Apr 02 2008

Über die Größe der Kleinen

Published by at 13:19 under Uncategorized

D’Susanne Jaspers kommentéiert am Tageblatt den Film “Léif Lëtzebuerger”
Letzebuerger

Mit der Dokumentation „Léif Lëtzebuerger …“ ist dem britischen Regisseur Ray Tostevin ein anrührendes Porträt der Großherzogin Charlotte gelungen – und zugleich eines ihrer Untertanen.

Wer zum ersten Mal nach Luxemburg kommt, weiß häufig nicht viel mehr, als dass es dort eine hohe Bankendichte und niedrige Steuern gibt. Wer länger bleibt und zudem das erforderliche Interesse aufbringt, stellt jedoch bald fest, dass das luxemburgische Selbstbewusstsein durchaus nicht nur aus der Stellung als Finanzplatz resultiert. Stolz ist man etwa auf typische Nationalgerichte wie „Judd mat Gaardebounen“ und „Bouneschlupp“; mindestens genauso hoch allerdings hält man die Luxemburger Flagge – ob nun mit oder ohne „Roude Léiw“.

Dass sich das im Laufe der Jahrhunderte stets mit Existenz- und Überlebensängsten konfrontierte Großherzogtum bis heute diese und unzählige weitere Eigenarten bewahren konnte und sein trotziger Wahlspruch „Mer wëlle bleiwe wat mir sinn“ bis heute Geltung beanspruchen kann, ist nach der felsenfesten Überzeugung so ziemlich sämtlicher Einheimischer vor allem Großherzogin Charlotte zu verdanken.Der in der Landesgeschichte weniger versierte Nicht-Luxemburger, der sich bislang vielleicht fragte, was an der Monarchin, die beinahe wie eine Nationalheilige verehrt wird, so besonders war, versteht wohl erst nach dem Anschauen von „Léif Lëtzebuerger …“, warum Charlotte für Luxemburg auch heute noch weit mehr ist als eine Statue auf dem „Knuedler“.

In 95 Minuten gelingt es Regisseur Ray Tostevin, ein einfühlsames Porträt der Großherzogin zu zeichnen und zugleich anschaulichen, aber in keinem Moment langweiligen Geschichtsunterricht zu erteilen. Der Film konzentriert sich auf die Jahre 1939 bis 1945. Er beginnt mit den fröhlichen Feiern zum 100. Jubiläum der luxemburgischen Unabhängigkeit, beschreibt die leidvollen Jahre der deutschen Besatzung und des durch diese bedingten großherzoglichen Exils – übrigens nicht ohne die bisweilen kontrovers diskutierte Frage nach dessen Rechtfertigung aufzuwerfen – und endet mit der triumphalen Rückkehr Charlottes bei Kriegsende. Aus seltenen Filmausschnitten, dezent nachgestellten Szenen und zahllosen historischen Aufnahmen komponiert Tostevin ein facettenreiches Bild der Großherzogin, der beim unermüdlichen Einsatz für ihr Land mangels eigener Armee lediglich Charme und Propaganda als Waffen zur Verfügung standen.

„Dear Lottie“ kämpfte für ihr Land

Dieses Arsenal wusste sie allerdings effizient einzusetzen. Mal über den herzlichen Kontakt zu US-Präsident Roosevelt, der sie „Dear Lottie“ nannte und dem sie das Versprechen abrang, ihr Land von den „Hunnen“ zu befreien; mal auf medienwirksamen Fotos mit Hollywood-Stars. Dieses Engagement führte schließlich dazu, dass Luxemburg buchstäblich zum ersten Mal überhaupt auf internationalen Landkarten auftauchte und über das Kriegsgeschehen im sonst so häufig vergessenen Ländchen berichtet wurde. Charlottes größtes Verdienst besteht nach einhelliger Meinung ihrer im Film befragten Landsleute allerdings darin, dass sie ihrem Verhaftungen, Folter, Deportation und Zwangsrekrutierung ausgesetzten Volk während der Kriegsjahre regelmäßig Mut zusprach.Dies tat sie in aus dem britischen und amerikanischen Exil übertragenen Radio-Ansprachen, die stets mit der Anrede „Léif Lëtzebuerger“ begannen. Für alle Befragten steht heute fest, dass es maßgeblich die Worte der Monarchin waren, die die Daheimgebliebenen dabei unterstützten, durchzuhalten und den Nazi-Parolen ihren berühmten Leitspruch entgegenzusetzen.Bei so viel hymnischer Verehrung für die Monarchin schippert der Film bisweilen hart an der Grenze zu ein wenig arg viel Pathos und Patriotismus. Und schließlich war es, wie im Film zart angedeutet, sicherlich nicht allein Charlottes Einsatz zu verdanken, dass die USA 1941 in den Krieg eintraten.

Die zerschmetterte Hitler-Büste

Nichtsdestotrotz reißt die Begeisterung der Zeitzeugen irgendwann auch den skeptischsten Zuschauer mit. Dazu trägt maßgeblich die ehemalige Hofdame Mady Scheid-Speicher bei, die sich neben der berühmten Landesmutter als der kleine große Star des Dokumentarstreifens erweist. Wenn die über 90-Jährige, die zwei Wochen vor der Premiere verstarb, mit schelmischem Zwinkern erzählt, wie sie einen Empfang für Gauleiter Gustav Simon ganz dezent in den luxemburgischen Nationalfarben dekorierte, wenn sie voller Begeisterung schildert, wie sie, als es dann endlich (fast) vorbei war, eine Hitler-Büste vom Palastbalkon schmiss, dann ist das – und da muss die Rezensentin jetzt selbst pathetisch werden – schlicht und einfach ergreifend.Gegen Ende von „Léif Lëtzebuerger …“ treten Frau Scheid-Speicher bei der Erinnerung an die Rückkehr der Großherzogin auch mehr als sechzig Jahre danach noch Freudentränen in die Augen, und diese Bilder wechseln sich mit Originalaufnahmen der begeisterten befreiten Bevölkerung ab. Spätestens jetzt zückt auch der Nicht-Luxemburger im Kino sein Taschentuch. Er schnieft, verdrückt selbst das eine oder andere Tränchen und fragt sich – vor allem, wenn er ein „Preis“ ist –, ob er damals nicht auch lieber so eine Großherzogin gehabt hätte.

Täglich im Utopoliswww.utopolis.lu 

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D’Susanne Jaspers kommentéiert am Tageblatt den Film “Léif Lëtzebuerger”
Letzebuerger

Mit der Dokumentation „Léif Lëtzebuerger …“ ist dem britischen Regisseur Ray Tostevin ein anrührendes Porträt der Großherzogin Charlotte gelungen – und zugleich eines ihrer Untertanen.

Wer zum ersten Mal nach Luxemburg kommt, weiß häufig nicht viel mehr, als dass es dort eine hohe Bankendichte und niedrige Steuern gibt. Wer länger bleibt und zudem das erforderliche Interesse aufbringt, stellt jedoch bald fest, dass das luxemburgische Selbstbewusstsein durchaus nicht nur aus der Stellung als Finanzplatz resultiert. Stolz ist man etwa auf typische Nationalgerichte wie „Judd mat Gaardebounen“ und „Bouneschlupp“; mindestens genauso hoch allerdings hält man die Luxemburger Flagge – ob nun mit oder ohne „Roude Léiw“.

Dass sich das im Laufe der Jahrhunderte stets mit Existenz- und Überlebensängsten konfrontierte Großherzogtum bis heute diese und unzählige weitere Eigenarten bewahren konnte und sein trotziger Wahlspruch „Mer wëlle bleiwe wat mir sinn“ bis heute Geltung beanspruchen kann, ist nach der felsenfesten Überzeugung so ziemlich sämtlicher Einheimischer vor allem Großherzogin Charlotte zu verdanken.Der in der Landesgeschichte weniger versierte Nicht-Luxemburger, der sich bislang vielleicht fragte, was an der Monarchin, die beinahe wie eine Nationalheilige verehrt wird, so besonders war, versteht wohl erst nach dem Anschauen von „Léif Lëtzebuerger …“, warum Charlotte für Luxemburg auch heute noch weit mehr ist als eine Statue auf dem „Knuedler“.

In 95 Minuten gelingt es Regisseur Ray Tostevin, ein einfühlsames Porträt der Großherzogin zu zeichnen und zugleich anschaulichen, aber in keinem Moment langweiligen Geschichtsunterricht zu erteilen. Der Film konzentriert sich auf die Jahre 1939 bis 1945. Er beginnt mit den fröhlichen Feiern zum 100. Jubiläum der luxemburgischen Unabhängigkeit, beschreibt die leidvollen Jahre der deutschen Besatzung und des durch diese bedingten großherzoglichen Exils – übrigens nicht ohne die bisweilen kontrovers diskutierte Frage nach dessen Rechtfertigung aufzuwerfen – und endet mit der triumphalen Rückkehr Charlottes bei Kriegsende. Aus seltenen Filmausschnitten, dezent nachgestellten Szenen und zahllosen historischen Aufnahmen komponiert Tostevin ein facettenreiches Bild der Großherzogin, der beim unermüdlichen Einsatz für ihr Land mangels eigener Armee lediglich Charme und Propaganda als Waffen zur Verfügung standen.

„Dear Lottie“ kämpfte für ihr Land

Dieses Arsenal wusste sie allerdings effizient einzusetzen. Mal über den herzlichen Kontakt zu US-Präsident Roosevelt, der sie „Dear Lottie“ nannte und dem sie das Versprechen abrang, ihr Land von den „Hunnen“ zu befreien; mal auf medienwirksamen Fotos mit Hollywood-Stars. Dieses Engagement führte schließlich dazu, dass Luxemburg buchstäblich zum ersten Mal überhaupt auf internationalen Landkarten auftauchte und über das Kriegsgeschehen im sonst so häufig vergessenen Ländchen berichtet wurde. Charlottes größtes Verdienst besteht nach einhelliger Meinung ihrer im Film befragten Landsleute allerdings darin, dass sie ihrem Verhaftungen, Folter, Deportation und Zwangsrekrutierung ausgesetzten Volk während der Kriegsjahre regelmäßig Mut zusprach.Dies tat sie in aus dem britischen und amerikanischen Exil übertragenen Radio-Ansprachen, die stets mit der Anrede „Léif Lëtzebuerger“ begannen. Für alle Befragten steht heute fest, dass es maßgeblich die Worte der Monarchin waren, die die Daheimgebliebenen dabei unterstützten, durchzuhalten und den Nazi-Parolen ihren berühmten Leitspruch entgegenzusetzen.Bei so viel hymnischer Verehrung für die Monarchin schippert der Film bisweilen hart an der Grenze zu ein wenig arg viel Pathos und Patriotismus. Und schließlich war es, wie im Film zart angedeutet, sicherlich nicht allein Charlottes Einsatz zu verdanken, dass die USA 1941 in den Krieg eintraten.

Die zerschmetterte Hitler-Büste

Nichtsdestotrotz reißt die Begeisterung der Zeitzeugen irgendwann auch den skeptischsten Zuschauer mit. Dazu trägt maßgeblich die ehemalige Hofdame Mady Scheid-Speicher bei, die sich neben der berühmten Landesmutter als der kleine große Star des Dokumentarstreifens erweist. Wenn die über 90-Jährige, die zwei Wochen vor der Premiere verstarb, mit schelmischem Zwinkern erzählt, wie sie einen Empfang für Gauleiter Gustav Simon ganz dezent in den luxemburgischen Nationalfarben dekorierte, wenn sie voller Begeisterung schildert, wie sie, als es dann endlich (fast) vorbei war, eine Hitler-Büste vom Palastbalkon schmiss, dann ist das – und da muss die Rezensentin jetzt selbst pathetisch werden – schlicht und einfach ergreifend.Gegen Ende von „Léif Lëtzebuerger …“ treten Frau Scheid-Speicher bei der Erinnerung an die Rückkehr der Großherzogin auch mehr als sechzig Jahre danach noch Freudentränen in die Augen, und diese Bilder wechseln sich mit Originalaufnahmen der begeisterten befreiten Bevölkerung ab. Spätestens jetzt zückt auch der Nicht-Luxemburger im Kino sein Taschentuch. Er schnieft, verdrückt selbst das eine oder andere Tränchen und fragt sich – vor allem, wenn er ein „Preis“ ist –, ob er damals nicht auch lieber so eine Großherzogin gehabt hätte.

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