Mar 05 2013

Jacques Molitor trifft den richtigen, sprich einfühlsamen Ton

Published by at 14:20 under Red Lion

SOURCE: Lëtzebuerger Wort

jacques

“Was Sie schon immer über Sex wissen wollten…”
Regisseur Jacques Molitor beleuchtet in seiner Dokumentation Liebe und Sexualität in Luxemburg. Interview: vesna andonovic

„… aber bisher nicht zu fragen wagten“ – Man könnte durchaus etwas provokativ Woody Allen bemühen, um den neuen Film von Jacques Molitor zu umreißen. Dabei sollte man sich jedoch nicht auf ein anstößiges, gar schlüpfriges Werk einstellen. Denn „Sweetheart Come“ ist genau das Gegenteil davon: eine einfühlsame und erhellende Dokumentation über die Erwartungen und Träume, die Zwei- und die Einsamkeit der Luxemburger des 21. Jahrhunderts. Wir trafen den jungen Filmemacher, um mehr darüber zu erfahren, wie er sich diesem überaus persönlichen, ja heiklen Thema angenähert hat.

– Ein Film über die Sexualität und die Liebe – ein weites Feld und ziemlich heikles Unterfangen. Wie kam Ihnen die Idee dazu?

J.M. Ich muss zugeben, dass ich anfangs regelrecht Panik hatte, weil ich ja selbst nicht wusste, wie ich das Projekt angehen sollte und wir noch keine Leute hatten, die mitmachen wollten. Eigentlich handelt es sich um eine Auftragsarbeit für „Red Lion“. Die Idee hierfür kommt von Jens Hoffmanns Dokumentarfilm über die amerikanische Pornoindustrie „9 to 5 – Days in Porn“. Im Gegensatz zu Hoffmann ging es mir nicht rein um die körperliche Liebe, sondern vielmehr auch um den Alltag der Menschen. Es sollte eine Porträt-Reihe werden, die sich überschneidet, um ein allgemeineres Bild der Gesellschaft zu zeichnen und Themen wie den Blick auf Sexualität, Konsum oder Schönheitswahn zu umreißen. Von einer rein investigativen Herangehensweise bin ich später auf eine konzeptuelle-künstlerische und dann eher essayistische übergewechselt.

– Wie haben Sie das Drehbuch entwickelt, bzw. wie viel Freiheiten und Auflagen haben Sie sich damit vorgegeben?

J.M. Es bestand eher aus einem Umriss an Ideen und Ansätzen, die ich gesammelt habe, und Charakterbeschreibungen, für die ich mich an Leuten, die ich kannte, oder Themen, die mich interessierten, wie z. B. das Liebesleben von Behinderten, inspiriert habe. Dann musste ich die Bereiche ausklammern, die von ihrem Umfang eine eigenständige Dokumentation erfordert hätten. Beim Filmen habe ich den Leuten eine Reihe von Fragen gestellt, sie gebeten, ein besonderes Objekt vorzustellen, und sie in eine Situation gesetzt, bei der ich sie dann einfach beobachtet habe. Natürlich ist am Schnittpult dann aus diesem ganzen Material eine Auswahl getroffen worden. Daraus habe ich Kontraste und Parallelen destilliert und versucht, meinen Bogen von jüngeren bis zu älteren Teilnehmern zu spannen. Zudem war es mir wichtig, die Rituale der einzelnen Personen zu filmen, auch wenn man sie nicht später im Film wiederfindet.

– War es schwierig, „Freiwillige“ zu finden, um über dieses sehr persönliche Thema öffentlich zu reden?

J.M. Das war es schon. Ich habe mich erst einmal in meinem Bekanntenkreis umgesehen, um so geeignete Teilnehmer zu finden. Dann ging es über Mundpropaganda. Manche habe ich auch über Vereinigungen, die mir als Ansprechpartner dienten, erreichen können. Schier unmöglich war es, Personen, die in Swingerclubs verkehren, dazu zu bewegen, mitzumachen. Es gibt deren zwar eine ganze Reihe, sie tun dies jedoch meist im Ausland und wollen sich auch nicht als Besucher dieser Orte „outen“. Es war sehr hilfreich, dass ich drei Assistentinnen hatte, die das Projekt jeweils abwechselnd begleitet haben, denn es fiel den Menschen anfangs irgendwie leichter, mit Frauen über dieses Thema zu sprechen, als mit mir als Mann.

– Wenn die Linse der Kamera dann auf einen gerichtet ist, ist es noch eine ganz andere Sache, sich zu öffnen. Mit welchem technischen Aufwand sind Sie bei den Personen vorstellig geworden?

J.M. Ja, das ist es. Wir haben deswegen eine sanftere Herangehensweise gewählt. Erst einmal haben wir uns an einem „neutralen“ Ort, wie beispielsweise einem Bistro, zu einer ersten Kontaktaufnahme getroffen, dann ein weiteres Mal bei den Personen zuhause, Gelegenheit, bei der sie ebenfalls die anderen Mitglieder des Drehteams dann kennenlernen konnten. Es galt vor allem Vertrauen aufzubauen. Wir haben mit einer kleinen Canon 5D und 7D und meist in kleiner Gruppe – Kameramann, Toningenieur, Regie- und Tonassistenten, die dann auch oft nicht im Zimmer anwesend waren – gedreht. Ausgeleuchtet haben wir deswegen nur die Interviewsituationen.

– Sieht man sich den Film an, fragt man sich zwangsläufig, wie die Dreharbeiten konkret verlaufen sind, sprich haben Sie Ihren Figuren Regieanweisungen gegeben oder einfach die Kamera laufen lassen, bis der richtige Moment da war?

J.M. Ich habe sie in bestimmte Situationen gesetzt, aber sie dann frei handeln lassen. Nach einer Zeit haben sie sich freier gespürt, natürlicher bewegt und verhalten.

– Zugegebenermaßen erwartet man nicht unbedingt das Porträt eines jungen Priesters in einem Film über Sexualität. Wie passt diese Persönlichkeit in eine Reihe, die körperliche Beziehungen von Behinderten und einen Abstecher in die Sadomaso-Szene umfasst?

J.M. Diese Figur hatte ich von Anfang an eingeplant, auch wenn zwangsläufig Sexualität dabei komplett außen vor liegt. Die Herangehensweise ist mehr ästhetisch und reflektierend denn emotional. Da Luxemburg eine starke religiöse Prägung hat, hat die Figur eines Priesters durchaus seinen Platz in einer gesellschaftlich relevanten Porträtreihe. Über die simple Frage des Zölibats hinaus finde ich, dass die Aussagen des Priesters im Film sehr tiefgründig sind. Dabei offenbart sich, dass das gängige Klischee des reaktionären Kirchenmannes in diesem Fall überhaupt nicht zutreffend ist. Manchmal sind Menschen, die sich als „liberal“ und „weltoffen“ bezeichnen, durchaus rückständiger.

– Fragen Sie sich, wie der Film aufgenommen wird?

J.M. John Cameron Mitchell, Regisseur von „Shortbus“, hat gesagt: „The film is not your life, but the making of the film is your life.“ Ich habe viel erlebt und dazugelernt, bin offener geworden – deshalb ist es, unabhängig von seiner Rezeption, eine Erfahrung, die ich nicht würde missen wollen.

– Welches Bild haben Sie nun von Luxemburg, durch die Erforschung seines Intimlebens?

J.M. Luxemburg ist im Allgemeinen – was Lebensziele und Benehmen anbelangt – überaus konformistisch und gutbürgerlich. Man ist stets auf seinen guten Ruf bedacht, deshalb geht man für manches, wie z. B. Swingerclub-Besuche einfach ins Ausland. Auch gibt es keine richtige „Underground“-Szene hierzulande, wenngleich ein ganz multikultureller Hintergrund besteht. Menschen, die sich dazu entscheiden, ihre Vorlieben offen auszuleben werden zwangsläufig zu Außenseitern, die zwar toleriert werden, aber dennoch in einer Art „Exil“ leben.

– „Sweetheart Come“ läuft heute Abend, um 18.30 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs Jacques Molitor, im Kino Utopia. Der Film läuft ebenfalls ab dem 20. März im regulären Kinoprogramm. www.facebook.com/sweetheartcome

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Verlag: Luxemburger Wort Publikation: Luxemburger Wort Ausgabe: Nr.54 Datum: Dienstag, den 05. März 2013 Seite: Nr.12

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SOURCE: Lëtzebuerger Wort

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“Was Sie schon immer über Sex wissen wollten…”
Regisseur Jacques Molitor beleuchtet in seiner Dokumentation Liebe und Sexualität in Luxemburg. Interview: vesna andonovic

„… aber bisher nicht zu fragen wagten“ – Man könnte durchaus etwas provokativ Woody Allen bemühen, um den neuen Film von Jacques Molitor zu umreißen. Dabei sollte man sich jedoch nicht auf ein anstößiges, gar schlüpfriges Werk einstellen. Denn „Sweetheart Come“ ist genau das Gegenteil davon: eine einfühlsame und erhellende Dokumentation über die Erwartungen und Träume, die Zwei- und die Einsamkeit der Luxemburger des 21. Jahrhunderts. Wir trafen den jungen Filmemacher, um mehr darüber zu erfahren, wie er sich diesem überaus persönlichen, ja heiklen Thema angenähert hat.

– Ein Film über die Sexualität und die Liebe – ein weites Feld und ziemlich heikles Unterfangen. Wie kam Ihnen die Idee dazu?

J.M. Ich muss zugeben, dass ich anfangs regelrecht Panik hatte, weil ich ja selbst nicht wusste, wie ich das Projekt angehen sollte und wir noch keine Leute hatten, die mitmachen wollten. Eigentlich handelt es sich um eine Auftragsarbeit für „Red Lion“. Die Idee hierfür kommt von Jens Hoffmanns Dokumentarfilm über die amerikanische Pornoindustrie „9 to 5 – Days in Porn“. Im Gegensatz zu Hoffmann ging es mir nicht rein um die körperliche Liebe, sondern vielmehr auch um den Alltag der Menschen. Es sollte eine Porträt-Reihe werden, die sich überschneidet, um ein allgemeineres Bild der Gesellschaft zu zeichnen und Themen wie den Blick auf Sexualität, Konsum oder Schönheitswahn zu umreißen. Von einer rein investigativen Herangehensweise bin ich später auf eine konzeptuelle-künstlerische und dann eher essayistische übergewechselt.

– Wie haben Sie das Drehbuch entwickelt, bzw. wie viel Freiheiten und Auflagen haben Sie sich damit vorgegeben?

J.M. Es bestand eher aus einem Umriss an Ideen und Ansätzen, die ich gesammelt habe, und Charakterbeschreibungen, für die ich mich an Leuten, die ich kannte, oder Themen, die mich interessierten, wie z. B. das Liebesleben von Behinderten, inspiriert habe. Dann musste ich die Bereiche ausklammern, die von ihrem Umfang eine eigenständige Dokumentation erfordert hätten. Beim Filmen habe ich den Leuten eine Reihe von Fragen gestellt, sie gebeten, ein besonderes Objekt vorzustellen, und sie in eine Situation gesetzt, bei der ich sie dann einfach beobachtet habe. Natürlich ist am Schnittpult dann aus diesem ganzen Material eine Auswahl getroffen worden. Daraus habe ich Kontraste und Parallelen destilliert und versucht, meinen Bogen von jüngeren bis zu älteren Teilnehmern zu spannen. Zudem war es mir wichtig, die Rituale der einzelnen Personen zu filmen, auch wenn man sie nicht später im Film wiederfindet.

– War es schwierig, „Freiwillige“ zu finden, um über dieses sehr persönliche Thema öffentlich zu reden?

J.M. Das war es schon. Ich habe mich erst einmal in meinem Bekanntenkreis umgesehen, um so geeignete Teilnehmer zu finden. Dann ging es über Mundpropaganda. Manche habe ich auch über Vereinigungen, die mir als Ansprechpartner dienten, erreichen können. Schier unmöglich war es, Personen, die in Swingerclubs verkehren, dazu zu bewegen, mitzumachen. Es gibt deren zwar eine ganze Reihe, sie tun dies jedoch meist im Ausland und wollen sich auch nicht als Besucher dieser Orte „outen“. Es war sehr hilfreich, dass ich drei Assistentinnen hatte, die das Projekt jeweils abwechselnd begleitet haben, denn es fiel den Menschen anfangs irgendwie leichter, mit Frauen über dieses Thema zu sprechen, als mit mir als Mann.

– Wenn die Linse der Kamera dann auf einen gerichtet ist, ist es noch eine ganz andere Sache, sich zu öffnen. Mit welchem technischen Aufwand sind Sie bei den Personen vorstellig geworden?

J.M. Ja, das ist es. Wir haben deswegen eine sanftere Herangehensweise gewählt. Erst einmal haben wir uns an einem „neutralen“ Ort, wie beispielsweise einem Bistro, zu einer ersten Kontaktaufnahme getroffen, dann ein weiteres Mal bei den Personen zuhause, Gelegenheit, bei der sie ebenfalls die anderen Mitglieder des Drehteams dann kennenlernen konnten. Es galt vor allem Vertrauen aufzubauen. Wir haben mit einer kleinen Canon 5D und 7D und meist in kleiner Gruppe – Kameramann, Toningenieur, Regie- und Tonassistenten, die dann auch oft nicht im Zimmer anwesend waren – gedreht. Ausgeleuchtet haben wir deswegen nur die Interviewsituationen.

– Sieht man sich den Film an, fragt man sich zwangsläufig, wie die Dreharbeiten konkret verlaufen sind, sprich haben Sie Ihren Figuren Regieanweisungen gegeben oder einfach die Kamera laufen lassen, bis der richtige Moment da war?

J.M. Ich habe sie in bestimmte Situationen gesetzt, aber sie dann frei handeln lassen. Nach einer Zeit haben sie sich freier gespürt, natürlicher bewegt und verhalten.

– Zugegebenermaßen erwartet man nicht unbedingt das Porträt eines jungen Priesters in einem Film über Sexualität. Wie passt diese Persönlichkeit in eine Reihe, die körperliche Beziehungen von Behinderten und einen Abstecher in die Sadomaso-Szene umfasst?

J.M. Diese Figur hatte ich von Anfang an eingeplant, auch wenn zwangsläufig Sexualität dabei komplett außen vor liegt. Die Herangehensweise ist mehr ästhetisch und reflektierend denn emotional. Da Luxemburg eine starke religiöse Prägung hat, hat die Figur eines Priesters durchaus seinen Platz in einer gesellschaftlich relevanten Porträtreihe. Über die simple Frage des Zölibats hinaus finde ich, dass die Aussagen des Priesters im Film sehr tiefgründig sind. Dabei offenbart sich, dass das gängige Klischee des reaktionären Kirchenmannes in diesem Fall überhaupt nicht zutreffend ist. Manchmal sind Menschen, die sich als „liberal“ und „weltoffen“ bezeichnen, durchaus rückständiger.

– Fragen Sie sich, wie der Film aufgenommen wird?

J.M. John Cameron Mitchell, Regisseur von „Shortbus“, hat gesagt: „The film is not your life, but the making of the film is your life.“ Ich habe viel erlebt und dazugelernt, bin offener geworden – deshalb ist es, unabhängig von seiner Rezeption, eine Erfahrung, die ich nicht würde missen wollen.

– Welches Bild haben Sie nun von Luxemburg, durch die Erforschung seines Intimlebens?

J.M. Luxemburg ist im Allgemeinen – was Lebensziele und Benehmen anbelangt – überaus konformistisch und gutbürgerlich. Man ist stets auf seinen guten Ruf bedacht, deshalb geht man für manches, wie z. B. Swingerclub-Besuche einfach ins Ausland. Auch gibt es keine richtige „Underground“-Szene hierzulande, wenngleich ein ganz multikultureller Hintergrund besteht. Menschen, die sich dazu entscheiden, ihre Vorlieben offen auszuleben werden zwangsläufig zu Außenseitern, die zwar toleriert werden, aber dennoch in einer Art „Exil“ leben.

– „Sweetheart Come“ läuft heute Abend, um 18.30 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs Jacques Molitor, im Kino Utopia. Der Film läuft ebenfalls ab dem 20. März im regulären Kinoprogramm. www.facebook.com/sweetheartcome

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