Aug 21 2009

Ein schweizerisch-luxemburgischer „Skandalfilm“

Published by at 01:54 under Screening Room

source: http://www.journal.lu/

Als am vergangenen Mittwochabend das Premierenpublikum nach der luxemburgischen Erstaufführung von „Räuberinnen“ von Carla Lia Monti den Saal 1 des Belvaler Kinokomplexes „CineBelval“ verließ, stand vielen Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Entweder waren sie schockiert über die sexuellen Exzesse oder das blutige Abhacken von Köpfen und männlichen Geschlechtsteilen, oder sie fragten sich einfach, warum irgendjemand Geld in eine solch bizarre Produktion investiert hat. Andere hatten sich gut amüsiert, weil sie die Geschichte der sich auf dem Weg zur Emanzipation befindlichen Räuberinnen nicht so ernst genommen hatten. „Ein Schauermärchen“ ist eine weitere Umschreibung des Films, der von der Schweizer Dschoint Ventschr Filmproduktion AG mitfinanziert wurde.

Die „Räuberinnen“-Produktion drohte sogar die Produzenten Samir und Tunje Berns in den Bankrott zu treiben. Mit Paul Thiltges wurde aber ein luxemburgischer Co-Produzent gefunden, der bereit war mit in das Projekt einzusteigen. Nach der Premiere im Januar auf den Solothurner Filmtagen, war der Film-Skandal perfekt. Sex- und Sadomaso-Szenen in dieser Form hatten die eidgenössischen Filmfans noch nie in einem Schweizer Spielfilm gesehen. Zudem waren viele aufgebracht, weil öffentliche Gelder der Zürcher Filmstiftung und des Schweizer Fernsehens zur Finanzierung (2,4 Mio. Schweizer Franken) mit einflossen. Der Film muss für die Ausstrahlung im Schweizer Fernsehen geschnitten werden, daher hat die im Kino gezeigte Fassung den Zusatz „Director’s Cut“.

Auf einem Schloss, das auf einem verschneiten Berg thront, dem Viandener Schloss zum Verwechseln ähnlich sieht und von Bergen umrahmt ist, die alle umgefallene Matterhörner sein könnten, hoffen der Graf (Marco Lorenzini) und die Gräfin von Bock (Isabelle Constantini) ihren debilen Sohn Meinrad (Antoine Monot Jr.) endlich mit Magdalena (Cynthia Coray) verheiraten zu können. Nur will der Bengel plötzlich eine Blondine zur Frau. Magdalena ist aber brünett, ihre Schwester Emily (Nina Bühlmann) dagegen blond. Die Mutter der Mädels, Katharina (Alexandra Prusa), ist geldgeil und die private Domina des perversen Bischofs (Hans-Peter Ulli). Egal, sagt sie sich, wenn die Knete stimmt, dann soll der kindische Grafensohn halt Emily heiraten, auch wenn diese auf den Barden Josef (Nils Althaus) steht, eine schweizerische Kopie irgendeines deutschen Schlagersängers. Die böse Mutti sperrt Emily kurzerhand ein, als diese sich weigert, den vollidiotischen Meinrad zu ehelichen. Mit Hilfe ihrer Magd Trizi (Myriam Muller) gelingt Emily die Flucht. Zuerst überfallen die beiden Reisig (Thierry Van Werveke in einer seiner letzten Filmrollen), den Diener seiner Exzellenz dem Bischof. Dann schließen sich ihnen noch drei Mädels aus dem Puff von Madame Fleurie (Delphine Clairet) an, Cindy (Sabine Timoteo), Karla (Sascha Ley) und der Transvestit Frida (Mathis Künzler). Jetzt ist kein Schweinekerl mehr vor den Räuberinnen sicher. Die Bande wird immer populärer und damit größer.

Selbst wenn dieses kleine Resümee auf eine interessante Geschichte schließen lässt, so ist das aber im Kinosaal nicht unbedingt der Fall. Falls irgendjemand dieses Drehbuch klar deuten kann, so sind das Carla Lia Monti und ihre beiden Co-Autoren Thomas Hess und Martin Muser.

In „Räuberinnen“ geht es einerseits um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Seit dem theoretischen Ablauf der Story im 18. Jh. hat sich die Situation gewaltig verändert, auch wenn das weibliche Geschlecht dem männlichen noch immer nicht komplett gleichgestellt ist. Andererseits wird mit den vielen hier gesprochenen Sprachen, in der Hauptsache Deutsch, Schwyzerdeutsch und Luxemburgisch (Ja!), und den modernen anachronistischen Utensilien, wie automatische Waffen, Fernseher, Waschmaschinen oder Telefone, die Universalität und die Zeitlosigkeit des Problems unterstrichen. Und schließlich wird demonstriert, dass Frauen an der Macht nicht weniger zimperlich mit ihren Gegnern umgehen als die Männer. Sie setzen sich vehement gegen die Männervorherrschaft zur Wehr, und alle Mittel sind recht – in der Hauptsache, die Männer nackt an Bäume zu fesseln!

Das sind schöne Themen, die in der richtigen Form präsentiert, auch für großes Kino sorgen könnten, nur baut die Regisseurin eine Menge unangenehmer Momente in ihren Film ein, wie die bereits angesprochenen Verstümmelungsszenen, u. a. die Köpfung der beiden Räuber und Vergewaltiger Fritz (Victor Giacobbo) und Hermann (Patrick Frey), und die Sexeinlagen mit sadomasochistischem Charakter, die zudem noch in einer recht einfachen Kinosprache feil geboten werden. Nicht dass diese Einlagen wirklich schockieren – man hat schon Schlimmeres im Kino gesehen-, nur ergeben sie in keiner Hinsicht einen Sinn oder tragen in irgendeiner Weise zur Dramatik des Geschehens bei. Somit muss man sich fragen, ob diese Szenen wirklich sein mussten. Der Eindruck überwiegt, dass der Regisseurin in ihrem Bestreben, einen kritischen Film mit einer gewissen Dosis Humor zu drehen, im Lauf der Dreharbeiten ihre Fantasie durchdrehte, was am Ende zu diesem konzeptlosen Werk führte. Der Film läuft im „Utopia“ und „CineBelval“.

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Als am vergangenen Mittwochabend das Premierenpublikum nach der luxemburgischen Erstaufführung von „Räuberinnen“ von Carla Lia Monti den Saal 1 des Belvaler Kinokomplexes „CineBelval“ verließ, stand vielen Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Entweder waren sie schockiert über die sexuellen Exzesse oder das blutige Abhacken von Köpfen und männlichen Geschlechtsteilen, oder sie fragten sich einfach, warum irgendjemand Geld in eine solch bizarre Produktion investiert hat. Andere hatten sich gut amüsiert, weil sie die Geschichte der sich auf dem Weg zur Emanzipation befindlichen Räuberinnen nicht so ernst genommen hatten. „Ein Schauermärchen“ ist eine weitere Umschreibung des Films, der von der Schweizer Dschoint Ventschr Filmproduktion AG mitfinanziert wurde.

Die „Räuberinnen“-Produktion drohte sogar die Produzenten Samir und Tunje Berns in den Bankrott zu treiben. Mit Paul Thiltges wurde aber ein luxemburgischer Co-Produzent gefunden, der bereit war mit in das Projekt einzusteigen. Nach der Premiere im Januar auf den Solothurner Filmtagen, war der Film-Skandal perfekt. Sex- und Sadomaso-Szenen in dieser Form hatten die eidgenössischen Filmfans noch nie in einem Schweizer Spielfilm gesehen. Zudem waren viele aufgebracht, weil öffentliche Gelder der Zürcher Filmstiftung und des Schweizer Fernsehens zur Finanzierung (2,4 Mio. Schweizer Franken) mit einflossen. Der Film muss für die Ausstrahlung im Schweizer Fernsehen geschnitten werden, daher hat die im Kino gezeigte Fassung den Zusatz „Director’s Cut“.

Auf einem Schloss, das auf einem verschneiten Berg thront, dem Viandener Schloss zum Verwechseln ähnlich sieht und von Bergen umrahmt ist, die alle umgefallene Matterhörner sein könnten, hoffen der Graf (Marco Lorenzini) und die Gräfin von Bock (Isabelle Constantini) ihren debilen Sohn Meinrad (Antoine Monot Jr.) endlich mit Magdalena (Cynthia Coray) verheiraten zu können. Nur will der Bengel plötzlich eine Blondine zur Frau. Magdalena ist aber brünett, ihre Schwester Emily (Nina Bühlmann) dagegen blond. Die Mutter der Mädels, Katharina (Alexandra Prusa), ist geldgeil und die private Domina des perversen Bischofs (Hans-Peter Ulli). Egal, sagt sie sich, wenn die Knete stimmt, dann soll der kindische Grafensohn halt Emily heiraten, auch wenn diese auf den Barden Josef (Nils Althaus) steht, eine schweizerische Kopie irgendeines deutschen Schlagersängers. Die böse Mutti sperrt Emily kurzerhand ein, als diese sich weigert, den vollidiotischen Meinrad zu ehelichen. Mit Hilfe ihrer Magd Trizi (Myriam Muller) gelingt Emily die Flucht. Zuerst überfallen die beiden Reisig (Thierry Van Werveke in einer seiner letzten Filmrollen), den Diener seiner Exzellenz dem Bischof. Dann schließen sich ihnen noch drei Mädels aus dem Puff von Madame Fleurie (Delphine Clairet) an, Cindy (Sabine Timoteo), Karla (Sascha Ley) und der Transvestit Frida (Mathis Künzler). Jetzt ist kein Schweinekerl mehr vor den Räuberinnen sicher. Die Bande wird immer populärer und damit größer.

Selbst wenn dieses kleine Resümee auf eine interessante Geschichte schließen lässt, so ist das aber im Kinosaal nicht unbedingt der Fall. Falls irgendjemand dieses Drehbuch klar deuten kann, so sind das Carla Lia Monti und ihre beiden Co-Autoren Thomas Hess und Martin Muser.

In „Räuberinnen“ geht es einerseits um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Seit dem theoretischen Ablauf der Story im 18. Jh. hat sich die Situation gewaltig verändert, auch wenn das weibliche Geschlecht dem männlichen noch immer nicht komplett gleichgestellt ist. Andererseits wird mit den vielen hier gesprochenen Sprachen, in der Hauptsache Deutsch, Schwyzerdeutsch und Luxemburgisch (Ja!), und den modernen anachronistischen Utensilien, wie automatische Waffen, Fernseher, Waschmaschinen oder Telefone, die Universalität und die Zeitlosigkeit des Problems unterstrichen. Und schließlich wird demonstriert, dass Frauen an der Macht nicht weniger zimperlich mit ihren Gegnern umgehen als die Männer. Sie setzen sich vehement gegen die Männervorherrschaft zur Wehr, und alle Mittel sind recht – in der Hauptsache, die Männer nackt an Bäume zu fesseln!

Das sind schöne Themen, die in der richtigen Form präsentiert, auch für großes Kino sorgen könnten, nur baut die Regisseurin eine Menge unangenehmer Momente in ihren Film ein, wie die bereits angesprochenen Verstümmelungsszenen, u. a. die Köpfung der beiden Räuber und Vergewaltiger Fritz (Victor Giacobbo) und Hermann (Patrick Frey), und die Sexeinlagen mit sadomasochistischem Charakter, die zudem noch in einer recht einfachen Kinosprache feil geboten werden. Nicht dass diese Einlagen wirklich schockieren – man hat schon Schlimmeres im Kino gesehen-, nur ergeben sie in keiner Hinsicht einen Sinn oder tragen in irgendeiner Weise zur Dramatik des Geschehens bei. Somit muss man sich fragen, ob diese Szenen wirklich sein mussten. Der Eindruck überwiegt, dass der Regisseurin in ihrem Bestreben, einen kritischen Film mit einer gewissen Dosis Humor zu drehen, im Lauf der Dreharbeiten ihre Fantasie durchdrehte, was am Ende zu diesem konzeptlosen Werk führte. Der Film läuft im „Utopia“ und „CineBelval“.

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