Apr 03 2014

TV-Kritik: Vicky, Elly und die historische Wahrheit

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Vicky Krieps in „Elly Beinhorn – Alleinflug“: ein mittelmäßiger Film mit einer hervorragenden Hauptdarstellerin.
Von Jochen Kuttler

Die guten Nachrichten vorab: Vicky Krieps hat ihre Sache hervorragend gemacht. Auch die Kostümbildner hatten sich mächtig ins Zeug gelegt. Und über die Landschaftsaufnahmen – von Kamerachef Emre Erkmen ebenso professionell wie kunstvoll eingefangen – ließ sich auch nicht meckern. Was war es nun, was „Elly Beinhorn – Alleinflug“ zu einem leider nur mittelmäßigen Kostümfilm degradierte?

Ganz einfach, der „Anspruch“, den das ZDF an seinen Sendeplatz am Sonntagabend stellt: Herzschmerz gepaart mit schönen Bildern. So macht man Quote! Rosamunde Pilcher aus dem fernen England lässt grüßen. Zu dieser leider banalen Weisheit gehört auch, dass ein Drehbuch für den Sonntagabendfilm so gestrickt sein muss, dass das Zuschalten auch nach 45 Minuten für den geübten ZDF-Kunden kein sonderlich großes Problem darstellt. So gesehen erfüllte das Elly-Beinhorn-Biopic alle Ansprüche der Fernsehverantwortlichen: Das untere Mittelmaß war Programm.

Dem Klischee verpflichtet

Dabei waren die Ansätze nicht einmal schlecht. Die Lebensgeschichte von Elly Beinhorn bot an sich schon so viele Höhen und Tiefen, und das darf man angesichts ihrer Leidenschaft fürs Fliegen durchaus wörtlich nehmen, dass daraus ein abendfüllender Kinofilm von hohem Anspruch hätte werden können. Wurde es aber nicht.

Das lag zum einen daran, dass Regisseurin Christine Hartmann sich zu sehr am Kolorit jener Zeit ergötzte. Die bemüht wirkende Untermalung einzelner Szenen mit Musikstücken der frühen 1930er Jahre verlieh dem Film keine Tiefe, sondern kam eher aufdringlich daher. Die seltenen Momente, in den die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, die nicht mehr und nicht weniger als einen totalitären Staat zur Folge haben sollte, zur Sprache kam, wirkten aufgesetzt, das dargestellte Ambiente künstlich.

So nimmt es nicht wunder, dass der Streifen fast gänzlich darauf verzichtete, die Frage zu thematisieren, welche Rolle die historische Elly Beinhorn in Bezug auf die Nazis spielte. Zwar war sie nie Mitglied der NSDAP gewesen, sehr wohl aber diente sie den Nazis als Propagandaobjekt. Eine Rolle, die die 2007 im Alter von 100 Jahren verstorbene Flugpionierin auch nie leugnete. An einer Aufarbeitung war ihr allerdings zeitlebens nicht sonderlich gelegen. Regisseurin Christine Hartmann ging es offensichtlich ähnlich.

Reduzieren wir den Streifen also auf eine Art Emanzipationsstory mit historischem Anstrich. Im Grunde genommen beschäftigte sich Christine Hartmanns Film nämlich gar nicht mit der Analyse der Lebenswirklichkeit der historischen Elly Beinhorn, sondern arbeitete die Emanzipationsversuche einer Frau auf, die in einer Zeit lebte, die alles auf dem Schirm hatte, nur nicht selbstbewusste junge Damen, die darauf pfiffen, dass die Fliegerei damals noch eine Männerdomäne war.

One-Woman-Show

Vicky Krieps stellte die Fliegereinärrin als junge Frau dar, die ohne groß nachzudenken, ihren Weg geht, die die unbändige Sehnsucht nach Freiheit und Grenzenlosigkeit, aber auch die Sucht nach Anerkennung und Ruhm über die Wolken und schließlich rund um die Welt treibt. Per Flugzeug versteht sich.

Die Unverbrauchtheit mit der die Luxemburgerin ihre Filmfigur verkörperte, war bemerkenswert. Im Grunde genommen stahl die 30-Jährige dem Rest der durchaus renommierten Schauspielerriege dank ihrer erfrischenden Präsenz die Show. Christian Berkel, Harald Krassnitzer, Ulrike Krumbiegel und Max Riemelt waren nicht viel mehr als Statisten in einem Kostümfilm. Das Rampenlicht gehörte Vicky Krieps. Und niemandem sonst. Das macht den Film leider nicht besser, gereicht dem Schauspieltalent aus Luxemburg aber allemal zur Ehre.

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Vicky Krieps in „Elly Beinhorn – Alleinflug“: ein mittelmäßiger Film mit einer hervorragenden Hauptdarstellerin.
Von Jochen Kuttler

Die guten Nachrichten vorab: Vicky Krieps hat ihre Sache hervorragend gemacht. Auch die Kostümbildner hatten sich mächtig ins Zeug gelegt. Und über die Landschaftsaufnahmen – von Kamerachef Emre Erkmen ebenso professionell wie kunstvoll eingefangen – ließ sich auch nicht meckern. Was war es nun, was „Elly Beinhorn – Alleinflug“ zu einem leider nur mittelmäßigen Kostümfilm degradierte?

Ganz einfach, der „Anspruch“, den das ZDF an seinen Sendeplatz am Sonntagabend stellt: Herzschmerz gepaart mit schönen Bildern. So macht man Quote! Rosamunde Pilcher aus dem fernen England lässt grüßen. Zu dieser leider banalen Weisheit gehört auch, dass ein Drehbuch für den Sonntagabendfilm so gestrickt sein muss, dass das Zuschalten auch nach 45 Minuten für den geübten ZDF-Kunden kein sonderlich großes Problem darstellt. So gesehen erfüllte das Elly-Beinhorn-Biopic alle Ansprüche der Fernsehverantwortlichen: Das untere Mittelmaß war Programm.

Dem Klischee verpflichtet

Dabei waren die Ansätze nicht einmal schlecht. Die Lebensgeschichte von Elly Beinhorn bot an sich schon so viele Höhen und Tiefen, und das darf man angesichts ihrer Leidenschaft fürs Fliegen durchaus wörtlich nehmen, dass daraus ein abendfüllender Kinofilm von hohem Anspruch hätte werden können. Wurde es aber nicht.

Das lag zum einen daran, dass Regisseurin Christine Hartmann sich zu sehr am Kolorit jener Zeit ergötzte. Die bemüht wirkende Untermalung einzelner Szenen mit Musikstücken der frühen 1930er Jahre verlieh dem Film keine Tiefe, sondern kam eher aufdringlich daher. Die seltenen Momente, in den die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, die nicht mehr und nicht weniger als einen totalitären Staat zur Folge haben sollte, zur Sprache kam, wirkten aufgesetzt, das dargestellte Ambiente künstlich.

So nimmt es nicht wunder, dass der Streifen fast gänzlich darauf verzichtete, die Frage zu thematisieren, welche Rolle die historische Elly Beinhorn in Bezug auf die Nazis spielte. Zwar war sie nie Mitglied der NSDAP gewesen, sehr wohl aber diente sie den Nazis als Propagandaobjekt. Eine Rolle, die die 2007 im Alter von 100 Jahren verstorbene Flugpionierin auch nie leugnete. An einer Aufarbeitung war ihr allerdings zeitlebens nicht sonderlich gelegen. Regisseurin Christine Hartmann ging es offensichtlich ähnlich.

Reduzieren wir den Streifen also auf eine Art Emanzipationsstory mit historischem Anstrich. Im Grunde genommen beschäftigte sich Christine Hartmanns Film nämlich gar nicht mit der Analyse der Lebenswirklichkeit der historischen Elly Beinhorn, sondern arbeitete die Emanzipationsversuche einer Frau auf, die in einer Zeit lebte, die alles auf dem Schirm hatte, nur nicht selbstbewusste junge Damen, die darauf pfiffen, dass die Fliegerei damals noch eine Männerdomäne war.

One-Woman-Show

Vicky Krieps stellte die Fliegereinärrin als junge Frau dar, die ohne groß nachzudenken, ihren Weg geht, die die unbändige Sehnsucht nach Freiheit und Grenzenlosigkeit, aber auch die Sucht nach Anerkennung und Ruhm über die Wolken und schließlich rund um die Welt treibt. Per Flugzeug versteht sich.

Die Unverbrauchtheit mit der die Luxemburgerin ihre Filmfigur verkörperte, war bemerkenswert. Im Grunde genommen stahl die 30-Jährige dem Rest der durchaus renommierten Schauspielerriege dank ihrer erfrischenden Präsenz die Show. Christian Berkel, Harald Krassnitzer, Ulrike Krumbiegel und Max Riemelt waren nicht viel mehr als Statisten in einem Kostümfilm. Das Rampenlicht gehörte Vicky Krieps. Und niemandem sonst. Das macht den Film leider nicht besser, gereicht dem Schauspieltalent aus Luxemburg aber allemal zur Ehre.

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