Jun 22 2012

Die Anziehungskraft der Extravaganz

Published by at 01:39 under Screening Room

SOURCE: http://www.journal.lu

Frankreichs Filmstar Michel Piccoli stand am späten Donnerstagabend in der hauptstädtischen Cinémathèque dem Filmhausleiter sowie dem Kinopublikum Rede und Antwort

Picooli

Unsereiner hat des Öfteren genörgelt und rumgemeckert, dass selten die Koryphäen der globalen Filmwelt bei Filmpremieren oder Sondervorstellungen dem Kinovolk Rede und Antwort stehen. Vorgestern Abend hatten sich alle Nörgler einen Maulkorb verpasst und waren brav in die hauptstädtische Cinémathèque gepilgert, in der Michel Piccoli, eines der Aushängeschilder des französischen, wenn nicht gar europäischen Kinos, an der Projektion des Spielfilms „Milou en mai“ im Rahmen der Michel Piccoli-Retrospektive teilnahm und sich anschließend den Fragen von Cinémathèque-Direktor Claude Bertemes und des filminteressierten Publikums stellte.

Buñuel und Malle

Im „Interview“ mit Bertemes kokettierte Piccoli mit seiner Rolle als greiser Charakterdarsteller, plauderte jedoch während einer guten halben Stunde aus dem Nähkästchen und gewährte interessante Einblicke in seine eigene europäische Filmgeschichte. Der mittlerweile 87-jährige Mime weilt zurzeit übrigens für die Dreharbeiten von „Le Goût des Myrtilles“ in Luxemburg. Luis Buñuel, Jean-Luc Godard oder Louis Malle pflastern Piccolis filmischen Lebenslauf, den bei der Auswahl der Regisseure, mit denen er eine Zusammenarbeit eingeht, in erster Linie die Aufgewecktheit desselben interessiert und weniger das Alter. Demnach hat der Franzose absolut keine Vorbehalte gegenüber jungen Filmemachern wie beispielsweise Thomas de Thier, dem Regisseur von „Le Goût de Myrtilles“.

Der Annäherungsprozess zwischen Piccoli und dem Surrealisten Buñuel trug durchaus abenteuerliche Züge. Piccoli kontaktierte einst den spanisch-mexikanischen Filmemacher, um ihm ein Theaterstück als Filmvorlage vorzuschlagen.

Den Regisseur in eine Vorstellung des Stücks zu locken war für den jungen Schauspieler Piccoli harte Knochenarbeit. Zu einem ersten gemeinsamen Projekt mit „Don Luis“, wie Piccoli ihn stets nannte, kam es dann allerdings erst später, als Buñuel den Franzosen für eine Rolle engagierte. Ob Buñuel oder der Italiener Marco Bellochio: Piccoli liebt stets die extravagante Seite der Filmemacher, mit denen er dreht. Um eine Rolle möglichst überzeugend spielen zu können, gräbt der Franzose tief im Wesen des Filmemachers, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage „Wieso dreht der Regisseur diesen Film?“ Michel Piccoli bedauerte am Donnerstagabend, dass er lediglich bei drei Filmen hinter der Kamera als Regisseur agierte. Allerdings, so Piccoli mit einem schelmischen Lächeln, sei diesbezüglich das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Die Lust am Fernsehen ist ihm abhanden gekommen

Das Metier des Schauspielers habe sich im Laufe der Zeit gewandelt, so Piccoli. Früher wären weit weniger Filme gedreht worden, als dies heute der Fall sei. Für ihn stellt das Kino nach wie vor ein Mittel zur Welterkundung dar: Die Lichtspielhäuser würden einem die Gelegenheit bieten, die gesamte Welt zu verstehen.

Mit der Fernsehwelt kann Michel Piccoli heute wenig anfangen. In seinen Augen drehen Fernsehregisseure keine richtigen Filme. Ihm sei sowieso die Lust am Fernsehen – das er schlechthin als „merde“ bezeichnete – vergangen und würde somit auch nicht mehr fern schauen. Anspruchsvolle, philosophische Sendungen seien irgendwann vom Kommerz vom Bildschirm gejagt wurden . Der Fernsehzuschauer von heute würde demnach nur noch misshandelt werden. pav

Das genaue Programm der Michel Piccoli-Retrospektive unter www.cinematheque.lu

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Frankreichs Filmstar Michel Piccoli stand am späten Donnerstagabend in der hauptstädtischen Cinémathèque dem Filmhausleiter sowie dem Kinopublikum Rede und Antwort

Picooli

Unsereiner hat des Öfteren genörgelt und rumgemeckert, dass selten die Koryphäen der globalen Filmwelt bei Filmpremieren oder Sondervorstellungen dem Kinovolk Rede und Antwort stehen. Vorgestern Abend hatten sich alle Nörgler einen Maulkorb verpasst und waren brav in die hauptstädtische Cinémathèque gepilgert, in der Michel Piccoli, eines der Aushängeschilder des französischen, wenn nicht gar europäischen Kinos, an der Projektion des Spielfilms „Milou en mai“ im Rahmen der Michel Piccoli-Retrospektive teilnahm und sich anschließend den Fragen von Cinémathèque-Direktor Claude Bertemes und des filminteressierten Publikums stellte.

Buñuel und Malle

Im „Interview“ mit Bertemes kokettierte Piccoli mit seiner Rolle als greiser Charakterdarsteller, plauderte jedoch während einer guten halben Stunde aus dem Nähkästchen und gewährte interessante Einblicke in seine eigene europäische Filmgeschichte. Der mittlerweile 87-jährige Mime weilt zurzeit übrigens für die Dreharbeiten von „Le Goût des Myrtilles“ in Luxemburg. Luis Buñuel, Jean-Luc Godard oder Louis Malle pflastern Piccolis filmischen Lebenslauf, den bei der Auswahl der Regisseure, mit denen er eine Zusammenarbeit eingeht, in erster Linie die Aufgewecktheit desselben interessiert und weniger das Alter. Demnach hat der Franzose absolut keine Vorbehalte gegenüber jungen Filmemachern wie beispielsweise Thomas de Thier, dem Regisseur von „Le Goût de Myrtilles“.

Der Annäherungsprozess zwischen Piccoli und dem Surrealisten Buñuel trug durchaus abenteuerliche Züge. Piccoli kontaktierte einst den spanisch-mexikanischen Filmemacher, um ihm ein Theaterstück als Filmvorlage vorzuschlagen.

Den Regisseur in eine Vorstellung des Stücks zu locken war für den jungen Schauspieler Piccoli harte Knochenarbeit. Zu einem ersten gemeinsamen Projekt mit „Don Luis“, wie Piccoli ihn stets nannte, kam es dann allerdings erst später, als Buñuel den Franzosen für eine Rolle engagierte. Ob Buñuel oder der Italiener Marco Bellochio: Piccoli liebt stets die extravagante Seite der Filmemacher, mit denen er dreht. Um eine Rolle möglichst überzeugend spielen zu können, gräbt der Franzose tief im Wesen des Filmemachers, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage „Wieso dreht der Regisseur diesen Film?“ Michel Piccoli bedauerte am Donnerstagabend, dass er lediglich bei drei Filmen hinter der Kamera als Regisseur agierte. Allerdings, so Piccoli mit einem schelmischen Lächeln, sei diesbezüglich das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Die Lust am Fernsehen ist ihm abhanden gekommen

Das Metier des Schauspielers habe sich im Laufe der Zeit gewandelt, so Piccoli. Früher wären weit weniger Filme gedreht worden, als dies heute der Fall sei. Für ihn stellt das Kino nach wie vor ein Mittel zur Welterkundung dar: Die Lichtspielhäuser würden einem die Gelegenheit bieten, die gesamte Welt zu verstehen.

Mit der Fernsehwelt kann Michel Piccoli heute wenig anfangen. In seinen Augen drehen Fernsehregisseure keine richtigen Filme. Ihm sei sowieso die Lust am Fernsehen – das er schlechthin als „merde“ bezeichnete – vergangen und würde somit auch nicht mehr fern schauen. Anspruchsvolle, philosophische Sendungen seien irgendwann vom Kommerz vom Bildschirm gejagt wurden . Der Fernsehzuschauer von heute würde demnach nur noch misshandelt werden. pav

Das genaue Programm der Michel Piccoli-Retrospektive unter www.cinematheque.lu

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