Apr 08 2015

Schnitter Mensch

Published by at 06:59 under Samsa

SOURCE: http://www.wort.lu

Bis zur Veröffentlichung des Films „Eng nei Zäit“ am 21. Oktober berichten wir einmal monatlich über die Nach- und Weiterbearbeitungen des neuen Streifens von Christophe Wagner. Dabei stellen wir Ihnen Mitglieder der Crew vor, die sich im Hintergrund mit ihrem Fachwissen und handwerklichen Können um ein besonderes Kino-Erlebnis bemühen. Hier der erste Teil der Serie:

(dco) – Es scheint doch im ersten Augenblick unerheblich zu sein, ob der Kinozuschauer das Öffnen einer Tür quasi im Off der Szene noch einen kurzen Moment sieht oder nicht – geschweige denn, ob das nur in einem Bruchteil von Sekunden vor sich geht. Weit gefehlt. Manchmal kommt es auf solche Feinheiten an, wenn sich Schnittmeister Jean-Luc Simon in der kleinen Dachkammer des Bartringer Samsa-Büros durch Stunden an Rohfilmmaterial kämpft. Die heruntergezogenen Jalousien verdunkeln den großen Schreibtisch, auf dem gleich drei Monitore stehen.

Einer für den Hauptverlauf, auf dem die Bild- und Tonspuren insgesamt zu sehen sind, einer zur Anzeige einzelner Szenen und einer zum Aufruf von Dateien. Komfort? Lediglich für Besucher gibt es eine kleine Couch. Das muss reichen. Für Simon ist das zum Glück nur ein zeitlich begrenzter Arbeitsplatz. Wie üblich in der Filmbranche ist auch er ein Nomade, der dahin geht, wo er gebraucht wird.

Der Erfolgsdruck für das teure Projekt ist groß. Nach dem Aufsehen erregenden Thriller „Den doudege Winkel“ soll Christophe Wagner mit seinem neuen Streifen „Eng nei Zäit“ wieder einen Hingucker aus der Samsa-Filmschmiede möglichst nicht nur für das Luxemburger Publikum liefern. Eine Mischung aus Arthouse-Film und mitreißendem Krimi aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird es diesmal laut dem Regisseur werden. Ohne einen guten Cutter, mit dem er vertrauensvoll arbeiten kann, wäre das kaum zu schaffen. Simon hat ihm schon bei dem Thriller mit Jules Werner und André Jung zur Seite gestanden – man kennt sich.

Gespür für das richtig Timing

Gleich nach den letzten Dreharbeiten im Januar ging das Rohmaterial an den 40-jährigen Spezialisten, der zunächst einmal vorsortierte und die Szenen aus dem Wust der zunächst nicht nach Drehbuch zusammengesetzten Aufnahmen richtig herausfischte. Erfahrung ist hier alles: Seit Jahren hat Simon gerade auch in der Luxemburger Szene unglaublich viele Projekte mit auf den Weg gebracht. Kurz- und Dokumentarfilme wie Hamilius zum Beispiel, gerade aber auch als Mitarbeiter in den Luxemburger Koproduktionen mit internationalen Partnern hat er seine Fachkenntnisse erweitern können.

Zum Glück liegt das Material digital vor – früher mussten die auf Zelluloid aufgenommenen Szenen noch aufwendig kopiert, per Hand geteilt, markiert und kompliziert mechanisch zusammengesetzt werden. Da hat der Computer vieles vereinfacht. Dennoch: Ohne das Gefühl für die richtigen Szenenwechsel und für das große Ganze trotz der vielen einzelnen Bearbeitungen geht es nicht. Manchmal, so sagt Simons, findet er besondere Stücke, filmisch Herausragendes, schauspielerisch Gelungenes, das ihn so fasziniert, dass er vom ursprünglichen Plan abweicht.

Stören tut das Regisseur Wagner nicht: „Ich kann da voll auf Jean-Luc zählen. Er weiß recht genau, wie ich mir den Film vorstelle und macht einfach Vorschläge.“ Wagner hat in einer Art Kompendium dem ganzen Team seine Vorstellungen mit Skizzen und Beispielen schon als Handreichung zur Verfügung gestellt. Doch zum Beispiel diese sommerliche Autofahrt durch die Felder im Ösling, in der der Blickwechsel der Protagonisten unglaublich viel ganz ohne Worte erzählt, die schneidet Simon stärker in die Linie der Handlung hinzu.

Feinschliff und harte Schnitte

Natürlich kommt es dann im Feinschnitt zu immer neuen Debatten. Dann sitzt Wagner mit am Pult. Das Flackern der Bildschirme ist für ungewohnte Augen eine Belastung. Ständig zucken Fetzen von Filmsequenzen bis zur richtigen Stelle hin und her. Die Hände Simons flitzen dann nur so über Tastatur und Maus, hier ein paar Sekunden weg, da eine Blende zur nächsten Szene.

Letztlich kommen auch immer die Fragen zutage: Was kann weg oder weiß der Zuschauer schon? Da bleiben auch im Anbetracht der angepeilten Spielfilmlänge harte Einschnitte nicht aus. Schließlich soll die Schlussfassung ja nicht vier Stunden dauern. Immer wieder muss überlegt werden, ob der Film stimmig und trotzdem die Atmosphäre gelungen ist. Es soll ja zumindest Platz für einige besondere Szenen bleiben. Eine Fliege am trüben Fenster, der Lichtschimmer einer Kerze im dunklen Flur. Ein bisschen Flair alter niederländischer Malerei.

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Bis zur Veröffentlichung des Films „Eng nei Zäit“ am 21. Oktober berichten wir einmal monatlich über die Nach- und Weiterbearbeitungen des neuen Streifens von Christophe Wagner. Dabei stellen wir Ihnen Mitglieder der Crew vor, die sich im Hintergrund mit ihrem Fachwissen und handwerklichen Können um ein besonderes Kino-Erlebnis bemühen. Hier der erste Teil der Serie:

(dco) – Es scheint doch im ersten Augenblick unerheblich zu sein, ob der Kinozuschauer das Öffnen einer Tür quasi im Off der Szene noch einen kurzen Moment sieht oder nicht – geschweige denn, ob das nur in einem Bruchteil von Sekunden vor sich geht. Weit gefehlt. Manchmal kommt es auf solche Feinheiten an, wenn sich Schnittmeister Jean-Luc Simon in der kleinen Dachkammer des Bartringer Samsa-Büros durch Stunden an Rohfilmmaterial kämpft. Die heruntergezogenen Jalousien verdunkeln den großen Schreibtisch, auf dem gleich drei Monitore stehen.

Einer für den Hauptverlauf, auf dem die Bild- und Tonspuren insgesamt zu sehen sind, einer zur Anzeige einzelner Szenen und einer zum Aufruf von Dateien. Komfort? Lediglich für Besucher gibt es eine kleine Couch. Das muss reichen. Für Simon ist das zum Glück nur ein zeitlich begrenzter Arbeitsplatz. Wie üblich in der Filmbranche ist auch er ein Nomade, der dahin geht, wo er gebraucht wird.

Der Erfolgsdruck für das teure Projekt ist groß. Nach dem Aufsehen erregenden Thriller „Den doudege Winkel“ soll Christophe Wagner mit seinem neuen Streifen „Eng nei Zäit“ wieder einen Hingucker aus der Samsa-Filmschmiede möglichst nicht nur für das Luxemburger Publikum liefern. Eine Mischung aus Arthouse-Film und mitreißendem Krimi aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird es diesmal laut dem Regisseur werden. Ohne einen guten Cutter, mit dem er vertrauensvoll arbeiten kann, wäre das kaum zu schaffen. Simon hat ihm schon bei dem Thriller mit Jules Werner und André Jung zur Seite gestanden – man kennt sich.

Gespür für das richtig Timing

Gleich nach den letzten Dreharbeiten im Januar ging das Rohmaterial an den 40-jährigen Spezialisten, der zunächst einmal vorsortierte und die Szenen aus dem Wust der zunächst nicht nach Drehbuch zusammengesetzten Aufnahmen richtig herausfischte. Erfahrung ist hier alles: Seit Jahren hat Simon gerade auch in der Luxemburger Szene unglaublich viele Projekte mit auf den Weg gebracht. Kurz- und Dokumentarfilme wie Hamilius zum Beispiel, gerade aber auch als Mitarbeiter in den Luxemburger Koproduktionen mit internationalen Partnern hat er seine Fachkenntnisse erweitern können.

Zum Glück liegt das Material digital vor – früher mussten die auf Zelluloid aufgenommenen Szenen noch aufwendig kopiert, per Hand geteilt, markiert und kompliziert mechanisch zusammengesetzt werden. Da hat der Computer vieles vereinfacht. Dennoch: Ohne das Gefühl für die richtigen Szenenwechsel und für das große Ganze trotz der vielen einzelnen Bearbeitungen geht es nicht. Manchmal, so sagt Simons, findet er besondere Stücke, filmisch Herausragendes, schauspielerisch Gelungenes, das ihn so fasziniert, dass er vom ursprünglichen Plan abweicht.

Stören tut das Regisseur Wagner nicht: „Ich kann da voll auf Jean-Luc zählen. Er weiß recht genau, wie ich mir den Film vorstelle und macht einfach Vorschläge.“ Wagner hat in einer Art Kompendium dem ganzen Team seine Vorstellungen mit Skizzen und Beispielen schon als Handreichung zur Verfügung gestellt. Doch zum Beispiel diese sommerliche Autofahrt durch die Felder im Ösling, in der der Blickwechsel der Protagonisten unglaublich viel ganz ohne Worte erzählt, die schneidet Simon stärker in die Linie der Handlung hinzu.

Feinschliff und harte Schnitte

Natürlich kommt es dann im Feinschnitt zu immer neuen Debatten. Dann sitzt Wagner mit am Pult. Das Flackern der Bildschirme ist für ungewohnte Augen eine Belastung. Ständig zucken Fetzen von Filmsequenzen bis zur richtigen Stelle hin und her. Die Hände Simons flitzen dann nur so über Tastatur und Maus, hier ein paar Sekunden weg, da eine Blende zur nächsten Szene.

Letztlich kommen auch immer die Fragen zutage: Was kann weg oder weiß der Zuschauer schon? Da bleiben auch im Anbetracht der angepeilten Spielfilmlänge harte Einschnitte nicht aus. Schließlich soll die Schlussfassung ja nicht vier Stunden dauern. Immer wieder muss überlegt werden, ob der Film stimmig und trotzdem die Atmosphäre gelungen ist. Es soll ja zumindest Platz für einige besondere Szenen bleiben. Eine Fliege am trüben Fenster, der Lichtschimmer einer Kerze im dunklen Flur. Ein bisschen Flair alter niederländischer Malerei.

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