Nov 26 2008

Premiere von “inthierryview” im Utopolis

Published by at 12:07 under Screening Room

source: www.wort.lu / Vesna Andonovic

Leben im Geschwindigkeitsrausch

Premiere von “inthierryview” im Utopolis

Der Mann ist eigentlich ein Mysterium. Denn auch wenn Thierry van Wervekes markante Züge und seine unverkennbare Persönlichkeit jedem hierzulande bekannt sind, auch wenn er fast schon ein eigenständiges Kapitel nationaler Kulturgeschichte ist, kennen wohl die wenigsten seiner Landsleute den Menschen, der sich hinter der Persona verbirgt. Andy Bauschs Dokumentarfilm „inthierryview“, der am Dienstagabend im Utopolis Premiere feierte, lüftet zwar ein klein wenig das Geheimnis, nährt aber zugleich den Mythos „Thierry National“.

Kann man einen Dokumentarfilm über einen Menschen drehen, der seine Existenz auf der Überhohlspur verbracht hat, ohne nach kürzester Zeit den Zuschauer im sinnbetäubenden Geschwindigkeitsrausch abzuhängen. Im Falle van Werveke/Bausch lautet die Antwort klar ja.

Wenngleich mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, hat Filmemacher Andy Bausch diese Gratwanderung recht souverän gemeistert. Gab seine ausgiebige Erfahrung im Dokumentarbereich ihm hier sicherlich Hilfeleistung, so ist die langjährige Freundschaft, die ihn mit seinem filmischen Weggefährten verbindet, ein eher doppelschneidiges Schwert. Sie ist es nämlich, die den Regisseur vor die schwierige Wahl stellt, ob er jemanden, der ihm nahe steht, biografisch anders – sprich beschönigend oder, im Gegenteil, umso kritischer – zu behandeln hat als einen Unbekannten.

Schauspieler, Sänger und (Über)Lebemann

Bausch hat sich entschieden, trotz zeitweise – durchaus passender – Zurückhaltung, über seinen „Kumpel“ dennoch – noch passender – recht schonungslos zu berichten.

Schlüssigerweise präsentiert der Dokumentarfilm also nicht nur die Schokoladenseite des Ruhms, sondern auch – und vor allem – van Wervekes steinigen Weg zur (inter)nationalen Anerkennung.

Eine von Revolte gezeichnete Jugend, seine Zeit als Obdachloser oder Punk in der Londoner Szene sowie Drogen- und Alkoholexzesse werden demnach nicht beschönigend dargestellt. Was so im Kontext des Mythos fast episch wirkt, stellt im Bezug zum wirklichen Leben diese tragische Dimension dar, die sicherlich zu Thierry van Wervekes Aura und seiner Wirkung auf Mitmenschen beiträgt.

 

Nuanciertes Portät

Der angeschlagene Gesundheitszustand des Protagonisten überzieht Bauschs Film zusätzlich mit einer elegieartigen Intensität, die jeder Aussage des Hauptdarstellers eine geradezu lebenswichtige Wichtigkeit verleiht. „inthierryview“ umschifft allerdings gekonnt jegliche Gefühlsduselei, die ohnehin fehl am Platz gewesen wäre.

Dem Regisseur gelingt ein nuanciertes Porträt eines Künstlers und (Über)Lebemannes, hinter dessen durchfurchtem Gesicht sich zahllose, scheinbar unvereinbare Facetten offenbaren.

Vor seinen ersten Auftritten, 1982, in Bauschs Kurzfilmen „Stefan“ und „Lupowitz“, werden die wilden Jahre des am 23. Oktober 1958 in Genf geborenen Luxemburgers nachgezeichnet. Seine Film-, Musik- und Theaterdarsteller-Karrieren werden dank zahlreicher Auszüge abwechslungsreich, auch mittels nachgestellter Szenen, illustriert. Besonders aufschlussreich sind jedoch die Interviews, die Bausch mit privaten und professionellen Gefährten geführt hat. Natürlich kommt auch die Hauptperson, Thierry van Werveke, ausgiebig zu Wort, und lässt hier und da ein paar sehr persönliche Momente zu.

Wahrheit und Fiktion

Dem Zuschauer eröffnet sich ein wahres Universum, in dem Johnny Chicago und Hamlet durchaus in ein und der selben Person koexistieren können, ohne dass dies als Anzeichen von Schizophrenie gedeutet werden könnte.

Vergessen darf man natürlich bei der Dokumentation jedoch ebenfalls nie, dass die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion, Mensch und Figur nicht klar abgestochen ist, sondern sich als „flou artistique“ offenbart. Die Antwort auf die Frage, ob man die Person hinter der Person nach den 105 Minuten besser kennt, würde demnach eher nicht lauten.

Die gemeinsamen Jahre des Aufstiegs zur persönlichen Bestimmung – Filmemacher für den einen, Schauspieler für den anderen – verbinden beide, und gibt „inthierryview“ diese spürbar menschliche, bewegende Dimension einer Geschichte zweier Freunde die, auch wenn sie noch lange nicht immer einer Meinung sind und nicht wissen was die Zukunft bringt, zusammen halten.
Der Dokumentarfilm „inthierryview“ läuft ab diesem Freitag im regulären Kinoprogramm.

 

 

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Leben im Geschwindigkeitsrausch

Premiere von “inthierryview” im Utopolis

Der Mann ist eigentlich ein Mysterium. Denn auch wenn Thierry van Wervekes markante Züge und seine unverkennbare Persönlichkeit jedem hierzulande bekannt sind, auch wenn er fast schon ein eigenständiges Kapitel nationaler Kulturgeschichte ist, kennen wohl die wenigsten seiner Landsleute den Menschen, der sich hinter der Persona verbirgt. Andy Bauschs Dokumentarfilm „inthierryview“, der am Dienstagabend im Utopolis Premiere feierte, lüftet zwar ein klein wenig das Geheimnis, nährt aber zugleich den Mythos „Thierry National“.

Kann man einen Dokumentarfilm über einen Menschen drehen, der seine Existenz auf der Überhohlspur verbracht hat, ohne nach kürzester Zeit den Zuschauer im sinnbetäubenden Geschwindigkeitsrausch abzuhängen. Im Falle van Werveke/Bausch lautet die Antwort klar ja.

Wenngleich mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, hat Filmemacher Andy Bausch diese Gratwanderung recht souverän gemeistert. Gab seine ausgiebige Erfahrung im Dokumentarbereich ihm hier sicherlich Hilfeleistung, so ist die langjährige Freundschaft, die ihn mit seinem filmischen Weggefährten verbindet, ein eher doppelschneidiges Schwert. Sie ist es nämlich, die den Regisseur vor die schwierige Wahl stellt, ob er jemanden, der ihm nahe steht, biografisch anders – sprich beschönigend oder, im Gegenteil, umso kritischer – zu behandeln hat als einen Unbekannten.

Schauspieler, Sänger und (Über)Lebemann

Bausch hat sich entschieden, trotz zeitweise – durchaus passender – Zurückhaltung, über seinen „Kumpel“ dennoch – noch passender – recht schonungslos zu berichten.

Schlüssigerweise präsentiert der Dokumentarfilm also nicht nur die Schokoladenseite des Ruhms, sondern auch – und vor allem – van Wervekes steinigen Weg zur (inter)nationalen Anerkennung.

Eine von Revolte gezeichnete Jugend, seine Zeit als Obdachloser oder Punk in der Londoner Szene sowie Drogen- und Alkoholexzesse werden demnach nicht beschönigend dargestellt. Was so im Kontext des Mythos fast episch wirkt, stellt im Bezug zum wirklichen Leben diese tragische Dimension dar, die sicherlich zu Thierry van Wervekes Aura und seiner Wirkung auf Mitmenschen beiträgt.

 

Nuanciertes Portät

Der angeschlagene Gesundheitszustand des Protagonisten überzieht Bauschs Film zusätzlich mit einer elegieartigen Intensität, die jeder Aussage des Hauptdarstellers eine geradezu lebenswichtige Wichtigkeit verleiht. „inthierryview“ umschifft allerdings gekonnt jegliche Gefühlsduselei, die ohnehin fehl am Platz gewesen wäre.

Dem Regisseur gelingt ein nuanciertes Porträt eines Künstlers und (Über)Lebemannes, hinter dessen durchfurchtem Gesicht sich zahllose, scheinbar unvereinbare Facetten offenbaren.

Vor seinen ersten Auftritten, 1982, in Bauschs Kurzfilmen „Stefan“ und „Lupowitz“, werden die wilden Jahre des am 23. Oktober 1958 in Genf geborenen Luxemburgers nachgezeichnet. Seine Film-, Musik- und Theaterdarsteller-Karrieren werden dank zahlreicher Auszüge abwechslungsreich, auch mittels nachgestellter Szenen, illustriert. Besonders aufschlussreich sind jedoch die Interviews, die Bausch mit privaten und professionellen Gefährten geführt hat. Natürlich kommt auch die Hauptperson, Thierry van Werveke, ausgiebig zu Wort, und lässt hier und da ein paar sehr persönliche Momente zu.

Wahrheit und Fiktion

Dem Zuschauer eröffnet sich ein wahres Universum, in dem Johnny Chicago und Hamlet durchaus in ein und der selben Person koexistieren können, ohne dass dies als Anzeichen von Schizophrenie gedeutet werden könnte.

Vergessen darf man natürlich bei der Dokumentation jedoch ebenfalls nie, dass die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion, Mensch und Figur nicht klar abgestochen ist, sondern sich als „flou artistique“ offenbart. Die Antwort auf die Frage, ob man die Person hinter der Person nach den 105 Minuten besser kennt, würde demnach eher nicht lauten.

Die gemeinsamen Jahre des Aufstiegs zur persönlichen Bestimmung – Filmemacher für den einen, Schauspieler für den anderen – verbinden beide, und gibt „inthierryview“ diese spürbar menschliche, bewegende Dimension einer Geschichte zweier Freunde die, auch wenn sie noch lange nicht immer einer Meinung sind und nicht wissen was die Zukunft bringt, zusammen halten.
Der Dokumentarfilm „inthierryview“ läuft ab diesem Freitag im regulären Kinoprogramm.

 

 

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