Oct 05 2014

Große Vorbilder

Published by at 01:27 under Red Lion

SOURCE: http://www.journal.lu

LUXEMBURG – CHRISTIAN SPIELMANN

Der Regisseur Pol Cruchten über seinen ungewöhnlichen Film „Never Die Young“

In seinem Büro stehen viele Bücher zum Thema Kino. An den Wänden hängen Plakate von Filmklassikern, so auch ein chinesisches von Charlie Chaplins „Goldrush“ – dem besten Film aller Zeiten laut Pol Cruchten.
„Hier ist es schöner und ruhiger als im Filmland in Kehlen!“, meint der Regisseur lachend, als er den Filmkritiker des „Lëtzebuerger Journal“ bei Red Lion in Roeser empfängt, der Produktionsfirma, die er zusammen mit Jeanne Geiben betreibt. Über ein Jahr ist es her, dass Pols „ufO“ (unbekanntes filmisches Objekt) „Never Die Young“ in Luxemburg seine Premiere feierte, denn in der ganzen Filmgeschichte findet man keinen vergleichbaren Film.

Später Kinostart

„Dass der Film erst jetzt in die Kinos kommt, liegt am internationalen Verkäufer“, meint Cruchten, „der wollte den Film erstmal im Ausland testen. Der Film soll auch in Belgien und Frankreich starten.“
Guido ist der richtige Vorname des Protagonisten im Film – den Familiennamen will Pol nicht verraten. Pol besuchte Guido oft im „Centre Médical“, und so stand er ihm recht nah.
„Guido erzählte mir kleine Geschichten aus seinem Leben“, erinnerte sich Pol, „dann kam eine neue hinzu und noch eine. Da habe ich mir gesagt, mit diesen Geschichten kannst du einen guten Film machen. Am Anfang wollte ich den Film nicht selbst drehen, da Guido mir zu nahe stand. Er fragte nach einiger Zeit, wie es um den Film stehe, und dann habe ich ihm gesagt, ich mache den Film.“
Pol fing an zu schreiben, ohne aber eine richtige Vorgehensweise im Sinn zu haben. Als das Drehbuch fertig war, stand fest, dass es ein spezieller Film werden würde. „Eine Off-Stimme sollte die Geschichte erzählen!“, erklärte Pol weiter. „Ich wollte nicht permanent Menschen im Rollstuhl zeigen, um eine gewisse Distanz zu wahren. Durch die Off-Stimme sollte man komplett in die Geschichte eintauchen können. Das war die Basis des Films, wie auch die Masken, einmal der Distanz zuliebe und damit die Bilder im Kopf hängen bleiben.“
Im Film sieht man einen Selbstmordversuch, den der richtige Guido vornimmt. Dabei hat er einen Revolver in einer Schraubzwinge befestigt und betätigt den Abzug mit einem Bleistift.
„Guido konnte seine Arme noch etwas bewegen“, schilderte Pol die Umstände dieser ganz aparten Szene. „Ich hatte die Szene ohne ihn geschrieben, nur mit dem Revolver in der Zwinge. Guido sagte mir, dass es so lächerlich wirken und niemand verstehen würde, wie er es gemacht hat. Er bestand darauf, es selbst zu machen.“
Mit einem Krankenwagen wurde Guido zum Drehort gebracht, wo Pol nur 40 Minuten Zeit zum Drehen hatte. Das war 2011. Trotzdem dauerte es dann noch fast zwei Jahre, bis der Film fertig war.
„Der Schnitt brauchte viel Zeit“, fuhr Pol fort. „Es ist ein Film in der Tradition der alten russischen Filme, wie Eisenstein, wo nur Bilder gezeigt werden und keine große Erklärungen vorgebracht werden. Bei so einem Film muss der Schnitt in Ordnung sein, denn wenn das nicht klappt, ist nichts in Ordnung, dann zerfällt der Film wie ein Stück Kuchen!“ Die erfahrene Dominique Galliéni hat den Film zusammengeschnitten.

Mitleid oder Verständnis?

Wie soll der Zuschauer überhaupt reagieren? Soll er Mitleid haben, vielleicht Guido verurteilen. „Das ist eine gute Frage“, antwortet Pol. „Ich habe alle Seiten offen gelassen. Ich wollte aus einem kleinen Ereignis – ein Mann springt eine 18 Meter hohe Mauer hinunter und landet im Rollstuhl – eine universelle Geschichte machen, über das Leben, das Leiden, die Familie, die Drogen. Aber Drogen sind nicht das Hauptthema des Films – das ist das Leben. Am Anfang sieht man den Jungen laufen, und zum Schluss sieht man Guido im Rollstuhl fahren, zu Bob Dylans ‚Blowing in the Wind‘. Der Zuschauer soll Verständnis zeigen, verstehen wie man in so ein Milieu hineinrutschen kann.“
Die beiden Bob Dylan Songs „Blowing in the Wind“ und „Like a Rolling Stone“ waren für Pol enorm wichtig. Er hat die Rechte angefragt und bekommen. Warum Dylan sein Einverständnis für einen luxemburgischen Film gab, weiß er nicht.
Im Film tauchen auch keine weiteren Kommentare zu Guidos Leben und Benehmen auf. „Ich wollte keine andere Stimme“, verteidigte Pol diese Entscheidung. „Es ist Guidos Geschichte, sein Leben aus seiner Sicht erzählt. Ausnahme ist die Stimme der Frau (Laurence Côte). Sie spricht aus der Sicht der Drogen.“ Pols große Vorbilder waren die Gebrüder Lumière für die Bildsprache und Georges Méliès für die Fantasie – hier die Masken, der Tod.
Die Lumière drehten „L’arrivée d’un train à Perrache“, er beginnt seinen Film mit der Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof Petingen.
Auch der holländische Dokumentarfilmer Joris Ivens hat ihn inspiriert. Er nennt seinen Film „documentaire de création“. Und Pol besteht darauf: „Es ist kein ARTE-Film. Er ist nicht prätentiös. Der Film unterhält!“ Übrigens gewann „Never Die Young“ dieses Jahr den „Lëtzebuerger Filmpräis“ als bester Dokumentarfilm und wurde auch in die luxemburgische Auswahl für den Oscar 2015 in der Kategorie bester ausländischer Film aufgenommen.
Auch wenn der Film ein „ufO“ ist und unkonventionelle Wege beschreitet, sollte man den Streifen auf keinen Fall verpassen!

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LUXEMBURG – CHRISTIAN SPIELMANN

Der Regisseur Pol Cruchten über seinen ungewöhnlichen Film „Never Die Young“

In seinem Büro stehen viele Bücher zum Thema Kino. An den Wänden hängen Plakate von Filmklassikern, so auch ein chinesisches von Charlie Chaplins „Goldrush“ – dem besten Film aller Zeiten laut Pol Cruchten.
„Hier ist es schöner und ruhiger als im Filmland in Kehlen!“, meint der Regisseur lachend, als er den Filmkritiker des „Lëtzebuerger Journal“ bei Red Lion in Roeser empfängt, der Produktionsfirma, die er zusammen mit Jeanne Geiben betreibt. Über ein Jahr ist es her, dass Pols „ufO“ (unbekanntes filmisches Objekt) „Never Die Young“ in Luxemburg seine Premiere feierte, denn in der ganzen Filmgeschichte findet man keinen vergleichbaren Film.

Später Kinostart

„Dass der Film erst jetzt in die Kinos kommt, liegt am internationalen Verkäufer“, meint Cruchten, „der wollte den Film erstmal im Ausland testen. Der Film soll auch in Belgien und Frankreich starten.“
Guido ist der richtige Vorname des Protagonisten im Film – den Familiennamen will Pol nicht verraten. Pol besuchte Guido oft im „Centre Médical“, und so stand er ihm recht nah.
„Guido erzählte mir kleine Geschichten aus seinem Leben“, erinnerte sich Pol, „dann kam eine neue hinzu und noch eine. Da habe ich mir gesagt, mit diesen Geschichten kannst du einen guten Film machen. Am Anfang wollte ich den Film nicht selbst drehen, da Guido mir zu nahe stand. Er fragte nach einiger Zeit, wie es um den Film stehe, und dann habe ich ihm gesagt, ich mache den Film.“
Pol fing an zu schreiben, ohne aber eine richtige Vorgehensweise im Sinn zu haben. Als das Drehbuch fertig war, stand fest, dass es ein spezieller Film werden würde. „Eine Off-Stimme sollte die Geschichte erzählen!“, erklärte Pol weiter. „Ich wollte nicht permanent Menschen im Rollstuhl zeigen, um eine gewisse Distanz zu wahren. Durch die Off-Stimme sollte man komplett in die Geschichte eintauchen können. Das war die Basis des Films, wie auch die Masken, einmal der Distanz zuliebe und damit die Bilder im Kopf hängen bleiben.“
Im Film sieht man einen Selbstmordversuch, den der richtige Guido vornimmt. Dabei hat er einen Revolver in einer Schraubzwinge befestigt und betätigt den Abzug mit einem Bleistift.
„Guido konnte seine Arme noch etwas bewegen“, schilderte Pol die Umstände dieser ganz aparten Szene. „Ich hatte die Szene ohne ihn geschrieben, nur mit dem Revolver in der Zwinge. Guido sagte mir, dass es so lächerlich wirken und niemand verstehen würde, wie er es gemacht hat. Er bestand darauf, es selbst zu machen.“
Mit einem Krankenwagen wurde Guido zum Drehort gebracht, wo Pol nur 40 Minuten Zeit zum Drehen hatte. Das war 2011. Trotzdem dauerte es dann noch fast zwei Jahre, bis der Film fertig war.
„Der Schnitt brauchte viel Zeit“, fuhr Pol fort. „Es ist ein Film in der Tradition der alten russischen Filme, wie Eisenstein, wo nur Bilder gezeigt werden und keine große Erklärungen vorgebracht werden. Bei so einem Film muss der Schnitt in Ordnung sein, denn wenn das nicht klappt, ist nichts in Ordnung, dann zerfällt der Film wie ein Stück Kuchen!“ Die erfahrene Dominique Galliéni hat den Film zusammengeschnitten.

Mitleid oder Verständnis?

Wie soll der Zuschauer überhaupt reagieren? Soll er Mitleid haben, vielleicht Guido verurteilen. „Das ist eine gute Frage“, antwortet Pol. „Ich habe alle Seiten offen gelassen. Ich wollte aus einem kleinen Ereignis – ein Mann springt eine 18 Meter hohe Mauer hinunter und landet im Rollstuhl – eine universelle Geschichte machen, über das Leben, das Leiden, die Familie, die Drogen. Aber Drogen sind nicht das Hauptthema des Films – das ist das Leben. Am Anfang sieht man den Jungen laufen, und zum Schluss sieht man Guido im Rollstuhl fahren, zu Bob Dylans ‚Blowing in the Wind‘. Der Zuschauer soll Verständnis zeigen, verstehen wie man in so ein Milieu hineinrutschen kann.“
Die beiden Bob Dylan Songs „Blowing in the Wind“ und „Like a Rolling Stone“ waren für Pol enorm wichtig. Er hat die Rechte angefragt und bekommen. Warum Dylan sein Einverständnis für einen luxemburgischen Film gab, weiß er nicht.
Im Film tauchen auch keine weiteren Kommentare zu Guidos Leben und Benehmen auf. „Ich wollte keine andere Stimme“, verteidigte Pol diese Entscheidung. „Es ist Guidos Geschichte, sein Leben aus seiner Sicht erzählt. Ausnahme ist die Stimme der Frau (Laurence Côte). Sie spricht aus der Sicht der Drogen.“ Pols große Vorbilder waren die Gebrüder Lumière für die Bildsprache und Georges Méliès für die Fantasie – hier die Masken, der Tod.
Die Lumière drehten „L’arrivée d’un train à Perrache“, er beginnt seinen Film mit der Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof Petingen.
Auch der holländische Dokumentarfilmer Joris Ivens hat ihn inspiriert. Er nennt seinen Film „documentaire de création“. Und Pol besteht darauf: „Es ist kein ARTE-Film. Er ist nicht prätentiös. Der Film unterhält!“ Übrigens gewann „Never Die Young“ dieses Jahr den „Lëtzebuerger Filmpräis“ als bester Dokumentarfilm und wurde auch in die luxemburgische Auswahl für den Oscar 2015 in der Kategorie bester ausländischer Film aufgenommen.
Auch wenn der Film ein „ufO“ ist und unkonventionelle Wege beschreitet, sollte man den Streifen auf keinen Fall verpassen!

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