Mar 04 2015

Schiller reloaded

Published by at 01:56 under Red Lion

SOURCE: http://www.wort.lu

Interview: Vesna Andonovic

Wie hat das eigentlich praktisch funktioniert, wenn ein Film- und ein Theatermensch an einem gemeinsamen Film arbeiten?

Frank Hoffmann: Ich habe das Projekt initiiert und Pol war anfangs als begleitender Produzent dabei, hat aber dann ganz kurzfristig vor den Dreharbeiten beschlossen, sich an der Regie zu beteiligen. Konkret hat er sich mehr um die technische Ausführung gekümmert, während ich vornehmlich die Schauspielerleitung übernommen habe – und wenngleich wir ganz unterschiedliche Temperamente haben, hat das wie am Schnürchen geklappt, weil wir uns sehr gut ergänzen. Bei den Dreharbeiten gab ich immer das „Go“ und er den „Cut“. (lacht)

Pol Cruchten: Mit vielen, manchmal etwas lauteren (lacht) Diskussionen, einer perfekten Arbeitsaufteilung und einigen Kompromissen, mit denen wir beide sehr gut leben können.

Herr Cruchten, was hat Sie dazu bewogen, neben der Produzentenrolle auch kurzfristig die des 
Ko-Regisseurs zu übernehmen?

P.C.: Nun, es schien uns beiden ganz im Sinne des Projektes zu sein, da ich mehr Set-Erfahrung als Frank habe.

Und wie schwierig bzw. leicht war es dabei, Ihre zwei künstlerischen Universen zu vereinbaren?

F.H.:Das kann ich eigentlich nicht so beurteilen, da ich es nur in der Praxis erlebt habe und es für mich funktioniert hat. Ich finde mich jedenfalls persönlich im fertigen Film wieder, der kein verfilmtes Theater, sondern in gewisser Weise das gemeinsame „Kind“ von Pol, mir und Schiller ist. Und mit dem bin ich sehr glücklich!

Wieso Schillers „Die Räuber“ und was macht aus Ihrer Sicht überhaupt die Aktualität dieses Werks aus?

F.H.: Ich habe eine sehr lange und persönliche Beziehung zu Schiller, der der Lieblingsautor meines Großvaters, Lehrer in Clerf, und meines Vaters, Professor und Schriftsteller, war. „Die Räuber“, die ich in den 80er-Jahren im Kapuzinertheater inszenierte, haben mich stets fasziniert: Ich fand diese Figuren in ihrer Radikalität, Emotionalität und Unerbittlichkeit auf den ersten Blick so anders als uns selbst in unserem Alltag. Dabei drücken sie sich nur viel stärker aus, während unsere Emotionen verinnerlichter sind. Schillers Werk dient als Folie, die wir über unsere Realität gelegt haben, um sie so neu zu erfinden.


Und wieso die Transposition in die Jetztzeit und die Finanzwelt?


F.H.: Es war uns wichtig, dass der Film in einem wohlhabenden Milieu angesiedelt ist, in dem Gefühle eigentlich keine Rolle spielen dürften. Die Finanzwelt schien da einleuchtend, da ihr eine gewisse Kälte innewohnt. Wir haben versucht, ihr einen Hauch der Dekadenz einer untergehenden Welt, verkörpert durch Maximilian Schell, zu verleihen; die neue Welt, verkörpert durch die Figur des Franz, ist sachlicher und zynischer, wenn man heute über Leichen geht, schluckt man weniger …


Herr Cruchten, was war Ihnen bei der visuellen Umsetzung von Schillers Werk wichtig?

P.C.: Ich habe von Anfang an verlangt, dass wir Schiller verraten. Denn je weniger man um Werktreue bemüht ist, umso besser wird der Film. Dann war mir wichtig, dass die Welt der Räuber und die der Banker klaustrophobisch wirken. Die Figuren sind Gefangene ihrer Kasten und können diesen nicht entfliehen – das wollte ich bildlich zeigen. Auch wenn Karl lange wie ein romantischer Held wirkt, der die Gerechtigkeit siegen lassen wird, kann er seiner Situation nicht entfliehen und findet sich am Ende einfach nur in einer anderen Art Gefängnis wieder.

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Interview: Vesna Andonovic

Wie hat das eigentlich praktisch funktioniert, wenn ein Film- und ein Theatermensch an einem gemeinsamen Film arbeiten?

Frank Hoffmann: Ich habe das Projekt initiiert und Pol war anfangs als begleitender Produzent dabei, hat aber dann ganz kurzfristig vor den Dreharbeiten beschlossen, sich an der Regie zu beteiligen. Konkret hat er sich mehr um die technische Ausführung gekümmert, während ich vornehmlich die Schauspielerleitung übernommen habe – und wenngleich wir ganz unterschiedliche Temperamente haben, hat das wie am Schnürchen geklappt, weil wir uns sehr gut ergänzen. Bei den Dreharbeiten gab ich immer das „Go“ und er den „Cut“. (lacht)

Pol Cruchten: Mit vielen, manchmal etwas lauteren (lacht) Diskussionen, einer perfekten Arbeitsaufteilung und einigen Kompromissen, mit denen wir beide sehr gut leben können.

Herr Cruchten, was hat Sie dazu bewogen, neben der Produzentenrolle auch kurzfristig die des 
Ko-Regisseurs zu übernehmen?

P.C.: Nun, es schien uns beiden ganz im Sinne des Projektes zu sein, da ich mehr Set-Erfahrung als Frank habe.

Und wie schwierig bzw. leicht war es dabei, Ihre zwei künstlerischen Universen zu vereinbaren?

F.H.:Das kann ich eigentlich nicht so beurteilen, da ich es nur in der Praxis erlebt habe und es für mich funktioniert hat. Ich finde mich jedenfalls persönlich im fertigen Film wieder, der kein verfilmtes Theater, sondern in gewisser Weise das gemeinsame „Kind“ von Pol, mir und Schiller ist. Und mit dem bin ich sehr glücklich!

Wieso Schillers „Die Räuber“ und was macht aus Ihrer Sicht überhaupt die Aktualität dieses Werks aus?

F.H.: Ich habe eine sehr lange und persönliche Beziehung zu Schiller, der der Lieblingsautor meines Großvaters, Lehrer in Clerf, und meines Vaters, Professor und Schriftsteller, war. „Die Räuber“, die ich in den 80er-Jahren im Kapuzinertheater inszenierte, haben mich stets fasziniert: Ich fand diese Figuren in ihrer Radikalität, Emotionalität und Unerbittlichkeit auf den ersten Blick so anders als uns selbst in unserem Alltag. Dabei drücken sie sich nur viel stärker aus, während unsere Emotionen verinnerlichter sind. Schillers Werk dient als Folie, die wir über unsere Realität gelegt haben, um sie so neu zu erfinden.


Und wieso die Transposition in die Jetztzeit und die Finanzwelt?


F.H.: Es war uns wichtig, dass der Film in einem wohlhabenden Milieu angesiedelt ist, in dem Gefühle eigentlich keine Rolle spielen dürften. Die Finanzwelt schien da einleuchtend, da ihr eine gewisse Kälte innewohnt. Wir haben versucht, ihr einen Hauch der Dekadenz einer untergehenden Welt, verkörpert durch Maximilian Schell, zu verleihen; die neue Welt, verkörpert durch die Figur des Franz, ist sachlicher und zynischer, wenn man heute über Leichen geht, schluckt man weniger …


Herr Cruchten, was war Ihnen bei der visuellen Umsetzung von Schillers Werk wichtig?

P.C.: Ich habe von Anfang an verlangt, dass wir Schiller verraten. Denn je weniger man um Werktreue bemüht ist, umso besser wird der Film. Dann war mir wichtig, dass die Welt der Räuber und die der Banker klaustrophobisch wirken. Die Figuren sind Gefangene ihrer Kasten und können diesen nicht entfliehen – das wollte ich bildlich zeigen. Auch wenn Karl lange wie ein romantischer Held wirkt, der die Gerechtigkeit siegen lassen wird, kann er seiner Situation nicht entfliehen und findet sich am Ende einfach nur in einer anderen Art Gefängnis wieder.

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