Nov 18 2009

House of Boys: Ohne erhobenen Zeigefinger

Published by at 18:58 under Articles,Screening Room

SOURCE: www.tageblatt.lu – Martine Reuter

Anfang der 80er Jahre macht eine neue Krankheit an vielen Orten der Welt Schlagzeilen. Aids, in jener Zeit immer wieder als Krebs der Schwulen bezeichnet, war und ist immer noch eine tödlich verlaufende Krankheit, die seitdem im Durchschnitt pro Jahr über zwei Millionen Opfer fordert und die jedes Jahr mit einer erschreckenden Regelmäßigkeit mehr als zweieinhalb Millionen Neuinfizierte vermelden muss. Am 1. Dezember 1981 wird Aids als eigenständige Krankheit anerkannt.

In diesem zeitlichen Rahmen lässt Regisseur Jean-Claude Schlim seinen Film „House of Boys“ spielen. Frank, ein junger Mann, gerade volljährig und auf der Suche nach neuen sexuellen Erfahrungen, fährt mit seiner besten Freundin nach Amsterdam. Frank kann dort nach seinen rezenten Coming out all das ausleben, wonach er sich gesehnt hat. Er findet einen Job in einem Nachtclub, dem House of Boys, zunächst an der Bar und kurz danach als Tänzer. Als er dann Jake kennenlernt, scheint das Glück perfekt. Doch bei Jake wird bald die neue Krankheit diagnostiziert.

Film basiert auf einer Originalgeschichte

Jean-Claude Schlim wird hier zum ersten Mal hinter der Kamera aktiv, nachdem er sich auf diversen Posten im Filmgeschäft einen guten Namen gemacht hatte, nicht nur hier in Luxemburg, auch über die Grenzen hinweg. Der Film basiert auf einer Originalgeschichte von Schlim; und es ist offensichtlich für die, die ihn kennen, dass er hier einen großen Teil eigene Erfahrungen mit ins Drehbuch, für das er auch verantwortlich zeichnet, hineingestrickt hat. Das Projekt wurde aus diversen Gründen immer wieder zum Stillstand gebracht, doch sowohl die Produktionsfirma Delux wie auch Schlim selbst ließen sich nicht entmutigen. Das Endprodukt überrascht in vielen Punkten und kann vor allem eins: überzeugen.
Gedreht wurde in Englisch, eine Tendenz, die sich auch bei heimischen Produktionen immer stärker durchsetzt. Und da viele talentierte junge Schauspieler verpflichtet werden konnten, geht die Wette zu 100 Prozent auf. Schlims Drehbuch hat viele Asse im Ärmel, zum einen ausgefeilte Charaktere, die auf der Leinwand scheinbar mühelos zum Leben erwachen (unsere Favorit ist Angelo), dann eine subtile musikalische Mischung, ein Mix mit Klassikern der 80er von Soft Cell, Rheingold, Jimmy Sommerville, Klaus Nomi, Spandau Ballet und Cyril Collard, um nur diese zu nennen, sowie eine ästhetische, aber schnörkellose Bildersprache.
Und last but not least gibt es aller Tragik zum Trotz einen lebensbejahenden Schluss.
Die Story, die aus Prolog, drei Akten und einem Epilog besteht, schreitet recht zügig voran, einzige Ausnahme hier der dritte Akt, der für unser Gefühl etwas zu viel Raum einnimmt.

Viel Wert aufHintergrundrecherche

Die Verantwortlichen von „House of Boys“ verstehen ihr Werk nicht als Dokumentarfilm, wenngleich sehr viel Wert auf Hintergrundrecherche gelegt wurde, vor allem da, wo es um medizinische Details und Entwicklungen geht. Dennoch könnte gerade „House of Boys“ für die jüngeren Generationen aufklärerisch wirken.
Man muss kein Wahrsager sein, um „House of Boys“ eine lange und viel versprechende Karriere zu prophezeien.
Der Film ist nicht nur interessant für thematisch orientierte Festivals, es ist ganz einfach ein gut gemachter Streifen, da er die angesprochene Problematik nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentiert und da es sich um ein wahrhaft internationales Sujet handelt, bei dem politische und kulturelle Barrieren sowie Grenzen ohne Bedeutung sind.

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SOURCE: www.tageblatt.lu – Martine Reuter

Anfang der 80er Jahre macht eine neue Krankheit an vielen Orten der Welt Schlagzeilen. Aids, in jener Zeit immer wieder als Krebs der Schwulen bezeichnet, war und ist immer noch eine tödlich verlaufende Krankheit, die seitdem im Durchschnitt pro Jahr über zwei Millionen Opfer fordert und die jedes Jahr mit einer erschreckenden Regelmäßigkeit mehr als zweieinhalb Millionen Neuinfizierte vermelden muss. Am 1. Dezember 1981 wird Aids als eigenständige Krankheit anerkannt.

In diesem zeitlichen Rahmen lässt Regisseur Jean-Claude Schlim seinen Film „House of Boys“ spielen. Frank, ein junger Mann, gerade volljährig und auf der Suche nach neuen sexuellen Erfahrungen, fährt mit seiner besten Freundin nach Amsterdam. Frank kann dort nach seinen rezenten Coming out all das ausleben, wonach er sich gesehnt hat. Er findet einen Job in einem Nachtclub, dem House of Boys, zunächst an der Bar und kurz danach als Tänzer. Als er dann Jake kennenlernt, scheint das Glück perfekt. Doch bei Jake wird bald die neue Krankheit diagnostiziert.

Film basiert auf einer Originalgeschichte

Jean-Claude Schlim wird hier zum ersten Mal hinter der Kamera aktiv, nachdem er sich auf diversen Posten im Filmgeschäft einen guten Namen gemacht hatte, nicht nur hier in Luxemburg, auch über die Grenzen hinweg. Der Film basiert auf einer Originalgeschichte von Schlim; und es ist offensichtlich für die, die ihn kennen, dass er hier einen großen Teil eigene Erfahrungen mit ins Drehbuch, für das er auch verantwortlich zeichnet, hineingestrickt hat. Das Projekt wurde aus diversen Gründen immer wieder zum Stillstand gebracht, doch sowohl die Produktionsfirma Delux wie auch Schlim selbst ließen sich nicht entmutigen. Das Endprodukt überrascht in vielen Punkten und kann vor allem eins: überzeugen.
Gedreht wurde in Englisch, eine Tendenz, die sich auch bei heimischen Produktionen immer stärker durchsetzt. Und da viele talentierte junge Schauspieler verpflichtet werden konnten, geht die Wette zu 100 Prozent auf. Schlims Drehbuch hat viele Asse im Ärmel, zum einen ausgefeilte Charaktere, die auf der Leinwand scheinbar mühelos zum Leben erwachen (unsere Favorit ist Angelo), dann eine subtile musikalische Mischung, ein Mix mit Klassikern der 80er von Soft Cell, Rheingold, Jimmy Sommerville, Klaus Nomi, Spandau Ballet und Cyril Collard, um nur diese zu nennen, sowie eine ästhetische, aber schnörkellose Bildersprache.
Und last but not least gibt es aller Tragik zum Trotz einen lebensbejahenden Schluss.
Die Story, die aus Prolog, drei Akten und einem Epilog besteht, schreitet recht zügig voran, einzige Ausnahme hier der dritte Akt, der für unser Gefühl etwas zu viel Raum einnimmt.

Viel Wert aufHintergrundrecherche

Die Verantwortlichen von „House of Boys“ verstehen ihr Werk nicht als Dokumentarfilm, wenngleich sehr viel Wert auf Hintergrundrecherche gelegt wurde, vor allem da, wo es um medizinische Details und Entwicklungen geht. Dennoch könnte gerade „House of Boys“ für die jüngeren Generationen aufklärerisch wirken.
Man muss kein Wahrsager sein, um „House of Boys“ eine lange und viel versprechende Karriere zu prophezeien.
Der Film ist nicht nur interessant für thematisch orientierte Festivals, es ist ganz einfach ein gut gemachter Streifen, da er die angesprochene Problematik nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentiert und da es sich um ein wahrhaft internationales Sujet handelt, bei dem politische und kulturelle Barrieren sowie Grenzen ohne Bedeutung sind.

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3 responses so far

3 Responses to “House of Boys: Ohne erhobenen Zeigefinger”

  1. jacqueson 19 Nov 2009 at 08:55

    dat war net den 1. dezember 1981, mee den 5. juni jongen!
    de numm krut aids ausserdem ereischt am september 1982. recherche recherche…

  2. claudeon 19 Nov 2009 at 11:54

    wann een bei wikipedia nokuckt (wat eng seriöös journalistin vléicht net mache sollt) steet am deitschen artikel tatsächlech 1. dezember 1981. am engleschen steet 5. juni.

    Allerdengs soen dei “AIDS was introduced at a meeting in July 1982” an net september 1982…

    iwregens heeschen déi “jongen” déi deen text geschriwen hun Martine. just sou niewebei, wann et schon em genauegkeet geet.

  3. jacqueson 19 Nov 2009 at 23:34

    ok! am allgemengen get den eischten CDC artikel als datum ugesin, wou d’Krankheet erkannt gouf. mäin fehler fir den 2. datum. ass natiirlech blamage…

    wat den artikel ugeet: bei HOB sin d’Grenzen zweschten Jongen a Meedercher jo méi fleissend :-) war net beis gemengt.

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