Mar 19 2014

Deutsche Disziplin, französisches Strahlen

Published by at 01:34 under Acting,TV

SOURCE: http://www.weser-kurier.de

Die Hauptrolle eines Eventfilms mit einer unbekannten Darstellerin zu besetzen, erfordert einiges an Mut. Mut, den man deutschen TV-Sendern gerne abspricht. Die talentierte Luxemburgerin Vicky Krieps, 30, könnte die hohen Erwartungen jedoch rechtfertigen. Von Eric Leimann

“Vicky, wer…”, fragte Fernsehspielchefin Heike Hempel, als man ihr eine Schauspielerin präsentierte, die für die alles tragende Hauptrolle in der ZDF-Eventproduktion “Elly Beinhorn” vorgesehen war. Vicky Krieps, Typ mädchenhafte Brünette, war bis dahin nur wenigen Experten aufgefallen. Sie spielte lediglich Nebenrollen – das jedoch meist recht eindrucksvoll. Unter anderem als verführerische Französin im ARD-Drama “Rommel”. Da machte sie Ulrich Tukur schöne Augen, blieb dabei aber stets französisch mysteriös. Nach dem historischen Flieger-Biopic “Elly Beinhorn – Alleinflug” (Sonntag, 30.03., 20.15 Uhr, ZDF)” werden selbst Menschen, die nicht im Filmgeschäft zu Hause sind, weitaus seltener fragen, wer nur diese Vicky ist.

Zwischen kulturellen Welten und Sprachen zu tanzen, fällt der 30-Jährigen leicht. Als Tochter einer Deutschen und eines Luxemburgers ist sie im kleinen Land des Vaters zweisprachig aufgewachsen. Auch Englisch spricht Vicky Krieps dialektfrei. Die Aufnahmeprüfung an einer Londoner Schauspielschule hatte sie bereits bestanden. Trotzdem zog sie eine Ausbildung in Zürich vor – weil sie sich vor Ort in den See verliebt hatte. An vielen renommierten Schauspielschulen war Vicky Krieps als Bewerberin vor etwa acht Jahren in der Endrunde, was zweifelsfrei fürs Talent der Mutter einer heute dreieinhalbjährigen Tochter spricht.

Dabei schien ihr der Schauspielerberuf wenige Jahre zuvor in etwa so wahrscheinlich wie eine Karriere als Astronautin. “Wenn man als Schauspieler aus Luxemburg kommt, ist das so, als käme man in Deutschland aus einer Kleinstadt irgendwo hinter den Bergen”, sagt Vicky Krieps. “Schauspieler sein, das ist in Luxemburg lange Zeit nicht als Beruf anerkannt worden. Ich persönlich kannte niemanden, der Schauspieler war.”

Als ihr ein Lehrer, der mit den Schülern Theater spielte, empfahl, sich an Schauspielschulen zu bewerben, habe sie erst mal geweint, erinnert sich Vicky Krieps. So überfordernd war die Idee für ein Mädchen, das mit einem Jurastudium geliebäugelt hatte. Nein, eine Filmfamilie ist es nicht, aus der sie kommt. Ihre deutsche Mutter hat Kunst studiert, der Vater ist in der luxemburgischen Kulturpolitik beschäftigt. Dessen Vater war ein bekannter Menschenrechtler, der unter den Nazis im KZ saß. Im Gegensatz dazu, gibt Vicky Krieps zu, war ihr deutscher Großvater ein hohes Tier in der Wehrmacht. Dabei findet sie ihre deutsch-luxemburgische oder eher frankophile Zerrissenheit schon immer als Vorteil, als besondere Perspektive. Krieps, die auch in französischen Kinoproduktionen wie “Avant l’hiver” von Philippe Claudel (“So viele Jahre liebe ich dich”) spielte, hat sich nach dem Abitur und einem Jahr als Entwicklungshelferin in Afrika dennoch bewusst vor allem an deutschsprachigen Schauspielschulen beworben – und nicht in Frankreich.

“Ich habe mich für Deutschland entschieden, weil ich mir Theater und Schauspieler beider Länder angeschaut habe und die deutschen damals irgendwie authentischer und kraftvoller fand.” Diese strategische Vorgehensweise ist durchaus typisch für Vicky Krieps. Auch wenn sie abseits der Kamera auf freundliche Weise verträumt wirkt, fast so wie ein spätes Hippiemädchen, das sich in Filmbranche verirrt hat, verwandelt sich die Freundin von Jonas Laux (“SOKO Wismar”) in eine akribische Anwältin der eigenen Interessen und Projekte. Nach Berlin, wo sie heute mit Mann und Kind lebt, sei sie gekommen, um in jungen Jahren zu inszenieren. Sie hatte ein Stück geschrieben, das gesehen wurde und welches sie für das “Junge Staatstheater Berlin” auf die Bühne bringen sollte. Etwa um diese Zeit wurde Vicky Krieps von der einflussreichen Casterin Simone Bär auch für Filmrollen entdeckt. Noch heute hält Krieps Simone Bär für ihre größte Förderin.

Dennoch war ihre erste Rolle einem Zufall geschuldet. Für die Schauspielerin Friederike Becht und den Film “Westwind” suchte man eine Zwillingsschwester. Weil tatsächlich eine unverkennbare Ähnlichkeit zu sehen ist, fiel die Wahl auf die damals völlig unbekannte Vicky Krieps. Es folgten neben Produktionen in Frankreich und England nun auch Rollen in Deutschland. In “Anonymus” oder “Die Vermessung der Welt” beispielsweise. Über jenen irgendwie französischen Touch, der Vicky Krieps in ihren Rollen oft etwas mehr schillern lässt als nüchterne deutsche Kolleginnen, kann die disziplinierte Actrice nur lachen. Auf die Frage, was bei einem französischen Film anders sei, kommt sie neben dem Hinweise auf den Wein beim Dreh-Catering vor allem auf einen unterschiedlichen Umgang mit weiblicher Schönheit zu sprechen. “In Frankreich wird sehr viel mehr Wert auf Kostüm und Accessoires gelegt, man schneidert sozusagen alles auf die Figur und wird die ganze Zeit darauf angesprochen, wie toll etwas aussieht. In Deutschland stopft man dich als Schauspielerin einfach in einen Rollpulli. Hauptsache es sieht authentisch aus und kommt aus dem Fundus.”

Dass sie mit der deutschen Methode ein Problem hätte, hört man aus dieser Anekdote nicht heraus. Vicky Krieps ist einfach, so wie es ihre Herkunft verlangt, neutral. Für ihre erste Hauptrolle , die deutsche Fliegerpionierin Elly Beinhorn, findet sie nach dem Studium unzähliger Biografien und Dokumentationen nur lobende Worte: “Die Frau hätte zehn Filme verdient, so reichhaltig und spannend war ihr Leben.” Tatsächlich war der Flugdarling der 20er- und 30-er-Jahre eine ungeheuer moderne Frau. Selbst in ihrer kurzen Ehe mit dem berühmten Rennfahrer Bernd Rosemeyer, der 1938 tödlich verunglückte und aus welcher der den Film beratende Sohn Bernd Rosemeyer jun. stammt, ging es modern zu. Das deutsche Sport-Power Couple der 30er-Jahre plante seine Projekte emanzipatorisch wie heute ein modernes berufstätiges Ehepaar.

“Ich kann mir jetzt schon vorstellen, dass der Zuschauer denken könnte, wir haben uns diese modernen, emanzipierten Dialoge zwischen Elly Beinhorn und ihrem Mann ausgedacht”, erzählt Vicky Krieps. “All diese Gespräche sind aber durch ihre geschriebene Biografie verbürgt. Sie war ihrer Zeit wirklich weit voraus.” Nach “Elly Beinhorn” kommt nun ein weiterer Historienfilm auf die 30-jährige Wahlberlinerin zu. In der Romanverfilmung “Das Zeugenhaus”, die gerade unter der Regie von Matti Geschonneck nach einem Drehbuch von Magnus Vattrodt (“Das Ende einer Nacht”) fürs ZDF entsteht, spielt Vicky Krieps an der Seite von Iris Berben und Matthias Brandt. In dem ambitionierten Projekt, das 2015 ausgestrahlt werden soll, verkörpert Krieps die französische Résistance-Kämpferin Marie-Claude Vaillant-Couturier, die während der Nürnberger Prozesse aussagt. Auch bei diesem Projekt kann Vicky Krieps wieder einmal zwischen deutscher und französischer Welt wandeln.

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Die Hauptrolle eines Eventfilms mit einer unbekannten Darstellerin zu besetzen, erfordert einiges an Mut. Mut, den man deutschen TV-Sendern gerne abspricht. Die talentierte Luxemburgerin Vicky Krieps, 30, könnte die hohen Erwartungen jedoch rechtfertigen. Von Eric Leimann

“Vicky, wer…”, fragte Fernsehspielchefin Heike Hempel, als man ihr eine Schauspielerin präsentierte, die für die alles tragende Hauptrolle in der ZDF-Eventproduktion “Elly Beinhorn” vorgesehen war. Vicky Krieps, Typ mädchenhafte Brünette, war bis dahin nur wenigen Experten aufgefallen. Sie spielte lediglich Nebenrollen – das jedoch meist recht eindrucksvoll. Unter anderem als verführerische Französin im ARD-Drama “Rommel”. Da machte sie Ulrich Tukur schöne Augen, blieb dabei aber stets französisch mysteriös. Nach dem historischen Flieger-Biopic “Elly Beinhorn – Alleinflug” (Sonntag, 30.03., 20.15 Uhr, ZDF)” werden selbst Menschen, die nicht im Filmgeschäft zu Hause sind, weitaus seltener fragen, wer nur diese Vicky ist.

Zwischen kulturellen Welten und Sprachen zu tanzen, fällt der 30-Jährigen leicht. Als Tochter einer Deutschen und eines Luxemburgers ist sie im kleinen Land des Vaters zweisprachig aufgewachsen. Auch Englisch spricht Vicky Krieps dialektfrei. Die Aufnahmeprüfung an einer Londoner Schauspielschule hatte sie bereits bestanden. Trotzdem zog sie eine Ausbildung in Zürich vor – weil sie sich vor Ort in den See verliebt hatte. An vielen renommierten Schauspielschulen war Vicky Krieps als Bewerberin vor etwa acht Jahren in der Endrunde, was zweifelsfrei fürs Talent der Mutter einer heute dreieinhalbjährigen Tochter spricht.

Dabei schien ihr der Schauspielerberuf wenige Jahre zuvor in etwa so wahrscheinlich wie eine Karriere als Astronautin. “Wenn man als Schauspieler aus Luxemburg kommt, ist das so, als käme man in Deutschland aus einer Kleinstadt irgendwo hinter den Bergen”, sagt Vicky Krieps. “Schauspieler sein, das ist in Luxemburg lange Zeit nicht als Beruf anerkannt worden. Ich persönlich kannte niemanden, der Schauspieler war.”

Als ihr ein Lehrer, der mit den Schülern Theater spielte, empfahl, sich an Schauspielschulen zu bewerben, habe sie erst mal geweint, erinnert sich Vicky Krieps. So überfordernd war die Idee für ein Mädchen, das mit einem Jurastudium geliebäugelt hatte. Nein, eine Filmfamilie ist es nicht, aus der sie kommt. Ihre deutsche Mutter hat Kunst studiert, der Vater ist in der luxemburgischen Kulturpolitik beschäftigt. Dessen Vater war ein bekannter Menschenrechtler, der unter den Nazis im KZ saß. Im Gegensatz dazu, gibt Vicky Krieps zu, war ihr deutscher Großvater ein hohes Tier in der Wehrmacht. Dabei findet sie ihre deutsch-luxemburgische oder eher frankophile Zerrissenheit schon immer als Vorteil, als besondere Perspektive. Krieps, die auch in französischen Kinoproduktionen wie “Avant l’hiver” von Philippe Claudel (“So viele Jahre liebe ich dich”) spielte, hat sich nach dem Abitur und einem Jahr als Entwicklungshelferin in Afrika dennoch bewusst vor allem an deutschsprachigen Schauspielschulen beworben – und nicht in Frankreich.

“Ich habe mich für Deutschland entschieden, weil ich mir Theater und Schauspieler beider Länder angeschaut habe und die deutschen damals irgendwie authentischer und kraftvoller fand.” Diese strategische Vorgehensweise ist durchaus typisch für Vicky Krieps. Auch wenn sie abseits der Kamera auf freundliche Weise verträumt wirkt, fast so wie ein spätes Hippiemädchen, das sich in Filmbranche verirrt hat, verwandelt sich die Freundin von Jonas Laux (“SOKO Wismar”) in eine akribische Anwältin der eigenen Interessen und Projekte. Nach Berlin, wo sie heute mit Mann und Kind lebt, sei sie gekommen, um in jungen Jahren zu inszenieren. Sie hatte ein Stück geschrieben, das gesehen wurde und welches sie für das “Junge Staatstheater Berlin” auf die Bühne bringen sollte. Etwa um diese Zeit wurde Vicky Krieps von der einflussreichen Casterin Simone Bär auch für Filmrollen entdeckt. Noch heute hält Krieps Simone Bär für ihre größte Förderin.

Dennoch war ihre erste Rolle einem Zufall geschuldet. Für die Schauspielerin Friederike Becht und den Film “Westwind” suchte man eine Zwillingsschwester. Weil tatsächlich eine unverkennbare Ähnlichkeit zu sehen ist, fiel die Wahl auf die damals völlig unbekannte Vicky Krieps. Es folgten neben Produktionen in Frankreich und England nun auch Rollen in Deutschland. In “Anonymus” oder “Die Vermessung der Welt” beispielsweise. Über jenen irgendwie französischen Touch, der Vicky Krieps in ihren Rollen oft etwas mehr schillern lässt als nüchterne deutsche Kolleginnen, kann die disziplinierte Actrice nur lachen. Auf die Frage, was bei einem französischen Film anders sei, kommt sie neben dem Hinweise auf den Wein beim Dreh-Catering vor allem auf einen unterschiedlichen Umgang mit weiblicher Schönheit zu sprechen. “In Frankreich wird sehr viel mehr Wert auf Kostüm und Accessoires gelegt, man schneidert sozusagen alles auf die Figur und wird die ganze Zeit darauf angesprochen, wie toll etwas aussieht. In Deutschland stopft man dich als Schauspielerin einfach in einen Rollpulli. Hauptsache es sieht authentisch aus und kommt aus dem Fundus.”

Dass sie mit der deutschen Methode ein Problem hätte, hört man aus dieser Anekdote nicht heraus. Vicky Krieps ist einfach, so wie es ihre Herkunft verlangt, neutral. Für ihre erste Hauptrolle , die deutsche Fliegerpionierin Elly Beinhorn, findet sie nach dem Studium unzähliger Biografien und Dokumentationen nur lobende Worte: “Die Frau hätte zehn Filme verdient, so reichhaltig und spannend war ihr Leben.” Tatsächlich war der Flugdarling der 20er- und 30-er-Jahre eine ungeheuer moderne Frau. Selbst in ihrer kurzen Ehe mit dem berühmten Rennfahrer Bernd Rosemeyer, der 1938 tödlich verunglückte und aus welcher der den Film beratende Sohn Bernd Rosemeyer jun. stammt, ging es modern zu. Das deutsche Sport-Power Couple der 30er-Jahre plante seine Projekte emanzipatorisch wie heute ein modernes berufstätiges Ehepaar.

“Ich kann mir jetzt schon vorstellen, dass der Zuschauer denken könnte, wir haben uns diese modernen, emanzipierten Dialoge zwischen Elly Beinhorn und ihrem Mann ausgedacht”, erzählt Vicky Krieps. “All diese Gespräche sind aber durch ihre geschriebene Biografie verbürgt. Sie war ihrer Zeit wirklich weit voraus.” Nach “Elly Beinhorn” kommt nun ein weiterer Historienfilm auf die 30-jährige Wahlberlinerin zu. In der Romanverfilmung “Das Zeugenhaus”, die gerade unter der Regie von Matti Geschonneck nach einem Drehbuch von Magnus Vattrodt (“Das Ende einer Nacht”) fürs ZDF entsteht, spielt Vicky Krieps an der Seite von Iris Berben und Matthias Brandt. In dem ambitionierten Projekt, das 2015 ausgestrahlt werden soll, verkörpert Krieps die französische Résistance-Kämpferin Marie-Claude Vaillant-Couturier, die während der Nürnberger Prozesse aussagt. Auch bei diesem Projekt kann Vicky Krieps wieder einmal zwischen deutscher und französischer Welt wandeln.

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