Jan 14 2014

30 Jahre RTL: Von Bartringen an die Spitze Europas

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SOURCE: http://www.wort.lu

Vorsichtig beugt sich der Mediziner im grünen OP-Kittel nach vorne, nestelt, umringt von ebenfalls grün gekleideten Helfern, an seiner imaginären Patientin herum und hebt kurz darauf zufrieden das „Kind“ in die Höhe, das er soeben „zur Welt gebracht“ hat: einen Fernseher, auf dessen Bildschirm ein neues Senderlogo zu sehen ist. Das Team der Geburtshelfer ist sich umgehend einig: „ein Prachtexemplar!“

Origineller Start

So ungewöhnlich wie einfallsreich startete vor drei Jahrzehnten, am 2. Januar 1984, um 17.27 Uhr eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Mediengeschichte: Mit diesem dreiminütigen Clip begann der Sendebetrieb des deutschsprachigen Fernsehablegers von Radio Luxemburg: RTLplus.

30 Jahre später ist dieser Sender, der heute nur noch RTL heißt, der Marktführer unter den deutschen Privatsendern und der erfolgreichste in Europa. Den „Chefarzt“ in der „Geburtsstunde“ stellte Rainer Holbe dar, damals eine der bekanntesten Stimmen des in Deutschland populären Radio-Luxemburg-Programms. Wie er wurden in den Anfangsjahren die beliebten Moderatoren aus dem Radio zu den Köpfen des TV-Ablegers. Jochen Pützenbacher, Matthias Krings, Hugo-Egon Balder oder Björn Hergen Schimpf – sie präsentierten die Inhalte in dem neuen TV-Programm, das vor allem eins sein wollte: anders als das der Arrivierten vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Denn RTLplus war ein Pionier des Privatfernsehens in Deutschland. Zwar gingen die Luxemburger erst einen Tag nach der offiziell ersten rein werbefinanzierten TV-Station in Deutschland, dem Kabelpilotprojekt Ludwigshafen (aus dem später Sat.1 erwuchs), auf Sendung. Aber nach einigen Anlaufschwierigkeiten avancierte RTLplus ab den 1990er Jahren zum erfolgreichsten Privatsender im Lande.

Kanal 7 gesucht!

In den ersten Monaten konnte nur eine verschwindend geringe Anzahl von Haushalten das rein terrestrisch (also über analoge Antenne) von Düdelingen aus verbreitete Fernsehprogramm überhaupt empfangen: Rund 200000 Haushalte in der Grenzregion Luxemburg/Saarland/Rheinland-Pfalz waren technisch in der Lage, den Sender im VHF-Kanal 7 zu sehen.

Die Zahl 7 spielte auch eine nicht unwesentliche Rolle in der Programmstruktur von RTLplus in den ersten Tagen: „7 vor 7“ hieß die Hauptnachrichtensendung der Luxemburger, die jeden Tag zur nämlichen Uhrzeit ausgestrahlt wurde – moderiert von Hans Meiser, Geert Müller-Gerbes, Björn Hergen Schimpf und (für den Sport) Uli Potofski. Der Ton und das Auftreten der Moderatoren waren lockerer, die Sprache leichter verständlich, das Ambiente weniger staatstragend als bei den Öffentlich-Rechtlichen. Hans Meiser erinnert sich in einem Interview: „Wir hatten alle Freiheiten dieser Welt, denn wir wussten eigentlich, dass uns kaum einer sehen konnte in den ersten Wochen.“

Und die Macher von RTLplus um den umtriebigen und eloquenten Geschäftsführer Helmut Thoma nutzten diese Freiheit für Programm-Experimente, die für das deutsche Fernsehen jener Zeit revolutionär waren. So kommentierte ab September 1984 Stoffpuppe „Karlchen“, gesprochen von Björn Hergen Schimpf, als TV-Lümmel vom Dienst direkt im Anschluss an die Nachrichten die Ereignisse des Tages.


„RTL Samstag Nacht“ machte das Comedy-Genre in Deutschland populär. Die  Sketchparade heimste für RTL über Jahre Top-Quoten ein. Foto: RTL

Zu einem der größten Erfolge der Anfangsjahre wurde das aus dem Radio adaptierte Reisequiz „Ein Tag wie kein anderer“. Im Januar 1985 führte der Sender mit „Dall-As“ eine etwas andere Talkshow ein. Gastgeber Karl Dall hielt nicht viel von Etikette, pöbelte gern mal seine Gäste an und begeisterte mit losem Mundwerk und brachialer Komik, die nicht selten unter die Gürtellinie ging, die Zuschauer. Erika Berger sorgte mit ihrer telefonischen Erotik-Beratung in „Eine Chance für die Liebe“ ab Februar 1987 für großes Aufsehen in der deutschen Fernsehlandschaft. Kultstatus gerade unter jungen Zuschauern erlangte die US-Serie „Knight Rider“ mit David Hasselhoff, die ab August 1985 bei RTLplus lief.

1988: RTLplus wird deutsch

Zu jener Zeit folgte ein wichtiger Meilenstein für den rasanten Aufstieg von RTLplus: Ab August 1985 war das Programm bundesweit über Satellit zu empfangen. Nur zwei Jahre darauf endete die Geschichte von RTLplus als luxemburgisches Programm: In der Neujahrsnacht 1988 zog der komplette Sender nach Köln um. Mit dem Standortwechsel verbunden war das Ergattern einer terrestrischen Sendefrequenz in Nordrhein-Westfalen, wodurch der Sender auf einen Schlag einige Millionen Haushalte mehr erreichen konnte.

Auch inhaltlich änderte sich einiges: Die vertrauten (Radio-)Gesichter der Anfangstage wurden durch Newcomer ersetzt, das Programm deutlich umgekrempelt. Es waren die Jahre der raschen Veränderungen, als ein neues selbst entwickeltes Sendeformat nach dem anderen den Weg ins Programm fand – und meist höchst erfolgreich. Im Mai 1988 startete „Alles Nichts Oder?!“, eine skurrile Spielshow mit Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen, die noch heute Kultstatus besitzt.

Im Januar 1989 lief erstmals „Explosiv – Der heiße Stuhl“, eine fürs deutsche Fernsehen völlig ungewohnte Form von TV-Diskussion, die mit provokanten Themen und einer bewusst auf Eskalation zielenden Konzeption für hitzige Debatten auch nach den Sendungen sorgt. Diese Sendung war es auch, die RTLplus den ersten handfesten Skandal bescherte: Am 10. Dezember 1991 enthüllte der streitbare, bekennend homosexuelle Regisseur Rosa von Praunheim auf dem „heißen Stuhl“, dass bekannte TV-Stars wie Alfred Biolek und Hape Kerkeling ebenfalls gleichgeschlechtlich orientiert sind – ohne das Wissen und gegen den Willen der Betroffenen.

Mit Enthüllungen ganz anderer Art machte ab Januar 1990 die Stripshow „Tutti Frutti“ Quoten. Sie trieb ebenso die TV-Kritiker auf die Palme wie die Mutter aller Gameshows, „Der Preis ist heiß“, die ab April 1989 bei RTLplus zu sehen war. Den gewitzten Senderchef jener Tage, Helmut Thoma, focht das nicht an: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“ war eines seiner legendären Bonmots, mit denen er das professionelle Wehklagen über das vermeintlich niedrige Niveau des Programms zu parieren pflegte.

1992: Abschied vom „plus“

Und der Erfolg gab den Machern von RTLplus Recht. In rascher Erfolge brachten sie neue Show- oder Magazinformate ins Programm, die allesamt zu großen Erfolgen wurden: An Silvester 1990 lief erstmals die „Mini-Playback-Show“, moderiert von Marijke Amado. Im April desselben Jahres war das von Günter Jauch moderierte Magazin „Stern TV“ gestartet, das es heute noch gibt. Im Oktober 1990 flimmerte die erste eigenproduzierte Serie des Senders über die Mattscheibe: „Ein Schloss am Wörthersee“ mit Ex-Schlagerstar Roy Black in der Hauptrolle wurde zu einem wahren Quotenhit. Im Januar 1992 lud Linda de Mol erstmals zu ihrer „Traumhochzeit“, im Mai dieses Jahres brachte „Explosiv“ mit Barbara Eligmann den Boulevard-Journalismus ins Fernsehen. Am selben Tag startete „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, die erste tägliche Seifenoper.

Im September 1992 eine weitere Innovation: Ex-Nachrichtenmann Hans Meiser sattelte um und präsentierte fortan eine tägliche Talkshow – auch das mit großem Erfolg und vielen Nachahmern. Das galt ebenso für die im November 1993 gestartete Comedyshow „RTL Samstag Nacht“. Die Sketchparade mit Wigald Boning, Esther Schweins, Olli Dietrich, Stefan Jürgens, Tanja Schumann und Mirco Nontschew legte den Grundstein für ein ganzes Unterhaltungsgenre. 1994 machte „Exclusiv – das Starmagazin“ die Welt der Stars und Sternchen im deutschen Fernsehen hoffähig. 1996 setzte „Alarm für Cobra 11“ als erste deutsche Actionserie neue Maßstäbe – und läuft noch heute.

Die rasanten Veränderungen im Programm jener Jahre machten deutlich: Die fröhliche Anarchie der Gründertage war einer steigenden Professionalität gewichen. Der Sender war erwachsener geworden, hatte sich vom unbekümmerten Experimentier-Labor der Luxemburger Tage emanzipiert – und war auf dem Weg dorthin zum größten Werbeträger Deutschlands und Marktführer unter den TV-Sendern geworden. Mit dieser Abnabelung begründeten die Verantwortlichen denn auch, dass sie ab Dezember 1992 den Sendernamen auf „RTL“ verkürzten und den Zusatz „plus“ fortan wegließen.

1998: Zeiler folgt auf Thoma

Im November 1998 gab es eine Zäsur: Der langjährige Geschäftsführer Helmut Thoma, der RTL zu dem Erfolgsprodukt gemacht hatte, das es heute noch ist, übergab den Stab an Gerhard Zeiler, zuvor Intendant des österreichischen ORF. Er führte RTL höchst erfolgreich ins neue Jahrtausend. Unter Zeilers Ägide schafften Formate den Sprung ins Programm, die heute noch zu den festen Stützen (und Quotenbringern) von RTL zählen: 1999 sorgte Günter Jauch mit „Wer wird Millionär?“ für eine Wiederbelebung des tot geglaubten Quizshow-Genres. 2002 hieß es erstmals „Deutschland sucht den Superstar“ – die Geburtsstunde aller Castingshows im deutschen Fernsehen.

Aber nicht nur im Unterhaltungsbereich konnte der Sender sein Profil schärfen: Als am 11. September 2001 islamistische Terroristen gekaperte Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center steuerten, reagierte RTL mit einer Sondersendung – die zur längsten in der Sendergeschichte wurde: Nachrichtenmann Peter Klöppel informierte über sieben Stunden lang nonstop über die aktuellen Entwicklungen. Dafür erhielt der Journalist einen Spezial-Preis vom renommierten Grimme-Institut.

Im September 2005 gab es einen erneuten Wechsel in der Chefetage des Senders: Anke Schäferkordt trat die Nachfolge von Gerhard Zeiler an. Der Sender machte in der Folgezeit mit qualitativ hochwertigen US-Serien („CSI“, „Dr. House“) und neuen Show-Formaten von sich reden: „Let’s dance“, „Bauer sucht Frau“ und vor allem die Dschungel-Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ sorgen für Schlagzeilen und Top-Quoten bis heute.

Von Köln nach Köln

Im Jahr 2010 stand für den Sender ein erneuter Umzug an, diesmal innerhalb von Köln: RTL verlegte seinen Standort von Junkersdorf auf der linken Rheinseite nach Deutz auf die rechte Rheinseite. 2013 gab es wieder einen Führungswechsel: Frank Hofmann übernahm die Position des RTL-Geschäftsführers und soll den Sender in sein viertes Lebensjahrzehnt führen.

Keine leichte Aufgabe, denn der Kampf um Marktanteile ist noch härter geworden. Zudem blieben in den vergangenen Jahren echte Innovationen im Programm aus, der Sender setzte stark auf Bewährtes, auch die Kritik unter anderem an fiktiven Doku-Formaten und gescheiterten neuen Shows und Serien wurde lauter. Dennoch trifft die Einschätzung von Sender-Pionier Hans Meiser durchaus ins Schwarze: „Ich bin überzeugt, dass RTL in den drei Jahrzehnten dazu beitrug, dass sich das deutsche Fernsehen auch zum Positiven verändert hat.“

RTL-Jubiläumsparty
Thomas Gottschalk lässt bitten

Mit zwei großen Geburtstagsshows blickt RTL am Freitag und Samstag, 3. und 4. Januar, jeweils um 20.15 Uhr zurück in die eigene Geschichte. Gastgeber Thomas Gottschalk begrüßt an diesen Abenden zahlreiche Stars und Moderatoren, die dem Sender ein Gesicht gegeben haben. Gemeinsam mit seinen Gästen lässt Gottschalk die schönsten, aufregendsten und kuriosesten Momente aus 30 Jahren RTL Revue passieren, garniert mit persönlichen Erinnerungen der Menschen, die seit drei Jahrzehnten ihr ganz eigenes Kapitel zur RTL-Erfolgsgeschichte beigetragen haben.

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Vorsichtig beugt sich der Mediziner im grünen OP-Kittel nach vorne, nestelt, umringt von ebenfalls grün gekleideten Helfern, an seiner imaginären Patientin herum und hebt kurz darauf zufrieden das „Kind“ in die Höhe, das er soeben „zur Welt gebracht“ hat: einen Fernseher, auf dessen Bildschirm ein neues Senderlogo zu sehen ist. Das Team der Geburtshelfer ist sich umgehend einig: „ein Prachtexemplar!“

Origineller Start

So ungewöhnlich wie einfallsreich startete vor drei Jahrzehnten, am 2. Januar 1984, um 17.27 Uhr eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Mediengeschichte: Mit diesem dreiminütigen Clip begann der Sendebetrieb des deutschsprachigen Fernsehablegers von Radio Luxemburg: RTLplus.

30 Jahre später ist dieser Sender, der heute nur noch RTL heißt, der Marktführer unter den deutschen Privatsendern und der erfolgreichste in Europa. Den „Chefarzt“ in der „Geburtsstunde“ stellte Rainer Holbe dar, damals eine der bekanntesten Stimmen des in Deutschland populären Radio-Luxemburg-Programms. Wie er wurden in den Anfangsjahren die beliebten Moderatoren aus dem Radio zu den Köpfen des TV-Ablegers. Jochen Pützenbacher, Matthias Krings, Hugo-Egon Balder oder Björn Hergen Schimpf – sie präsentierten die Inhalte in dem neuen TV-Programm, das vor allem eins sein wollte: anders als das der Arrivierten vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Denn RTLplus war ein Pionier des Privatfernsehens in Deutschland. Zwar gingen die Luxemburger erst einen Tag nach der offiziell ersten rein werbefinanzierten TV-Station in Deutschland, dem Kabelpilotprojekt Ludwigshafen (aus dem später Sat.1 erwuchs), auf Sendung. Aber nach einigen Anlaufschwierigkeiten avancierte RTLplus ab den 1990er Jahren zum erfolgreichsten Privatsender im Lande.

Kanal 7 gesucht!

In den ersten Monaten konnte nur eine verschwindend geringe Anzahl von Haushalten das rein terrestrisch (also über analoge Antenne) von Düdelingen aus verbreitete Fernsehprogramm überhaupt empfangen: Rund 200000 Haushalte in der Grenzregion Luxemburg/Saarland/Rheinland-Pfalz waren technisch in der Lage, den Sender im VHF-Kanal 7 zu sehen.

Die Zahl 7 spielte auch eine nicht unwesentliche Rolle in der Programmstruktur von RTLplus in den ersten Tagen: „7 vor 7“ hieß die Hauptnachrichtensendung der Luxemburger, die jeden Tag zur nämlichen Uhrzeit ausgestrahlt wurde – moderiert von Hans Meiser, Geert Müller-Gerbes, Björn Hergen Schimpf und (für den Sport) Uli Potofski. Der Ton und das Auftreten der Moderatoren waren lockerer, die Sprache leichter verständlich, das Ambiente weniger staatstragend als bei den Öffentlich-Rechtlichen. Hans Meiser erinnert sich in einem Interview: „Wir hatten alle Freiheiten dieser Welt, denn wir wussten eigentlich, dass uns kaum einer sehen konnte in den ersten Wochen.“

Und die Macher von RTLplus um den umtriebigen und eloquenten Geschäftsführer Helmut Thoma nutzten diese Freiheit für Programm-Experimente, die für das deutsche Fernsehen jener Zeit revolutionär waren. So kommentierte ab September 1984 Stoffpuppe „Karlchen“, gesprochen von Björn Hergen Schimpf, als TV-Lümmel vom Dienst direkt im Anschluss an die Nachrichten die Ereignisse des Tages.


„RTL Samstag Nacht“ machte das Comedy-Genre in Deutschland populär. Die  Sketchparade heimste für RTL über Jahre Top-Quoten ein. Foto: RTL

Zu einem der größten Erfolge der Anfangsjahre wurde das aus dem Radio adaptierte Reisequiz „Ein Tag wie kein anderer“. Im Januar 1985 führte der Sender mit „Dall-As“ eine etwas andere Talkshow ein. Gastgeber Karl Dall hielt nicht viel von Etikette, pöbelte gern mal seine Gäste an und begeisterte mit losem Mundwerk und brachialer Komik, die nicht selten unter die Gürtellinie ging, die Zuschauer. Erika Berger sorgte mit ihrer telefonischen Erotik-Beratung in „Eine Chance für die Liebe“ ab Februar 1987 für großes Aufsehen in der deutschen Fernsehlandschaft. Kultstatus gerade unter jungen Zuschauern erlangte die US-Serie „Knight Rider“ mit David Hasselhoff, die ab August 1985 bei RTLplus lief.

1988: RTLplus wird deutsch

Zu jener Zeit folgte ein wichtiger Meilenstein für den rasanten Aufstieg von RTLplus: Ab August 1985 war das Programm bundesweit über Satellit zu empfangen. Nur zwei Jahre darauf endete die Geschichte von RTLplus als luxemburgisches Programm: In der Neujahrsnacht 1988 zog der komplette Sender nach Köln um. Mit dem Standortwechsel verbunden war das Ergattern einer terrestrischen Sendefrequenz in Nordrhein-Westfalen, wodurch der Sender auf einen Schlag einige Millionen Haushalte mehr erreichen konnte.

Auch inhaltlich änderte sich einiges: Die vertrauten (Radio-)Gesichter der Anfangstage wurden durch Newcomer ersetzt, das Programm deutlich umgekrempelt. Es waren die Jahre der raschen Veränderungen, als ein neues selbst entwickeltes Sendeformat nach dem anderen den Weg ins Programm fand – und meist höchst erfolgreich. Im Mai 1988 startete „Alles Nichts Oder?!“, eine skurrile Spielshow mit Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen, die noch heute Kultstatus besitzt.

Im Januar 1989 lief erstmals „Explosiv – Der heiße Stuhl“, eine fürs deutsche Fernsehen völlig ungewohnte Form von TV-Diskussion, die mit provokanten Themen und einer bewusst auf Eskalation zielenden Konzeption für hitzige Debatten auch nach den Sendungen sorgt. Diese Sendung war es auch, die RTLplus den ersten handfesten Skandal bescherte: Am 10. Dezember 1991 enthüllte der streitbare, bekennend homosexuelle Regisseur Rosa von Praunheim auf dem „heißen Stuhl“, dass bekannte TV-Stars wie Alfred Biolek und Hape Kerkeling ebenfalls gleichgeschlechtlich orientiert sind – ohne das Wissen und gegen den Willen der Betroffenen.

Mit Enthüllungen ganz anderer Art machte ab Januar 1990 die Stripshow „Tutti Frutti“ Quoten. Sie trieb ebenso die TV-Kritiker auf die Palme wie die Mutter aller Gameshows, „Der Preis ist heiß“, die ab April 1989 bei RTLplus zu sehen war. Den gewitzten Senderchef jener Tage, Helmut Thoma, focht das nicht an: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“ war eines seiner legendären Bonmots, mit denen er das professionelle Wehklagen über das vermeintlich niedrige Niveau des Programms zu parieren pflegte.

1992: Abschied vom „plus“

Und der Erfolg gab den Machern von RTLplus Recht. In rascher Erfolge brachten sie neue Show- oder Magazinformate ins Programm, die allesamt zu großen Erfolgen wurden: An Silvester 1990 lief erstmals die „Mini-Playback-Show“, moderiert von Marijke Amado. Im April desselben Jahres war das von Günter Jauch moderierte Magazin „Stern TV“ gestartet, das es heute noch gibt. Im Oktober 1990 flimmerte die erste eigenproduzierte Serie des Senders über die Mattscheibe: „Ein Schloss am Wörthersee“ mit Ex-Schlagerstar Roy Black in der Hauptrolle wurde zu einem wahren Quotenhit. Im Januar 1992 lud Linda de Mol erstmals zu ihrer „Traumhochzeit“, im Mai dieses Jahres brachte „Explosiv“ mit Barbara Eligmann den Boulevard-Journalismus ins Fernsehen. Am selben Tag startete „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, die erste tägliche Seifenoper.

Im September 1992 eine weitere Innovation: Ex-Nachrichtenmann Hans Meiser sattelte um und präsentierte fortan eine tägliche Talkshow – auch das mit großem Erfolg und vielen Nachahmern. Das galt ebenso für die im November 1993 gestartete Comedyshow „RTL Samstag Nacht“. Die Sketchparade mit Wigald Boning, Esther Schweins, Olli Dietrich, Stefan Jürgens, Tanja Schumann und Mirco Nontschew legte den Grundstein für ein ganzes Unterhaltungsgenre. 1994 machte „Exclusiv – das Starmagazin“ die Welt der Stars und Sternchen im deutschen Fernsehen hoffähig. 1996 setzte „Alarm für Cobra 11“ als erste deutsche Actionserie neue Maßstäbe – und läuft noch heute.

Die rasanten Veränderungen im Programm jener Jahre machten deutlich: Die fröhliche Anarchie der Gründertage war einer steigenden Professionalität gewichen. Der Sender war erwachsener geworden, hatte sich vom unbekümmerten Experimentier-Labor der Luxemburger Tage emanzipiert – und war auf dem Weg dorthin zum größten Werbeträger Deutschlands und Marktführer unter den TV-Sendern geworden. Mit dieser Abnabelung begründeten die Verantwortlichen denn auch, dass sie ab Dezember 1992 den Sendernamen auf „RTL“ verkürzten und den Zusatz „plus“ fortan wegließen.

1998: Zeiler folgt auf Thoma

Im November 1998 gab es eine Zäsur: Der langjährige Geschäftsführer Helmut Thoma, der RTL zu dem Erfolgsprodukt gemacht hatte, das es heute noch ist, übergab den Stab an Gerhard Zeiler, zuvor Intendant des österreichischen ORF. Er führte RTL höchst erfolgreich ins neue Jahrtausend. Unter Zeilers Ägide schafften Formate den Sprung ins Programm, die heute noch zu den festen Stützen (und Quotenbringern) von RTL zählen: 1999 sorgte Günter Jauch mit „Wer wird Millionär?“ für eine Wiederbelebung des tot geglaubten Quizshow-Genres. 2002 hieß es erstmals „Deutschland sucht den Superstar“ – die Geburtsstunde aller Castingshows im deutschen Fernsehen.

Aber nicht nur im Unterhaltungsbereich konnte der Sender sein Profil schärfen: Als am 11. September 2001 islamistische Terroristen gekaperte Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center steuerten, reagierte RTL mit einer Sondersendung – die zur längsten in der Sendergeschichte wurde: Nachrichtenmann Peter Klöppel informierte über sieben Stunden lang nonstop über die aktuellen Entwicklungen. Dafür erhielt der Journalist einen Spezial-Preis vom renommierten Grimme-Institut.

Im September 2005 gab es einen erneuten Wechsel in der Chefetage des Senders: Anke Schäferkordt trat die Nachfolge von Gerhard Zeiler an. Der Sender machte in der Folgezeit mit qualitativ hochwertigen US-Serien („CSI“, „Dr. House“) und neuen Show-Formaten von sich reden: „Let’s dance“, „Bauer sucht Frau“ und vor allem die Dschungel-Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ sorgen für Schlagzeilen und Top-Quoten bis heute.

Von Köln nach Köln

Im Jahr 2010 stand für den Sender ein erneuter Umzug an, diesmal innerhalb von Köln: RTL verlegte seinen Standort von Junkersdorf auf der linken Rheinseite nach Deutz auf die rechte Rheinseite. 2013 gab es wieder einen Führungswechsel: Frank Hofmann übernahm die Position des RTL-Geschäftsführers und soll den Sender in sein viertes Lebensjahrzehnt führen.

Keine leichte Aufgabe, denn der Kampf um Marktanteile ist noch härter geworden. Zudem blieben in den vergangenen Jahren echte Innovationen im Programm aus, der Sender setzte stark auf Bewährtes, auch die Kritik unter anderem an fiktiven Doku-Formaten und gescheiterten neuen Shows und Serien wurde lauter. Dennoch trifft die Einschätzung von Sender-Pionier Hans Meiser durchaus ins Schwarze: „Ich bin überzeugt, dass RTL in den drei Jahrzehnten dazu beitrug, dass sich das deutsche Fernsehen auch zum Positiven verändert hat.“

RTL-Jubiläumsparty
Thomas Gottschalk lässt bitten

Mit zwei großen Geburtstagsshows blickt RTL am Freitag und Samstag, 3. und 4. Januar, jeweils um 20.15 Uhr zurück in die eigene Geschichte. Gastgeber Thomas Gottschalk begrüßt an diesen Abenden zahlreiche Stars und Moderatoren, die dem Sender ein Gesicht gegeben haben. Gemeinsam mit seinen Gästen lässt Gottschalk die schönsten, aufregendsten und kuriosesten Momente aus 30 Jahren RTL Revue passieren, garniert mit persönlichen Erinnerungen der Menschen, die seit drei Jahrzehnten ihr ganz eigenes Kapitel zur RTL-Erfolgsgeschichte beigetragen haben.

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