Jul 14 2015

„Endlich wieder Zeit, ins Kino zu gehen“

Published by at 11:19 under Screening Room

SOURCE: http://www.wort.lu

Luxemburger Kino-Gruppe steht vor dem Verkauf an Kinepolis
Von Andreas Adam

Am Freitag ereignete sich ein kleines Erdbeben in der luxemburgischen Kinobranche. Die Utopia S.A. mit ihren 13 Lichtspielhäusern in vier Ländern soll von Kinepolis übernommen werden. Man habe eine Grundsatzvereinbarung geschlossen, hieß es. Wir unterhielten uns mit Nico Simon, CEO der Utopia S.A. – Simon antwortete in erster Linie als Administrateur délégué des Anteilseigners Utopia Management.

Herr Simon, bereits seit 2008 werden Utopia-Aktien nicht mehr an der Börse gehandelt. 2012 kam der Logistiker CLDN als neuer Großaktionär mit ins Boot, dann folgte ein „squeeze-out“ der Minderheitsaktionäre, und nun soll der einstige Anteilseigner Kinepolis alles übernehmen. Warum dieser Weg?

Das hat alles nichts miteinander zu tun. Unser Börsenabgang war dadurch bedingt, dass der Markt zu klein war und wir als Firma zu klein waren. Das war einfach zu viel für unsere Struktur. Das war die eine Sache.

Dann hat unser Partner Luxempart beschlossen sich zurückzuziehen und zu verkaufen, woraufhin wir 2012 die Lösung fanden, dass die Compagnie luxembourgeoise de navigation (CLDN) einstieg, und anschließend mit Utopia Management jeweils die Hälfte an der Utopia S.A. hielt. Allerdings gab es noch Streubesitz.

Wir haben zusammen ein Angebot gemacht, um die Anteile der Minderheitsaktionäre aufzukaufen, und am Ende blieb weniger als ein Prozent im „free float“. Dann kam das neue Squeeze-Out-Gesetz. […]

Bei Utopia Management waren wir uns bewusst, dass wir kein Familienbetrieb mit natürlicher Nachfolge sind. Wir hatten absolut kein Szenario, waren uns aber bewusst: irgendwann kommt ein Exit, dann ist es besser 100 Prozent der Aktien zu haben.

Kann man den „squeeze out“ vor dem Hintergrund des Exits sehen?

Nein, der „squeeze out“ war absolut neutral. Es gab kein Exit-Szenario. Wir waren uns nur bewusst, dass irgendwann der Exit kommt. Das war aber sicher nicht die Ursache des „squeeze outs“. Den „squeeze out“ haben wir vor allem gemacht, weil wir immer einen Riesenaufwand bei der Hauptversammlung für diese wenigen Aktien betreiben mussten. Das war die Ursache.

Wir haben nicht über einen Exit nachgedacht, wir waren uns nur bewusst, dass er irgendwann kommt. Der Exit wurde nie geplant. Und er ist immer noch nicht geplant. Es bietet sich nun einfach eine Gelegenheit.

Kinepolis ist also auf Utopia zugekommen?

Ja.

In ihrer Ankündigung vom gestrigen Freitag sprechen sie von einem „Accord de principe conditionel“. Wovon hängt das Zustandekommen denn nun noch genau ab?

Wir sind der Auffassung, dass die Bedingungen alle erfüllt sind, aber das muss noch vom Käufer geprüft werden d. h. die „due dilligence“, und in dieser Phase befinden wir uns. Was mich etwas bedrückt, ist die Tatsache, dass wir verpflichtet waren, den geplanten Verkauf jetzt schon bekannt zu geben. Das liegt daran, dass Kinepolis börsennotiert ist und es bekannt geben muss, sobald so etwas unterschrieben wird, wegen der Gefahr des Insiderhandels.

Eine kleine Parenthese: Schon 2013 wurden die Betreiber der Gaststätten im Utopolis darauf hingewiesen, dass die Pachtverträge nicht verlängert würden – zum Teil liefen die Verträge über Bofferding, zum Teil waren es direkte Verträge. Warum damals dieses Vorgehen?

In der Tat hatten wir ganz am Anfang des Kinos einen Vertrag mit Bofferding über Lokale geschlossen, die dann weiterverpachtet wurden. Das wurde einmal verlängert und 2013 dann noch einmal um ein Jahr, auch um den Betreibern eine Übergangsfrist zu gewähren und sich neu orientieren zu können.

Wieso haben wir den Vertrag nicht verlängert? Aus einer ganz einfachen Ursache. Diese Gaststätten sind nun rund 18 Jahre hier, und in dieser Zeit hat sich in unserer Galerie wenig getan. Das ist immer dasselbe geblieben, und in einem Haus wie diesem muss sich einfach regelmäßig etwas bewegen.

Gleichzeitig bestand eine Nachfrage nach den Lokalen, falls eines frei werden sollte. Wir haben auch festgestellt, dass seitens der Brauerei eigentlich keine Dynamik mehr da war. Promo, Marketing – es ist praktisch nichts mehr extra für die Galerie getan worden.

Galt dies speziell für die fünf Gastronomieverträge im Utopolis, die über Bofferding liefen oder auch für die anderen?

Da Bofferding die meisten hatte, war es schwierig, dort eine Einigung zu finden. Wir dachten, dass es vielleicht interessanter wäre, die Lokale einzeln zu verpachten, wobei wir jedoch auch für Vorschläge von Bofferding offen waren. Wir haben ihnen gesagt, dass die Lokale künftig von einer bestimmten Firma kommerzialisiert würden und dass sie sich mit neuen Konzepten dorthin wenden könnten.

Wurden auch jene Verträge nicht verlängert, die nicht über Bofferding liefen?

Die Frage hat sich nicht gestellt, weil diese Verträge zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgelaufen waren.

Wie sieht das nun in der Praxis aus? Einige der Gaststätten, die von Bofferding weiterverpachtet und nicht verlängert wurden, sind noch immer in Betrieb, wie Meneghino, Tie Break und Coyote…

Die sind noch immer da. Wir haben den Eindruck, dass ihr Verpächter, also die Brauerei, ihnen nicht notwendigerweise klar genug gesagt hat, dass die Pacht ausläuft. Die haben dann einen Prozess geführt, wegen „sursis commercial“. Das bekommt man normal zweimal, dann ist man ein Jahr weiter. Wir müssen nun sehen, wie es da weitergeht. Unser Ziel ist es, die Geschäfte in der Galerie zu erneuern und zu diversifizieren.

Zurück zum geplanten Verkauf der Utopia S.A. an Kinepolis. Wie geht es weiter mit den Kinos der Utopia-Gruppe? Wird sich durch den Verkauf für die Besucher etwas ändern.

Zunächst ändert sich nichts. Es gibt die Utopia-Gruppe mit ihren Kinos. Über das Abkommen mit Kinepolis musste jetzt informiert werden. Bis der Verkauf nicht abgeschlossen ist, ändert sich nichts.

Und danach?

Das können wir nicht sagen. Wir können ja nicht sagen, was das Unternehmen beabsichtigt, das uns übernehmen möchte.

Wissen Sie nicht, ob Kinepolis die Utopia-Kinos alle weiterführen möchte?

Kinepolis ist eine Gruppe, die Filmtheater betreibt. So wie wir. Nur etwas größer. Kinepolis ist sehr dynamisch und voll in einer Entwicklungsphase mit Übernahmen und neuen Projekten quer durch ganz Europa. Wir wurden ein Ziel für sie – und ich fühle mich etwas geehrt durch den guten Ruf, den wir in der ganzen Branche haben.

Kinepolis ist in Luxemburg noch gar nicht vertreten. Dadurch, dass Kinepolis uns eventuell übernimmt, würden sie auch ihre Position in den Niederlanden verstärken, sie bekämen ein Kino in Frankreich hinzu …

Gibt es nirgendwo eine Konkurrenzsituation? In den Niederlanden vielleicht?

Nein, in den Niederlanden nicht. Ein potenzielles Problem gibt es nur in Belgien, wo sie vom Wettbewerbsrat überwacht werden und wo der Wettbewerbsrat sein Einverständnis erklären muss.

Legt man den letzten festgestellten Aktienpreis von gut 46 Euro zugrunde, multipliziert ihn mit 1 050 000 Aktien, so kommt man auf circa 49 Millionen Euro Unternehmenswert. Können Sie uns sagen, wie viel Kinepolis nun zu zahlen bereit ist?

Dazu kann ich nichts sagen.

Wie beurteilen Sie den Verkauf persönlich, wenn man die Ursprünge im studentischen Umfeld bedenkt, dann die Gründung der Firma Utopia, später mit Hilfe von Investoren die Utopia S.A. nun der mögliche Verkauf. Geht da gerade etwas zu Ende?

Also ich bin mir schon seit einer gewissen Zeit darüber bewusst, dass ich irgendwann aufhören muss. Es war nicht vorgesehen, das jetzt schon zu tun. Kinepolis ist eben nun auf uns zugekommen, weil wir ein interessantes Ziel für sie sind. Ja, bei einem Verkauf geht etwas zu Ende.

In meinem Berufsleben war ich zuerst Lehrer, das ging zu Ende, und ich habe etwas anderes gemacht, nun geht das zu Ende – also unter Umständen. Das ist eben so, und ich bedauere das nicht. Oder positiv ausgedrückt: Ich bekomme dann vielleicht mal endlich wieder Zeit, ins Kino zu gehen.

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SOURCE: http://www.wort.lu

Luxemburger Kino-Gruppe steht vor dem Verkauf an Kinepolis
Von Andreas Adam

Am Freitag ereignete sich ein kleines Erdbeben in der luxemburgischen Kinobranche. Die Utopia S.A. mit ihren 13 Lichtspielhäusern in vier Ländern soll von Kinepolis übernommen werden. Man habe eine Grundsatzvereinbarung geschlossen, hieß es. Wir unterhielten uns mit Nico Simon, CEO der Utopia S.A. – Simon antwortete in erster Linie als Administrateur délégué des Anteilseigners Utopia Management.

Herr Simon, bereits seit 2008 werden Utopia-Aktien nicht mehr an der Börse gehandelt. 2012 kam der Logistiker CLDN als neuer Großaktionär mit ins Boot, dann folgte ein „squeeze-out“ der Minderheitsaktionäre, und nun soll der einstige Anteilseigner Kinepolis alles übernehmen. Warum dieser Weg?

Das hat alles nichts miteinander zu tun. Unser Börsenabgang war dadurch bedingt, dass der Markt zu klein war und wir als Firma zu klein waren. Das war einfach zu viel für unsere Struktur. Das war die eine Sache.

Dann hat unser Partner Luxempart beschlossen sich zurückzuziehen und zu verkaufen, woraufhin wir 2012 die Lösung fanden, dass die Compagnie luxembourgeoise de navigation (CLDN) einstieg, und anschließend mit Utopia Management jeweils die Hälfte an der Utopia S.A. hielt. Allerdings gab es noch Streubesitz.

Wir haben zusammen ein Angebot gemacht, um die Anteile der Minderheitsaktionäre aufzukaufen, und am Ende blieb weniger als ein Prozent im „free float“. Dann kam das neue Squeeze-Out-Gesetz. […]

Bei Utopia Management waren wir uns bewusst, dass wir kein Familienbetrieb mit natürlicher Nachfolge sind. Wir hatten absolut kein Szenario, waren uns aber bewusst: irgendwann kommt ein Exit, dann ist es besser 100 Prozent der Aktien zu haben.

Kann man den „squeeze out“ vor dem Hintergrund des Exits sehen?

Nein, der „squeeze out“ war absolut neutral. Es gab kein Exit-Szenario. Wir waren uns nur bewusst, dass irgendwann der Exit kommt. Das war aber sicher nicht die Ursache des „squeeze outs“. Den „squeeze out“ haben wir vor allem gemacht, weil wir immer einen Riesenaufwand bei der Hauptversammlung für diese wenigen Aktien betreiben mussten. Das war die Ursache.

Wir haben nicht über einen Exit nachgedacht, wir waren uns nur bewusst, dass er irgendwann kommt. Der Exit wurde nie geplant. Und er ist immer noch nicht geplant. Es bietet sich nun einfach eine Gelegenheit.

Kinepolis ist also auf Utopia zugekommen?

Ja.

In ihrer Ankündigung vom gestrigen Freitag sprechen sie von einem „Accord de principe conditionel“. Wovon hängt das Zustandekommen denn nun noch genau ab?

Wir sind der Auffassung, dass die Bedingungen alle erfüllt sind, aber das muss noch vom Käufer geprüft werden d. h. die „due dilligence“, und in dieser Phase befinden wir uns. Was mich etwas bedrückt, ist die Tatsache, dass wir verpflichtet waren, den geplanten Verkauf jetzt schon bekannt zu geben. Das liegt daran, dass Kinepolis börsennotiert ist und es bekannt geben muss, sobald so etwas unterschrieben wird, wegen der Gefahr des Insiderhandels.

Eine kleine Parenthese: Schon 2013 wurden die Betreiber der Gaststätten im Utopolis darauf hingewiesen, dass die Pachtverträge nicht verlängert würden – zum Teil liefen die Verträge über Bofferding, zum Teil waren es direkte Verträge. Warum damals dieses Vorgehen?

In der Tat hatten wir ganz am Anfang des Kinos einen Vertrag mit Bofferding über Lokale geschlossen, die dann weiterverpachtet wurden. Das wurde einmal verlängert und 2013 dann noch einmal um ein Jahr, auch um den Betreibern eine Übergangsfrist zu gewähren und sich neu orientieren zu können.

Wieso haben wir den Vertrag nicht verlängert? Aus einer ganz einfachen Ursache. Diese Gaststätten sind nun rund 18 Jahre hier, und in dieser Zeit hat sich in unserer Galerie wenig getan. Das ist immer dasselbe geblieben, und in einem Haus wie diesem muss sich einfach regelmäßig etwas bewegen.

Gleichzeitig bestand eine Nachfrage nach den Lokalen, falls eines frei werden sollte. Wir haben auch festgestellt, dass seitens der Brauerei eigentlich keine Dynamik mehr da war. Promo, Marketing – es ist praktisch nichts mehr extra für die Galerie getan worden.

Galt dies speziell für die fünf Gastronomieverträge im Utopolis, die über Bofferding liefen oder auch für die anderen?

Da Bofferding die meisten hatte, war es schwierig, dort eine Einigung zu finden. Wir dachten, dass es vielleicht interessanter wäre, die Lokale einzeln zu verpachten, wobei wir jedoch auch für Vorschläge von Bofferding offen waren. Wir haben ihnen gesagt, dass die Lokale künftig von einer bestimmten Firma kommerzialisiert würden und dass sie sich mit neuen Konzepten dorthin wenden könnten.

Wurden auch jene Verträge nicht verlängert, die nicht über Bofferding liefen?

Die Frage hat sich nicht gestellt, weil diese Verträge zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgelaufen waren.

Wie sieht das nun in der Praxis aus? Einige der Gaststätten, die von Bofferding weiterverpachtet und nicht verlängert wurden, sind noch immer in Betrieb, wie Meneghino, Tie Break und Coyote…

Die sind noch immer da. Wir haben den Eindruck, dass ihr Verpächter, also die Brauerei, ihnen nicht notwendigerweise klar genug gesagt hat, dass die Pacht ausläuft. Die haben dann einen Prozess geführt, wegen „sursis commercial“. Das bekommt man normal zweimal, dann ist man ein Jahr weiter. Wir müssen nun sehen, wie es da weitergeht. Unser Ziel ist es, die Geschäfte in der Galerie zu erneuern und zu diversifizieren.

Zurück zum geplanten Verkauf der Utopia S.A. an Kinepolis. Wie geht es weiter mit den Kinos der Utopia-Gruppe? Wird sich durch den Verkauf für die Besucher etwas ändern.

Zunächst ändert sich nichts. Es gibt die Utopia-Gruppe mit ihren Kinos. Über das Abkommen mit Kinepolis musste jetzt informiert werden. Bis der Verkauf nicht abgeschlossen ist, ändert sich nichts.

Und danach?

Das können wir nicht sagen. Wir können ja nicht sagen, was das Unternehmen beabsichtigt, das uns übernehmen möchte.

Wissen Sie nicht, ob Kinepolis die Utopia-Kinos alle weiterführen möchte?

Kinepolis ist eine Gruppe, die Filmtheater betreibt. So wie wir. Nur etwas größer. Kinepolis ist sehr dynamisch und voll in einer Entwicklungsphase mit Übernahmen und neuen Projekten quer durch ganz Europa. Wir wurden ein Ziel für sie – und ich fühle mich etwas geehrt durch den guten Ruf, den wir in der ganzen Branche haben.

Kinepolis ist in Luxemburg noch gar nicht vertreten. Dadurch, dass Kinepolis uns eventuell übernimmt, würden sie auch ihre Position in den Niederlanden verstärken, sie bekämen ein Kino in Frankreich hinzu …

Gibt es nirgendwo eine Konkurrenzsituation? In den Niederlanden vielleicht?

Nein, in den Niederlanden nicht. Ein potenzielles Problem gibt es nur in Belgien, wo sie vom Wettbewerbsrat überwacht werden und wo der Wettbewerbsrat sein Einverständnis erklären muss.

Legt man den letzten festgestellten Aktienpreis von gut 46 Euro zugrunde, multipliziert ihn mit 1 050 000 Aktien, so kommt man auf circa 49 Millionen Euro Unternehmenswert. Können Sie uns sagen, wie viel Kinepolis nun zu zahlen bereit ist?

Dazu kann ich nichts sagen.

Wie beurteilen Sie den Verkauf persönlich, wenn man die Ursprünge im studentischen Umfeld bedenkt, dann die Gründung der Firma Utopia, später mit Hilfe von Investoren die Utopia S.A. nun der mögliche Verkauf. Geht da gerade etwas zu Ende?

Also ich bin mir schon seit einer gewissen Zeit darüber bewusst, dass ich irgendwann aufhören muss. Es war nicht vorgesehen, das jetzt schon zu tun. Kinepolis ist eben nun auf uns zugekommen, weil wir ein interessantes Ziel für sie sind. Ja, bei einem Verkauf geht etwas zu Ende.

In meinem Berufsleben war ich zuerst Lehrer, das ging zu Ende, und ich habe etwas anderes gemacht, nun geht das zu Ende – also unter Umständen. Das ist eben so, und ich bedauere das nicht. Oder positiv ausgedrückt: Ich bekomme dann vielleicht mal endlich wieder Zeit, ins Kino zu gehen.

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