May 24 2012

Luxemburgische Koproduktion „A perdre la raison“ in Cannes

Published by at 15:41 under Reviews,Samsa

SOURCE: http://www.wort.lu/de/view/luxemburgische-koproduktion-a-perdre-la-raison-in-cannes-4fbc59cde4b03eab8bcad568

Für Joachim Lafosse lauert die Tragödie im Alltäglichen. Die Inspiration für seine Filme findet er mal in den Spalten einer Zeitung, mal in einer kurzen Nachrichtenmeldung im Radio. Die luxemburgische Koproduktion „A perdre la raison“ beruht auf einer wahren Begebenheit: Vor fünf Jahren tötete eine Mutter in Belgien ihre fünf kleinen Kinder. Die Hausfrau war seit längerer Zeit depressiv und in therapeutischer Behandlung.

Was nur kurz durch die Gazetten geisterte, ist für Lafosse Ausgangspunkt für ein Psychogramm, das so minutiös es auch sein mag, viele Grauzonen offen lässt. Auch wenn die juristische Schuldfrage von vornherein geklärt ist, eine moralische Antwort hält der Film dem Zuschauer bewusst vor.

Das von Samsa Film mitproduzierte und von der Luxemburger Filmförderung unterstützte Drama läuft beim Festival in Cannes in der Auswahl „Un certain regard“. In der Reihe laufen Filme von weniger bekannten Regisseuren. Mit einem Preisgeld wird die Verbreitung des Siegerbeitrags in Frankreich gefördert.

Ungesunde Dreiecksbeziehung

Zu Beginn der Geschichte verliebt sich die Lehrerin Murielle in den jungen Marokkaner Mounir. Dieser ist unter der Obhut des wohlhabenden Arztes André aufgewachsen, mit dem er immer noch unter einem Dach lebt. Nach der Hochzeit zieht Murielle in die großzügige Villa. Man sieht sie als strahlende Braut, die im Ziehvater ihres Mannes am Anfang selbst einen väterlichen Freund findet. Murielle bekommt ihr erstes Kind und schon während der Schwangerschaft mischt sich André immer mehr in ihre Beziehung ein.

In einer Szene sieht man wie der Allgemeinmediziner der jungen Frau die Hand auf den Bauch legt. Ein seltsames Unwohlsein schwingt beim Betrachten dieser Geste mit. Fast so als würde André von Mutter und Kind Besitz ergreifen. Ab diesem Moment ist André in ihrem Leben allgegenwärtig. Es scheint, als würde er keine Sekunde von ihrer Seite weichen. Als die Tochter in den Stufen fällt, weil Murielle vergessen hat, die Tür zum Flur zu schließen, ist André sofort zur Stelle, um die Situation in die Hand zu nehmen. Der Zuschauer spürt die ungesunde Enge (bei Großaufnahmen verkleinern Wände und Türen den Bildausschnitt), noch bevor sie Murielle bewusst wird.

Der Preis der Emanzipation

Sie wird ein weiteres Mal schwanger, während ihr Leben ihr immer mehr entgleitet. Sie degradiert sich selbst zum Heimchen am Herd, zerbricht an der eigenen Mutlosigkeit. Nach einem Streit mit Mounir holt sie zu einem zaghaften Befreiungsschlag aus, in dem sie versucht, ihren Mann zu überreden, mit ihr nach Marokko zu gehen. Die Flucht aus dem goldenen Käfig scheitert jedoch am Widerstand Andrés, der seinem Adoptivsohn in einem Wutanfall Undankbarkeit vorhält. Murielle leidet still und ist nicht bereit, den Preis der Emanzipation zu zahlen.

Emilie Dequenne, die als Rosetta im gleichnamigen Film der Gebrüder Dardenne bekannt wurde, spielt Murielle als eine Frau, die langsam zu verschwinden scheint. Sie hüllt sich in unförmige Gewänder, in denen sie körperlich zusammenzufallen scheint. Nur kurz blüht sie noch mal auf, ausgerechnet im Urlaub in Marokko, wo sie zusätzlich mit einem Kopftuch, ganz ihre Weiblichkeit ablegt. Zusammen mit Niels Arestrup, der nach „Tu seras mon fils“ wiederholt in der Rolle des selbstgefälligen Patriarchen glänzt, trägt sie den Film.

Bleibt die Frage nach dem Warum. „Was haben wir dir getan?“, fragt André, als Murielle nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Sie kann es selbst nicht beantworten. Am Ende des Films sieht man die drei Mädchen vor dem Fernseher sitzen. Mit sanfter Stimme ruft Murielle sie ins Nebenzimmer. Das Unfassbare passiert. Doch der Zuschauer weiß: Murielle war eine gute Mutter.

Comments

comments

SOURCE: http://www.wort.lu/de/view/luxemburgische-koproduktion-a-perdre-la-raison-in-cannes-4fbc59cde4b03eab8bcad568

Für Joachim Lafosse lauert die Tragödie im Alltäglichen. Die Inspiration für seine Filme findet er mal in den Spalten einer Zeitung, mal in einer kurzen Nachrichtenmeldung im Radio. Die luxemburgische Koproduktion „A perdre la raison“ beruht auf einer wahren Begebenheit: Vor fünf Jahren tötete eine Mutter in Belgien ihre fünf kleinen Kinder. Die Hausfrau war seit längerer Zeit depressiv und in therapeutischer Behandlung.

Was nur kurz durch die Gazetten geisterte, ist für Lafosse Ausgangspunkt für ein Psychogramm, das so minutiös es auch sein mag, viele Grauzonen offen lässt. Auch wenn die juristische Schuldfrage von vornherein geklärt ist, eine moralische Antwort hält der Film dem Zuschauer bewusst vor.

Das von Samsa Film mitproduzierte und von der Luxemburger Filmförderung unterstützte Drama läuft beim Festival in Cannes in der Auswahl „Un certain regard“. In der Reihe laufen Filme von weniger bekannten Regisseuren. Mit einem Preisgeld wird die Verbreitung des Siegerbeitrags in Frankreich gefördert.

Ungesunde Dreiecksbeziehung

Zu Beginn der Geschichte verliebt sich die Lehrerin Murielle in den jungen Marokkaner Mounir. Dieser ist unter der Obhut des wohlhabenden Arztes André aufgewachsen, mit dem er immer noch unter einem Dach lebt. Nach der Hochzeit zieht Murielle in die großzügige Villa. Man sieht sie als strahlende Braut, die im Ziehvater ihres Mannes am Anfang selbst einen väterlichen Freund findet. Murielle bekommt ihr erstes Kind und schon während der Schwangerschaft mischt sich André immer mehr in ihre Beziehung ein.

In einer Szene sieht man wie der Allgemeinmediziner der jungen Frau die Hand auf den Bauch legt. Ein seltsames Unwohlsein schwingt beim Betrachten dieser Geste mit. Fast so als würde André von Mutter und Kind Besitz ergreifen. Ab diesem Moment ist André in ihrem Leben allgegenwärtig. Es scheint, als würde er keine Sekunde von ihrer Seite weichen. Als die Tochter in den Stufen fällt, weil Murielle vergessen hat, die Tür zum Flur zu schließen, ist André sofort zur Stelle, um die Situation in die Hand zu nehmen. Der Zuschauer spürt die ungesunde Enge (bei Großaufnahmen verkleinern Wände und Türen den Bildausschnitt), noch bevor sie Murielle bewusst wird.

Der Preis der Emanzipation

Sie wird ein weiteres Mal schwanger, während ihr Leben ihr immer mehr entgleitet. Sie degradiert sich selbst zum Heimchen am Herd, zerbricht an der eigenen Mutlosigkeit. Nach einem Streit mit Mounir holt sie zu einem zaghaften Befreiungsschlag aus, in dem sie versucht, ihren Mann zu überreden, mit ihr nach Marokko zu gehen. Die Flucht aus dem goldenen Käfig scheitert jedoch am Widerstand Andrés, der seinem Adoptivsohn in einem Wutanfall Undankbarkeit vorhält. Murielle leidet still und ist nicht bereit, den Preis der Emanzipation zu zahlen.

Emilie Dequenne, die als Rosetta im gleichnamigen Film der Gebrüder Dardenne bekannt wurde, spielt Murielle als eine Frau, die langsam zu verschwinden scheint. Sie hüllt sich in unförmige Gewänder, in denen sie körperlich zusammenzufallen scheint. Nur kurz blüht sie noch mal auf, ausgerechnet im Urlaub in Marokko, wo sie zusätzlich mit einem Kopftuch, ganz ihre Weiblichkeit ablegt. Zusammen mit Niels Arestrup, der nach „Tu seras mon fils“ wiederholt in der Rolle des selbstgefälligen Patriarchen glänzt, trägt sie den Film.

Bleibt die Frage nach dem Warum. „Was haben wir dir getan?“, fragt André, als Murielle nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Sie kann es selbst nicht beantworten. Am Ende des Films sieht man die drei Mädchen vor dem Fernseher sitzen. Mit sanfter Stimme ruft Murielle sie ins Nebenzimmer. Das Unfassbare passiert. Doch der Zuschauer weiß: Murielle war eine gute Mutter.

Comments

comments

No responses yet

Trackback URI | Comments RSS

Leave a Reply