Nov 13 2012

“Ich spiele immer aus dem Bauch heraus”

Published by at 01:01 under Screening Room

SOURCE: http://www.tageblatt.lu

manfred krug

Manfred Krug, wie haben Sie’s gemacht?” Ein Gespräch über die schillernde Lebensgeschichte des deutschen Schauspielers, Sängers und Schriftstellers.

Die deutsche Botschafterin Christine Gläser in Person begleitete Manfred Krug in den bis auf den letzten Sitz gefüllten Vorführungsraum der hauptstädtischen “Cinémathèque”. Es waren nicht unbedingt die alten Filme aus DDR-Zeiten, die sie ins Kino gelockt hatten, sondern “Liebling Kreuzberg”, “Auf Achse” oder der Tatort-Kommissar Paul Stoever, alias Manfred Krug, der mit begeistertem Applaus begrüßt wurde. Der Schauspieler, salopp und unkompliziert im weißen Hemd und hellbrauner Hose, weiß die Begrüßung zu schätzen. Er weiß, was das Publikum erwartet.

Seine 75 Jahre und die vielen schmerzhaften Etappen seines Lebens sieht man Manfred Krug nicht an. Mühelos stellt er sich der einstündigen Fragestunde, wechselt bei den kurzen Filmausschnitten vom Podium in die Zuschauerreihen und lässt mit seinen pointierten Antworten auf seinen Sinn für Humor schließen. Mitunter geht das auf Kosten von Moderator Claude Bertemes. Stellvertretend fürs Publikum stellt er die Fragen, denen es mitunter jedoch an Pertinenz fehlte.
Man musste deshalb Krug gut zuhören, um mehr zu erfahren. Was er mit leisem Lächeln und ein bisschen Witz dokumentiert, sind schmerzliche Erinnerungen. Es war rückblickend wohl nicht einfach, als zwölfjähriger Westdeutschland verlassen zu müssen und dem Vater in die DDR zu folgen. Im Ruhrgebiet hatte der 40-jährige Eisenhütteningenieur nach dem Krieg keine Arbeit mehr gefunden.

Authentizität

Es war wahrscheinlich genauso schwer, die väterlichen Träume einer Ingenieurdynastie zu enttäuschen und nach dreijähriger Lehre im Stahlwerk nach Berlin “auszubüchsen”, um dort zuerst in der Berliner Schauspielschule und dann als Eleve beim Berthold-Brecht Ensemble das Handwerk zu lernen.
“Ich spiele immer aus dem Bauch heraus. Ich kann mich nicht verstellen und strebe auch nicht an, für eine Rolle in eine fremde Haut zu schlüpfen. Die Arbeit ist leichter, wenn man sich selbst spielen kann,” erklärt Krug und spricht dabei eines seiner Vorbilder, Jean Gabin, an, dem er in diesem Sinne nacheifert. “Diese Authentizität ist schauspielerisches Kapital.” Den von Bertemes gemachten Vergleich mit den “Minettsdäpp”, die genauso “vun der Long op d’Zong” seien wie er, lässt Krug gerne gelten.

Er macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für die Vielsprachigkeit der Luxemburger und für die luxemburgische Sprache, die er sich beim nächsten Besuch “rhythmisch einverleiben” möchte. Eine Entdeckung ist unser Land für Manfred Krug nicht. Er hat gleich nach seinem Wechsel in den Westen “Paul kommt zurück” im Saarland und Luxemburg gedreht. Der Wechsel in den Westen ist natürlich ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in seiner Karriere. Diese hatte bei der östlichen DEFA ganz ehrbar angefangen, hatte jedoch mit den regimekritischen Filmen, die Mitte der 60ger Jahre produziert wurden und dem Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann ein abruptes Ende gefunden.

Unterhaltungskino

“DDR-Filme wollten erziehen. Das hat den Beruf schwer gemacht”, sagt der Schauspieler, der sich nach seinem Wechsel in den Westen mit Unterhaltungsfilmen und -sendungen einen Namen gemacht hat und auch dazu steht. “Unterhaltungskino ist kein Schimpfwort”, unterstreicht er und betont gleichzeitig den Wert schöner Drehbücher, die diesen Erwartungen gerecht werden. Er habe viel mitgedacht und umgeschrieben, sagt der langjährige Tatort-Kommissar. Als Hauptkommissar Paul Stoever hat er zwischen 1984 und 2001 in der beliebten deutschen Serie mitgespielt. Die Tatsache, dass Stoever und sein Partner Peter Brockmöller bei ihrer kriminalistischen Arbeit auch mal eine Gesangseinlage hatten, geht wohl auf Krugs Kappe, der damit seinem zweiten Beruf, dem des Jazzsängers, frönt. Auch hier nochmals ein Rückblick auf den Papa, der Jazzschallplatten hörte, was sowohl in der deutschen Kriegszeit als auch in der DDR nicht wohlgesehen war.

Seinen Luxemburger Zuhörern singt Manfred Krug aus dem Stegreif nichts vor, seine angenehme Stimme führt jedoch weiter durch sein Leben. “Warum Sesamstraße und Fernsehen?” wird er gefragt. Die Antwort ist einfach. Als DDR-Flüchtling – “ich hatte nichts, außer der Verantwortung für eine Frau und drei halbwüchsige Kinder” – konnte er es sich nicht leisten, auf interessante Charakterrollen zu warten. “Ich musste Geld verdienen.” Und das ließ sich im Fernsehen leichter verdienen. Umso mehr als Krug zur Neuen Deutschen Welle keinen Bezug hatte. “Ich will als Schauspieler nicht ‚geführt‘ werden. Ich bin ein Selbsthelfer.”

Die angesetzte Interviewstunde ist längst um und Krug erzählt immer weiter. Von der “menschlichen” Seite der deutschen Krimis, von den Briefen, die er als langjähriger Fernfahrer Franz Meersdonk in der Serie “auf Achse” noch immer von seinen Kollegen bekommt, von seinen autobiografischen Büchern, in denen das alles dokumentiert ist …

(Claude Wolf/Tageblatt.lu)

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manfred krug

Manfred Krug, wie haben Sie’s gemacht?” Ein Gespräch über die schillernde Lebensgeschichte des deutschen Schauspielers, Sängers und Schriftstellers.

Die deutsche Botschafterin Christine Gläser in Person begleitete Manfred Krug in den bis auf den letzten Sitz gefüllten Vorführungsraum der hauptstädtischen “Cinémathèque”. Es waren nicht unbedingt die alten Filme aus DDR-Zeiten, die sie ins Kino gelockt hatten, sondern “Liebling Kreuzberg”, “Auf Achse” oder der Tatort-Kommissar Paul Stoever, alias Manfred Krug, der mit begeistertem Applaus begrüßt wurde. Der Schauspieler, salopp und unkompliziert im weißen Hemd und hellbrauner Hose, weiß die Begrüßung zu schätzen. Er weiß, was das Publikum erwartet.

Seine 75 Jahre und die vielen schmerzhaften Etappen seines Lebens sieht man Manfred Krug nicht an. Mühelos stellt er sich der einstündigen Fragestunde, wechselt bei den kurzen Filmausschnitten vom Podium in die Zuschauerreihen und lässt mit seinen pointierten Antworten auf seinen Sinn für Humor schließen. Mitunter geht das auf Kosten von Moderator Claude Bertemes. Stellvertretend fürs Publikum stellt er die Fragen, denen es mitunter jedoch an Pertinenz fehlte.
Man musste deshalb Krug gut zuhören, um mehr zu erfahren. Was er mit leisem Lächeln und ein bisschen Witz dokumentiert, sind schmerzliche Erinnerungen. Es war rückblickend wohl nicht einfach, als zwölfjähriger Westdeutschland verlassen zu müssen und dem Vater in die DDR zu folgen. Im Ruhrgebiet hatte der 40-jährige Eisenhütteningenieur nach dem Krieg keine Arbeit mehr gefunden.

Authentizität

Es war wahrscheinlich genauso schwer, die väterlichen Träume einer Ingenieurdynastie zu enttäuschen und nach dreijähriger Lehre im Stahlwerk nach Berlin “auszubüchsen”, um dort zuerst in der Berliner Schauspielschule und dann als Eleve beim Berthold-Brecht Ensemble das Handwerk zu lernen.
“Ich spiele immer aus dem Bauch heraus. Ich kann mich nicht verstellen und strebe auch nicht an, für eine Rolle in eine fremde Haut zu schlüpfen. Die Arbeit ist leichter, wenn man sich selbst spielen kann,” erklärt Krug und spricht dabei eines seiner Vorbilder, Jean Gabin, an, dem er in diesem Sinne nacheifert. “Diese Authentizität ist schauspielerisches Kapital.” Den von Bertemes gemachten Vergleich mit den “Minettsdäpp”, die genauso “vun der Long op d’Zong” seien wie er, lässt Krug gerne gelten.

Er macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für die Vielsprachigkeit der Luxemburger und für die luxemburgische Sprache, die er sich beim nächsten Besuch “rhythmisch einverleiben” möchte. Eine Entdeckung ist unser Land für Manfred Krug nicht. Er hat gleich nach seinem Wechsel in den Westen “Paul kommt zurück” im Saarland und Luxemburg gedreht. Der Wechsel in den Westen ist natürlich ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in seiner Karriere. Diese hatte bei der östlichen DEFA ganz ehrbar angefangen, hatte jedoch mit den regimekritischen Filmen, die Mitte der 60ger Jahre produziert wurden und dem Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann ein abruptes Ende gefunden.

Unterhaltungskino

“DDR-Filme wollten erziehen. Das hat den Beruf schwer gemacht”, sagt der Schauspieler, der sich nach seinem Wechsel in den Westen mit Unterhaltungsfilmen und -sendungen einen Namen gemacht hat und auch dazu steht. “Unterhaltungskino ist kein Schimpfwort”, unterstreicht er und betont gleichzeitig den Wert schöner Drehbücher, die diesen Erwartungen gerecht werden. Er habe viel mitgedacht und umgeschrieben, sagt der langjährige Tatort-Kommissar. Als Hauptkommissar Paul Stoever hat er zwischen 1984 und 2001 in der beliebten deutschen Serie mitgespielt. Die Tatsache, dass Stoever und sein Partner Peter Brockmöller bei ihrer kriminalistischen Arbeit auch mal eine Gesangseinlage hatten, geht wohl auf Krugs Kappe, der damit seinem zweiten Beruf, dem des Jazzsängers, frönt. Auch hier nochmals ein Rückblick auf den Papa, der Jazzschallplatten hörte, was sowohl in der deutschen Kriegszeit als auch in der DDR nicht wohlgesehen war.

Seinen Luxemburger Zuhörern singt Manfred Krug aus dem Stegreif nichts vor, seine angenehme Stimme führt jedoch weiter durch sein Leben. “Warum Sesamstraße und Fernsehen?” wird er gefragt. Die Antwort ist einfach. Als DDR-Flüchtling – “ich hatte nichts, außer der Verantwortung für eine Frau und drei halbwüchsige Kinder” – konnte er es sich nicht leisten, auf interessante Charakterrollen zu warten. “Ich musste Geld verdienen.” Und das ließ sich im Fernsehen leichter verdienen. Umso mehr als Krug zur Neuen Deutschen Welle keinen Bezug hatte. “Ich will als Schauspieler nicht ‚geführt‘ werden. Ich bin ein Selbsthelfer.”

Die angesetzte Interviewstunde ist längst um und Krug erzählt immer weiter. Von der “menschlichen” Seite der deutschen Krimis, von den Briefen, die er als langjähriger Fernfahrer Franz Meersdonk in der Serie “auf Achse” noch immer von seinen Kollegen bekommt, von seinen autobiografischen Büchern, in denen das alles dokumentiert ist …

(Claude Wolf/Tageblatt.lu)

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