Aug 03 2013

Claude Schmit: “Jetzt kommt mal ein bisschen Sturm auf”

Published by at 01:09 under TV

SOURCE: http://www.dwdl.de

DWDL.de-Interview mit Super RTL-Chef Schmit

Ein Sonnenschein-Kapitän schaltet um auf Angriff: Im exklusiven DWDL.de-Interview spricht Super RTL-Geschäftsführer Claude Schmit offen über die absurde Situation mit Disney, seine Enttäuschung und die eigene Strategie für das TV-Duell 2014

Herr Schmit, in Luxemburg herrscht gerade Regierungskrise. Braucht Ihr Land Sie jetzt? Das wäre doch jetzt der Moment, in dem Sie rechtzeitig den Absprung schaffen können, bevor nächstes Jahr der Disney Channel startet…

(lacht) Jaja, richtig. Aber Jean-Claude Juncker wird bleiben. Sollte er das wider Erwarten nicht tun, gibt es zwei Kollegen, die ich kenne. Der eine heißt Luc Frieden und der andere Claude Wiseler, beide sind Schulkameraden von mir und schon jetzt Minister der Regierung Juncker. Die haben die besseren Ausgangspositionen.

Also möglicherweise Frieden für Luxemburg während im deutschen Kinderfernsehen der Konflikt heraufzieht?

Ich glaube, es gab noch keine Periode, die so interessant und intellektuell so herausfordernd war, wie die jetzige. Wir haben schon einiges erlebt. Und waren lange verwöhnt. Dank exzellenter Arbeit sind wir viele Jahre lang stetig gewachsen, haben immer bessere Zahlen generiert. Doch die Voraussetzungen haben sich geändert. Wir müssen neu denken. Sonnenschein-Kapitän, ja, kann ich auch, aber jetzt kommt mal ein bisschen Sturm auf.

Macht es es einfacher oder schwerer, dass Sie Ihren neuen Wettbewerber quasi kennen?

Es macht es natürlich einfacher, dass man ihn kennt. Aber wissen Sie was? Die kennen uns auch. Also, das ist kein Vorteil. Nein, das tut zunächst einmal weh. Man hat sehr viele Jahre sehr gut zusammengearbeitet und jetzt plötzlich hat man die Kollegen gegen sich stehen. Das ist nicht schön.

Hat der Start des neuen Disney Channel neben der rein wirtschaftlichen Betrachtung also auch eine persönliche Komponente, wenn sich die jahrelangen Kollegen plötzlich gegen einen wenden?

Man ist schon enttäuscht. Das muss ich ehrlich sagen. Ich persönlich glaube nicht an die Wirtschaftlichkeit des neuen Disney Channel, und daraus resultiert für mich die Frage: Warum tun sie uns und damit sich selbst das an? Aber natürlich zielt das nicht auf einzelne Kollegen. Das sind, wie immer bei Disney, Planspiele von uns unbekannten Strategen in Burbank oder London. Das ist eine unglückliche Situation. Aber damit müssen wir jetzt leben. Punkt.

Aber wie sieht das im Super RTL-Alltag ganz konkret aus, seit bekannt wurde, dass Ihr Gesellschafter Disney Ihnen künftig Konkurrenz machen will?

Das ist eine skurrile Situation, die von den Kollegen bei Disney aber sehr professionell gelöst wurde. Es wurde eine sogenannte Chinese Wall eingeführt, also ein System, in dem die Informationen, die von Super RTL aus dem deutschen Markt kommen, nicht gleich an den neuen Disney Channel weitergeleitet werden. Wir, also Super RTL, sind deshalb seit einigen Monaten keine Disney-Tochter mehr, sondern eine ESPN-Tochter. Was heißt das? Das heißt, dass in unserem Beirat, also dem Gesellschaftergremium, keine Disney-Manager mehr sitzen sondern ESPN-Kollegen. Ein Amerikaner und ein Deutscher. Die wiederum berichten nicht nach Burbank, wie das bei Disney üblich ist, sondern nach Baltimore, wo die Zentrale von ESPN sitzt. Diese Menschen agieren wie Finanzinvestoren. Das Einzige, was die interessiert, ist die finanzielle Perspektive des Unternehmens Super RTL. Das ist natürlich ein bisschen lustig, dass sie selbst die Ursache dafür sind, dass unsere Rahmenbedingungen mit einem frei empfangbaren Disney Channel als Konkurrent nicht mehr so aussehen werden wie bisher.

Aber funktioniert diese Chinese Wall? Glauben Sie, dass da wirklich nichts durchsickert?

An eine Chinese Wall kann man glauben oder nicht. Ich bin jemand, der davon ausgeht, dass Disney als amerikanischer Konzern Compliance-Fragen grundsätzlich ernst nimmt. Ich würde sagen: At least give them the benefit of the doubt, wie man im Englischen sagt. Und es gab für uns schon zwei spannende Testfälle, die sehr klar gezeigt haben, wo der Hase langläuft.

Welche Testfälle waren das?

Der erste Fall: Unser Vermarktungsvertrag mit der IP läuft Ende des Jahres aus. Wir möchten ihn natürlich verlängern, weil wir sehr zufrieden sind. Aber das ist eine Entscheidung, die wir nicht alleine treffen können. Die muss vom Beirat genehmigt werden. Da wäre es ein Leichtes für Disney gewesen, einen Grund zu finden, der Erneuerung des Vermarktungsvertrages nicht zuzustimmen. Haben sie aber nicht gemacht. Und dann unser schon kommunizierter Dreamworks-Deal. Der ist für uns eine wichtige Vorbereitung auf den härter werdenden Wettbewerb. Auch dieser Vertrag musste in den Beirat, und auch hier hätte man fadenscheinige Gründe anführen können, warum wir den Deal nicht machen sollten. Das waren für mich zwei Beispiele, die gezeigt haben: Wenn es immer so abläuft, kann das funktionieren. Dann beschränkt sich Disney bei uns in Zukunft auf die Logik eines reinen Finanzinvestors.

So mancher mutmaßt, dass über kurz oder lang einfach die Mediengruppe RTL Deutschland die Disney-Anteile übernehmen wird. Aber das ist ja derzeit aus Medienkonzentrations-rechtlichen Gründen gar nicht möglich…

Ja, unschöne Situation. Es würde auf die Frage hinauslaufen, ob es strategische Investoren gibt oder man sich einen reinen Finanzinvestor sucht, den einfach nur die wirtschaftliche Attraktivität des Unternehmens interessiert. Ich als Geschäftsführer spiele dabei aber keine Rolle, weil das eine Frage der Gesellschafter ist. Ob das auch mittelfristig so sein wird? Ich weiß es nicht. Die Situation ist und bleibt skurril und wird mit der Zeit nicht weniger merkwürdig.

Jetzt ist der neue Disney Channel nicht die einzige Bewegung auf dem Markt des Kinderfernsehens. Was macht den Markt plötzlich so viel größer, dass sich noch mehr Wettbewerber darin tummeln wollen?

Ich glaube nicht, dass der Markt größer wird. Eher kleiner. Es gibt für mich zwei Ursachen, warum die Fragmentierung jetzt auch Super RTL erreicht. Die eine sind ehrlich gesagt wir. Uns geht es gut. Und das kriegen die anderen mit. Da scheint also wirtschaftliches Potential zu liegen. Und auf der Kostenseite sind die Eintrittsbarrieren gesunken. Das Geld, das man früher in die Hand nehmen musste, um einen neuen Fernsehsender zu starten, waren hunderte von Millionen Euro. Heute ist das für einen Bruchteil zu haben, weil die Distributionskosten rapide gesunken sind. Jetzt können auf einmal viele ins Fernsehgeschäft einsteigen.

Sie hatten eben schon mal den Dreamworks-Deal angesprochen. Wie viel Prozent des Programms müssen Sie denn ersetzen, wenn Disney Ihnen ab Januar nichts mehr zuliefert? Dreamworks allein wird da kaum reichen…

Grob gesagt kamen 30 Prozent unseres Daytime-Programmbedarfs von Disney. Das ist nicht wenig, aber auch nicht 60 oder 90 Prozent. Allerdings mussten wir in der Vergangenheit auch viele Programme von Disney zeigen, die wir nicht wollten. Wenn ich mir nur die Disney-Programme anschaue, die ich auch tatsächlich auf dem freien Markt eingekauft hätte, dann machte das 20 Prozent aus. Diesen Anteil zu ersetzen, ist nicht so schwer.

Gilt das für die gesamte Bandbreite des Kinderprogramms?

Preschool kriegt man relativ einfach ersetzt, da gibt es eine sehr große Bandbreite an Formaten auf dem Markt. Animationsserien am Nachmittag sind auch kein Thema. Komplizierter und spannender wird der Vorabend. Da haben wir einige sehr gut laufende Disney-Serien, und die müssen wir in der Tat ersetzen. Deswegen auch der Dreamworks-Deal. Der garantiert uns Vorabend-taugliche Serien. Aber wir nehmen auch mehr Geld in die Hand für eigenproduzierte Wissens-Magazine, die wir künftig nicht am Wochenende tagsüber senden, sondern am Vorabend. Das hilft unserer Positionierung und hat den Vorteil, dass wir kurzfristig reagieren können. Das ist auch deswegen gut, weil der Dreamworks-Deal ja erst einmal langsam anfängt mit einer Serie und etwas braucht, bis wir von dort mehr Material bekommen.

Aber gefühlt bleibt auch nach dem Dreamworks-Deal und mehr Eigenproduktionen bei Ihnen sowohl Budget als auch Bedarf übrig…

Genau, in erster Linie Bedarf, aber glücklicherweise auch das dafür nötige Budget. Da haben wir eine relativ einmalige Situation durch unseren weltweit tätigen Programmeinkauf, der immer genau weiß, was wo auf dem für uns wichtigen Markt passiert. Was wir jetzt ändern, ist der Einstiegszeitpunkt. Wir nehmen mehr Geld in die Hand, um früher in spannende Production Deals zu investieren. Das haben wir bislang nicht gemacht. Wir investieren jetzt praktisch in Scripts und sichern uns eine Option auf die Ausstrahlung.

Und warum haben Sie das bislang nicht gemacht?

Weil der härtere Wettbewerb es jetzt erst nötig macht, sich frühzeitig Ideen zu sichern und das Territorium abzustecken. Wir haben ja auch einen Nachteil gegenüber den Disney-Kollegen: Wir können nicht so wie sie gleich einen internationalen Deal machen. Wir kaufen nur für den deutschen Markt. Und deswegen gehen wir den Weg der aktiven Unterstützung neuer Ideen, um bei dem einen oder anderen Projekt vielleicht einen Hit gefördert zu haben, der uns dann gehört. 15 solcher Deals haben wir derzeit laufen. Früher war es vielleicht einer.

Auf welche Märkte guckt man da?

England ist traditionell sehr wichtig, aber auch Frankreich und Kanada.

Wenn Sie am Vorabend künftig auf Magazine setzen wollen, dann klingt das zwar ehrenwert, aber kann das mit den Leistungswerten von Disney-Kultserien mithalten?

Wir haben eine umfangreiche Studie machen lassen, was Kinderfernsehen heutzutage leisten soll. Was also Kinder aber auch Eltern erwarten. Und da haben wir in der Tat festgestellt, dass sich die Haltung der Eltern geändert hat. Sie verlangen inzwischen weit mehr von Kinderfernsehen als früher. Sie möchten jetzt auch bei Super RTL pädagogisch wertvolle Programme sehen. Das war mal anders. Aber heute sollen Kinder ja schon bei der Einschulung am besten drei Fremdsprachen sprechen können. Auf diese veränderte Erwartungshaltung wollen wir uns damit einstellen. Und wir haben die Magazine ja auch über Jahre hinweg entwickelt und tasten uns mit Bedacht vor. Haben wir eine Garantie, dass es funktionieren wird? Nein, natürlich nicht.

Vom Vorabend ist es nur ein kleiner Sprung zur nächsten Frage: Wie oft haben Sie sich in 18 Jahren Super RTL gewünscht, um 20 Uhr einfach Sendeschluss zu machen?

Oft. Weil das für uns markentechnisch natürlich ein Albtraum ist mit Toggo, Toggolino und Super RTL. Was ist jetzt Sender, was ist nur ein Programmlabel? Würden wir um 20 Uhr aufhören, wäre das Leben viel einfacher. Aber das ist nicht die Option, die wir gezogen haben. Also versuchen wir seit mittlerweile über 18 Jahren, das Beste daraus zu machen. Und dafür müssen wir uns die Entwicklung anschauen. Zum Sendestart hatten wir eine Primetime, die nicht nur von RTL zugeliefert, sondern auch von den Kollegen geplant wurde. Das waren damals Peter Steiners Theaterstadl, Schlager und ähnliche Programme. Alles ganz lustig. Aber wir haben vor einigen Jahren beschlossen, dass uns das nicht mehr genügt und wir beide Gesellschafter – also auch Disney – in die Primetime einbauen wollten. Dieses Rad drehen wir jetzt wieder zurück.

Aber nicht etwa zurück zum Schlager?

(lacht) Nein, wir haben uns gemeinsam mit IP Deutschland angeschaut, welche Zielgruppe wir bei uns in der Primetime am besten kapitalisieren können und uns dann entschieden. Wir werden uns am Abend verstärkt an junge Zuschauerinnen wenden. Frauenaffiner werden. Hier sehen wir Erlöspotential. Wir sind in Sachen Einkauf natürlich nicht mit den großen Sendern auf Augenhöhe. Gehören aber zu einer großen TV-Familie. Diesen Vorteil nutzen wir schon länger. Und docken uns jetzt noch stärker an die Mediengruppe RTL Deutschland an, die uns auch in der kommenden Saison mit starker Serienware ausstattet, um diesen Weg zu verfolgen.

Mit welchen Serien geht Super RTL denn in der nächsten Saison in der Primetime an den Start?

Die Mediengruppe RTL hat starke Output-Deals abgeschlossen, übrigens auch mit Disney, so dass wir über diesen Weg auch künftig Disney-Formate im Programm haben werden. Neben Serien wie „Once Upon A Time“ oder „Dallas“ zeigen wir in der neuen Saison auch die von Disney/ABC produzierte Serie „Scandal“. Das ist ganz großes Kino und einer der Überraschungshits der vergangenen US-Saison. Darauf freuen wir uns sehr. So wie auch auf „Lost Girl“ aus Kanada und „The Secret Circle“. Das sind nur ein paar schöne Beispiele, wie sehr uns RTL bei unserem Vorhaben unterstützt. Aber natürlich bleiben wir bei unseren Animationsfilmen am Freitag- und Samstagabend. Es wäre angesichts der traumhaften Quoten mehr als fahrlässig, etwas an diesen Slots zu ändern.

Bleibt nur die Frage im Raum, ob eine Serie wie „Scandal“ auch bei Ihnen gefunden wird…

Berechtigte Frage. Dafür brauchen wir starke Promotion. Und die kann ich nicht nur bei uns machen, weil ich damit kaum neue Zuschauer gewinnen würde. Hier sind unsere Brüder oder Schwestern der Mediengruppe RTL sehr wertvoll für uns. Wir wollen uns in jeder Hinsicht enger verzahnen. Beim Programmeinkauf, der Promotion und auch Vermarktung. Bei Letzterem sind wir mit unserer Primetime zum Beispiel nur als Optimierungssender belegt. Da ist in Zukunft mehr drin.

Super RTL galt in den vergangenen Jahren auch als Musterbeispiel für Diversifikation. Wie wichtig ist das gerade angesichts härterem Wettbewerb im TV, dass man online so gut aufgestellt ist?

Umso wichtiger. Ich glaube schon, dass dieses Non-TV-Geschäft für uns sehr wertvoll ist, weil wir eine 360 Grad-Marke für Kinder sein möchten. Das ist unsere DNA. Es ist ein logisches Engagement für uns, obwohl wir damit bis jetzt weniger Geld verdient haben, als ich es mir ausgemalt habe. Auch hier spielt jetzt die Disney-Thematik mit rein. Warum? Ganz einfach, wir haben für Disney-Sendungen nie die Online-Rechte erworben. Die wollten die Kollegen immer selber auswerten. Das war für uns ein echtes Problem. Kinder interessiert die Rechtelage nicht, die wundern sich schlichtweg, wenn ein Teil unseres Programms online nicht stattfindet. Das Thema hat sich jetzt erledigt. Bei neuen Deals, wie dem mit Dreamworks, haben wir uns alle heute denkbaren Rechte gesichert. Das wird in Zukunft die Regel sein.

Wie klug ist es, genau ein halbes Jahr vor dem Start des neuen Konkurrenten, ein Abfindungsprogramm zu starten, das den Mitarbeitern den nahtlosen Wechsel ermöglicht?

Die Restrukturierungsmaßnahmen, die wir gerade durchleben, machen mir keine Freude. Aber wir wissen, dass eine große Herausforderung bevorsteht. Deswegen ist es jetzt an der Zeit – wo es uns richtig gut geht – uns darauf vorzubereiten. Natürlich könnten wir einfach so weitermachen wie bisher und abwarten, was passiert. Aber ich verstehe meinen Job und meine Verantwortung so, dass ich lieber agiere als reagiere. Lieber jetzt zu fairen Konditionen solche Abfindungsprogramme anbieten als in einer Notsituation hektisch reagieren zu müssen. Und als Zwischenbilanz kann ich Ihnen sagen: Das Programm wird gut angenommen. Wir werden unser Ziel erreichen.

Haben Sie eigentlich eine Lieblingsfigur bei Disney?

Nein, ich habe nur eine Figur, von der ich sehr enttäuscht bin. Aber ich nenne Ihnen jetzt keinen Namen.

Herr Schmit, herzlichen Dank für das Gespräch.

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DWDL.de-Interview mit Super RTL-Chef Schmit

Ein Sonnenschein-Kapitän schaltet um auf Angriff: Im exklusiven DWDL.de-Interview spricht Super RTL-Geschäftsführer Claude Schmit offen über die absurde Situation mit Disney, seine Enttäuschung und die eigene Strategie für das TV-Duell 2014

Herr Schmit, in Luxemburg herrscht gerade Regierungskrise. Braucht Ihr Land Sie jetzt? Das wäre doch jetzt der Moment, in dem Sie rechtzeitig den Absprung schaffen können, bevor nächstes Jahr der Disney Channel startet…

(lacht) Jaja, richtig. Aber Jean-Claude Juncker wird bleiben. Sollte er das wider Erwarten nicht tun, gibt es zwei Kollegen, die ich kenne. Der eine heißt Luc Frieden und der andere Claude Wiseler, beide sind Schulkameraden von mir und schon jetzt Minister der Regierung Juncker. Die haben die besseren Ausgangspositionen.

Also möglicherweise Frieden für Luxemburg während im deutschen Kinderfernsehen der Konflikt heraufzieht?

Ich glaube, es gab noch keine Periode, die so interessant und intellektuell so herausfordernd war, wie die jetzige. Wir haben schon einiges erlebt. Und waren lange verwöhnt. Dank exzellenter Arbeit sind wir viele Jahre lang stetig gewachsen, haben immer bessere Zahlen generiert. Doch die Voraussetzungen haben sich geändert. Wir müssen neu denken. Sonnenschein-Kapitän, ja, kann ich auch, aber jetzt kommt mal ein bisschen Sturm auf.

Macht es es einfacher oder schwerer, dass Sie Ihren neuen Wettbewerber quasi kennen?

Es macht es natürlich einfacher, dass man ihn kennt. Aber wissen Sie was? Die kennen uns auch. Also, das ist kein Vorteil. Nein, das tut zunächst einmal weh. Man hat sehr viele Jahre sehr gut zusammengearbeitet und jetzt plötzlich hat man die Kollegen gegen sich stehen. Das ist nicht schön.

Hat der Start des neuen Disney Channel neben der rein wirtschaftlichen Betrachtung also auch eine persönliche Komponente, wenn sich die jahrelangen Kollegen plötzlich gegen einen wenden?

Man ist schon enttäuscht. Das muss ich ehrlich sagen. Ich persönlich glaube nicht an die Wirtschaftlichkeit des neuen Disney Channel, und daraus resultiert für mich die Frage: Warum tun sie uns und damit sich selbst das an? Aber natürlich zielt das nicht auf einzelne Kollegen. Das sind, wie immer bei Disney, Planspiele von uns unbekannten Strategen in Burbank oder London. Das ist eine unglückliche Situation. Aber damit müssen wir jetzt leben. Punkt.

Aber wie sieht das im Super RTL-Alltag ganz konkret aus, seit bekannt wurde, dass Ihr Gesellschafter Disney Ihnen künftig Konkurrenz machen will?

Das ist eine skurrile Situation, die von den Kollegen bei Disney aber sehr professionell gelöst wurde. Es wurde eine sogenannte Chinese Wall eingeführt, also ein System, in dem die Informationen, die von Super RTL aus dem deutschen Markt kommen, nicht gleich an den neuen Disney Channel weitergeleitet werden. Wir, also Super RTL, sind deshalb seit einigen Monaten keine Disney-Tochter mehr, sondern eine ESPN-Tochter. Was heißt das? Das heißt, dass in unserem Beirat, also dem Gesellschaftergremium, keine Disney-Manager mehr sitzen sondern ESPN-Kollegen. Ein Amerikaner und ein Deutscher. Die wiederum berichten nicht nach Burbank, wie das bei Disney üblich ist, sondern nach Baltimore, wo die Zentrale von ESPN sitzt. Diese Menschen agieren wie Finanzinvestoren. Das Einzige, was die interessiert, ist die finanzielle Perspektive des Unternehmens Super RTL. Das ist natürlich ein bisschen lustig, dass sie selbst die Ursache dafür sind, dass unsere Rahmenbedingungen mit einem frei empfangbaren Disney Channel als Konkurrent nicht mehr so aussehen werden wie bisher.

Aber funktioniert diese Chinese Wall? Glauben Sie, dass da wirklich nichts durchsickert?

An eine Chinese Wall kann man glauben oder nicht. Ich bin jemand, der davon ausgeht, dass Disney als amerikanischer Konzern Compliance-Fragen grundsätzlich ernst nimmt. Ich würde sagen: At least give them the benefit of the doubt, wie man im Englischen sagt. Und es gab für uns schon zwei spannende Testfälle, die sehr klar gezeigt haben, wo der Hase langläuft.

Welche Testfälle waren das?

Der erste Fall: Unser Vermarktungsvertrag mit der IP läuft Ende des Jahres aus. Wir möchten ihn natürlich verlängern, weil wir sehr zufrieden sind. Aber das ist eine Entscheidung, die wir nicht alleine treffen können. Die muss vom Beirat genehmigt werden. Da wäre es ein Leichtes für Disney gewesen, einen Grund zu finden, der Erneuerung des Vermarktungsvertrages nicht zuzustimmen. Haben sie aber nicht gemacht. Und dann unser schon kommunizierter Dreamworks-Deal. Der ist für uns eine wichtige Vorbereitung auf den härter werdenden Wettbewerb. Auch dieser Vertrag musste in den Beirat, und auch hier hätte man fadenscheinige Gründe anführen können, warum wir den Deal nicht machen sollten. Das waren für mich zwei Beispiele, die gezeigt haben: Wenn es immer so abläuft, kann das funktionieren. Dann beschränkt sich Disney bei uns in Zukunft auf die Logik eines reinen Finanzinvestors.

So mancher mutmaßt, dass über kurz oder lang einfach die Mediengruppe RTL Deutschland die Disney-Anteile übernehmen wird. Aber das ist ja derzeit aus Medienkonzentrations-rechtlichen Gründen gar nicht möglich…

Ja, unschöne Situation. Es würde auf die Frage hinauslaufen, ob es strategische Investoren gibt oder man sich einen reinen Finanzinvestor sucht, den einfach nur die wirtschaftliche Attraktivität des Unternehmens interessiert. Ich als Geschäftsführer spiele dabei aber keine Rolle, weil das eine Frage der Gesellschafter ist. Ob das auch mittelfristig so sein wird? Ich weiß es nicht. Die Situation ist und bleibt skurril und wird mit der Zeit nicht weniger merkwürdig.

Jetzt ist der neue Disney Channel nicht die einzige Bewegung auf dem Markt des Kinderfernsehens. Was macht den Markt plötzlich so viel größer, dass sich noch mehr Wettbewerber darin tummeln wollen?

Ich glaube nicht, dass der Markt größer wird. Eher kleiner. Es gibt für mich zwei Ursachen, warum die Fragmentierung jetzt auch Super RTL erreicht. Die eine sind ehrlich gesagt wir. Uns geht es gut. Und das kriegen die anderen mit. Da scheint also wirtschaftliches Potential zu liegen. Und auf der Kostenseite sind die Eintrittsbarrieren gesunken. Das Geld, das man früher in die Hand nehmen musste, um einen neuen Fernsehsender zu starten, waren hunderte von Millionen Euro. Heute ist das für einen Bruchteil zu haben, weil die Distributionskosten rapide gesunken sind. Jetzt können auf einmal viele ins Fernsehgeschäft einsteigen.

Sie hatten eben schon mal den Dreamworks-Deal angesprochen. Wie viel Prozent des Programms müssen Sie denn ersetzen, wenn Disney Ihnen ab Januar nichts mehr zuliefert? Dreamworks allein wird da kaum reichen…

Grob gesagt kamen 30 Prozent unseres Daytime-Programmbedarfs von Disney. Das ist nicht wenig, aber auch nicht 60 oder 90 Prozent. Allerdings mussten wir in der Vergangenheit auch viele Programme von Disney zeigen, die wir nicht wollten. Wenn ich mir nur die Disney-Programme anschaue, die ich auch tatsächlich auf dem freien Markt eingekauft hätte, dann machte das 20 Prozent aus. Diesen Anteil zu ersetzen, ist nicht so schwer.

Gilt das für die gesamte Bandbreite des Kinderprogramms?

Preschool kriegt man relativ einfach ersetzt, da gibt es eine sehr große Bandbreite an Formaten auf dem Markt. Animationsserien am Nachmittag sind auch kein Thema. Komplizierter und spannender wird der Vorabend. Da haben wir einige sehr gut laufende Disney-Serien, und die müssen wir in der Tat ersetzen. Deswegen auch der Dreamworks-Deal. Der garantiert uns Vorabend-taugliche Serien. Aber wir nehmen auch mehr Geld in die Hand für eigenproduzierte Wissens-Magazine, die wir künftig nicht am Wochenende tagsüber senden, sondern am Vorabend. Das hilft unserer Positionierung und hat den Vorteil, dass wir kurzfristig reagieren können. Das ist auch deswegen gut, weil der Dreamworks-Deal ja erst einmal langsam anfängt mit einer Serie und etwas braucht, bis wir von dort mehr Material bekommen.

Aber gefühlt bleibt auch nach dem Dreamworks-Deal und mehr Eigenproduktionen bei Ihnen sowohl Budget als auch Bedarf übrig…

Genau, in erster Linie Bedarf, aber glücklicherweise auch das dafür nötige Budget. Da haben wir eine relativ einmalige Situation durch unseren weltweit tätigen Programmeinkauf, der immer genau weiß, was wo auf dem für uns wichtigen Markt passiert. Was wir jetzt ändern, ist der Einstiegszeitpunkt. Wir nehmen mehr Geld in die Hand, um früher in spannende Production Deals zu investieren. Das haben wir bislang nicht gemacht. Wir investieren jetzt praktisch in Scripts und sichern uns eine Option auf die Ausstrahlung.

Und warum haben Sie das bislang nicht gemacht?

Weil der härtere Wettbewerb es jetzt erst nötig macht, sich frühzeitig Ideen zu sichern und das Territorium abzustecken. Wir haben ja auch einen Nachteil gegenüber den Disney-Kollegen: Wir können nicht so wie sie gleich einen internationalen Deal machen. Wir kaufen nur für den deutschen Markt. Und deswegen gehen wir den Weg der aktiven Unterstützung neuer Ideen, um bei dem einen oder anderen Projekt vielleicht einen Hit gefördert zu haben, der uns dann gehört. 15 solcher Deals haben wir derzeit laufen. Früher war es vielleicht einer.

Auf welche Märkte guckt man da?

England ist traditionell sehr wichtig, aber auch Frankreich und Kanada.

Wenn Sie am Vorabend künftig auf Magazine setzen wollen, dann klingt das zwar ehrenwert, aber kann das mit den Leistungswerten von Disney-Kultserien mithalten?

Wir haben eine umfangreiche Studie machen lassen, was Kinderfernsehen heutzutage leisten soll. Was also Kinder aber auch Eltern erwarten. Und da haben wir in der Tat festgestellt, dass sich die Haltung der Eltern geändert hat. Sie verlangen inzwischen weit mehr von Kinderfernsehen als früher. Sie möchten jetzt auch bei Super RTL pädagogisch wertvolle Programme sehen. Das war mal anders. Aber heute sollen Kinder ja schon bei der Einschulung am besten drei Fremdsprachen sprechen können. Auf diese veränderte Erwartungshaltung wollen wir uns damit einstellen. Und wir haben die Magazine ja auch über Jahre hinweg entwickelt und tasten uns mit Bedacht vor. Haben wir eine Garantie, dass es funktionieren wird? Nein, natürlich nicht.

Vom Vorabend ist es nur ein kleiner Sprung zur nächsten Frage: Wie oft haben Sie sich in 18 Jahren Super RTL gewünscht, um 20 Uhr einfach Sendeschluss zu machen?

Oft. Weil das für uns markentechnisch natürlich ein Albtraum ist mit Toggo, Toggolino und Super RTL. Was ist jetzt Sender, was ist nur ein Programmlabel? Würden wir um 20 Uhr aufhören, wäre das Leben viel einfacher. Aber das ist nicht die Option, die wir gezogen haben. Also versuchen wir seit mittlerweile über 18 Jahren, das Beste daraus zu machen. Und dafür müssen wir uns die Entwicklung anschauen. Zum Sendestart hatten wir eine Primetime, die nicht nur von RTL zugeliefert, sondern auch von den Kollegen geplant wurde. Das waren damals Peter Steiners Theaterstadl, Schlager und ähnliche Programme. Alles ganz lustig. Aber wir haben vor einigen Jahren beschlossen, dass uns das nicht mehr genügt und wir beide Gesellschafter – also auch Disney – in die Primetime einbauen wollten. Dieses Rad drehen wir jetzt wieder zurück.

Aber nicht etwa zurück zum Schlager?

(lacht) Nein, wir haben uns gemeinsam mit IP Deutschland angeschaut, welche Zielgruppe wir bei uns in der Primetime am besten kapitalisieren können und uns dann entschieden. Wir werden uns am Abend verstärkt an junge Zuschauerinnen wenden. Frauenaffiner werden. Hier sehen wir Erlöspotential. Wir sind in Sachen Einkauf natürlich nicht mit den großen Sendern auf Augenhöhe. Gehören aber zu einer großen TV-Familie. Diesen Vorteil nutzen wir schon länger. Und docken uns jetzt noch stärker an die Mediengruppe RTL Deutschland an, die uns auch in der kommenden Saison mit starker Serienware ausstattet, um diesen Weg zu verfolgen.

Mit welchen Serien geht Super RTL denn in der nächsten Saison in der Primetime an den Start?

Die Mediengruppe RTL hat starke Output-Deals abgeschlossen, übrigens auch mit Disney, so dass wir über diesen Weg auch künftig Disney-Formate im Programm haben werden. Neben Serien wie „Once Upon A Time“ oder „Dallas“ zeigen wir in der neuen Saison auch die von Disney/ABC produzierte Serie „Scandal“. Das ist ganz großes Kino und einer der Überraschungshits der vergangenen US-Saison. Darauf freuen wir uns sehr. So wie auch auf „Lost Girl“ aus Kanada und „The Secret Circle“. Das sind nur ein paar schöne Beispiele, wie sehr uns RTL bei unserem Vorhaben unterstützt. Aber natürlich bleiben wir bei unseren Animationsfilmen am Freitag- und Samstagabend. Es wäre angesichts der traumhaften Quoten mehr als fahrlässig, etwas an diesen Slots zu ändern.

Bleibt nur die Frage im Raum, ob eine Serie wie „Scandal“ auch bei Ihnen gefunden wird…

Berechtigte Frage. Dafür brauchen wir starke Promotion. Und die kann ich nicht nur bei uns machen, weil ich damit kaum neue Zuschauer gewinnen würde. Hier sind unsere Brüder oder Schwestern der Mediengruppe RTL sehr wertvoll für uns. Wir wollen uns in jeder Hinsicht enger verzahnen. Beim Programmeinkauf, der Promotion und auch Vermarktung. Bei Letzterem sind wir mit unserer Primetime zum Beispiel nur als Optimierungssender belegt. Da ist in Zukunft mehr drin.

Super RTL galt in den vergangenen Jahren auch als Musterbeispiel für Diversifikation. Wie wichtig ist das gerade angesichts härterem Wettbewerb im TV, dass man online so gut aufgestellt ist?

Umso wichtiger. Ich glaube schon, dass dieses Non-TV-Geschäft für uns sehr wertvoll ist, weil wir eine 360 Grad-Marke für Kinder sein möchten. Das ist unsere DNA. Es ist ein logisches Engagement für uns, obwohl wir damit bis jetzt weniger Geld verdient haben, als ich es mir ausgemalt habe. Auch hier spielt jetzt die Disney-Thematik mit rein. Warum? Ganz einfach, wir haben für Disney-Sendungen nie die Online-Rechte erworben. Die wollten die Kollegen immer selber auswerten. Das war für uns ein echtes Problem. Kinder interessiert die Rechtelage nicht, die wundern sich schlichtweg, wenn ein Teil unseres Programms online nicht stattfindet. Das Thema hat sich jetzt erledigt. Bei neuen Deals, wie dem mit Dreamworks, haben wir uns alle heute denkbaren Rechte gesichert. Das wird in Zukunft die Regel sein.

Wie klug ist es, genau ein halbes Jahr vor dem Start des neuen Konkurrenten, ein Abfindungsprogramm zu starten, das den Mitarbeitern den nahtlosen Wechsel ermöglicht?

Die Restrukturierungsmaßnahmen, die wir gerade durchleben, machen mir keine Freude. Aber wir wissen, dass eine große Herausforderung bevorsteht. Deswegen ist es jetzt an der Zeit – wo es uns richtig gut geht – uns darauf vorzubereiten. Natürlich könnten wir einfach so weitermachen wie bisher und abwarten, was passiert. Aber ich verstehe meinen Job und meine Verantwortung so, dass ich lieber agiere als reagiere. Lieber jetzt zu fairen Konditionen solche Abfindungsprogramme anbieten als in einer Notsituation hektisch reagieren zu müssen. Und als Zwischenbilanz kann ich Ihnen sagen: Das Programm wird gut angenommen. Wir werden unser Ziel erreichen.

Haben Sie eigentlich eine Lieblingsfigur bei Disney?

Nein, ich habe nur eine Figur, von der ich sehr enttäuscht bin. Aber ich nenne Ihnen jetzt keinen Namen.

Herr Schmit, herzlichen Dank für das Gespräch.

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