Mar 04 2013

Pol Cruchten: „Es einfach Hitchcock nachtun“

Published by at 01:29 under Discovery Zone,Red Lion

SOURCE: http://www.wort.lu

Der Luxemburger Regisseur kehrt wieder zurück zu dem, was er, wie nur wenige, beherrscht: großes Kino. Von Vesna Andonovic

Pol Cruchten ist wieder da! Die sechs Jahre Funkstille auf der großen Leinwand nutzte er u. a. Anfang 2009 zur Inszenierung von Tennessee Williams’ ”Cat on a Hot Tin Roof” im TNL. So kehrt der Luxemburger Regisseur, der als Erster einen Beitrag, und zwar gleich mit seinem ersten Spielfilm ”Hochzäitsnuecht“, bei den Filmfestspielen von Cannes herausbringen konnte, wieder zurück zu dem, was er, wie nur wenige, beherrscht: großes Kino. Beim diesjährigen ”Discovery Zone”-Filmfestival stellt er seine Doku-Fiktion ”Never Die Young” vor, die man als Filminteressierter einfach gesehen haben muss, weil sie der hiesigen Produktion die Türen zu einer neuen Dimension aufstößt …

Denkt man an Ihren ersten Spielfilm ”Hochzäitsnuecht”, der als erster Luxemburger Beitrag 1992 beim Filmfestival von Cannes lief, scheint sich für Sie mit ”Never Die Young” in gewisser Weise ein Kreis zu schließen …

Genau, das kann man durchaus so sehen, wenngleich es wirklich keine bewusste Absicht war, erneut einen Film über Drogen zu machen. Das Schicksal hat es eher entschieden …

Was hat Sie dazu bewegt, sich erneut der Thematik der Drogenabhängigkeit zu widmen, bzw. woher stammt die Idee zu ”Never Die Young”?

Nun, ich kenne die Person, deren Geschichte im Film erzählt wird, seit 15 Jahren und habe sie regelmäßig besucht. Bei unseren Treffen hat sie mir stückweise ihr Leben offenbart. Und was mich vor allem dabei beeindruckt hat, war, dass sie dabei nie in einen eigentlich zu erwartenden Pessimismus verfallen ist – im Gegenteil, stets gab es eine Prise Humor. Ich habe mir immer gesagt, man müsse daraus einen Film machen, wollte ihn nur produzieren und habe ihn zuerst Govinda van Mael vorgeschlagen. Als er keinen richtigen Zugang dazu gefunden hat, habe ich das Projekt selbst übernommen. Der niederländische Dokumentarfilmer Joris Ivens hat einmal gesagt, dass je länger man sich mit einem Thema beschäftigt, umso besser wird der Film, den man daraus zieht.

Foto: Red Lion

Dabei entspricht weder seine visuelle noch seine erzählerische Machart dem, was der Zuschauer erwarten könnte …

Für mich war von Beginn an klar, dass ich keine Fiktion daraus mache, da ich nicht wollte, dass ein Schauspieler in die Rolle eines Behinderten schlüpft – ich finde das irgendwie pervers und obszön. Ich wollte aber auch keinen ”normalen” Dokumentarfilm in Interviewform mit ihm machen, denn das hätte einen elendigen Touch gehabt. Also habe ich mir Jean Vigos Film wieder angeschaut, Werke der Brüder Lumière und Arbeiten von Joris Ivens – und an einem Sonntagnachmittag kam der Auslöser: Ich habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt und zu schreiben angefangen. Ich habe es einfach Hitchcock nachgetan: einfach das Gegenteil von dem tun, was man erwarten könnte. Das ist eine gute Lektion: Genau deshalb haben wir auch im Mai gedreht, als das Licht schöner war und die Bilder dadurch heller wurden. Es wäre einfach gewesen, mit einer Kamera ins Bahnhofsviertel zu gehen und dort Drogenabhängige zu filmen, aber genau das wollte ich nicht.

Es gibt zahlreiche menschenleere Einstellungen, und wenn Menschen in Erscheinung treten, sind sie meist von hinten gefilmt oder ihre Gesichter mit Masken verhüllt. Verwehren Sie dem Zuschauer so nicht die Identifikation?

Ich wollte die Anonymität der kleinen Städte filmen, wobei der Off-Erzähler dann die Emotionen vermittelt. Hätte man ”gewöhnliche” Straßen mit Menschen gefilmt, wäre die Spannung darin verloren gewesen. Die Idee der Masken stammt vom einem amerikanischen Amateurfotografen, der in den 60-70ern seiner Familie Masken anzog und sie in der Vorstadt fotografierte. Ich wollte vor allem einen Miserabilismus verhindern, da ich finde, dass beispielsweise Behinderte zu filmen irgendwie stets an eine Art Pornografie grenzt.

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SOURCE: http://www.wort.lu

Der Luxemburger Regisseur kehrt wieder zurück zu dem, was er, wie nur wenige, beherrscht: großes Kino. Von Vesna Andonovic

Pol Cruchten ist wieder da! Die sechs Jahre Funkstille auf der großen Leinwand nutzte er u. a. Anfang 2009 zur Inszenierung von Tennessee Williams’ ”Cat on a Hot Tin Roof” im TNL. So kehrt der Luxemburger Regisseur, der als Erster einen Beitrag, und zwar gleich mit seinem ersten Spielfilm ”Hochzäitsnuecht“, bei den Filmfestspielen von Cannes herausbringen konnte, wieder zurück zu dem, was er, wie nur wenige, beherrscht: großes Kino. Beim diesjährigen ”Discovery Zone”-Filmfestival stellt er seine Doku-Fiktion ”Never Die Young” vor, die man als Filminteressierter einfach gesehen haben muss, weil sie der hiesigen Produktion die Türen zu einer neuen Dimension aufstößt …

Denkt man an Ihren ersten Spielfilm ”Hochzäitsnuecht”, der als erster Luxemburger Beitrag 1992 beim Filmfestival von Cannes lief, scheint sich für Sie mit ”Never Die Young” in gewisser Weise ein Kreis zu schließen …

Genau, das kann man durchaus so sehen, wenngleich es wirklich keine bewusste Absicht war, erneut einen Film über Drogen zu machen. Das Schicksal hat es eher entschieden …

Was hat Sie dazu bewegt, sich erneut der Thematik der Drogenabhängigkeit zu widmen, bzw. woher stammt die Idee zu ”Never Die Young”?

Nun, ich kenne die Person, deren Geschichte im Film erzählt wird, seit 15 Jahren und habe sie regelmäßig besucht. Bei unseren Treffen hat sie mir stückweise ihr Leben offenbart. Und was mich vor allem dabei beeindruckt hat, war, dass sie dabei nie in einen eigentlich zu erwartenden Pessimismus verfallen ist – im Gegenteil, stets gab es eine Prise Humor. Ich habe mir immer gesagt, man müsse daraus einen Film machen, wollte ihn nur produzieren und habe ihn zuerst Govinda van Mael vorgeschlagen. Als er keinen richtigen Zugang dazu gefunden hat, habe ich das Projekt selbst übernommen. Der niederländische Dokumentarfilmer Joris Ivens hat einmal gesagt, dass je länger man sich mit einem Thema beschäftigt, umso besser wird der Film, den man daraus zieht.

Foto: Red Lion

Dabei entspricht weder seine visuelle noch seine erzählerische Machart dem, was der Zuschauer erwarten könnte …

Für mich war von Beginn an klar, dass ich keine Fiktion daraus mache, da ich nicht wollte, dass ein Schauspieler in die Rolle eines Behinderten schlüpft – ich finde das irgendwie pervers und obszön. Ich wollte aber auch keinen ”normalen” Dokumentarfilm in Interviewform mit ihm machen, denn das hätte einen elendigen Touch gehabt. Also habe ich mir Jean Vigos Film wieder angeschaut, Werke der Brüder Lumière und Arbeiten von Joris Ivens – und an einem Sonntagnachmittag kam der Auslöser: Ich habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt und zu schreiben angefangen. Ich habe es einfach Hitchcock nachgetan: einfach das Gegenteil von dem tun, was man erwarten könnte. Das ist eine gute Lektion: Genau deshalb haben wir auch im Mai gedreht, als das Licht schöner war und die Bilder dadurch heller wurden. Es wäre einfach gewesen, mit einer Kamera ins Bahnhofsviertel zu gehen und dort Drogenabhängige zu filmen, aber genau das wollte ich nicht.

Es gibt zahlreiche menschenleere Einstellungen, und wenn Menschen in Erscheinung treten, sind sie meist von hinten gefilmt oder ihre Gesichter mit Masken verhüllt. Verwehren Sie dem Zuschauer so nicht die Identifikation?

Ich wollte die Anonymität der kleinen Städte filmen, wobei der Off-Erzähler dann die Emotionen vermittelt. Hätte man ”gewöhnliche” Straßen mit Menschen gefilmt, wäre die Spannung darin verloren gewesen. Die Idee der Masken stammt vom einem amerikanischen Amateurfotografen, der in den 60-70ern seiner Familie Masken anzog und sie in der Vorstadt fotografierte. Ich wollte vor allem einen Miserabilismus verhindern, da ich finde, dass beispielsweise Behinderte zu filmen irgendwie stets an eine Art Pornografie grenzt.

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