Oct 03 2012

Wut im Bauch

Published by at 01:36 under Samsa

SOURCE: http://www.revue.lu

Ein todkranker Kommissar, eine mörderische Geschichte und grandios inszenierte Bilder vereinsamter Menschen. In „Doudege Wénkel“ zeigt Regisseur Christophe Wagner vor allem die dunklen Seiten Luxemburgs.

wagner

Blau. Die Farbe des Films ist Blau. Blau wie die Zeit kurz vor Sonnenaufgang, wenn der Himmel in etwa dieselbe Helligkeit hat wie das künstliche Licht von Gebäudebeleuchtungen. Blau wie die Umkleidekabinen im Polizeipräsidium, in denen Olivier Faber (Jules Werner) einen Kollegen krankenhausreif prügelt. Blau wie der Regen, der niederprasselt, als sich der verschlossene Polizist auf dem Abstellplatz irgendeiner Bar von einem Stricher einen blasen lässt, während sein Bruder Tom auf einem anderen Parking aus nächster Nähe erschossen wird.
Kommissar Claude Hastert (André Jung, hervorragend) leitet die Ermittlungen, ruft Olivier noch vom Tatort an, wird die Staatsanwältin im Nachhinein sogar davon überzeugen, dass er ihn an seiner Seite braucht. Weil er ein guter Beamter ist, obwohl er wegen der Schlägerei vom Dienst suspendiert wurde, obwohl er seit geraumer Zeit unausstehlich geworden ist. Irgendwie unberechenbar. Nicht wiederzuerkennen, meint seine Frau Marie.

Christophe Wagners Blick beschönigt nichts, sondern zeigt die Dinge so, wie sie wirklich sind: schäbig, schmutzig, ernüchternd.

Wie die Wut im Bauch von Olivier Faber zu erklären ist, zeigt Regisseur Christophe Wagner lediglich in Andeutungen. In der kurzen, aber äußerst aussagekräftigen Szene, in welcher man den wortkargen jungen Mann in der Mordnacht stumm neben seiner rauchenden Mutter stehen sieht. Dass die beiden schon seit längerem nicht mehr miteinander klarkommen, wird auch in der Sequenz am Grab des Vaters deutlich, wenn es – wie wahrscheinlich so oft – Vorwürfe hagelt. Weil die mitgebrachten Blumen an der Tankstelle gekauft wurden. Weil die Ehe von Olivier in die Brüche zu gehen droht. Viel wird nicht gesprochen, doch die wenigen Worte, die fallen, lassen einen gefährlichen Abgrund erkennen.
„Doudege Wénkel“ ist ein klassischer „film noir“. Ein Film mit pessimistischer Grundstimmung, verschlossenen Charakteren, einem urbanen Schauplatz, und am Ende wird das Böse zwar aufgedeckt, aber das Überleben der Guten bleibt unklar und zwiespältig. In visueller Hinsicht ist Christophe Wagners erster Langspielfilm ein wahres Juwel. Abgesehen davon, dass es viele Nachtsequenzen gibt, fängt die Kamera die komplexe Atmosphäre auch tagsüber geradezu meisterhaft ein. Dazu die wundervolle Musik von André Mergenthaler, die dem Geschehen auf der Leinwand eine Spannung verleiht, die einen von der ersten bis zur letzten Minute nicht mehr loslässt.
Die Rolle des Antihelden, der zu spät merkt, dass er außerstande gewesen ist, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, ist Jules Werner auf den Leib geschnitten.

Zurück zum Mordfall, der sich als ziemlich kompliziert erweist. Es gibt keine Patronenhülsen, Dienstwaffe und Ausweis sind verschwunden, sämtliche Spuren mit einem Feuerlöscher zerstört worden – „Profiaarbécht“, meint Staatsanwältin Carnevale (Nicole Max). Dann taucht indes ein wichtiger Hinweis auf: Kurz vor seinem Tod wurde Tom Faber (Mickey Hardt) in Begleitung einer jungen Frau in einem Hotel im Bahnhofsviertel gesehen. In dem Moment, in dem das Ermittlerteam dort mit seinen Recherchen beginnt, tritt ein weiterer wesentlicher Protagonist auf den Plan: die Stadt Luxemburg. Ein Labyrinth mit Bars, Nachtclubs, düsteren Hinterhöfen und leer stehenden Häusern, in denen Junkies hausen. In diesen Bildern erkennt man die Handschrift des Dokumentarfilmers Christophe Wagner wieder. Sein Blick beschönigt nichts, sondern zeigt die Dinge so, wie sie wirklich sind: schäbig, schmutzig, ernüchternd. Ebenso realistisch sind seine Statements: Homosexualität ist nach wie vor ein Makel, vor allem in Polizeikreisen. Rache ist grausam und menschlich zugleich. Korrupte Geschäfte bestimmen die Wirtschaft. Einzelgänger sind unerwünscht in einer Gesellschaft, in der jeder von jedem erwartet, dass er sich anpasst.
Olivier Faber ist anders. Kein Mitläufer. Eher ein Kämpfer. Jemand, der sich nicht länger schämen möchte für das, was er ist und was er tut. Dass er dabei fast alle gegen sich hat, kümmert ihn wenig. Jules Werner spielt diesen Menschen, der schon zu lange wie in einer Falle sitzt und nur darauf zu warten scheint, endlich aus dem Netz von Angst und Lügen auszubrechen, mit einer Überzeugungskraft, die einen sprachlos macht. Sein Gesicht, das Bände spricht, könnte man stundenlang beobachten und trotzdem unentwegt Neues entdecken. Diese Paraderolle eines unsympathischen Helden, der zu spät merkt, dass er außerstande gewesen ist, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, ist dem Luxemburger Film- und Theaterschauspieler auf den Leib geschnitten. Doch auch die Nebenrollen sind erstklassig besetzt. Von Luc Feit über Brigitte Urhausen und Germain Wagner bis hin zu Patrick Descamps.
Was „Doudege Wénkel“ zudem auszeichnet: gute Actionszenen und die Tatsache, dass die Drehbuchautoren Christophe Wagner und Frédéric Zeimet sich nicht scheuen, auf bestimmte Missstände hinzuweisen. Darunter auch die, warum es in Luxemburg immer noch keinen forensischen Gutachter gibt und warum nationale Medien in Sachen kritischer Berichterstattung derart scheu sind. Allerdings hat der Film auch ein paar wunde Punkte. Die Dialoge wirken mitunter etwas aufgesetzt, und der Showdown ist recht banal inszeniert. Als hätte Christophe Wagner es plötzlich eilig gehabt, mit der Geschichte abzuschließen, für deren Entwicklung er sich zuvor ausgesprochen viel Zeit genommen hat – im positiven Sinne. Trotz dieser Einwände ist die Samsa-Produktion ein grandioser Krimi, einer der besten Filme, die je in Luxemburg gedreht wurden.
Ab 3. Oktober im Kino, www.doudegewenkel.lu

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Ein todkranker Kommissar, eine mörderische Geschichte und grandios inszenierte Bilder vereinsamter Menschen. In „Doudege Wénkel“ zeigt Regisseur Christophe Wagner vor allem die dunklen Seiten Luxemburgs.

wagner

Blau. Die Farbe des Films ist Blau. Blau wie die Zeit kurz vor Sonnenaufgang, wenn der Himmel in etwa dieselbe Helligkeit hat wie das künstliche Licht von Gebäudebeleuchtungen. Blau wie die Umkleidekabinen im Polizeipräsidium, in denen Olivier Faber (Jules Werner) einen Kollegen krankenhausreif prügelt. Blau wie der Regen, der niederprasselt, als sich der verschlossene Polizist auf dem Abstellplatz irgendeiner Bar von einem Stricher einen blasen lässt, während sein Bruder Tom auf einem anderen Parking aus nächster Nähe erschossen wird.
Kommissar Claude Hastert (André Jung, hervorragend) leitet die Ermittlungen, ruft Olivier noch vom Tatort an, wird die Staatsanwältin im Nachhinein sogar davon überzeugen, dass er ihn an seiner Seite braucht. Weil er ein guter Beamter ist, obwohl er wegen der Schlägerei vom Dienst suspendiert wurde, obwohl er seit geraumer Zeit unausstehlich geworden ist. Irgendwie unberechenbar. Nicht wiederzuerkennen, meint seine Frau Marie.

Christophe Wagners Blick beschönigt nichts, sondern zeigt die Dinge so, wie sie wirklich sind: schäbig, schmutzig, ernüchternd.

Wie die Wut im Bauch von Olivier Faber zu erklären ist, zeigt Regisseur Christophe Wagner lediglich in Andeutungen. In der kurzen, aber äußerst aussagekräftigen Szene, in welcher man den wortkargen jungen Mann in der Mordnacht stumm neben seiner rauchenden Mutter stehen sieht. Dass die beiden schon seit längerem nicht mehr miteinander klarkommen, wird auch in der Sequenz am Grab des Vaters deutlich, wenn es – wie wahrscheinlich so oft – Vorwürfe hagelt. Weil die mitgebrachten Blumen an der Tankstelle gekauft wurden. Weil die Ehe von Olivier in die Brüche zu gehen droht. Viel wird nicht gesprochen, doch die wenigen Worte, die fallen, lassen einen gefährlichen Abgrund erkennen.
„Doudege Wénkel“ ist ein klassischer „film noir“. Ein Film mit pessimistischer Grundstimmung, verschlossenen Charakteren, einem urbanen Schauplatz, und am Ende wird das Böse zwar aufgedeckt, aber das Überleben der Guten bleibt unklar und zwiespältig. In visueller Hinsicht ist Christophe Wagners erster Langspielfilm ein wahres Juwel. Abgesehen davon, dass es viele Nachtsequenzen gibt, fängt die Kamera die komplexe Atmosphäre auch tagsüber geradezu meisterhaft ein. Dazu die wundervolle Musik von André Mergenthaler, die dem Geschehen auf der Leinwand eine Spannung verleiht, die einen von der ersten bis zur letzten Minute nicht mehr loslässt.
Die Rolle des Antihelden, der zu spät merkt, dass er außerstande gewesen ist, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, ist Jules Werner auf den Leib geschnitten.

Zurück zum Mordfall, der sich als ziemlich kompliziert erweist. Es gibt keine Patronenhülsen, Dienstwaffe und Ausweis sind verschwunden, sämtliche Spuren mit einem Feuerlöscher zerstört worden – „Profiaarbécht“, meint Staatsanwältin Carnevale (Nicole Max). Dann taucht indes ein wichtiger Hinweis auf: Kurz vor seinem Tod wurde Tom Faber (Mickey Hardt) in Begleitung einer jungen Frau in einem Hotel im Bahnhofsviertel gesehen. In dem Moment, in dem das Ermittlerteam dort mit seinen Recherchen beginnt, tritt ein weiterer wesentlicher Protagonist auf den Plan: die Stadt Luxemburg. Ein Labyrinth mit Bars, Nachtclubs, düsteren Hinterhöfen und leer stehenden Häusern, in denen Junkies hausen. In diesen Bildern erkennt man die Handschrift des Dokumentarfilmers Christophe Wagner wieder. Sein Blick beschönigt nichts, sondern zeigt die Dinge so, wie sie wirklich sind: schäbig, schmutzig, ernüchternd. Ebenso realistisch sind seine Statements: Homosexualität ist nach wie vor ein Makel, vor allem in Polizeikreisen. Rache ist grausam und menschlich zugleich. Korrupte Geschäfte bestimmen die Wirtschaft. Einzelgänger sind unerwünscht in einer Gesellschaft, in der jeder von jedem erwartet, dass er sich anpasst.
Olivier Faber ist anders. Kein Mitläufer. Eher ein Kämpfer. Jemand, der sich nicht länger schämen möchte für das, was er ist und was er tut. Dass er dabei fast alle gegen sich hat, kümmert ihn wenig. Jules Werner spielt diesen Menschen, der schon zu lange wie in einer Falle sitzt und nur darauf zu warten scheint, endlich aus dem Netz von Angst und Lügen auszubrechen, mit einer Überzeugungskraft, die einen sprachlos macht. Sein Gesicht, das Bände spricht, könnte man stundenlang beobachten und trotzdem unentwegt Neues entdecken. Diese Paraderolle eines unsympathischen Helden, der zu spät merkt, dass er außerstande gewesen ist, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, ist dem Luxemburger Film- und Theaterschauspieler auf den Leib geschnitten. Doch auch die Nebenrollen sind erstklassig besetzt. Von Luc Feit über Brigitte Urhausen und Germain Wagner bis hin zu Patrick Descamps.
Was „Doudege Wénkel“ zudem auszeichnet: gute Actionszenen und die Tatsache, dass die Drehbuchautoren Christophe Wagner und Frédéric Zeimet sich nicht scheuen, auf bestimmte Missstände hinzuweisen. Darunter auch die, warum es in Luxemburg immer noch keinen forensischen Gutachter gibt und warum nationale Medien in Sachen kritischer Berichterstattung derart scheu sind. Allerdings hat der Film auch ein paar wunde Punkte. Die Dialoge wirken mitunter etwas aufgesetzt, und der Showdown ist recht banal inszeniert. Als hätte Christophe Wagner es plötzlich eilig gehabt, mit der Geschichte abzuschließen, für deren Entwicklung er sich zuvor ausgesprochen viel Zeit genommen hat – im positiven Sinne. Trotz dieser Einwände ist die Samsa-Produktion ein grandioser Krimi, einer der besten Filme, die je in Luxemburg gedreht wurden.
Ab 3. Oktober im Kino, www.doudegewenkel.lu

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