bestehen. Das unterscheidet Schauspieler von gewöhnlichen Menschen: Sie können die Entscheidung treffen, sich zu verwandeln.

Mit der Idee der Verwandlung hat auch die schönste Szene des Films zu tun: die, in der Harvey Keitel als ihr Agent sie coachen muss, als sie sich einscannen lässt. Dafür hätte er einen Oscar verdient.

Er hat es mir allerdings ziemlich schwer gemacht. Schauspieler können einem schon den letzten Nerv rauben. Die Szene stand gar nicht im Drehbuch, die habe ich auf dem Set geschrieben. Ursprünglich dauerte sie nur eine halbe Minute. Als mir bei der Schauplatzsuche in Los Angeles dieses Studio an der UCLA gezeigt wurde, in dem Bewegungen eingescannt werden können, war ich absolut fasziniert. Ich warf meine Pläne über den Haufen und schrieb eine neue Szene, acht Seiten lang. Harvey schaute mich entgeistert an: “Weißt du, wie alt ich bin? 72! Einen solchen Monolog lerne ich nicht über Nacht. Das kannst du dir abschminken.” Ich schlug ihm vor, den Text übers Wochenende zu lernen. Am letzten Drehtag sagte er, er gäbe mir einen Take, nicht mehr. Den hat er ziemlich vergeigt. Als er verschwinden wollte, schrie ich ihn an, das sei doch total unprofessionell. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Der zweite Take war etwas besser, aber nicht viel. Wenn er dafür den Oscar erhält, müsste er an erster Stelle mir und dem Cutter danken.

Comments

comments

No responses yet

Comments are closed at this time.

Trackback URI |